Der Kreis Sensburg war ein preußischer Landkreis in Ostpreußen, der von 1818 bis 1945 bestand.
Geographische Lage Das Kreisgebiet lag im Bereich der Sensburger Seenplatte in Masuren.
Geschichte Lange Zeit war die „Große Wildnis“ am Rande des Ordensstaates nur dünn besiedelt. Die Verwaltung des Ordensstaates gründete sich auf Komtureien, die in Kammerämter unterteilt waren. Eines davon entstand Mitte des 14. Jahrhunderts in Seehesten (Szestno), wo der Amtshauptmann residierte. 1723 wurden die „Kriegs- und Domänenkammern“ in Ostpreußen im Zuge einer Verwaltungsreform eingerichtet, darunter auch die Kammer in Gumbinnen, zu der der Kreis Seehesten gehörte. An die Stelle der Amtshauptleute traten ernannte Landräte.
Die Neuordnung der Eigentumsverhältnisse auf dem Lande (Separation), die in den 1830er Jahren beendet war, führte zur Entstehung großer Güter und selbständiger Dörfer. Im 19. Jahrhundert erlebte das Kreisgebiet dank Bautätigkeit, Melioration und Wegebau eine Zunahme der Bevölkerung. In der Stadt und im Kreis gab es damals 13 Windmühlen, 14 Wassermühlen, 19 Schnapsbrennereien, sechs Brauereien, zahlreiche Ziegeleien, Teeröfen und ähnliches.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Sensburg durch Straßen mit Rhein (heute Ryn), Rastenburg (heute Kętrzyn) und Bischofsburg (heute Biskupiec) verbunden. Im Mai 1897 wurde die heute nicht mehr bestehende Schmalspurbahn Rastenburg–Sensburg eingeweiht. Weitere Bahnlinien nach Rothfließ (Czerwonka), Bischofsburg (Biskupiec), Sensburg (Mrągowo) und Arys (Orzysz) wurden später eröffnet.
Das Kreisgebiet wurde im Ersten Weltkrieg von russischen Truppen besetzt, die am 22. August 1914 bei Lucknainen in den Kreis Sensburg eindrangen. 1915 wurde das Kreisgebiet von deutschen Truppen in der Winterschlacht bei Gurkeln, Schmidtsdorf (Töpferberg), Erlenau, Julienhöfen und Lucknainen zurückgewonnen und am 20. Mai 1915 übernahm der westfälische Regierungsbezirk Arnsberg die Kriegshilfe für den Wiederaufbau im Kreis Sensburg. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stimmte die Bevölkerung in den Volksabstimmungen in Ost- und Westpreußen am 11. Juli 1920 über einen Verbleib des Kreises bei Ostpreußen oder den Anschluss an Polen ab. Im Kreis Sensburg entfielen 34.334 Stimmen auf den Verbleib in Ostpreußen und 25 auf den Anschluss an Polen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kreisgebiet zwischen dem 25. Januar und 30. Januar 1945 von sowjetischen Truppen eingenommen. Die Evakuierung des Kreises gelang nicht, denn 1946 lebten (nach polnischen Quellen) noch 18.607 deutsche Einwohner im Kreis Sensburg.
Verwaltungsgeschichte mini|Der Kreis Seehesten von 1752 bis 1818 Königreich Preußen Der größte Teil des Gebiets des Kreises Sensburg gehörte seit der ostpreußischen Kreisreform von 1752 zum damaligen Kreis Seehesten, der die alten ostpreußischen Hauptämter Angerburg, Lötzen, Rhein und Seehesten sowie das Erbamt Neuhoff umfasste.Max Toeppen: Historisch-comparative Geographie von Preussen. Justus Perthes, Gotha 1858, S. 320. (Online) Der Kreis Seehesten hatte im Jahre 1800 eine Fläche von ca. 3200 km² und 69.860 Einwohner.
Im Rahmen der preußischen Verwaltungsreformen ergab sich mit der „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzialbehörden“ vom 30. April 1815 die Notwendigkeit einer umfassenden Kreisreform in ganz Ostpreußen, da sich die 1752 eingerichteten Kreise als unzweckmäßig und zu groß erwiesen hatten. Zum 1. September 1818 wurde im Regierungsbezirk Gumbinnen im Wesentlichen aus dem südwestlichen Teil des Kreises Seehesten der neue Kreis Sensburg gebildet. Dieser umfasste die Kirchspiele Aweyden, Bosemb, Eichmedien, Nikolayken, Ribben, Schimonken, Seehesten, Sensburg und Sorquitten. Das Landratsamt war in Sensburg. Erster Landrat war der pensionierte Hauptmann August von Lysniewski. mini|Der Kreis Sensburg in den Grenzen von 1818 bis 1945 Seit dem 3. Dezember 1829 gehörte der Kreis – nach dem Zusammenschluss der Provinzen Preußen (nicht: Ostpreußen) und Westpreußen – zur neuen Provinz Preußen mit dem Sitz in Königsberg i. Pr.
Norddeutscher Bund und Deutsches Reich Seit dem 1. Juli 1867 gehörte der Kreis zum Norddeutschen Bund und ab dem 1. Januar 1871 zum Deutschen Reich. Nach der Reichsgründung von 1871 wurde eine Verwaltungsreform durchgeführt. Nach einer Verordnung von 1872 sollte der Kreistag von allen wahlberechtigten Bewohnern des Kreises gewählt werden.
Am 21. Juli 1875 wurde die Landgemeinde Dietrichswalde aus dem Kreis Johannisburg in den Kreis Sensburg umgegliedert. Nach der Teilung der Provinz Preußen in die Provinzen Ostpreußen und Westpreußen wurde der Kreis Sensburg am 1. April 1878 Bestandteil Ostpreußens. Mit dem 1. November 1905 trat der Kreis Sensburg zum neugebildeten Regierungsbezirk Allenstein.
Zum 30. September 1928 fand im Kreis Sensburg wie im übrigen Freistaat Preußen eine Gebietsreform statt, bei der alle Gutsbezirke bis auf zwei aufgelöst und benachbarten Landgemeinden zugeteilt wurden.Amtsblatt der Regierung zu Allenstein 1928, Stück 38, S. 158 ff. Gleichzeitig wurden die Gutsbezirke Borken, Groß Salzig-See und Klein Hensel-See aus dem Kreis Sensburg in den Kreis Lötzen eingegliedert. Mit Einführung des preußischen Gemeindeverfassungsgesetzes vom 15. Dezember 1933 sowie der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 wurde zum 1. April 1935 das Führerprinzip auf Gemeindeebene durchgesetzt.
Im Frühjahr 1945 wurde das Kreisgebiet während der Ostpreußischen Operation durch die Rote Armee besetzt und nach Kriegsende im Sommer 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht gemäß dem Potsdamer Abkommen unter polnische Verwaltung gestellt. Soweit die deutsche Bevölkerung nicht geflohen war, wurde sie in der Folgezeit größtenteils von den polnischen Verwaltungsbehörden aus dem Kreisgebiet vertrieben.
Das Territorium des heutigen Powiat Mrągowski (Kreis Sensburg) entspricht ungefähr dem früheren Kreisgebiet.
Bevölkerung mini|400px|Gutshaus des Ritterguts Bosemb (1902),Eigentümer: Ferdinand Rogalla von Bieberstein (1857–1945)
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohner Quelle 1818 20.847 1846 38.585 1871 47.256 Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preußen und ihre Bevölkerung 1871, Berlin 1874. 1890 48.758 1900 48.403 1910 50.097 1925 51.770 1933 53.931 1939 52.746
Sprachen Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahm der Gebrauch der polnischen Sprache, bzw. des Masurischen im Zuge der fortschreitenden Germanisierung ab. War im Jahr 1831 nur eine Minderheit von 10 % der Bevölkerung des Kreises Sensburg deutschsprachig gewesen, war es 1910 bereits eine Mehrheit von 55 %.
Politik Landräte Kreis Seehesten 1752–1762Heinrich Ehrenreich von Vorhauer 1762–1767Friedrich Eduard von Proeck 1767–1772Carl Dietrich Stach von Goltzheim 1772–1792Eberhard Friedrich Wilhelm von Graevenitz 1792–1806Bogislav Carl von Schmeling 1806–1812George Christian von Hippel 1812–1818Karl Theodor von Przyborowski
Kreis Sensburg 1818von Grabowski (kommissarisch) 1819–1847August von Lysniewski 1847–1867Wilhelm von Saltzwedel 1867von Trotta gen. von Treyden (kommissarisch) 1868–1892Otto von Schwerin 1893–1918Georg von Schwerin 1919–1927Hermann von Kühlewein 1928Eduard Mertinkat (kommissarisch) 1928–1932Alfredo Stange 1932–1934Oskar Funk 1934–1937Paul Hundrieser 1937–1945Günther NikolausBildarchiv-Ostpreussen: Landratsdaten Kreis Sensburg
Wahlen Im Deutschen Kaiserreich bildete der Kreis Sensburg zusammen mit dem Kreis Ortelsburg den Reichstagswahlkreis Gumbinnen 7.Reichstagswahlkreis Gumbinnen, In: Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Gumbinnen, etc.
Kommunalverfassung Der Kreis Sensburg gliederte sich in Städte, in Landgemeinden und – bis zu deren nahezu vollständigem Wegfall – in Gutsbezirke. Mit Einführung des preußischen Gemeindeverfassungsgesetzes vom 15. Dezember 1933 gab es ab dem 1. Januar 1934 eine einheitliche Kommunalverfassung für alle Gemeinden. Mit Einführung der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 wurde zum 1. April 1935 das Führerprinzip auf Gemeindeebene durchgesetzt. Eine neue Kreisverfassung wurde nicht mehr geschaffen; es galt weiterhin die Kreisordnung für die Provinzen Ost- und Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen vom 19. März 1881.
Gemeinden Der Kreis Sensburg umfasste am 1. Januar 1938 zwei Städte und 122 weitere Gemeinden:Kreis Sensburg, In: Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874–1945, Hrsg. Rolf Jehke, Herdecke. Zuletzt geändert am 9. Februar 2020. Allmoyen Alt Bagnowen Alt Gehland Alt Kelbonken Alt Rudowken Aweyden Babienten Baranowen Borowen Bosemb Brödienen Bruchwalde Bubrowko Buchenhagen Burschewen Charlotten Diebowen Dietrichswalde Eckertsdorf Eichelswalde Eichhöhe Eichmedien Faszen Fedorwalde-Peterhain Galkowen-Nikolaihorst Ganthen Giesewen Glashütte Glodowen Glognau Gollingen Gonswen Grabowen Groß Stamm Großsteinfelde Grunau Gurkeln Guttenwalde Heinrichsdorf Hohensee Immenhagen Isnothen Jägerswalde Jakobsdorf Karwen Kerstinowen Klein Stamm Kleinort Koslau Kossewen Krawno Krummendorf Kruttinerofen Kruttinnen Langanken Langenbrück Langendorf Lasken Lindendorf Lißuhnen Lubjewen Lucknainen Macharren Maradtken Mertinsdorf Moythienen Muntowen Neberg Neu Bagnowen Neu Gehland Neu Kelbonken Neu Rudowken Nikolaiken, Stadt Olschewen Peitschendorf Pfaffendorf Polommen Preußenort Preußental Proberg Pustnick Rehfelde Reuschendorf Ribben Rosoggen Rotenfelde Rudczanny Rudwangen Salpia Salpkeim Sawadden Schaden Schimonken Schlößchen Schniodowen Schnittken Schönfeld Seehesten Selbongen Sensburg, Stadt Sgonn Siemanowen Sonntag Sorquitten Spirding Stangenwalde Steinhof Surmowen Sysdroyofen Sysdroywolla Talhausen Talten Tiefendorf Ukta Wachau Wahrendorf Warpuhnen Weißenburg (Ostpr.) Wiersbau Wigrinnen Wosnitzen Zatzkowen Zollernhöhe Zudnochen Im Kreis lagen außerdem die beiden gemeindefreien Gutsbezirke Forst Johannisburger Heide und Spirding-See. Vor 1945 aufgelöste Gemeinden Alt Muntowen, am 30. September 1928 zu Muntowen Alt Rudowken, am 1. Oktober 1939 zu Hammerbruch Choszewen B, am 1. Januar 1936 zu Choszwen A Friedrichsberg, am 1901/02 zu Bosemb Gonschor, am 1. Oktober 1937 zu Isnothen Kamien, am 1. Oktober 1937 zu Isnothen Klonn, am 30. September 1928 zu Selbongen Kollogienen, am 1908 zu Pfeilswalde Kutzen, am 30. September 1928 zu Kossewen Neu Muntowen, am 30. September 1928 zu Muntowen Neu Rudowken, am 1. Oktober 1939 zu Hammerbruch
Ortsnamen 1938, vereinzelt auch schon in den Jahren davor, fanden im Kreis Sensburg umfangreiche Änderungen von Ortsnamen statt. Das waren, da meist „nicht deutsch genug“, lautliche Angleichungen Übersetzungen oder freie Erfindungen:
Patenstadt Remscheid, Nordrhein-Westfalen
Literatur Königlich Preußisches Statistisches Landesamt: Gemeindelexikon der Regierungsbezirke Allenstein, Danzig, Marienwerder, Posen, Bromberg und Oppeln. Auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und anderer amtlicher Quellen. Heft 1: Regierungsbezirk Allenstein. Berlin 1912, S. 60–69, Kreis Sensburg. Gustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage. Band 2, Berlin 1874, S. 33, Ziffer 13. Königliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preussen und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. December 1871 bearbeitet und zusammengestellt. Berlin 1874, S. 318–327. Karl Templin: Unsere masurische Heimat. Zum einhundertjährigen Bestehen des Kreises Sensburg 1818–1918. Selbstverlag des Kreises Sensburg, 2. Auflage 1926. E. Titius: Die Philipponen im Kreise Sensburg. In: Neue Preußische Provinzial-Blätter. Dritte Folge. Band 9, Königsberg 1864, S. 192–215.; Band 10, Königsberg 1865, S. 1–50. S. 281–320. und S. 385–421.; Band 11, Königsberg 1866, S. 449–484.
Weblinks Kreisgemeinschaft Sensburg e. V., Hrsg. Kreisgemeinschaft Sensburg e. V., Leichlingen 2023.