mini|Titelblatt der Erstausgabe des ersten Teils (1771) Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim von Sophie von La Roche gilt als erster deutschsprachiger Roman, der von einer Frau verfasst wurde. Der moralisch-empfindsame Briefroman wurde 1771, in der Zeit der Aufklärung, zunächst anonym durch den Herausgeber Christoph Martin Wieland veröffentlicht.
Inhalt
In dem Roman Geschichte des Fräuleins von Sternheim wird ein Abschnitt des Lebens von Sophie von Sternheim, Tochter eines geadelten Obersten und seiner aus dem englischen Adel stammenden Frau, geschildert. Erzählt wird die Geschichte hauptsächlich durch Briefe Sophies an ihre Freundin Emilia,Herboth (1998), S. 275f. jedoch kommen auch andere Verfasser in Briefen zu Wort. Der Roman ist in zwei Teile gegliedert.
Der erste Teil schildert die Vergangenheit von Sophies Eltern. Ihr Vater, Oberst Sternheim, verliebt sich in Sophie, die Schwester seines Freundes Baron von P. Obwohl ein Standesunterschied besteht, kommt es schließlich zur Ehe der beiden. Sophie kommt zur Welt und wird nach christlichen Werten erzogen. Ihre Mutter stirbt früh, so dass hauptsächlich der Vater für ihre Erziehung verantwortlich ist. Als Sophie von Sternheim neunzehn ist, stirbt auch ihr Vater. Sie muss das Landgut ihres Vaters verlassen und in die Hauptstadt D. zu ihrem Onkel und ihrer Tante, Gräfin Löbau, ziehen. Entgegen ihrer natürlichen, tugendhaften Erziehung soll sie die Mätresse des Fürsten werden, da sich ihr Onkel dadurch einen politischen Vorteil erhofft. Sophie soll sich dem Hofe anpassen und sich um ihre Äußerlichkeiten kümmern, anstatt sich zu bilden.
Am Hofe lernt Sophie Lord Derby und Lord Seymour kennen, die beide aus gutem englischen Hause stammen. Während sie Lord Derby zunächst abstoßend findet, fühlt sie sich zu Lord Seymour hingezogen, was dieser anfänglich erwidert. Irritiert von ihrem naiven Verhalten wendet er sich aber schließlich ab. Bei einem Land- und Maskenfest redet Sophie mit dem Pfarrer und wird zusammen mit dem Fürsten gesehen, worauf Lord Seymour auf ein Verhältnis zwischen ihr und dem Fürsten schließt. Sophie durchschaut später die Intrige ihrer Tante und fühlt sich getäuscht.
Inzwischen mimt Lord Derby einen tugendhaften Mann und hilft der Familie T., derer sich auch Sophie angenommen hat. Sie ist von seinem Verhalten beeindruckt und sieht den einzigen Ausweg, ihrem Schicksal als Mätresse zu entkommen und ihre Tugend wiederherzustellen, darin, Lord Derby zu heiraten. Dieser inszeniert eine Scheinhochzeit.Bogner (2009), S. 211f. Sein Diener verkleidet sich als Geistlicher und traut die beiden. Nach ein paar Wochen verlässt Lord Derby Sophie und geht zurück nach England, da er sich aufgrund ihrer Schwermut langweilt und sich herausstellt, dass sie noch Gefühle für Lord Seymour hat. Sophie ändert nach dieser Enttäuschung ihren Namen in „Madam Leidens“, unterrichtet an einer Gesindeschule bei Madam Hills Mädchen und legt ihnen die Tugend nahe.
In Spaa lernt sie Lady Summers kennen, die sie nach England auf ihr Gut holt, um dort als Gesellschafterin für sie zu arbeiten. Dort lernt sie ihren Nachbarn Lord Rich kennen, der sich in Sophie verliebt und, wie sich später herausstellt, der Bruder von Lord Seymour ist. Lord Derby ist mittlerweile mit der Nichte von Lady Summers verheiratet. Er lässt Sophie vor seinem Besuch mit seiner Frau bei Lady Summers entführen, da er sich vor Komplikationen fürchtet. Er befiehlt, sie ins Bleigebirge zu einer armen Köhlerfamilie zu bringen. Sophie nimmt sich dort Derbys unehelicher Tochter an. Nachdem Derby Sophie zum letzten Mal nach einer Eheschließung fragt und sie diese ablehnt, sperrt sein Diener Sophie in einen Turm ein, während Lord Derby in dem Glauben gelassen wird, Sophie sei tot. Dieser wird daraufhin todkrank und gesteht Lord Seymour und seinem Bruder den Aufenthaltsort von Sophie, damit ihr Leichnam geholt und standesgemäß beerdigt werden könne. Lord Seymour stellt fest, dass ihr Ableben lediglich vorgetäuscht war: Die Familie hatte Sophies Tod vorgegeben, um sie zu retten, da sie sich tugendhaft ihrer angenommen hat und sich um die uneheliche Tochter von Lord Derby gekümmert hat. Sie heiratet Lord Seymour, bekommt einen Sohn und führt ein tugendhaftes Leben.vgl. Niethammer, Ortrun: Kindlers Literatur Lexikon Online Geschichte des Fräuleins von Sternheim. URL: http://www.kll-online.de/ Zugriff am 23. Juni 2010 9:11
Interpretation
Der Roman fand bereits direkt nach Erscheinen begeisterte Leser und zählt zu den Werken, die die literarische Epoche der Empfindsamkeit wesentlich beeinflusst und die Gattung des Frauenromans begründet haben. Da sich das Fräulein von Sternheim den Adels-Konventionen widersetzt und aus eigener Kraft tugendhaft bleibt, nehmen sich die Leserinnen die Protagonistin als Vorbild an Selbstbestimmung.Juliane Ziegler: Vorbilder: Eine unabhängige Frau, in: chrismon plus Januar, 01.2015, S. 29. Mit Hilfe ihrer großbürgerlichen, pietistisch geprägten Herkunft konnte Sophie von La Roche in dieser sehr gefühlsbetonten Strömung im Rahmen der europäischen Aufklärung ihre menschlichen Gefühlsäußerungen und ethischen Werte in diesem Werk verständnisvoll verdeutlichen. Sie wendet sich damit vornehmlich an das neu entstehende Lesepublikum der Frauen des Bildungsbürgertums:Vgl. Becker-Cantarino (2008): S. 87.
Zusammen mit der von der Natur gegebenen Fähigkeit des Menschen, sich moralisch gut zu verhalten, bedeutete Tugend im 18. Jahrhundert die konkrete Umsetzung der Vorstellung von der Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen. Vervollkommnung stellte dabei das Ziel sowie die von Gott gegebene Aufgabe des Menschen dar. Zahlreiche Erziehungsschriften und Romane aus dieser Zeit, so auch die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, befassen sich daher mit den Fragen, ob und wie Tugend gelernt, ausgebildet und an sich und anderen überprüft werden kann und sollte.Vgl. Dane (1996): S. 171. Anhand der jungen Protagonistin wird gezeigt, zu
La Roche bietet dies alles nicht in einem Stil von , sondern vermittelt die Geschichte natürlich mit Hilfe von inneren Seelenvorgängen. . Das Werk stellt dabei jedoch keine statische, psychologische Zeichnung dar, sondern erzählt die Geschichte der Sophie von Sternheim,
Am Hofe, an den Sophie ziehen musste und wo sie ihr Glück in der Gesellschaft mit einer standesgemäßen Heirat machen könnte, ist die bürgerlich denkende Sophie Sie hält jedoch an ihren Wertvorstellungen fest, so liest sie, schreibt, beschäftigt sich mit weiblichen Handarbeiten, gibt Bedürftigen Almosen und sucht Freundschaften. Das intrigante Spiel des Hofes – sie soll als Fürstenmätresse Lustobjekt werden und so der politischen Macht ihres Onkels dienen – durchschaut sie nicht. Sophie erkennt auch die wahre Liebe des Lord Seymour nicht, der sie über ihre Situation als Objekt der Erotik aufklärt. Verunsichert und desillusioniert und ohne sich mit ihr nahestehenden Personen zu beratschlagen entscheidet sie sich schnell zur heimlichen Heirat mit Lord Derby, um dem Leben am Hofe zu entfliehen. Sie macht sich so aus Enttäuschung, Schamgefühl, Wut und Stolz zum Lustobjekt des falschen Derby.
Sophie erkennt ihre Täuschung und ihr Unglück schnell.Vgl. Becker-Cantarino (2008): S. 96 f. Diese Situation beschreibt
Aufgrund der zahlreichen thematisierten Problemzusammenhänge ist der Roman also aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und zu interpretieren, beispielsweise aufgrund seiner didaktischen Ausrichtung, seiner Bedeutung im Rahmen von Sozialgeschichte oder der sich verändernden Frauen- und Geschlechterrollen im 18. Jahrhundert. Zentral erscheint hier die didaktische Absicht, auf die die Geschichte der Sophie von Sternheim abzielt: Durch ihren Fehler, sich in Derby zu täuschen, das Ideal einer Liebesheirat zu verdrängen und somit einer Ehe auf dem Boden der Vernunft einzugehen, wird Sophie ins Unglück gestürzt. Schon ihr im Sterben liegender Vater bat den Pfarrer in seinem letzten Brief, darauf Acht zu geben,
Die Grenzen des aufgeklärten Tugendideals werden hier deutlich: Es scheint, als läge all das Unglück, welches ihr widerfährt, in der Tugendhaftigkeit. Durch diese eindimensionale Weltsicht geht sie schnell davon aus, dass auch andere, so auch Derby, diese Lebensauffassung teilen und nach diesem Ideal handeln. Jedoch besteht für Sophie die Schwierigkeit, echte und ehrliche Tugendhaftigkeit im verstellten, täuschenden und oberflächlichen höfischen Leben zu erkennen, da Tugendhaftigkeit Personen in erster Linie durch ihr öffentliches Auftreten und Handeln zugeschrieben wird und die wirklichen Absichten und Überzeugungen der betreffenden Personen der Protagonistin so weitgehend unerkannt bleiben – nur dem Leser eröffnen sich durch die Briefe der Figuren deren wahre, aber auch die vorgetäuschten Absichten. Öffentliches Handeln und Verhalten musste also nicht nur tugendhaft sein, es musste auch öffentlich als solches anerkannt sein. Es erfordert also Selbstreflexion und -kontrolle, mit Blick auf andere, wie aber auch sich selbst. Hierbei ergibt sich unter anderem die Gefahr der Eitelkeit und Berechnung, so dass Tugendhaftigkeit schnell in ihr Gegenteil umschlägt.Vgl. Dane (1996): S. 183. Außerdem wird deutlich, dass es nicht möglich ist, nur von einzelnen Handlungen einer Person auf den Charakter als Gesamtes zu schließen:
Sophie wird schon früh neben Philosophie, Geschichte, Sprachen, Musik auch im Tanzen gelehrt, der Intention und Überzeugung ihres Vaters nach, um die Bewegungen einer schnell und groß wachsenden Person schon beim Wachstum zu Harmonie schulen und angenehm machen zu können. Am Hofe bekommt sie nun für ihr Können Komplimente, wird aber auch für kokett gehalten. Sophie selbst jedoch ist außer Stande, diese beiden Auslegungsmöglichkeiten zu erkennen, denen sie und ihr Auftreten unterworfen sind.
Sophie gefallen die höfischen Zeremonien und das Zurechtmachen am Putztisch nicht, sie arrangiert sich aber damit. Nur bei dem Fest, auf dem die Teilnehmer in Bauernkleidern erscheinen, fühlt sie sich (aufgrund ihrer Bescheidenheit und Demut) wohl und findet dort mit den Werten ihrer Herkunft eher Zufriedenheit und Bestätigung, durchschaut aber die Oberflächlichkeit dieser künstlichen Inszenierung nicht. Sie sieht in ihrem Kleid gut aus und führt dies auf die Einfachheit der Kleidung zurück, für Derby allerdings ist es nur eine Verkleidung, in der sie sich durch ihre Person in Schönheit von den anderen Frauen abhebt. Diese verschiedenen Sichtweisen treffen unabhängig voneinander zusammen und die Aufgabe des Lesers ist es, sie erkennen und richtig einschätzen zu lernen.Vgl. Dane (1996): S. 187 f.
Durch ihre Art, menschliche Verhaltensweisen zu deuten, wird Sophie anfällig für Täuschungen. Dadurch verliert sie im Roman zeitweise ihre Tugend in den Augen der höfischen Öffentlichkeit, insbesondere in denen Lord Seymours. Die Abhängigkeit der Auslegung von Situationen und Verhaltensweisen hängt stark von den Gefühlen der jeweiligen Figuren ab, welches bei der brieflichen Beschreibung einer Situation durch die verschiedenen Figuren erkennbar wird. So werden die daraus folgenden Fehler der Figuren und deren Gründe (zunächst) wieder nur dem Leser vor Augen geführt.Vgl. Dane (1996): S. 189 ff. Es wird deutlich,
Der Roman behandelt nicht nur die tugendhafte Empfindsamkeit, er zielt auch auf eine gewisse Menschenkunde in der Zeit des höfischen Absolutismus ab.Vgl. Dane (1996): S. 191.
Parallelen zur Biographie La Roches mini|Sophie von La Roche mit ihrer Tochter Maximiliane und deren Ehemann (ca. 1773/1774)