Die 110. Infanterie-Division (110. ID) war ein Großverband des Heeres der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Geschichte

Aufstellung Die 110. ID wurde als Teil der 12. Aufstellungswelle 1940 in Lüneburg im Wehrkreis X aus Teilen der 12. ID und 30. ID aufgestellt. Außerdem wurde das Heimat-Wachbataillon 400 in die 110. ID integriert.

Besatzungstruppe Polen Nach der Aufstellung wurde die Division in Polen stationiert, wo diese bis zum Beginn des Angriffskrieges gegen die Sowjetunion blieb.

Unternehmen Barbarossa Im Rahmen des „Unternehmens Barbarossa“ war die 110. ID in die Heeresgruppe Mitte integriert und nahm im Juni 1941 am Angriff auf die Sowjetunion teil. Im Dezember 1941 befand sich die 110. ID auf dem Rückzug der Frontlinie von Kalinin in südwestliche Richtung.

Rschew 1942 Als Teil der 9. Armee kämpfte die Division 1942 in der Schlacht von Rschew. Wegen schwerer Verluste musste das GR 252 am 2. November 1943 aufgelöst und dessen Überlebende in die Divisionsgruppe 321 eingegliedert werden.

mini|links|Verlauf der Kesselschlacht bei Minsk vom 29. Juni 1944, 22:00 Uhr bis zum 3. Juli 1944, 22:00 Uhr. Die 110. Infanterie-Division befand sich zu diesem Zeitpunkt zusammen mit der Panzergrenadierdivision „Feldherrnhalle“ an der Spitze der sich in Richtung Westen bewegenden Teile der 4. Armee.

Vernichtung 1944 Im Juli 1944 wurde die 110. ID im Zuge der sowjetischen Sommeroffensive Operation Bagration als Teil der 4. Armee in der Kesselschlacht von Minsk in Weißrussland fast völlig vernichtet. Am 30. Juni 1944 erreichte die 110. ID die Beresina; die Pioniere der Division erbauten unter erschwerten Bedingungen wie massierten Angriffen sowjetischer Schlachtflugzeuge und Artillerie-Dauerfeuer eine Behelfsbrücke über den Fluss. Fliehende Truppenteile wie z. B. versprengte Einheiten der Panzergrenadier-Division „Feldherrnhalle“, 78. Sturm-Division etc. drängten zunehmend auf die Pionierbrücke und verstärkten die Massenpanik der sich auflösenden Heeresgruppe Mitte. Am 1. Juli 1944 konnte sich die stark dezimierte Division nach schweren Verlusten aus dem Wald von Schorowez zurückziehen, erreichte den Meldekopf bei Borowino, welcher die zurückweichenden Truppen auffangen sollte, und wurde schließlich am 7. Juli 1944 16 Kilometer südwestlich von Minsk durch weit überlegene sowjetische Truppen gestellt. Angesichts der aussichtslosen Lage ordnete Generalleutnant von Kurowski die Kapitulation der wenigen Überlebenden an.Ernst Beyersdorff: Geschichte der 110. Infanterie Division. Podzun Verlag, 1965, S. 150–158. Von Kurowski und die Überreste seiner Kampfgruppe gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Auflösung Am 3. August 1944 wurde die 110. Infanterie-Division aufgrund fehlenden Personals vollständig aufgelöst. Gedenkstätte In Lüneburg findet sich ein Denkmal der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Angehörigen der 110. ID.

Kriegsverbrechen Osaritschi Als Teil der 9. Armee war die 110. ID im März 1944 an einem Kriegsverbrechen beteiligt. Unter deutscher Besetzung Weißrusslands waren die arbeitsfähige Bevölkerung versklavt und die Arbeitsunfähigen deportiert worden. Die zurückgebliebenen Familienmitglieder, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten – Frauen, Alte und Kinder –, wurden in drei eigens errichtete Sammellager bei Osaritschi verbracht. Die Lager befanden sich in einem Sumpfgebiet im Niemandsland zwischen deutscher und sowjetischer Frontlinie und sollte eine mögliche sowjetische Offensive stören. Insgesamt 33.000 Menschen, darunter 15.960 Kinder und 13.072 Frauen waren hier ohne jegliche Gebäude und Einrichtung interniert und ein bis zwei Wochen unversorgt gelassen. Gezielt wurden Typhuskranke unter die Insassen gemischt. Die Eingänge wurden vermint.Christian Gerlach: In: Karl Heinrich Pohl (Hrsg.): Wehrmacht und Vernichtungspolitik. Militär im nationalsozialistischen System. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, S. 103; Christoph Rass: „Menschenmaterial“. Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939–1945. Schöningh, Paderborn 2003, S. 386 (online).

Die 110. ID errichtete wie die 35. ID und die 129. ID Zwischenlager in Dörfern für die Unterbringung der Deportierten auf ihrem Weg in die Endlager ein. Auch an der Erfassung und dem Transport der Zivilisten im Divisionsbereich war die 110. ID beteiligt. Einheiten der 110. ID stellten Marschkolonnen für die Deportierten zu kleineren Lagern und übernahmen die Bewachung. Fluchtversuche und Widerstand wurden mit Waffengewalt gebrochen. Menschen, die den strapaziösen Marsch nicht durchhielten, insbesondere Kinder und Alte, wurden erschossen. Auch in den Lagern wurde ohne Vorwarnung auf Menschen geschossen, die sich den Zäunen näherten oder Feuer entfachen wollten.Christoph Rass: „Menschenmaterial“. Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939–1945. Schöningh, Paderborn 2003, S. 394–401 (online). Bis zur Befreiung durch die Rote Armee waren ca. 8.000 Menschen gestorben. In der Divisionsgeschichte von Ernst Beyersdorff, wird das Verbrechen, das auch Gegenstand des Kriegsverbrecherprozesses in Gomel 1948 war, verschwiegen.Christoph Rass: „Menschenmaterial“. Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939–1945. Schöningh, Paderborn 2003, S. 388 (online).

Unterstellungen der 110. Infanterie-Division während des Zweiten Weltkriegs

Datum Armeekorps Armee Heeresgruppe Ort Schauplatz Dezember 1940 in Aufstellung 11. Armee C Lüneburg Deutschland Januar 1941 Mai 1941 WK XI Panzergruppe 2 – Juli 1941 XXXXII zur Verfügung OKH Mitte Wilna Ostfront, Zentralabschnitt August 1941 XXIII 9. Armee Smolensk September 1941 VI Oktober 1941Panzergruppe 3 Wjasma November 1941 zur Verfügung Klin Dezember 1941 VI 9. Armee Rschew Januar 1942 Februar 1942 XXVII März 1942 XXIII April 1942 XXVII Mai 1942 XXIII Januar 1943 April 1943 LV 2. Panzerarmee Brjansk September 1943 9. Armee Januar 1944 Rogatschew Februar 1944 LVI Bobruisk April 1944 XXXXI Mai 1944 zur Verfügung Juni 1944 XXXIX 4. Armee Orscha

Gliederung Infanterie-Regiment 252 Infanterie-Regiment 254 Infanterie-Regiment 255 Artillerie-Regiment 120 I. Abteilung II. Abteilung III. Abteilung IV. Abteilung Panzerjäger-Abteilung 110 Aufklärungs-Abteilung 110 Nachrichten-Abteilung 110 Pionier-Bataillon 110 Nachschubtruppen

Kommandeure + Divisionskommandeure der 110. IDDienstzeit Dienstgrad Name10. Dezember 1940 bis 24. Januar 1942GeneralleutnantErnst Seifert1. Februar 1942 bis 1. Juni 1943GeneralleutnantMartin Gilbert1. Juni bis 25. September 1943GeneralleutnantEberhard von Kurowski25. September bis 1. Dezember 1943OberstAlbrecht Wüstenhagen1. Dezember 1943 bis 11. Mai 1944GeneralleutnantEberhard von Kurowski11. bis 15. Mai 1944GeneralmajorGustav Gihr15. Mai bis Juli 1944GeneralleutnantEberhard von Kurowski

+ Generalstabsoffiziere (Ia) der 110. IDDienstzeit Dienstgrad Name10. Dezember 1940 bis 3. November 1941 Oberstleutnant Heinrich Gäde Februar 1942 Major Wilhelm Freiherr von Malzahn10. April 1942 bis 20. September 1943 Oberstleutnant Karl Kleyser10. Dezember 1943 bis Juli 1944 Oberstleutnant Karl Bieling

Auszeichnungen Insgesamt wurden neun Divisionsangehöriger mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet und 83 mit dem Deutschen Kreuz in Gold.

+ Ritterkreuzträger Dienstgrad NameEinheit Verleihungsdatum Oberfeldwebel Zugführer 5. Kp./GR 255 Hauptmann Bataillonskommandeur I. Btl./GR 255 Major Bataillonskommandeur II. Btl./GR 254 Oberleutnant Kompaniechef 7. Kp./GR 254 Leutnant Führer 1. Kp./Divisions-Füsilier-Btl. 110 Hauptmann Bataillonskommandeur II. Btl./GR 255 Obergefreiter MG-Schütze 6. Kp./GR 255 Feldwebel stellvertretender Führer 3. Kp/GR 252 Oberfähnrich Ordonnanz-Offizier Stab I. Btl./GR 255

Denkmal an die 110. Infanterie-Division Ein Veteranenverband ließ im Jahr 1960 einen Gedenkstein in Lüneburg aufstellen. Die Stadt Lüneburg sagte zu, das Denkmal zu bewahren und zu pflegen. Im Jahr 2020 klagten ein Überlebender des Holocaust, sowie zwei weitere Menschen jüdischen Glaubens auf Verhüllung des Denkmals, da sie sich durch den Stein in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sahen. Die Stadt hatte inzwischen neben dem Stein eine erläuternde Tafel mit der Aufschrift „Erinnerungskultur ist zeit- und kontextgebunden“ aufgestellt.

Literatur Ernst Beyersdorff: Geschichte der 110. Infanterie Division. Podzun Verlag, Bad Nauheim 1965. Georg Tessin: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939–1945, Band 6: Die Landstreitkräfte. Nr. 71–130. 2. Auflage. Osnabrück 1979, ISBN 3-7648-1172-2.

Weblinks Hinterbühne I, Informationen über die Kriegsverbrechen der 110. I.D. zu einer Ausstellung an der Universität Lüneburg

Einzelnachweise

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