Dieser Artikel beschreibt die Grammatik der polnischen Sprache unter Einbeziehung einiger sprachgeschichtlicher Anmerkungen und dialektaler Besonderheiten.
Das Polnische als westslawische Sprache hat in der Deklination 7 Kasus (Fälle) und 3 Genera (Geschlechter) bewahrt; der Dual (die Zweizahl) ist längst nicht mehr existent. In der Beugung von Verben ist als ursprüngliche Form nur die Gegenwartsform erhalten; Vergangenheit, Zukunft und Möglichkeitsform werden mit Hilfsverben gebildet.
Als einzige slawische Sprache hat das Polnische zwei Nasalvokale (ą und ę) bewahrt, die jedoch nicht mehr in der ursprünglichen Verteilung vorkommen. Andererseits kennt das Polnische keine langen Vokale mehr, oder besser gesagt: Kürze oder Länge von Vokalen sind lexikalisch ohne Bedeutung. Einige Buchstaben werden in den verschiedenen polnischen Dialekten unterschiedlich ausgesprochen (siehe hierzu: Etymologie und dialektale Varianten).
Im Folgenden werden Beugungsmuster anhand von Tabellen dargestellt; in eckigen Klammern stehen Ausspracheangaben mithilfe des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA), und kursiv gedruckt sind einzelne Buchstaben oder Bestandteile von Wörtern des Polnischen.
Lautlehre Die Ausspracheangaben gemäß der IPA werden in diesem Abschnitt ergänzt durch eine Art von Lautschrift, welche versucht, die polnischen Laute nach der Leseweise des Hochdeutschen zu umschreiben, auch wenn dies nur annäherungsweise möglich ist. Die folgende Tabelle zeigt das polnische Alphabet, sowie eine Entsprechung zwischen häufigen Buchstabengruppen und der entsprechenden Aussprache; Einzelheiten werden im Rest des Kapitels erläutert.
Alphabet, Schreibung und Aussprache des Polnischen Buchstabe(n) Bezeichnung Aussprache Variantenaa[a]ąą[ɔ̃]s. Abschnitt „Varianten der Nasalvokale“bbibe [b][bʲ]wie p1[bʲi]3cci (!)ćchcz (!)ceci [t͡s][t̠͡ɕ][t̠͡ɕ][x][ʈ͡ʂ]wie dz2[t̠͡ɕi]3wie dź2[ɣ]2wie dż2ddidzdzi (!)dźde [d][dʲ][d͡z][d̠͡ʑ][d̠͡ʑ]wie t1[dʲi]3wie c1[d̠͡ʑi]3wie ć1ee[ɛ][e] nach/zwischen Palatalenęę[ɛ̃]s. Abschnitt „Varianten der Nasalvokale“ffief [f][fʲ]wie w2[fʲi]3ggigie [g][gʲ]wie k1[gʲi]3h (!)hawie ch[ɣ]2, ([ɦ]5)ii[i][ʲ] vor Vokal, [ʲi]4jjot[j][ʲj] nach Konsonantkkika [k][kʲ]wie g2[kʲi]3lłeleł[l][w]([lʲ]5)[u] oder gar nicht4, ([ł]5)mmiem [m][mʲ][mʲi]3nnińeneń[n][ɲ][ɲ] [ɲi]3 oo[o][ɔ]óo kreskowane / o z kreską „o mit Strich“ / u zamknięte „geschlossenes u“[u]ppipe [p][pʲ]wie b2[pʲi]3rrz (!)er [r] (gerollt)wie żauch stimmlos: [r̥]1wie sz1, [rz] (selten), ([r̝] / [r̝̊] 5)ssiśsz (!)eseś [s][ɕ][ɕ][ʂ]wie z2[ɕi]3wie ź2wie ż2ttite [t][tʲ] bzw. [tʲi]3wie d2uu / u otwarte „offenes u“[u][u̯]wwu[v][f]1yigrek[ɨ]zzi (!)źzetziet[z][ʑ][ʑ]wie s1[ʑi]3wie ś1żżet[ʐ]wie sz11 In stimmlosen Konsonantengruppen oder im Auslaut in der Pausa2 In stimmhaften Konsonantengruppen3 Am Wortende4 Am Wortende nach Konsonant5 Ältere Aussprache oder Dialektvariante
Vokale Vordere Vokale Zentrale Vokale Hintere Vokale Geschlossene Vokale 300px|klasse=skin-inverti ɨ u ɛ • ɛ̃ ɔ • ɔ̃ a e1 1 Allophon von ɛ in palatalisierter Umgebung fast geschlossen halbgeschlossen mittel halboffen fast offen offen
Vokalinventar Das Polnische kennt die Vokale a, e, i, y, o, u (= ó), ą, ę (das sind: /a, ɛ, i, ɨ, ɔ, u, ɔ̃, ɛ̃/). Zu e existiert neben /ɛ/ auch die geschlossene Aussprache-Variante [e] zwischen palatalisierten Vokalen: dzień [d͡ʑeɲ] (etwa wie 'dschjeejn') „Tag“, Pniewy (etwa wie 'pnjeewe') [ˈpɲevɨ] „die Stadt Pinne“. Die Buchstaben u und ó haben stets dieselbe Aussprache: samochód (etwa wie 'samochut') [sa'mɔxut] „Auto“.
Vokaldauer: Das Phonemsystem des Polnischen unterscheidet keine Vokallängen. Unbetonte Vokale sind kurz, betonte werden manchmal gedehnt gesprochen: czasami (etwa wie 'tschaßaami') [ʈ͡ʂa'saˑmi] „manchmal“.
Gespanntheit (Öffnungsgrad): Die Vokale i und u sind geschlossen ([i] / [u]): musi [muɕi] „muss“. e und o sind meist offen ([ɛ] / [ɔ]): może [mɔʐɛ] „vielleicht“. y ist ein ungespanntes [ɨ], etwa wie i im deutschen „bin“;am Wortende ähnelt es dem Schwa: ryby (etwa wie 'ribbe') [rɨbɨ] „Fische“.
Varianten der Nasalvokale: Die Nasalvokale ą und ę können auf viele verschiedene Arten realisiert werden:
UmgebungAusspracheBeispielvor allem in der Pausa[ɔɰ̃] / [ɛɰ̃]są (etwa wie nasales 'ßou') [sɔɰ̃] „sind“ąbębąpęp[ɔmb][ɛmb][ɔmp][ɛmp]trąbić (etwa wie 'trombitch') [trɔmbit̠͡ɕ] „hupen“gołębie (etwa wie 'gouämbjä') [gɔu̯ɛmbʲɛ] „Tauben“kąpać (etwa wie 'kompatch') [kɔmpat̠͡ɕ] „baden“następny (etwa wie 'nass-tämpne') [nas'tɛmpnɨ] „nächster“ąd1ęd1ąt1ęt1 [ɔnd][ɛnd][ɔnt][ɛnt]oglądać (etwa wie 'o-glondatch') [ɔ'glɔndat̠͡ɕ] „abschauen“prędki (etwa wie 'präntki') [prɛntkʲi]3 „rasch“łączę (etwa wie 'uontschä') [wɔnt̠͡ɕɛ] „ich verbinde“ągęgąkęk[ɔŋg][ɛŋg][ɔŋk][ɛŋk]pociąg (etwa wie 'po-tchonk') [pɔt̠͡ɕɔŋk]3 „Zug“ręka (etwa wie 'ränka') ['rɛŋka] „Hand/Arm“ądź2ędź2ąć2ęć2[ɔɲd̠͡ʑ][ɛɲd̠͡ʑ][ɔɲt̠͡ɕ][ɛɲt̠͡ɕ]pięć (etwa wie 'pjäntch') [pʲɛɲt̠͡ɕ] „fünf“łabędzie (etwa wie 'ua-bändchä') [wa'bɛɲd̠͡ʑɛ] „Schwäne“zdjęcie (etwa wie 'sdjän-tchä') ['zdjɛɲt̠͡ɕɛ] „Foto“ 1 Die Aussprache [ɔn] / [ɛn] gilt auch für die Affrikata ąc(z) und ęc(z)2 Gilt auch für die die Schreibweise ądzi / ędzi bzw. ąci / ęci3Angleichung an den Folgekonsonanten bzw. Auslautverhärtung.
Besonders am Wortende haben ą und ę die Tendenz, entnasaliert zu werden; ę kann dann zu 'a' tendieren.
Betonung Im Allgemeinen wird die vorletzte Silbe betont (und eventuell ihr Vokal etwas gedehnt), unabhängig davon, ob sie zum Wortstamm oder einer Endung gehört: lekarz (etwa wie 'lä-kasch') [lɛkaʂ] „Arzt“ lekarzem (instr.) (etwa wie 'lä-kaaschäm') [lɛ'kaˑʐɛm] „Arzt“ lekarzami (instr.) (etwa wie 'läka-schaami') [lɛkaʐ'aˑmi] „Ärzte“. Werden die Endungen des Verbs być „sein“ an ein Wort angehängt, hat dies keinen Einfluss auf dessen Betonung, sodass im Präteritum und Konditional bei einem Verb ggf. die drittletzte Silbe betont wird: pisaliśmy „wir schrieben“ usw.
Diphthonge (Doppellaute) Zwei nebeneinanderstehende Vokale gehören eigentlich zu zwei verschiedenen Silben, sodass im polnischen Phoneminventar keine Diphthonge erscheinen: nauczyciel /na.u.ʈ͡ʂɨ.t̠͡ɕɛl/ „Lehrer“ idee /i'dɛ.ɛ/ „Ideen“ Ausnahmen sind die Kombinationen ia, ie, io, iu, das ist: Palatalisierter Konsonant + [a, ɛ, ɔ, u]. Die Deklinationsendung ii wird wie einsilbiges langes [i:] gesprochen: teorii (etwa wie 'tä-orri') [tɛ'ɔri:] „der Theorie“.
Allerdings werden durchaus Diphthonge gesprochen: Die Kombinationen au und eu in Fremdwörtern werden meist einsilbig gesprochen: aula [awla] „Aula“. Europa [ɛwˈrɔpa] Durch Kombination mit j und ł entstehen die einsilbigen Verbindungen aj, ej, ij, yj, oj, ój/uj; ał, eł, ił, ył, oł, ół/uł, ął:
i-Diphthongeu-Diphthongea-Anlautbodaj (etwa wie 'boddai') [bɔdai̯] „eventuell“miał (etwa wie 'mjau') [mjaw] „er hatte“e-Anlautsejf (etwa wie 'ßäif') [sɛi̯f] „Safe“kieł (etwa wie 'kjäo') [kʲɛw] „Zahn“i-Anlautkij (etwa wie 'kij') [kʲii̯] „Stock“ił (etwa wie 'i-u') [iw] „Schlamm“y-Anlautczyj (etwa wie 'tschij') [ʈ͡ʂɨi̯] „wessen“tył (etwa wie 'tüu') [tɨw] „Gesäß“o-Anlautwojna (etwa wie 'woina') [vɔi̯na] „Krieg“chochoł (etwa wie 'cho-chou') [xɔxɔw] „Gipfel“minął (etwa wie 'minou') [mʲinɔw] „ist abgelaufen“u-Anlautmój (etwa wie 'mui') [mui̯] „mein“niechluj (etwa wie 'njäch-lui') [ɲɛxlui̯] „Schmierfink“stół (etwa wie 'ßtuu') [stuw] „Tisch“muł (etwa wie 'muu') [muw] „Maultier“
Konsonanten Die folgende Tabelle zeigt die Konsonanten des Polnischen samt Varianten und nur in einigen Dialekten vorkommenden Lauten:
Artikulationsort Labial Koronal Dorsal - Artikulationsart ↓ Bilabial Labiodental Dental Alveolar Retroflex Alveolo-palatal Palatal Velar Glottal Nasale m n ɲ ŋ Okklusive p bt d (c ɟ) k g Frikative f v s z ʂ ʐ ɕ ʑ (ç) x ʁ1 (ɦ) Affrikata t͡s d͡z ʈ͡ʂ ɖ͡ʐ t̠͡ɕ d̠͡ʑ Approximanten j w Trills r̥1 r Lateraler Frikativ (ɬ) Laterale Approximante l (ʎ) 1Allophone in KonsonantenclusternEingeklammerte Laute sind dialektale Varianten!
Diese Konsonanten werden in 3 Gruppen eingeteilt, was bei der Deklination von Bedeutung ist. Sie sind nach Stimmhaft- bzw. Stimmlos-Paaren sortiert: Historisch weich/erweicht: rz/ż/sz; dż/cz; dz/c Weich: ń; ź/ś; dź/ć; ść; (l + j) Die restlichen sind hart: b/p, d/t, g/k; w/f, z/s; m, n; ł, r; ch; zd/st
Aussprache der Konsonanten Die Konsonanten b, d, f, g, j, k, l, m, p, t, w werden wie im Deutschen gesprochen, Plosive aber unbehaucht.Sie können alle palatalisiert werden. q, v, x kommen allenfalls in Fremdwörtern oder Eigennamen vor. n wird auch vor g und k als [n] gesprochen; der Laut [ŋ] kommt trotzdem vor, nämlich bei der Rückgängigmachung der Nasalisierung vor g und k. Vgl. hierzu: sarenka (etwa wie 'ßaränn-ka') [sa'rɛnka] „Reh“ und ręka (etwa wie 'ränka') ['rɛŋka] „Hand“ oder „Arm“. Anders als im Deutschen gesprochen werden: h (und ebenso ch) wird stets wie der deutsche ach-Laut gesprochen ([x]): herbata [xɛr'baˑta] „Tee“. r ist immer gerolltes Zungenspitzen-R ([r]). y bezeichnet immer einen Vokal! Im Deutschen kommen folgende Buchstaben nicht vor: ł ist ein u-artiger Gleitlaut, so wie das 'w' im Englischen (z. B. watch): Łódź (etwa wie 'uutch') [wut͡ɕ] „(die Stadt) Lodz“.ł kann auch als Vollvokal [u] im Silbenkern auftreten: szedł (etwa wie 'schäddu') ['ʃɛdu] „[er] ging“.In der Schreibschrift wird der Querstrich über das l geschrieben. ń ist das palatale 'n' (d. i. [ɲ]) vor Konsonant oder am Wortende: słońce (etwa wie 'swoin-tsä') [swɔjɲt͡sɛ] „Sonne“. ś, ź und ć sind an den Zähnen gebildete Zischlaute; ź wird in der Schreibschrift ohne Mittelstrich geschrieben.ś ist ähnlich dem deutschen ich-Laut (genau genommen: [ɕ]), ź ist die entsprechende stimmhafte Variante (genau genommen: [ʑ]), und ć wird etwa so ausgesprochen wie 'tch' in 'Hütchen' (genau genommen: [t̠͡ɕ]). ż ist die stimmhafte Entsprechung zum deutschen 'sch', ähnlich dem 'j' in 'Journalist': może (etwa wie 'moschä') [mɔʐɛ] „vielleicht“. Es ist nicht zu verwechseln mit ź.In der Schreibschrift wird ein 'z' mit Mittelstrich (ohne Punkt!) geschrieben. Besondere Regeln gelten für s, z, c: s wird meist wie 'ß' (stimmloses s) gesprochen (d. i. [s]), vor i jedoch wie ś: sedno (etwa wie 'ßädno') „Kern, Wesen“ <> siedem (etwa wie 'chäddäm') [ɕɛdɛm] „sieben“. z ist stets die stimmhafte Variante von s: Es wird meist wie stimmhaftes 's' in 'Sonne' gesprochen (d. i. [z]), vor i wird es jedoch wie ź gesprochen: baza (etwa wie 'baasa') [baza] „Basis“ <> bazia [baʑa] „Weidenkätzchen“.z wird in der Schreibschrift ohne Mittelstrich geschrieben. c wird meist wie deutsches 'z' gesprochen (d. i. [t͡s]), vor i jedoch etwa wie ć: co [t͡sɔ] „was“ <> ci [t̠͡ɕi] „dir“.
Besondere Kombinationen: ni, si, zi, ci + nachfolgender Vokal sind Schreibvarianten von ń, ś, ź, ć [ɲ, ɕ, ʑ, t̠͡ɕ]. rz ist (historisch bedingte) Schreibvariante zu ż [ʐ]: morze (etwa wie 'moschä') [mɔʒɛ] „Meer“.Ausnahmen sind einige wenige Wortstämme (wie zamarza- (etwa wie 'samarsa') [zamarza-] / marzną- (etwa wie 'marsnong') [marznɔ̃-] „frieren“, Tarzan), in denen es [rz] gesprochen wird. sz, cz sind Zischlaute entsprechend deutschem 'sch' und 'tsch' [ʂ, ʈ͡ʂ]: moszcz (etwa wie 'moschtsch') [mɔʂʈ͡ʂ] „Most“.
Konsonanten-Cluster Steht der gleiche Konsonant (was die Aussprache betrifft!) zweimal nebeneinander, gehört jeweils ein Teil des Paares zu einer anderen Silbe; die Trennung kann durch ein zwischengeschobenes Schwa erleichtert werden: uczennica [uʈ͡ʂɛn.nit͡sa] „Schülerin“, Tczew (etwa wie 't’tschäff') [t.ʈ͡ʂɛf] „Dirschau“; selten ist dies in Fremdwörtern anzutreffen: lasso „Lasso“. Bei einer Gruppe von mehreren Plosiven und Frikativen (die sich auch über Wortgrenzen hinweg erstrecken kann) ist jeder dieser Laute entweder stimmlos oder stimmhaft, unabhängig vom Schriftbild. Die Entscheidung für stimmhaft bzw. stimmlos geht vom Gruppenende aus, ist also regressiv. Ausnahme: v oder ʐ folgen auf stimmlose Konsonanten, dann progressiv: