Das Kastell Szentendre, in der Antike zunächst als Ulcisia Castra (Wolfslager) gegründet und später in Castra Constantia umbenannt, war ein römisches Militärlager, das zur Kontrolle eines Donau­abschnitts des pannonischen Limes errichtet wurde. Der Strom bildete dort in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die teilweise ergrabenen und zu besichtigenden Reste der einst von Hilfstruppen (Auxilia) belegten Garnison befinden sich unter dem Zentrum der Stadt Szentendre (deutsch St. Andrä) im ungarischen Komitat Pest, oberhalb des westlichen Ufers am Donau-Westarm. Szentendre wurde neben den spätantiken Umbaubefunden am Kastell und den Gräberfeldern auch durch seine mittelkaiserzeitlichen Steindenkmäler und die Villa Rustica im ethnographischen Freilichtmuseum bekannt.

Lage mini|300px|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge mini|Pannonien mit dem vorgelagerten Wallsystem

Südwestlich von Szentendre, bei der heutigen Ortschaft Pomáz, befand sich bereits in der Kupferzeit ein riesiges Gräberfeld.István Erdélyi: Das Awarische Gräberfeld in Dundaklász-Dunapart (Donauufer). In: Mitteilungen des Archäologischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften 7.1977. Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Budapest 1978, S. 45. Das Kastell wurde am Ostrand eines Ausläufers des Pilisgebirges auf einer Anhöhe des zur Donau hin abfallenden Geländes nahe am nördlich vorbeifließenden Bükkös-Bach errichtet. Unterhalb der Anlage verlief, fast genau in Nord-Süd-Ausrichtung, die bedeutende, dem Donaulauf folgende Heer- und Limesstraße zur zeitweiligen Provinzhauptstadt Aquincum und dem südlich davon gelegenen, gleichnamigen Legionslager. An dieser Straße lag eine dichte Grenzpostenkette mit der vom Kastell aus Sicht- und Signalverbindung bestand.

Die Prätorialfront, die dem Feind zugewandte Seite der Fortifikation, war in östliche Richtung, zum Donau-Westarm und zur anschließenden großen Insel Szentendrei (Sankt-Andrä-Insel) hin ausgerichtet. Die Besatzung von Szentendre hatte über diese schmal-längliche Insel hinweg direkte Sichtverbindung zu dem am Ostufer der Insel gelegenen Brückenkopf Horány. Von diesem Punkt aus konnten römische Truppen über den Hauptarm der Donau hinweg direkt ins Barbaricum übersetzen. Diese Garnison befand sich während der Phase des spätantiken, unter Konstantin dem Großen (306–337) oder Konstantin II. (337–340) errichteten Limes SarmatiaeSándor Soproni: Limes Sarmatiae. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 2/1969. Szeged, 1969, S. 117–133.Zsolt Mráv: Castellum contra Tautantum. Zur Identifizierung einer spätrömischen Festung. In: Ádám Szabó, Endre Tóth: Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam Sándor Soproni (1926–1995). Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 2003, (Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II), ISBN 963-9046-83-3, S. 331. in einer militärischen Pufferzone, die Pannonien wohl bis 378 n. Chr. schützen konnte.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 25.

Der wohl nie fertiggestellte Limes Sarmatiae bestand aus einem vom Donauknie nach Osten in die ungarische Tiefebene reichenden Erdwallsystem, das dort nach Süden abknickte und direkt auf die an der Donau gelegene mösische Grenzstadt Viminatium zulief. Neben dem in der Pufferzone lebenden, mit Rom verbündeten sarmatischen Stamm der Jazygen sollten offensichtlich auch einige römische Militärstationen die Wallanlagen sichern. Bekannt ist dazu der von Sándor Soproni (1926–1995) ergrabene und in seiner Funktion vieldiskutierte Burgus Hatvan-Gombospuszta.

Forschungsgeschichte mini|Das zerfurchte Gelände im südlichen Kastellareal (Zustand 2012) mini|Das nördliche Gelände des römischen Kastells. Ergrabene Mauerstümpfe sind mit Plastikplanen provisorisch abgedeckt (Zustand 2012). Der antike Name der Anlage, Ulcisia Castra, blieb durch ein erhalten gebliebenes römisches Straßen- und Ortsverzeichnis, das Itinerarium Antonini bewahrt. Den spätantiken Namen des Platzes überlieferte eine Inschrift sowie das spätantike Staatshandbuch Notitia Dignitatum.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó. Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 68. Das Kastell hat sich in groben Umrissen bis heute im Weichbild der Stadt erhalten. In einem Bericht von 1736 erwähnte der englische Reisende Richard Pococke (1704–1765) erstmals die antike Stätte. Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen am Kastell wurden von Flóris Rómer (1815–1889), dem Begründer der wissenschaftlichen Archäologie in Ungarn, vorgenommen. Die nächsten Untersuchungen fanden erst wieder zwischen den beiden Weltkriegen unter Lajos Nagy (1897–1946) statt, der die groben Umrisse des Kastells feststellen konnte. Die von Lajos Nagy begonnenen Arbeiten wurden während des Zweiten Weltkriegs, 1939, 1940 und 1942 von Tibor Nagy (1910–1995) fortgesetzt, der den Kastellplan weiter klären und vervollständigen konnte. 1959 fand eine Grabung an der südöstlichen Prätorialfront unter der Leitung von Soproni statt und 1968 erforschte Márta Kelemen, die damals am Károly-Ferenczy-Museums in Szentendre arbeitete, das Grabensystem an der Westmauer.Dorottya Gáspár: Christianity in Roman Pannonia. Archaeopress, Oxford 2002, ISBN 1-84171-288-4, S. 112. Als Direktor des Károly-Ferenczy-Museums hatte Soproni bereits von 1951 bis 1961 Grabungen und Untersuchungen in und um Szentendre durchgeführt.

Die ersten Grabungen im Vicus führte Tibor Nagy durch. In den 1970er Jahren wurde dort sowie im Gräberfeld unter Sarolta Tettamanti geforscht. Mit den Arbeiten im Gräberfeld hatte bereits Flóris Rómer begonnen. 1923 und 1924 fand eine Freilegung spätrömischer Bestattungen weiter südlich der Fortifikation statt. Neue Erkundungen führte Lajos Nagy in einer großen Grabungskampagne von 1928 durch. In den 1970er Jahren haben in einem weiteren spätrömischen Gräberfeld nahe der südlichen und westlichen Kastellmauer Untersuchungen durch Judit Topál (* 1943) und Éva Maróti stattgefunden. 1993 war das Gelände östlich des Steinkastells Ziel von Grabungen und 1996/97 wurde unter der Leitung von Maróti die Porta decumana, die dort herausführende Straße und die Nordwestecke der Garnison untersucht.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 56. Die Archäologin war auch 2001 vor Ort im Gelände.Zsolt Visy: Definition, Description and Mapping of Limes Samples. CE Project „Danube Limes – UNESCO World Heritage“ 1CE079P4. Budapest 2010. S. 40. Weitere Grabungen erfolgten 2004 bis 2006 an der westlichen und südlichen Umwehrung.

Zu besichtigen ist heute das Freilicht-Lapidarium des Ferenczi Kàroly Mùzeums mit Sarkophagen, Grabsteinen, Meilensteinen und diversen Inschriften, das direkt nördlich der Dunakanyar körút auf Höhe der gegenüberliegenden Querstraße Dr.Nagy Lajos ut liegt. Im Herbst 2003 erfolgte eine Reinigung der dort ausgestellten Steine. Neben den Steindenkmälern erinnern auch zwei Straßennamen an die römischen Ursprünge der Stadt, so die Római sánc utca (Römerwallstraße), die an der ehemaligen Südwestecke des Kastells beginnt und nach Nordwesten verläuft, und die weiter südlich des Kastells verlaufende Római temető utca (Römergräberstraße) im Bereich der spätantiken Grablegen.

Baugeschichte mini|Lageplan und Grabungsbefunde des Kastells bis 2005 Mittlere Kaiserzeit Holz-Erde-Kastell Erste Spuren zu einem schon lange vermuteten Vorgängerlager in Holz-Erde-Bauweise konnten bei Grabungen 1993 im Osten des Steinkastells festgestellt werden. Daraus ergab sich, dass eine entsprechende Anlage während der domitianisch-trajanischen Epoche (81–117) errichtet worden sein könnte.

Steinkastell mini|Ziegelstempel der Legio II Adiutrix aus Ulcisia Castra

Umwehrung Das wahrscheinlich erst nachhadrianische, in Steinbauweise errichtete Kastell wurde von der Cohors I Thracum (die erste Kohorte der Thraker) sowie einer Bauabteilung der in Aquincum stationierten Legio II Adiutrix (2. Legion „die Helferin“) in spättrajanischer Zeit vollendet. Die trapezoide, 134 × 205 Meter große und heute teilüberbaute Anlage konnte an mehreren Punkten gezielt untersucht werden. So sind neben einigen Türmen und Resten der Umwehrung drei der ursprünglich vier Kastelltore bekannt. Die Stärke der Lagermauern schwankte. Sie betrug an der Nordwestmauer zwischen 1,50 und 1,25 Meter, maß an der südöstlichen Schmalseite 1,14 Meter und an der südwestlichen Längsseite 1,60 Meter. Ein an der Nordostfront freigelegter spätantiker U-förmiger Turm hatte einen Mauerdurchmesser von 1,15 bis 1,30 Metern.

Die rückwärtige Porta decumana im Nordwesten, das an der Prätorialfront liegende Haupttor, die Porta praetoria im Südosten sowie die südwestliche Porta principalis dextra sind bekannt. Alle drei Tore besaßen nur einspurige Durchfahrten und wurden von je zwei, leicht nach außen über den Mauerverband hervorspringenden Tortürmen flankiert. Die vier Ecken der Wehrmauer waren ursprünglich abgerundet (Spielkartenform), was nach den spätantiken Umbauten durch eine Überformung mit neuen Turmbauten nicht mehr so deutlich sichtbar war. Als Annäherungshindernis konnte vor den Kastellmauern jeweils ein Doppelspitzgraben im Nordwesten und Südosten festgestellt werden, dessen innerer Grabenring nur fast halb so breit war wie der äußere.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 77–78. Speziell auch Abb. S. 77. Ob dieses Grabensystem auch noch nach den spätantiken Umbauten in gleicher Form weiterbestand, ist fraglich. Es wird jedoch vermutet, dass mit dem Umbau im 4. Jahrhundert auch ein neuer Wehrgraben, etwas weiter vorverlegt, entstand.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 78. Während der 1959 durchgeführten Untersuchungen im südöstlichen Grabenbereich fand Soproni nahebei die Reste von Fresken.

mini|Bau- oder Ehreninschrift für Kaiser Septimius Severus und Caracalla von 195 n. Chr. Während der ersten bekannten Bauphase erhielt Ulcisia Castra je einen Wehrturm in jeder der vier Lagerecken. Der am besten bekannte nördliche Eckturm ist trapezförmig, 3,38 Meter breit und 3,20 Meter lang. Seine Mauerstärke beträgt 0,76–0,85 Meter. Zwischen den Toren und diesen Lagerecken standen rechteckige Zwischentürme, die im Inneren an die Umwehrung angebaut waren und rund 0,50 Meter über die Mauerflucht hervorsprangen. Insgesamt werden an den beiden Schmalseiten vier und an den beiden Längsseiten acht Zwischentürme angenommen. 1996 konnte festgestellt werden, dass der untersuchte Eckturm nach den verheerenden Markomannenkriegen (166–180) einen neuen Estrich erhalten hatte. Die am Burgus Leányfalu sekundär vermauerte, als Tabula ansata ausgeführte Ehreninschrift von 195 n. Chr.,. die mit Sicherheit aus Szentendre stammt,Die römischen Inschriften Ungarns (RIU) 3, 840. könnte ein Hinweis auf diese Bau- oder Restaurierungsmaßnahmen sein. Sie zeigte noch Reste der roten Bemalung in den eingemeißelten Buchstaben. Der damals entstandene Estrich bestand bis in das späte 3. Jahrhundert. Wie Mároti bei ihren Nachgrabungen an der Nordwestecke ebenfalls feststellen konnte, sind die alten Vermaßungen nicht korrekt vorgenommen worden, da diese Ecke zehn Meter weiter westlich lag, als dies bisher dargestellt worden war.

Innenbebauung