Die walisische Sage Mal y kavas Kulhwch Olwen („Wie Kulhwch Olwen errungen hat“), kurz Kulhwch ac Olwen oder Culhwch ac Olwen [] („Kulhwch und Olwen“) genannt, ist eine der ältesten überlieferten walisischen Sagen aus dem arthurianischen Erzählkreis (dem Sagenkreis um König Arthur).

Dieses Mitte des 14. Jahrhunderts verfasste Werk beruht auf wesentlich älteren, im 6. bis 7. Jahrhundert von den awenydd (Barden, Dichter) mündlich vorgetragenen Geschichten, die bei der schriftlichen Aufzeichnung zusammengefasst wurden, was an gewissen inhaltlichen Ungereimtheiten zu erkennen ist.

Die Sage erzählt in kymrischer Sprache und traditioneller Metrikdie Versform ist der englyn (= drei bis vier Verse, die nach fix vorgegebenen Regeln sowohl durch Endreim als auch durch Alliteration verbunden sind) die Werbung Kulhwchs um Olwen, die Tochter des Riesen Ysbaddaden. Da Ysbaddaden bei der Hochzeit seiner Tochter sterben müsste, stellt er dem Brautwerber eine große Zahl fast unmöglich zu erfüllender Aufgaben. Mit Hilfe von König Arthur, seinem Onkel, und dessen Begleitern kann Kulhwch sie lösen und erringt Olwen, was gleichzeitig Ysbaddaden den gewaltsamen Tod bringt.

Manuskripte Kulhwch ac Olwen ist in den Sammelhandschriften Llyfr Gwyn Rhydderch („Das weiße Buch des Rhydderch“) aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und Llyfr Coch Hergest („Das Rote Buch von Hergest“), die zwischen 1382 und 1410 entstanden, aufgezeichnet. Benannt ist die erste Handschrift nach dem Auftraggeber der Schrift Rhydderch ab Ienan Llwyd (* um 1324, † um 1398) aus Parcrhydderch. Dieses Manuskript wurde im Kloster Strata Florida bei Aberystwyth verfasst. Der wichtigste Teil des „weißen Buches“ sind die Pedeir Keinc y Mabinogi („Vier Zweige des Mabinogi“). Im Llyfr Coch Hergest ist eine Erweiterung und Ergänzung dieser Erzählung zu finden.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 473.

Die ältere Aufzeichnung im Llyfr Gwyn Rhydderch, genannt Peniarth 4, ist die kürzere, sie endet mit dem Türhütergespräch vor der Burg des Riesen Wrnach und der gewaltsamen Erringung seines Schwertes. Im Llyfr Coch Hergest wird die gesamte Geschichte erzählt, wobei allerdings auf Grund von Stilvergleichen auch in den Textpassagen, die schon im Llyfr Gwyn Rhydderch vorkommen, jüngere Einschübe zu erkennen sind. Die Geschichte ist als ursprünglich mündliche Überlieferung zu erkennen: So enthält beispielsweise der Aufgabenkatalog Ysbaddadens einige alte mythische und märchenhafte Themata, die im weiteren Verlauf der Erzählung nicht mehr vorkommen und offenbar vom Autor vor dem Vergessenwerden bewahrt werden sollten; dabei handelt es sich um die meisten der nicht erfüllten und deshalb nicht mehr erwähnten Forderungen.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 176 f.

Das Manuskript des „Roten Buches“ befindet sich heute in der Bodleian Library der Universität Oxford. Das Peniarth-Manuskript im „Weißen Buch“ ist nun in den Sammlungen der walisischen Nationalbibliothek in Aberystwyth zu finden.

Inhalt Kulhwch kommt zu Arthur und findet Olwen links|mini|hochkant|Kulhwch am Hofe König Arthurs, Gemälde von Arthur Gaskin, 1901

Goleuddydd, die Gattin des Fürsten Kilydd, Kelyddons Sohn, erleidet in der Schwangerschaft eine Geistesverwirrung und gebiert ihren Sohn in einer Schweinekuhle, weswegen er den Namen Kulhwch (kymrisch: kil, „der Koben“, „die Kuhle“, hwch, „das Schwein“) erhält. Im Sterben bittet sie ihren Mann, erst dann wieder zu heiraten, wenn auf ihrem Grabe ‚ein Dornenstrauch mit zwei Spitzen‘ wächst.Ingeborg Clarus: Keltische Mythen. Der Mensch und seine Anderswelt. S. 279 f: Wenn einmal „Gras darüber wächst“, ist das Gedenken erloschen,… Nach sieben Jahren geschieht dies und Kilydd will die Gattin von König Doged heiraten, den er deshalb ohne Skrupel erschlägt und seine Frau samt Tochter an seinen Hof holt. Um ihre Position zu festigen, versucht die Geraubte, ihre Tochter mit Kulhwch zu vermählen, was dieser ablehnt. Deshalb belegt sie ihn mit dem cynnedyf (Verpflichtung, Tabu), er dürfe keine andere heiraten als Olwen, die Tochter des Riesen Ysbaddaden. Kilydd gibt seinem Sohn den Rat, Hilfe bei seinem Oheim, dem König Arthur, zu suchen. Kulhwch reitet prächtig ausgerüstet zu Arthurs Hof und kommt trotz Widerstand des Torhüters Glewlwyd Gafaelfawr und des Ritters Kei in den Saal. Arthur verspricht ihm, jede seiner Bitte zu erfüllen, […] außer allein mein Schiff und meinen Mantel und Caledvwlch, mein Schwert, und Rhongomyant, meine Lanze, und Wynebbwrthucher, meinen Schild, und Carnwennan, mein Messer,Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 223, Anm. 17; – Ingeborg Clarus: Keltische Mythen. Der Mensch und seine Anderswelt. S. 297: Caledvwlch („Hart-Scharte“), daraus Caliburnus und Excalibur; Rhongomyant („tötender Speer“); Wynebbwrthucher („Gesicht des Abends“); Carnwennan („weißer Griff“); der Mantel macht unsichtbar; der Name des Schiffes Prydwen wird später erwähnt; alle Gegenstände stammen aus der Anderswelt und Gwenhwyfar, meine Frau.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 40. (für das gesamte Zitat) Kulhwch fordert zuerst von Arthur, er möge ihm die Haare scheren (ein Initiations- oder VerwandtschaftsritusHelmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 163.) und als zweites, ihm mit Hilfe seiner Krieger, die er namentlich aufzählt, zur Heirat mit Olwen zu verhelfen. Er nennt etwa 220 Helden, von denen der bereits erwähnte Kei, Bedwyr fab Bedrawg, Arthurs Neffe Gwalchmei fab GwyarGwalchmai (Gawain) wird nur als Mitreitender genannt und kommt in der Handlung nicht mehr vor, obwohl er einer der berühmtesten Ritter am Hofe ist, der Dichter Taliesin, Manawydan, Gereint, Gwrhyr Gwalstawd Ieithoedd, Sgilti Ysgafndroed, Teithi, Teyrnon und Tegid Foel die bedeutendsten sind. Auch auf Frauen beruft er sich, darunter Gwenhwyfar, ihre Schwester Gwenhwyfach, Essyllt „Blondhaar“ und Essylt „Weißhals“entspricht möglicherweise den beiden Isolden, „Blondhaar“ und „Weißhand“, in den französischen und deutschen Tristan-Romanen, Creiddylad und Uriens Tochter Morfudd ferch Urien. Die schöne Creiddylad, sowie die um sie werbenden Helden Gwynn und Gwythyr sind die Hauptpersonen einer Zwischengeschichte, die beiden Männer helfen aber auch bei der Erfüllung der Aufgaben mit.

Ein Jahr lang suchen Arthurs Boten vergeblich nach dem Aufenthaltsort von Olwen, danach machen sich Kulhwch und Kei selbst mit einer ausgewählten Schar von Rittern auf den Weg. Schließlich finden sie die riesige Burg, ‚die größte Burg von den Burgen der Welt‘, und treffen auf einen Schäfer und seine Herde. Dieser ist Ysbaddadens Bruder Custenhin, der Schwager von Kulhwchs Mutter Goleuddydd, der nach anfänglichem Zögern verspricht, ihnen zu helfen. Custenhins Sohn Goreu, den seine Mutter aus Angst vor Ysbaddaden in einer Truhe versteckt hält – dieser hat ihr schon 23 Söhne erschlagen –, schließt sich der Gruppe als Mitkämpfer an. Seine Mutter verspricht, ihrem Neffen Kulhwch zu einem heimlichen Treffen mit Olwen zu verhelfen. Als sie kommt, sind beide sofort in Liebe zueinander entflammt. Olwen warnt Kulhwch vor dem Zorn ihres Vaters, dieser töte jeden Brautwerber, da ihm prophezeit worden war, er werde am Tage ihrer Hochzeit eines gewaltsamen Todes sterben.

mini|hochkant|Ysbaddaden hält seine Augenlider auf (Illustration von John D. Batten, 1892)

Geh zu meinem Vater und halte um mich an. Und wie viel er auch immer von dir verlangen wird, versprich, es zu leisten, und du wirst mich erhalten. Wenn er aber Zweifel hegt, wirst du mich nicht erringen und noch Glück haben, mit dem Leben davonzukommen.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 54. Die Männer dringen zu Ysbaddaden vor und werben um Olwen. Der Riese lässt sich von seinen Dienern mit Gabeln die schweren Augenlider hochheben, betrachtet Kulhwch und weist sie fort. Der vergiftete Steinspeer, den er ihnen nachschleudert, wird von Bedwyr fab Bedrawg aufgefangen und in des Riesen Kniescheibe zurückgeworfen. Dies wiederholt sich an den nächsten beiden Tagen, beim letzten Wurf durchbohrt Kulhwch Ysbaddadens Augapfel.darum wird Ysbaddaden in der Überlieferung sowohl ein- aus auch zweiäugig geschildert

Ysbaddadens Forderungen Nun ist der Riese zum Verhandeln bereit und stellt dem Brautwerber 40 nahezu unlösbare Aufgaben (anoetheu), von denen einige als Vorbereitung für das Hochzeitsfest genannt werden. Sie werden zwar Punkt für Punkt aufgezählt, in der weiteren Erzählung wird allerdings nur die Erledigung von ungefähr zehn davon geschildert. Nach jeder Forderung Ysbaddadens antwortet Kulhwch stereotyp: Das ist für mich leicht zu erfüllen, auch wenn du glauben magst, dass es schwierig sei.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 57.der mittelalterliche Schreiber von Peniarth 4 im „Weißen Buch von Rhydderch“ verkürzt diese Antwort nach einigen Wiederholungen auf zwei Worte: hawd und kyt („leicht“ und „wenn auch“) Ein bewaldeter Hügel soll an einem Tag gerodet, umgepflügt, ausgesät und geerntet werden, damit Speis und Trank für die Hochzeitsgäste vorhanden sei Dazu ist die Hilfe von Amaethon, dem Pflüger, notwendig Sein Bruder Govannon, der Schmied, muss dabei die Pflugscharen schärfen Die zwei Ochsen von Gwlwlydd Wineu sind für das Pflügen zu rauben Der „Gelblich-Blaßweiße“ und der „Gescheckte“ müssen in einem Joch gehen Zwei weitere Ochsen, verzauberte Könige, sind ebenfalls in einem Geschirr zu führen Ein unfruchtbares Feld hat an einem Tag Leinsamen reifen zu lassen, damit ein Kopftuch für Olwen daraus gewebt werde (wird mit Hilfe von Ameisen erfüllt) Honig ohne Drohnen und Bienen darin wird zum Brauen von HonigbierHonigbier (bragod) wird aus Wasser, Malz, Honig und Gewürzen gebraut und ist stärker als Met (medd) oder Bier (cwrw) benötigt Der Becher von Llywr fab Llywryon (llywr = „voll“) ist der einzige, der dieses starke Gebräu fassen kann Der magische Korb Gwyddneu Garanhirs, der siebenundzwanzig Mann zugleich mit ihren Lieblingsspeisen versorgen kann, muss geraubt werden Das (Trink-)Horn von Gwlgawd Gododdinhier als Ortsname für das Land südlich des Firth of Forth muss für die Hochzeitsfeier herbeigeschafft werden Die Harfe von Teirtu, die von selber spielt, wenn sie will, ist ebenfalls für die Hochzeit notwendig Die Vögel der Rhiannon sollen den Riesen bei der Feier ergötzendiese Vögel haben die Gefährten von Bran bei ihrer Irrfahrt durch Wales erfreut Der magische Kessel Dyrnwchs wird für das Hochzeitsmahl benötigt (wird erfüllt) Die Hauer des Ebers Ysgithyrwyn, die ihm bei lebendigem Leib auszureißen sind, müssen als Schermesser herbeigeschafft werden (wird erfüllt) Nur Odgar, der Sohn des Königs Aedd von Irland kann das vollbringen König Cadw von Schottland darf als Einziger die Hauer aufbewahren Das Blut der „Pechschwarzen Hexe“ wird zum Glätten der Haare Ysbaddadens benötigt (wird erfüllt) Dieses Blut kann nur in den Flaschen des Zwerges Gwddolwyn warmgehalten werden Die für das Hochzeitsfest benötigte Milch muss in den Flaschen von Rhynnon „Steifbart“ aufbewahrt werden, damit sie nicht sauer wird Das Haar Ysbaddadens kann nur durch Kamm und Schere, die zwischen den Ohren des Ebers Twrch Trwyth sind, gebändigt werden (wird erfüllt) Der Hundewelpe Drudwyn, den Greid fab Eri besitzt, ist für die Eberjagd notwendig (wird erfüllt) Der einzige Riemen, der Drudwyn halten kann, muss Cors Cantewin „Hundertklau“ abgenommen werden (wird erfüllt) Das einzige Halsband, das an diesem Riemen hält, ist Canhastyr Cannlaw „Hunderthand“ abzunehmen Nur die Kette von Kilydd Canhastyr „Hundertgriff“ hält Koppel und Halsband zusammen Da nur Mabon den Welpen führen kann, ist er zu finden und aus seinem Gefängnis zu befreien (wird erfüllt) Mabon muss auf der Eberjagd Gwynn Mygdwynn „Dunkelmähne“, das Pferd Gweddws, reiten (wird erfüllt)