mini|x240px|Herbert Hoffmann, Oktober 2004, Wild Thing Tattoo in Schwürbitz
Herbert Hoffmann (* 30. Dezember 1919 in Freienwalde in Pommern; † 30. Juni 2010 in Heiden, Schweiz) war ein deutscher Tätowierer und Fotograf.
Jugend Im ländlichen Pommern geboren, wuchs Herbert Hoffmann in einem gutbürgerlichen protestantischen Haushalt in Berlin auf. Er absolvierte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in Stettin und arbeitete anschließend als Kaufmannsgehilfe, bis er am 1. April 1939 zum Reichsarbeitsdienst der Wehrmacht eingezogen wurde. Von 1941 bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 diente Hoffmann als Soldat im Krieg gegen die Sowjetunion und geriet anschließend in eine vierjährige sowjetische Kriegsgefangenschaft.Herbert Hoffmann, Legende der Tattoo-Kunst, wird neunzig In einem Kriegsgefangenenlager in Riga lernte er einen Deutsch-Balten kennen, dessen Tätowierung auf dem linken Unterarm ihn faszinierte. Er wurde ein väterlicher Freund für Hoffmann und trug das alte Seefahrermotiv „Glaube-Liebe-Hoffnung“.
Karriere als Tätowierer miniatur|Eine Arbeit an Manfred Kohrs von Herbert Hoffmann 1975
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1949 arbeitete er als Anzeigenaquisiteur in Wiesbaden und Düsseldorf. Gleichzeitig begann er, sich tätowieren zu lassen.Nicola Kuhrt: Tattoo-Kunst – Meister des Körperstichs in: Der Spiegel vom 30. August 2003 In Erinnerung an den Seefahrer aus Riga wählte er das gleiche Motiv an gleicher Stelle. Auf seinen beruflichen Reisen durch Deutschland und Europa ließ er sich unter anderem von Christian Warlich in Hamburg, Tatovör Ole aus Kopenhagen und Albert Conelissen in Rotterdam tätowieren. Zeitgleich entdeckte er sein eigenes Talent für das Tätowierhandwerk, ging bei Christian Warlich in die Lehre und übte sich mit Handnadeln an zahlreichen Interessierten, bis er seine Passion schließlich zum Beruf machte.
Der Versuch, sich 1960 mit einem Tattoostudio in Düsseldorf selbstständig zu machen, scheiterte, da er keine Gewerbeerlaubnis bekam. Die Ablehnung wurde mit „Das ist kein Beruf!“ begründet. Am 4. Juni 1962 kaufte er dann das Tätowiergeschäft von Paul Holzhaus am Hamburger Berg 8 auf St. Pauli.Replika des Kaufvertrages in der Tattoo Collection Kohrs unter NHH-KT-Pa_HH_C-04 archiviert. Nach Christian Warlichs Tod 1964 hatte Hoffmann zeitweise das einzige professionelle Tattoogeschäft in Hamburg,einestages.spiegel.de: Das geht unter die Haut! dem er den Namen Älteste Tätowierstube in Deutschland gab.
Hoffmann war 1963 als Gast bei Robert Lembkes „Was bin ich?“.Nina Hofer: auf: fm4.orf.at vom 2. Juli 2010
Herbert Hoffmann war zwar bemüht, Tätowierungen gesellschaftsfähig zu machen, eine im Jahr 1977 ergriffene Initiative des Tätowierers Manfred Kohrs aus Hannover zur Gründung einer deutschen Vereinigung der seinerzeit 14 tätigen BerufstätowiererVgl. Frank-Peter Finke-Oltmanns, Tätowierungen in modernen Gesellschaften, Dissertation 1996. lehnte er jedoch kategorisch ab. Im Jahr 1980 kaufte Hoffmann ein Haus im appenzellischen Heiden, übertrug sein Geschäft an einen Mitarbeiter und zog 1981 gemeinsam mit seinem Partner Jakob Acker nach Heiden/Schweiz.
Mitte der 1990er Jahre erlebte die Tattoo-Szene einen Aufschwung, und Tattoo-Conventions wurden auch von Nichttätowierten und Familien besucht. Herbert Hoffmann war oft auf Veranstaltungen als Ehrengast eingeladen.Herbert Hoffmann – In Memoriam bei United European Tattoo Artists, abgerufen am 30. Juli 2010pressuremagazine vom 2. Juli 2010: Herbert Hoffmann: Vater der Tätowierung mit 91 Jahren verstorben
Es kam zu einer Zusammenarbeit mit dem TätowierMagazin, in dem Hoffmann monatlich eine Kolumne veröffentlichte. 2008 brachte der Huber Verlag, in dem das TätowierMagazin erscheint, zusammen mit Herbert Hoffmann dessen alte Motivtafeln als Bildband unter dem Titel Herbert Hoffmann Tattooing – Traditionelle Tattoo-Motive heraus. Bis kurz vor seinem Tod war Hoffmann auf Reisen zu Tattoo Conventions.news.ch vom 1. Juli 2010: Tattoolegende Herbert Hoffmann gestorben Am 30. Juni 2010 verstarb Hoffmann in Heiden/Schweiz.
Die „Alteste Tätowier-Stube Deutschlands“ Die Geschichte der ältesten Tätowierstube Deutschlands lässt sich bis in die Nachkriegszeit zurückverfolgen. Am 1. Februar 1946 erfolgte die erstmalige Anmeldung des Tätowiergeschäfts von Paul Holzhaus in der Seilerstraße 44a auf St. Pauli. Im Jahr 1951 erfolgte der Umzug in die heutigen Räumlichkeiten am Hamburger Berg 8, in denen sich die Traditionsstube bis zum heutigen Tage befindet. Im Jahr 1962 erwarb Herbert Hoffmann die Tätowierstube. Hoffmann zog sich aus familiären Gründen Ende 1982 zurück und übergab das Geschäft an Karl Hermann Richter, der bis Anfang 1984 tätowierte. Am 1. Januar 1984 wurde die Stube von Hoffmanns Neffen Ernst Günter Götz übernommen. Gegenwärtig obliegt die Leitung der Tätowierstube Sascha „Sushi“ Lippmann.Die Geschichte der Ältesten Tätowierstube Deutschlands MusikWelle Allgäu vom 16. Oktober 2025. Aufgerufen am 22. Januar 2026.
Nachlass mini|Manfred Kohrs im Lesesaal der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden beim Sichten des Hoffmann-Nachlasses 2018
Seinen umfangreichen Nachlass hat Hoffmann testamentarisch der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen vermacht. Sein Nachlass ist kulturgeschichtlich u. a. bedeutsam durch Fotoaufnahmen von tätowierten Menschen aller sozialen Schichten sowie durch Lebensläufe dieser tätowierten Personen.
Ab 1961 entstanden professionelle fotografische Arbeiten in seinem Hamburger Tätowierstudio. So porträtierte Herbert Hoffmann innerhalb von drei Jahrzehnten mit einer Rolleiflex fast 400 Tätowierte, geboren zwischen 1878 und 1952.
Sein fotografisches Werk wird seit 2004 von der Galerie Gebr. Lehmann vertreten.
Der Tattoo-Forscher Manfred Kohrs vom Institut für deutsche Tattoo-Geschichte besuchte 2018 und 2019 mehrfach die Kantonsbibliothek, um den Nachlass Hoffmanns zu sichten. Kohrs traf Hoffmann mehrfach in den 1970er Jahren persönlich und wertet im Rahmen seiner Arbeit dessen Nachlass aus.Manfred Kohrs und Sabrina Ungemach: Flammend Herz – Eine Freundschaft, die unter die Haut geht. In: Tattoo Kulture Magazine 4, April/Mai 2021, S. 14–19.
Ausstellungen Einzelausstellungen 2019: Herbert Hoffmann, Overbeck-Gesellschaft, Lübeck 2018: Kunst am Körper Kunst Halle Sankt Gallen, St. Gallen 2018: Es juckt schon wieder unter dem Fell, Kunst Halle Sankt Gallen, St. Gallen 2013: Herbert Hoffmann, Künstlerverein Malkasten, Düsseldorf 2011: Herbert Hoffmann, Galerie Susanne Zander, Köln 2010: St. Pauli Souvenirs, Galerie Gebr. Lehmann, Berlin 2010: Living Pictures, Ten Haaf Projects, Amsterdam 2006: Unter die Haut – Fotografie und Tatauierkunst des Herbert Hoffmann, Museum für Völkerkunde Dresden 2004: Glaube – Liebe – Hoffnung, Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
Gruppenausstellungen 2019: Tattoo, Museum of Fine Arts, Kaohsiung, Taiwan 2019: Fotografie, Galerie Gebr. Lehmann, Dresden 2018: Tattoo, Natural History Museum, Los Angeles 2017: Freimütig, Galerie Gebr. Lehmann, Dresden 2017: Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut, Grassi Museum für Völkerkunde, Leipzig 2016: Tattoo, Field Museum of Natural History, Chicago 2016: Tattoos: Ritual. Identity. Obsession. Art., Royal Ontario Museum, Toronto 2015: Tattoo, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg 2014: Bielefeld Contemporary, Zeitgenössische Kunst aus Bielefelder Privatsammlungen, Bielefelder Kunstverein, Bielefeld 2014: Tatoueurs, tatoués, Musée du quai Branly, Paris 2014: Intimität, Galerie der Stadt Remscheid, Remscheid 2013: 25, Galerie Gebr. Lehmann, Berlin 2013: Tattoo, Gewerbemuseum Winterthur, Winterthur 2013: the look behind, Märkisches Museum (Witten) 2013: Hey! modern art & pop culture / Part II, Halle Saint Pierre, Paris 2012: c’est la vie – Das ganze Leben, Deutsches Hygiene-Museum, Dresden 2011: HotSpot Berlin – Eine Momentaufnahme, Georg Kolbe Museum, Berlin 2010: Auf Leben und Tod – der Mensch in Malerei und Fotografie. Die Sammlung Teutloff zu Gast, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln 2010: Weisser Schimmel–You can observe a lot by watching, Sammlung Falckenberg, Hamburg 2010: Nude Visions – 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie, Museum der bildenden Künste, Leipzig 2009: Tattoo–Die Geschichte des Tätowierens, Dillenburger Museumsverein, Dillenburg 2008: transgressive body / reincarnated flesh, Artspace Tape Modern, Berlin 2008: Skinscapes. Die Kunst der Körperoberfläche, Marburger Kunstverein, Marburg 2006: Mensch! Photographien aus Dresdner Sammlungen, Kupferstichkabinett Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden 2006: Signs & Surfaces – Andreas Fux, Herbert Hoffmann, Ali Kepenek, Künstlerhaus Bethanien, Berlin 2005: YES YES YES YES. Differenz und Wiederholung in Bildern der Sammlung Olbricht, Museum Morsbroich, Leverkusen
Sonstiges In dem deutsch-schweizerischen Dokumentarfilm Flammend’ Herz von Andrea Schuler und Oliver Ruts wird unter anderem die Geschichte Herbert Hoffmanns erzählt. bei volksblatt.li, abgerufen am 30. Juli 2010 Der Tattoo-Forscher Manfred Kohrs und die Chefredakteurin des Tattoo Kulture Magazine Sabrina Ungemach stellten den Film im TKM No. 44/April 2021 in einem Bericht mit anschließendem Interview im Tattoo Kulture Magazine No. 44/April 2021 vor. Ungemach traf Herbert Hoffmann im Oktober 2004 nach der Aufführung des Films vor dem Kino in Jena und ergriff die Möglichkeit, ihn zu interviewen. Auf die Frage, wie er diesen Film findet, führte Hoffman aus: „Ich bin gar nicht damit zufrieden. Man hat mich damals dazu überredet mitzuwirken. Es fehlen so viele Szenen, die die Geschichte wirklich erklären. [...] Der Film ist mir zu negativ.“Manfred Kohrs und Sabrina Ungemach: Flammend Herz – Eine freundschaft, die unter die Haut geht. In: Tattoo Kulture Magazine 4, April/Mai 2021, S. 14–19.
Literatur Herbert Hoffmann. 65 Jahre. Juni 1985. Autobiografisches Porträt in: Jörg Meier: Ich möchte keine Minute missen. Menschen auf St. Pauli erzählen. 1. Aufl., Greno, Nördlingen 1987, ISBN 3-89190-846-6. S. 135 f Traditionelle Tattoo-Motive, Huber Verlag, Mannheim, 1. Auflage 2008 (zusammen mit Dirk-Boris Rödel), ISBN 978-3-927896-27-7 Motivtafeln – Hamburger Tätowierungen von 1950 bis 1965, Ventil Verlag, 2000, ISBN 978-3-930559-76-3 Bilderbuchmenschen. Tätowierte Passionen 1878–1952, Memoria Pulp Verlag, 1. Auflage 2002, ISBN 978-3-929670-33-2
Weblinks Offizielle Homepage Galerie Gebr. Lehmann
„Ältester Tätowierer der Welt gestorben“ auf www.20min.ch Video-Interview mit Herbert Hoffmann vom 12. Juli 2009
Einzelnachweise
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