mini|Schweizer Schulschrift (von 1947) mini|Italienische Schulschrift (von 1970)
Eine Ausgangsschrift ist ein Schriftmuster, das der optischen Orientierung für das manuelle Schreibenlernen in der Schule dient. Im Sinne eines Leit- oder Vorbildes unterstützt es bildhaft-anschaulich den anspruchsvollen Prozess der Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten im handschriftlichen Schreiben als Teil des Schriftspracherwerbs, einer Kulturtechnik.
Ausgangsschriften werden als Alphabete (Großbuchstaben und Kleinbuchstaben) dargestellt, die im Allgemeinen durch Ziffern und Satzzeichen ergänzt werden. Für detaillierte Angaben zur Bewegungsausführung und zur Gestaltung von einzelnen Buchstaben und deren Eingliederung in Wörter werden meist verschiedene Lernmaterialien wie Schreibübungsblätter oder entsprechende Hefte bereitgestellt.
Historischer Kontext Historisch gab es zuvor den älteren Ansatz, eine schöne, lesbare und effizient zu schreibende Schreibschrift als Normschrift den Schülern zum Erlernen vorzugeben. Die Schüler sollten ihre Schrift immer näher an die Perfektion dieser Vorgabe bringen. Diesen traditionellen Ansatz änderten Schriftpädagogen wie Rudolf von Larisch und Ludwig Sütterlin im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, indem sie anstatt einer Zielschrift eine Ausgangsschrift als Vorgabe setzten.
Die Ausgangsschrift stellt keine gewünschte Ziel-Handschrift dar. Sie muss deshalb nicht besonders schön oder effizient sein, sondern vor allem einfach und klar. Die Schüler sollen aus ihr eine individuelle Handschrift entwickeln. Dass dieses Ziel nicht immer erreicht wird, ändert nichts an der Popularität des Konzepts.
Der Schriftpädagoge Fritz Kuhlmann setzte 1916 auf einen noch weiter gehenden Ansatz: Die Schüler sollen eine individuelle Schreibschrift nicht aus einer Ausgangs-Schreibschrift, sondern aus einer Druckschrift entwickeln. Der Drang zur Schnelligkeit solle den Schüler dazu bringen, Verbindungen der Buchstaben und flüssige, ununterbrochene Züge selbst zu erfinden. Dieser Ansatz bewährte sich damals nicht, er wurde aber 2011 unter dem Namen Grundschrift wiederbelebt und wird seither erneut erprobt.
Grundlegendes In einer Ausgangsschrift sind folgende Informationen aufgenommen: der Charakter der Linie als formbildendes Element (beispielsweise Schnurzug, Wechselzug oder Schwellzug), das Verhältnis von Strichstärke zu Schriftgröße, die Gestaltung der charakteristischen Merkmale der einzelnen Schriftzeichen, die Größen- und Breitenproportionen der Buchstaben und ihrer Formelemente, die Stellung ihrer Hauptachsen (Neigungswinkel), die Verbindungen und Ligaturen sowie die Bewegungsausführung im Detail und im Ganzen (Duktus). Ausgangsschriften sind in Deutschland in dem Lehrplan für den Deutschunterricht verankert. Er enthält Aussagen über die Verbindlichkeit der jeweiligen Musterschrift.
Ausgangsschriften haben darüber hinaus die Funktion, die gestalterische Abstimmung der einzelnen Aspekte untereinander zu veranschaulichen (Neigungswinkel, Größen- und Breitenproportionen, Bewegungsumkehr in Form von Winkeln, Bogen, Deckstrichen oder Schleifen, Buchstabenabstände und -verbindungen). Damit demonstrieren Ausgangsschriften beispielgebend ein bestimmtes Stilprinzip, das den Lernenden hilft, nicht nur den einzelnen Buchstaben eine unverwechselbare Gestalt zu geben, sondern im Schriftbild eine bestimmte visuelle Ordnung herzustellen. Eine solche Ordnung ist auf den Zusammenschluss der Teile zu einem gut überschaubaren Ganzen gerichtet und bildet eine wesentliche Voraussetzung für die Lesbarkeit der Schriftzüge. Ein Hilfsmittel in dem schwierigen Prozess des Ordnens sind Lineaturen. Dabei gibt es unterschiedliche Auffassungen zur Verwendung von Lineaturen beim Schreibenlernen.
Die Gestaltung von Ausgangsschriften stellt die Schnittstelle zwischen Schriftdesign und Didaktik des muttersprachlichen Unterrichts dar. Das grafomotorische Schreibenlernen ist Teilaspekt in dem sehr komplexen Prozess des Schriftspracherwerbs in der Grundschule. In der Geschichte der Schreiberziehung sind die Auffassungen von der Strukturierung des Aneignungsprozesses von Fähigkeiten und Fertigkeiten im handschriftlichen Schreiben einem starken Wandel unterworfen. Das wirkt sich auf die Formgebung der jeweiligen Ausgangsschriften aus.
Entwicklung in Deutschland Norm- und Ausgangsschriften bis 1941 In Deutschland hatte sich nach der karolingischen Minuskel (9. – 12. Jahrhundert) eine Schreibschrift durchgesetzt, an die die gotische Kursive (ab dem 14. Jahrhundert) – eine im alltäglichen Gebrauch stehende Kursivform der gotischen Schrift (ab dem 12. Jahrhundert) – anknüpfte. Diese Entwicklung führte der Nürnberger Schreibmeister Johann Neudörffer (1497–1563) fort, der maßgeblich an der Schöpfung der Fraktur beteiligt gewesen war. In seinem Schreibbuch „Eine gute Ordnung und kurze unterricht […]“ (Nürnberg, 1538) schuf er eine Stileinheit der Buchstaben der deutschen Schreibschriften – genauer deutschen Kurrentschriften – die lange erhalten blieb. Mit Ausbreitung des Schulwesens seit dem 16. Jahrhundert wurden Lese- und Schreibfähigkeiten in immer breiteren Schichten üblich.
Neben der deutschen Kurrentschrift entwickelte sich die humanistische Kursive als Schreibschrift für lateinische und nichtdeutsche Texte, und aus dieser die lateinische Schreibschrift. Im deutschen Sprachraum war es für Gebildete notwendig und üblich, zwei Schreibschriften zu erlernen, die deutsche und die lateinische Schrift.
1714 wurde durch einen Erlass in Preußen erstmals eine Normschrift eingeführt, die auf den Berliner Lehrer Hilmar Curas (Joachimsthalsches Gymnasium) zurückgehen soll. Ihre spitzen, nach rechts geneigten Formen, die Rundungen weitestgehend vermieden, bürgerten sich auch in anderen deutschen Territorien ein und wurden charakteristisch für die deutschen Kurrentschriften.
Der Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin (1865–1917) änderte diesen typischen Duktus der deutschen Kurrentschrift. Er setzte ganz auf das Konzept der Ausgangsschrift – die als solche weder schön noch effizient sein muss, sondern vor allem klar und einfach – und die Gleichzugfeder für Schreibanfänger. Er entwickelte eine eigene Schrift, die senkrecht auf der Zeile stand, Ober-, Mittel- und Unterlängen im Verhältnis 1:1:1 teilte, und geometrisch anmutende Zacken und Kringel aufwies. Die Sütterlinschrift – die es in zwei Varianten, als deutsche (Kurrent) und lateinische Schrift gab – wurde 1924 in preußischen Schulen und ab 1930 in den meisten anderen deutschen Ländern als Schulausgangsschrift verwendet.
In Hessen entwickelte ein anderer Schriftpädagoge, Rudolf Koch, ein eigenes Konzept, das er 1927 vorstellte: die Offenbacher Schrift. Koch lehnte die Gleichzugfeder und das Ausgangsschrift-Prinzip Sütterlins ab. Seine Schreibschrift – die es ebenfalls als deutsche (Kurrent) und lateinische Schrift gab – wurde mit der Breitfeder geschrieben und sollte im Prinzip im späteren Leben beibehalten werden, wenngleich sie dabei persönliche Züge annehme. Mit der Einführung von Sütterlins Schrift in Hessen 1930 blieb die Offenbacher Schrift jedoch unbenutzt. Ebenso etablierte sich die in den 1930er Jahren von Maximilian Schlegl entwickelte Stäbchenschrift nicht.
Im Dritten Reich führte der NSDAP-Gauleiter Hans Schemm 1933 in Bayern mit der Bayerischen „Volksschrift“ eine eigene Ausgangsschrift ein. Diese enthielt zahlreiche Änderungen gegenüber der deutschen Sütterlinschrift, wie die Ersetzung der kleinen Schlaufen durch u-förmige Bögen, deutliche Unterschiede beim c, C, d, y, I, J, T und Y, vertikale Umlautstriche, bei der Ziffer 7 und Kringel bei der Ziffer 0 so wie beim O. Dem Reichserziehungsministerium gefiel diese Schrift, es wünschte jedoch eine reichsweite Einheitlichkeit. Mit einem Erlass vom 7. September 1934, der mit Wirkung zum Schuljahresbeginn 1935/36 in Kraft trat, wurde reichsweit die „Deutsche Schrift“ in Gestalt einer steilen „Ausgangsschrift“ (Klassenstufen 1–2) und einer leicht schrägen „Verkehrsschrift“ (ab Klassenstufe 3) eingeführt. Diese war eine Variante der Bayerischen „Volksschrift“, bei der lediglich das C und das y wieder der Sütterlinschrift entsprachen. Dies war möglicherweise eine Folge der Erkenntnis, dass in der Praxis nicht alle Schüler dem ursprünglichen Gedanken der Ausgangsschrift gemäß von dieser in wenigen Jahren zu einer eigenen Handschrift gelangten und sich die schablonenhaften Formen von Sütterlins Ausgangsschrift noch immer in der Handschrift von Jugendlichen wiederfanden.
Ausgangsschriften seit 1941 Deutsche Normalschrift mini|Deutsche Normalschrift, ab 1941
1941 wurden mit dem Normalschrifterlass im Auftrag von Adolf Hitler alle gebrochenen und Kurrentschriften abgeschafft. Nun wurden ab Beginn des Schuljahres 1941/42 im Unterricht ausschließlich die lateinische Schreibschrift gelehrt und alles auf diese umgestellt. Hierfür wurde eine neue Ausgangsschrift kreiert, die die Bezeichnung „Deutsche Normalschrift“ erhielt. Sie wurde auf Grundlage der lateinischen Sütterlinschrift entwickelt, mit Rechtsneigung, gefälligeren Formen und Vereinfachungen wie der Abschaffung der Schlaufen beim x, X und T sowie der Unterlänge beim z, Z, F und H, aber auch der Hinzufügung von Schlaufen bei den Großbuchstaben C, D und L. Das lange s war in ihr nicht mehr enthalten. Die Buchstaben N, M, P, T und X, nicht jedoch V, W und Y, sind ähnlich wie bei der Offenbacher Schrift enger an die Antiqua angelehnt, das P hat keine Unterlänge mehr, und X und Z erhielten einen Querstrich. Die Ziffer 7 wurde wieder mit schrägem Strich geschrieben.
Lateinische Ausgangsschrift mini|Lateinische Ausgangsschrift, seit 1953 Die Lateinische Ausgangsschrift (LA) wurde vom Iserlohner Schreibkreis, einer Versammlung von Schreibfachleuten aus ganz Deutschland, aus der Deutschen Normalschrift entwickelt und weist ihr gegenüber nur geringe Änderungen auf. Der Buchstabe S erhielt eine Form ähnlich dem L, einige kleine Schlaufen wurden zu Spitzumkehren, x und X erhielten ihre Schlaufen wieder zurück. Die Buchstabenverbindungen befinden sich auf unterschiedlichen Höhen. Als Schulausgangsschrift wurde die LA durch den Erlass der Kultusministerkonferenz vom 4. November 1953 verbindlich von 1953 bis 1955 fast in der gesamten damaligen Bundesrepublik Deutschland eingeführt. In Bremen wurde die LA 1960 und in Bayern 1966 verbindlich eingeführt. Bis in die Gegenwart ist die LA eine der vier Schulausgangsschriften, die je nach Bundesland, Schule und Lehrkraft ausgewählt werden kann, und steht noch in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zur Auswahl (Stand: 2021).
Schulausgangsschrift und Vereinfachte Ausgangsschrift
In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde zunächst eine Ausgangsschrift verwendet, die im Wesentlichen der der LA entsprach, mit nur kleinen Änderungen wie dem Buchstaben t oder dem Weglassen des Querstrichs beim Z.
Im Zusammenhang mit der Einführung eines neuen Lehrplanwerks wurde diese Ausgangsschrift im Jahr 1968 verändert. Ausschlaggebend dafür waren sowohl didaktische als auch ästhetische Gründe. Um mit dem Lesenlernen der Druckschrift gleichzeitig mit dem Erlernen der Schreibschrift beginnen zu können, wurden die Großbuchstaben vereinfacht. Der Bewegungsablauf in den Kleinbuchstaben wurde gestrafft. Diese Schulausgangsschrift (SAS) wurde 1991 teilweise in den alten Bundesländern übernommen.
In der Bundesrepublik wurde parallel 1969 die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) entwickelt, um Schwierigkeiten in der Anwendung der Lateinischen Ausgangsschrift zu beheben. Ähnlich wie bei der SAS wurden bei der VA die Formen den Druckbuchstaben angenähert. Dazu wurden die Anfangs- und Endpunkte fast aller Kleinbuchstaben an das obere Mittelband gelegt, was das Verbinden der Buchstaben vereinheitlicht und so schreibtechnisch vereinfachen soll. Der Buchstabe z erhielt in der VA wieder seine Unterschlinge. Die VA wird seit 1972 erprobt.