miniatur|hochkant=1.5|Raub der Persephone (Simone Pignoni, ca. 1650) miniatur|Die Entführung der Persephone (Rembrandt van Rijn, ca. 1631) miniatur|Proserpina ruft nach ihren Gefährtinnen (Nicolò dell’Abbate, 16. Jahrhundert) mini|Raub der Proserpina (Albrecht Dürer, Radierung 1516) miniatur|Raub der Persephone. Unten Hades und Persephone auf der Quadriga, rechts davon Hermes. (Persephone-Krater, Antikensammlung Berlin) miniatur|Raub der Proserpina (römischer Grabaltar, 2. Jahrhundert)
Der Raub der Persephone in der griechischen Mythologie bzw. der Raub der Proserpina in der römischen Mythologie ist die Erzählung von der Entführung der Kore, der Tochter Demeters (lateinisch: Ceres), durch Hades (lateinisch: Pluto), den Herrscher der Unterwelt, von der verzweifelten Suche der Mutter und der gefundenen Lösung, nach der Kore als Persephone, Königin der Toten, nur einen Teil des Jahres in der Unterwelt weilt. Dieser Mythos fungiert als Aition dafür, dass die Natur nur zu einem Teil des Jahres Früchte bringt.
Mythos Der Mythos vom Raub der Persephone liegt in mehreren Versionen in unterschiedlichen Quellen vor. Er findet bereits eine kurze Erwähnung in der Theogonie (Vers 914), die Hesiod um 700 v. Chr. verfasste. Eines der frühesten Textzeugnisse, ein Chorlied in der Helena des Euripides (412 v. Chr.) nennt die Bergmutter vom kleinasiatischen Idagebirge als Mutter des geraubten Mädchens.Martin Hose: Studien zum Chor bei Euripides, Teil 2 (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 20). Teubner, Stuttgart 1991, S. 29–33.Bernhard Gallistl: Schmerz und Freude der Mütter. Zum 2. Stasimon der euripideischen Helena. In: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft. Neue Folge Band 41, 2017, S. 145–18. Im vierten Jahrhundert nach Christi Geburt schrieb Claudius Claudianus De raptu Proserpinae, ein Epos in drei Büchern.
Es soll zunächst die wohl älteste, nahezu vollständige Erzählung, nämlich der homerische Hymnus 2 An Demeter, wiedergegeben werden und anschließend die für die Nachwirkung und die Kunstgeschichte der Neuzeit wichtigste Version, nämlich die des römischen Dichters Ovid.
Homerischer Hymnus Vorgeschichte Zeus schenkte Persephone, seine Tochter mit seiner Schwester Demeter, seinem Bruder Hades, dem Gott der Unterwelt. Da Zeus nicht erwarten konnte, dass Demeter dieser Verbindung zustimmen würde, veranlasste er Gaia, die Erde, den Hades bei der Entführung zu unterstützen.
Raub An diesem Punkt setzt der homerische Hymnus ein. Er zeichnet eine Idylle, die jäh unterbrochen wird: Fern von Demeter, der Herrin der Ernte, die mit goldener Sichel schneidet, spielte sie und pflückte Blumen mit den Töchtern des Okeanos, Rosen, Krokus und schöne Veilchen, Iris, Hyazinthen und Narzissen. Die Erde brachte die Narzisse hervor als wundervolle Falle für das schöne Mädchen nach Zeus' Plan, um Hades, der alle empfängt, zu gefallen. Sie war für alle, unsterbliche Götter und sterbliche Menschen, ein wundervoller Anblick, aus ihren Wurzeln wuchsen einhundert Köpfchen, die einen so süßen Duft verströmten, dass der ganze weite Himmel droben und die ganze Erde lachten und die salzige Flut des Meeres. Das Mädchen war bezaubert und streckte beide Hände aus, die Pracht zu greifen. Doch als sie es tat, öffnete sich die Erde und der Herrscher Hades, dem wir alle begegnen werden, brach hervor mit seinen unsterblichen Pferden auf der Ebene von Nysa. Der Herr Hades, Sohn des Kronos, der mit vielen Namen genannte. Um Erbarmen flehend, wurde sie in den goldenen Wagen gezerrt.Homerische Hymnen 2 Für Demeter 4ff. Zitiert nach Marianne Beuchert: Symbolik der Pflanzen – Von Akelei bis Zypresse. Frankfurt a. M. 1995, S. 233f.
Demeters Suche Keiner hörte Kores Schreie, außer der Sonnengott Helios, der sich von Vorgängen auf der Erde jedoch niemals beirren lässt, und Hekate in ihrer Höhle. Schließlich aber drang Kores Not auch an das Ohr der Mutter, die sich sofort aufmachte, die Tochter zu suchen, sie aber nicht finden konnte. Neun Tage lang irrte sie über die Erde, weder Ambrosia noch Nektar zu sich nehmend, neun Nächte lang suchte sie, eine Fackel in Händen, nach einer Spur ihrer Tochter. Am zehnten Tag schließlich traf sie Hekate, die ebenfalls eine Fackel trug und ihr über die Entführung berichtete, den Entführer jedoch nicht benennen konnte.
Darauf stiegen Demeter und Hekate, beide flammende Fackeln in Händen, auf zum Palast des Helios, der Demeter auf ihr eindringliches Flehen hin eröffnete, dass Hades die Tochter geraubt habe. Sie solle sich aber darüber nicht allzu sehr bekümmern, er sei ja ein Gott, zudem ihr Bruder und Herrscher über ein Drittel der Welt.
Demeter in Eleusis Demeter jedoch war über den Raub entsetzt und fern davon, sich zu beruhigen. Sie wollte mit den Göttern nichts mehr zu tun haben und verließ den Olymp, verwandelte ihre Gestalt in die einer alten Frau und wanderte so unter den Menschen, die sie nicht erkannten. So kam sie nach Eleusis zum Jungfrauenbrunnen, wo sie sich unter einem Olivenbaum niederließ. Zu diesem Brunnen kamen die Töchter des Königs Keleos von Eleusis: Kallidike, Kleisidike, Demo und Kallithoe. Sie fragen die vermeintliche Alte, woher sie denn komme und wieso sie so fern ihrer Heimat sei. Demeter antwortete, ihr Name sei Doso, sie komme aus Kreta und sei von Piraten geraubt worden, diesen jedoch schließlich entkommen.
Daraufhin luden die Töchter des Keleos Demeter in das Haus ihres Vaters ein, wo sie freundlich von dessen Frau Metaneira empfangen wurde. Doch die Göttin war still und voll Trauer, wollte nichts essen und nichts trinken, bis die Dienerin Iambe sie durch lose Scherze zum Lächeln brachte. Den angebotenen Wein wies sie ab, verlangte aber stattdessen Kykeon als Trank. Die Göttin übernahm dann die Pflege des Demophon, des spätgeborenen Sohnes von Keleos und Metaneira. Sie salbte den Knaben mit Ambrosia, wodurch er wunderbar gedieh und eher einem Gott als einem Menschen glich, als sie ihn aber eines Nachts in das Feuer hielt, um ihn so unsterblich zu machen, wurde sie von Metaneira überrascht, die ein großes Geschrei erhob, da sie meinte, eine verrückte alte Amme wolle ihren Sohn verbrennen.
Dadurch war die Göttin sehr erzürnt und riss den Knaben aus dem Feuer, wodurch dieser dem Tod verfallen blieb. Dann zeigte sie sich in ihrer wahren Gestalt und verlangte, dass man ihr in Eleusis einen Tempel errichte, was auch geschah. Als Demeter schließlich die Mysterien von Eleusis stiftete, wurde Keleos der erste der Hohepriester.
Kores Rückkehr Zuvor aber ließ sie ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung freien Lauf: Sie befahl den Pflanzen, nicht mehr zu sprießen, und schon bald war alles Land verödet, so dass die Gefahr bestand, dass alle Menschen an Hunger sterben und die Götter allein im Olymp bleiben, ohne die ihnen bislang so angenehmen Opferrauchwolken. Zeus sandte daher den Hermes zu Hades, er möge um des allgemeinen Götterwohls willen Kore freigeben.
Hades schien sich dem Willen des Zeus widerstrebend zu beugen, zwang Persephone aber, bevor sie den Wagen des Hermes bestieg, einige GranatapfelkerneBibliotheke des Apollodor 1,5,3: einen Kern als Speise auf. Als Kore nun zu Demeter zurückgekehrt war, fragte die Mutter sie, ob sie in der Unterwelt auch nichts gegessen habe, worauf Kore bekennt, sie sei von Hades genötigt worden, einige Granatapfelkerne zu essen. Da das geschehen ist und niemand, der von der Speise der Toten gekostet hat, auf Dauer in der Oberwelt bleiben kann, musste Persephone vier Monate in der Unterwelt mit Hades leben, die restlichen acht Monate durfte sie auf der Erde bei ihrer Mutter verbringen.Homerischer Hymnos an Demeter 399–400 Demeter fand sich schließlich mit dieser Regelung ab und willigte ein, die Fruchtbarkeit der Erde wiederherzustellen. Sie stieg auf die Erde hinab, wo sie auf dem Feld des Rharos bei Eleusis das erste Korn sprießen ließ und die Eleusinischen Mysterien stiftete. Die vier Monate in der Unterwelt stellen die unfruchtbare Zeit auf der Erde dar, Demeter ist traurig, und daher blüht keine Pflanze, aber wenn ihre Tochter bei ihr ist, blüht und gedeiht alles.
Metamorphosen des Ovid
Von Ovid wurde der Stoff des Raubs der Proserpina zweimal behandelt, nämlich in seinem bekanntesten Werk, den Metamorphosen,Ovid, Metamorphosen 5,341–571 und in den Fasti.Ovid, Fasti 4,417–620
Raub
Die Metamorphosen beginnen mit einer etwas anderen Schilderung: Bei der Gigantomachie wurde der Gigant Typhon unter Sizilien begraben, wo er immer noch ruhelos gegen seine Bande ankämpft und die Erde zum Beben bringt. Pluto in der Unterwelt fürchtet um sich und sein Reich und vor allem, dass die Erde bersten und die Sonne in sein Schattenreich scheinen könnte. Der furchtsame Hades hat Tradition. In der Theogonie des Hesiod heißt es, dass Hades zitternd in der Unterwelt blieb, während sein Bruder Zeus tapfer eine Schlacht mit Typhon auskämpfte und ihn schließlich bezwang.Hesiod, Theogonie 820ff. Um sich zu beruhigen, besteigt Pluto seinen von vier schwarzen Rossen gezogenen Wagen, um die Fundamente Siziliens zu inspizieren.
miniatur|Venus und Amor sehen Pluto in seinem Wagen (Virgil Solis, 1581). miniatur|Pluto fährt durch die Quelle der Cyane hinab in die Unterwelt (Virgil Solis, 1581). Auf dieser Fahrt bemerkt ihn Venus, die in Gesellschaft des Amors hoch auf den Bergen thront. Sie meint, dass, nachdem kein Teil der Welt von den Pfeilen Amors verschont bleiben solle, auch die Unterwelt nun ihr Teil an der Macht der Liebe zu spüren bekommen solle. Und außerdem sei ihr die bislang immer noch jungfräuliche Proserpina ohnehin schon ein Dorn im Auge. Minerva und Diana hätten sich schon der Jungfräulichkeit verschworen und sich ihrer Macht entzogen, sie könne es nicht weiter hinnehmen, wenn sich das ausbreite. Amor solle unverzüglich den stirnrunzelnd Inselfundamente begutachtenden Pluto mit seinem Pfeil treffen.
Die Entführung findet bei Ovid am See Pergusa in der Nähe von Enna auf Sizilien statt: Mit tiefgehender Flut liegt nahe den Mauern von Henna, Pergus genannt, ein See. Mehr Sänge von Schwänen als dieser Hört selbst nicht in dem Strom hingleitender Wellen Caystros. Rings das Ufer entlang kränzt Wald die Gewässer und wehret Phöbus' glühendem Stich mit dem Laub, wie mit schützendem Vorhang. Kühlung beut das Gezweig, und die Au nährt tyrische Blumen. Ständiger Frühling herrscht. …Metamorphosen 5,385–391. Übersetzung von Reinhart Suchier. Pluto, von Amors Pfeil getroffen, sieht die dort mit ihren Gefährtinnen spielende und Blumen pflückende Proserpina, entbrennt in Liebe, packt sie und rast davon – „so ist die Hast der plötzlichen Liebe“Ovid, Metamorphosen 5,396: usque adeo est properatus amor. – über Stock, Stein und den in Schwefeldünsten brodelnden Palicorum Lacus.See beim Heiligtum der chthonischen Palikoi, heute der Lago di Naftia bei Palagonia
Die Nymphe Cyane hatte den Mut, sich Hades in den Weg zu stellen, der aber ließ die Erde sich auftun und fuhr mit dem Wagen und der sich sträubenden Braut hinab in die Unterwelt. Cyane war über ihr Versagen so untröstlich, dass sie sich buchstäblich in Tränen auflöste und in die Cianequelle verwandelt wurde.
Suche der Ceres
miniatur|Ceres wird von Askalabos verspottet (Gemälde von Adam Elsheimer, 1562). Auch bei Ovid machte sich nun die Ceres auf, die verlorene Tochter zu suchen. Auch sie trägt Fackeln bei ihrer nächtlichen Suche, freilich sind es jetzt ganze Fichtenstämme, die sie am Ätna entzündet.Ovid, Metamorphosen 5,441ff. Als sie bei ihrer rastlosen Suche durstig wird, und von Misme, einem alten Weib, freundlich empfangen wird, die ihr Kykeon zu trinken gibt, den sie einem Zug austrinkt, wird sie von Askalabos verspottet, der sich lustig macht über ihr gieriges Trinken. Zur Strafe wird er von Ceres in eine Sterneidechse verwandelt.