Als venöse Hypertonie (venöse Hypertension,Max Bürger: Einführung in die innere Medizin, Sammelwerk „Der Kliniker“, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1952, S. 101. Hypertonia venosa, Phlebohypertonie;Michael Földi, Norbert Klüken, Michael Collard: Praxis der Lymphgefäß- und Venenerkrankungen, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1974, ISBN 3-437-10334-2, S. 18. Wortstamm phleb von altgriechisch φλέψ phléps, ‚Blutgefäß‘, „Blutader“, ‚Vene‘, lateinisch vena; - hypér- „über-“ und tónos „Spannung“) bezeichnet man in der Medizin einen erhöhten Blutdruck im Venensystem. Man spricht in der Phlebologie von einer Erhöhung des VenendrucksPeter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. 1. Auflage. Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1943. oder des „Veneninnendrucks“Hubert Mörl: Gefäßkrankheiten in der Praxis. 2. Auflage. Edition Medizin, Weinheim / Deerfield Beach FL / Basel 1984, ISBN 3-527-15096-X, S. 254. und von „Venendrucksteigerungen“ sowie von „erhöhten Venendruckwerten“.Ernst Wollheim, Julius Moeller: Hypertonie. In: Handbuch der inneren Medizin. 4. Auflage. 9. Band, 5. Teil, Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, ISBN 3-540-02540-5, S. 297. „Periphere Stauungen und Ödeme entstehen aufgrund einer Erhöhung des Venendrucks beziehungsweise des Kapillardrucks im Körperkreislauf.“Frank H. Netter, Martin Strauch (Hrsg.): Farbatlanten der Medizin. Band 1: Herz. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1976, ISBN 3-13-524001-0, S. 85.

Erklärung Der Medizin-Duden definiert den Blutdruck als „Druck des Blutes auf die Gefäßwand,“ ohne zwischen Arterien und Venen zu unterscheiden. Die Einteilung in systolischen Blutdruck und diastolischen Blutdruck gilt also sowohl für die Schlagadern wie auch für die Blutadern. Ebenso wird die Blutdruckamplitude als „Differenz zwischen systolischem und diastolischem Blutdruck“ ohne Bezugnahme auf die beiden Kreislaufschenkel definiert.Duden: Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke. 7. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 2003, ISBN 978-3-411-04617-1, S. 173. Der Brockhaus erwähnt nur, dass der Blutdruck „beim Einmünden der großen Blutadern in das Herz etwa gleich null“ ist, ohne weiter auf den venösen Blutdruck einzugehen.Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage. Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1987, ISBN 3-7653-1103-0, 3. Band, S. 434.

In den Beinen ist typischerweise eine Venenklappeninsuffizienz bei einer chronischen venösen Insuffizienz die Ursache für einen venösen Blutdruckanstieg. Außerdem können mechanische Rückflussbehinderungen sowie Einflussstauungen zum Druckanstieg in den Blutadern führen.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Teil II: F–K. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore um 1980, S. 1138. Tinsley Randolph Harrison nannte in seinem Standardwerk ein erhöhtes Blutvolumen, die Orthopnoe und eine Venenkonstriktion bei der Herzinsuffizienz als weitere Ursachen für einen Blutdruckanstieg auch in den Extremitätenvenen.Tinsley Randolph Harrison: Principles of internal Medicine. 3. Auflage. McGraw-Hill, New York / Toronto / London 1958, S. 115.

Der Begriff der venösen Hypertonie umfasst nur den peripheren VenendruckWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 268. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2020, ISBN 978-3-11-068325-7, S. 1867. und nicht die Erhöhung des zentralen VenendrucksKurt Huck: Kursbuch Doppler- und Duplexsonographie: nach den Richtlinien der DEGUM und der KBV. 2. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-13-115372-5, S. 31. (online)Thomas Noppeney, Helmut Nüllen: Varikose: Diagnostik - Therapie - Begutachtung. Springer-Verlag, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-642-05365-8, S. 59, (online). (ZVD). Der venöse Blutdruck in den Extremitäten heißt auch periphervenöser Druck. Allgemein spricht man vom Niederdrucksystem.Michael Földi, Norbert Klüken, Michael Collard: Praxis der Lymphgefäß- und Venenerkrankungen. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1974, ISBN 3-437-10334-2, S. 73.

Es wird oft nicht zwischen systolischem und diastolischem Venendruck unterschieden. Ebenso wird in der Fachliteratur kein mittlerer venöser Blutdruck analog zum mittleren arteriellen Blutdruck (MAD) angegeben. Trotzdem gibt es den Begriff des Venenpulses zur Bezeichnung von herzsynchronen Volumenschwankungen und Blutdruckschwankungen in den herznahen Venen, besonders in den Halsvenen (Jugularispuls).Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. 23. Band. Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1994, ISBN 3-7653-1123-5, S. 107. Man spricht dann von SchlauchwellenRoche Lexikon Medizin. 5. Auflage. Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, S. 1924. oder beim Volumenpuls als Folge rhythmischer Abflussbehinderungen von DruckschwellenHans Julius Wolf: Einführung in die innere Medizin. 7. Auflage. Georg Thieme Verlag, Leipzig 1960, S. 134. oder Pulsschnellen.Carl Ludwig: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 2. Band: Aufbau und Verfall der Säfte und Gewebe. Thierische Wärme. C. F. Wintersche Verlagshandlung, 2. Auflage, Heidelberg 1861, ISBN 978-0-282-31423-1 (Reprint), S. 164.

Im großen und im kleinen Kreislauf ist auch in den venösen Schenkeln der Blutdruck gleich dem Produkt aus Herzzeitvolumen und peripherem Widerstand. „Die treibende Kraft für den Rückstrom des Blutes aus den Geweben zum rechten Herzen ist ein zentripetales Druckgefälle.“Myron G. Sulyma (Hrsg.): Wörterbuch der Kardiologie. Band IV: R–Z. Medikon-Verlag, München 1984, ISBN 3-923866-10-0, S. 767.

Geschichte Schon Carl Ludwig hat 1861 in der zweiten Auflage seines Lehrbuches der Physiologie des Menschen den venösen Blutdruck als „Spannung in den Venen“ beschrieben. Die mechanische Spannung hat dieselbe Maßeinheit wie der Druck (Dimension Kraft pro Fläche; Druckeinheiten N/m² = kg/ms² = Pascal oder veraltet mmHg = Millimeter Quecksilbersäule). Ausführlich erklärte und illustrierte er die blutige und die unblutige Blutdruckmessung. Er verwendete die Bezeichnungen Blutdruck, Normaldruck, Mitteldruck, Stromspannung, Triebkräfte für den Blutstrom und Stoßkraft des Herzens. Zur Blutdruckmessung verwendete er ein Manometer und einen Sphygmographen und benutzte bereits die Einheit mmHg.Carl Ludwig: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 2. Band: Aufbau und Verfall der Säfte und Gewebe. Thierische Wärme. C. F. Wintersche Verlagshandlung, 2. Auflage, Heidelberg 1861, ISBN 978-0-282-31423-1 (Reprint), S. 1–202. Auf Seite 154 findet sich neben der Figur 45 eine ausführliche Erklärung des Sphygmographen von Karl von Vierordt aus dem Jahr 1855.

Noch 1940 wurde ein Aderlass von 300 bis 500 Milliliter zur Therapie der venösen Hypertonie für erforderlich gehalten.Theodor Brugsch: Lehrbuch der inneren Medizin. 2. Band. 5. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1940, S. 812.

Häufigkeit „Es scheint aber doch, daß derartige Venendrucksteigerungen bei Patienten mit kardiovasculär kompensierter [arterieller] Hypertonie relativ selten sind. Das Problem des Verhaltens der Venen beim Hochdruck sollte weiter untersucht werden.“Ernst Wollheim, Julius Moeller: Hypertonie. In: Handbuch der inneren Medizin. 9. Band, 5. Teil. 4. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, ISBN 3-540-02540-5, S. 297.

Beispiele Zum Beispiel findet man bei einer Trikuspidalklappenstenose Venenpulsationen auf dem Handrücken; sie verschwinden beim Vorhofflimmern.Franz Grosse-Brockhoff, K. Kaiser, Franz Loogen: Klinik der Trikuspidalstenose. In: Handbuch der inneren Medizin. 4. Auflage. 9. Band, 2. Teil, Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, ISBN 3-540-02537-5, S. 1490. Ergänzend beschrieb Wilhelm Nonnenbruch bei der Trikuspidalklappeninsuffizienz mit Vorhofflimmern einen pathologischen positiven systolischen Venenpuls.Wilhelm Nonnenbruch: Krankheiten des Kreislaufes. In: Lehrbuch der inneren Medizin. 4. Auflage. 1. Band, Verlag von Julius Springer, Berlin 1939, S. 405. Ähnlich sah Hans Julius Wolf bei der Trikuspidalklappeninsuffizienz einen „starken systolischen Venendruckpuls an der Jugularvene und einen systolischen Leberpuls.“Hans Julius Wolf: Einführung in die innere Medizin. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1957, S. 201. Fritz Lange beschrieb ausführlich bei beiden „Trikuspidalklappen-Erkrankungen“ den Venenpuls und die Venenpulswellen an der Leber, an den Extremitäten sowie an der Stirn.Fritz Lange: Lehrbuch der Krankheiten des Herzens und der Blutstrombahn. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1953, S. 65–67 und 179–184. Willibald Pschyrembel unterschied den pathologischen oder positiven Venenpuls bei der Trikuspidalklappeninsuffizienz vom normalen oder negativen Venenpuls bei einer Schwäche der rechten Herzkammer.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 252. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1975, ISBN 3-11-004844-2, S. 1275. Theodor Brugsch beschrieb ausführlich die Pulskurven und die entsprechenden Venenpulsbilder beim negativen und beim positiven Venenpuls.Theodor Brugsch: Lehrbuch der inneren Medizin. 1. Band. 5. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1940, S. 495.

„Mit dem protodiastolischen Hervorschleudern der vorderen Brustwand geht bei der Mediastinoperikarditis oder der Perikarditis adhaesiva externa eine schnelle Entleerung der Vorhöfe einher, so entsteht der diastolische Venenkollaps.“Theodor Brugsch: Lehrbuch der inneren Medizin. 1. Band. 5. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1940, S. 587.

„Venendruckmessungen bei einer Klappeninsuffizienz in der Vena saphena magna sinistra zeigen beim stehenden Patienten während des Valsalva-Pressversuches einen markanten Druckanstieg infolge venösen Refluxes.“Arnold Kappert: Diagnose arterieller, venöser und lymphatischer Erkrankungen. Verlag Hans Huber, Bern / Stuttgart / Wien 1981; Separatdruck aus dem Lehrbuch und Atlas der Angiologie. ISBN 3-456-81109-8, Abbildung 456, S. 302.

Bei einer Abflussbehinderung aus den Lungenvenen kann es zu einer Drucksteigerung im Lungenkreislauf und somit in den Lungenarterien zur pulmonalen Hypertonie kommen.Herbert Reindell, Helmut Klepzig: Krankheiten des Herzens und der Gefäße. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. 2. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1961, S. 450–598, hier: S. 578–580 (Die Hypertonie im großen und kleinen Kreislauf). Eine „pulmonalvenöse Hypertonie infolge einer Linksherzinsuffizienz verändert die Lungenmechanik schwerwiegend und dadurch auch das Ventilations-Perfusions-Verhältnis.“Das MSD Manual. 6. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, München 2000, ISBN 3-437-21750-X, S. 2042.

Ein erhöhter lokaler Venendruck in den Analvenen zum Beispiel durch andauerndes Pressen oder Husten kann besonders nach langem Sitzen oder bei Kälte eine Perianalthrombose oder Analvenenthrombose verursachen.DocCheck, Flexikon, Stichwort Perianalthrombose.

Diagnostik Die Messung des venösen Blutdrucks (Venendruckmessung,Michael Földi, Norbert Klüken, Michael Collard: Praxis der Lymphgefäß- und Venenerkrankungen. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1974, ISBN 3-437-10334-2, S. 38. PhlebomanometrieGünter Thiele: Handlexikon der Medizin. Teil III: L–R. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr , S. 1894.) erfolgt in erster Linie direkt, also als Messung mittels Punktion einer Vene meistens am Fußrücken (beim stehenden Patienten). Man spricht dann von der blutigen Blutdruckmessung. Unter der Phlebodynamometrie versteht man die „blutige Venendruckmessung unter standardisiertem Bewegungsprogramm.“W. Feuerstein: Nomenklatur Glossarium phlebologicum. In: Hugo Partsch (Hrsg.): Phlebologiekurs der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Proktologie und der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie. Wien 1987, S. 63.