mini|Kondolenz an der Ostrampe (3. August 2010) Das Unglück bei der Loveparade 2010 ereignete sich während der 19. Veranstaltung dieser Art am 24. Juli 2010 in Duisburg. Dabei kamen 21 Menschen ums Leben, mindestens 652 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.. lg-duisburg.nrw.de, 12. Dezember 2017, Seite 2. Mindestens sechs Überlebende begingen Suizid wegen andauernder seelischer Belastungen, laut Selbsthilfeverein LoPa-2010 vom Juli 2014.

Das Unglück geschah im unteren Bereich der östlichen Hauptrampe im Zugangsbereich der Loveparade, wo es zu einem Gedränge, zu Wellenbewegungen und massiven Drucksituationen unter den Besuchern gekommen war.

Nach langjährigen Ermittlungen und 183 Hauptverhandlungstagen wurde im Mai 2020 das Strafverfahren eingestellt. Hergang und Ursachen des in den Medien oft als MassenpanikTagesschau.deKölner StadtanzeigerTagesspiegel.de bezeichneten Unglücks konnten in der Hauptverhandlung und anhand eines Gutachtens weitgehend aufgeklärt werden: Bei Planung und Genehmigung der Loveparade 2010 wurde die fehlende Eignung des Geländes nicht erkannt. Das Gericht sah die individuelle Schuld der zehn Angeklagten des Veranstalters und der Stadt Duisburg als verbleibend gering an, auch unter der Berücksichtigung, dass diese fast zehn Jahre einem Strafverfahren ausgesetzt waren.

Infolge der Katastrophe beendete der Organisator der Loveparade die seit 1989 bestehende Veranstaltungsreihe.

mini|hochkant=1.4|Blick auf die Loveparade 2010. Im Vordergrund Floats (Blick von Norden zur Hauptbühne, 24. Juli 2010, 17 Uhr) mini|hochkant=1.4|Blick nach Süden über den Hauptbahnhof Duisburg (Vorplatz) zum Veranstaltungsgelände; am rechten Bildrand die A 59 (Juni 2010)

Hintergründe, Ereignisse im Vorfeld der Veranstaltung Die Loveparade war eine von 1989 bis 2003 jährlich und nochmals 2006 in Berlin veranstaltete Technoparade, die 2007, 2008 und 2010 an wechselnden Orten im Ruhrgebiet stattfand. Sie galt als größte Tanzveranstaltung der Welt und war für die Besucher kostenlos. In den Jahren 2004 und 2005 sah sich der bisherige Veranstalter finanziell nicht mehr in der Lage, die Loveparade durchzuführen. Ab dem Jahr 2006 trat die Lopavent GmbH des Unternehmers Rainer Schaller als Veranstalter auf. Hauptsponsor der Parade war die ebenfalls von Schaller gegründete und geführte McFit GmbH. Der Relaunch der Loveparade fand noch 2006 in Berlin statt.

Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der Stadt Berlin schloss Lopavent 2007 einen Vertrag mit der Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH, der für die Jahre 2007 bis 2011 die jährliche Durchführung der Loveparade an wechselnden Orten des Ruhrgebiets vorsah. Die Veranstaltungen in Essen (2007) und in Dortmund (2008) wurden wie geplant durchgeführt. Die für 2009 in Bochum geplante Loveparade wurde jedoch wegen Sicherheitsbedenken abgesagt, unter anderem wegen mangelnder Kapazität des Bochumer Hauptbahnhofes und des Fehlens eines geeigneten Streckenverlaufes. Die für 2011 geplante Loveparade in Gelsenkirchen kam nicht mehr zustande.

Die Verhandlungen zwischen der Stadt Duisburg und Lopavent zur Durchführung der Loveparade begannen bereits 2007. Nach ersten Vorprüfungen möglicher Strecken im Herbst 2008 wurden Überlegungen angestellt, das nahe dem Duisburger Hauptbahnhof gelegene Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs entsprechend herzurichten. Stadt Duisburg, 3. August 2010 Im Februar 2009 wies der damalige Polizeipräsident von Duisburg Rolf Cebin darauf hin, dass es problematisch sei, ein geeignetes Veranstaltungsgelände zu finden, und stellte eine Loveparade in Duisburg wegen Sicherheitsbedenken in Frage. Cebin wurde für diese ablehnende Haltung kritisiert, unter anderem forderte ihn der CDU-Kreisverband Duisburg zum Rücktritt auf. Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg forderte seine Ablösung. cdu-duisburg.de, 9. Februar 2009 Im Oktober 2009, nach Gesprächen mit dem Grundstückseigentümer und Klärung der Rahmenbedingungen, entschieden sich die Stadt Duisburg, der Veranstalter und die Ordnungsbehörden gemeinsam für das Veranstaltungsgelände.

Besucherzahlen 2010 Nach Angaben des Veranstalters hatten die Veranstaltungen 2007 in Essen 1,2 Millionen und 2008 in Dortmund 1,6 Millionen Besucher. Am Veranstaltungstag gab Schaller an, dass im Laufe des Tages insgesamt 1,4 Millionen Besucher an der Veranstaltung in Duisburg teilgenommen hätten. Medienberichten zufolge belegen interne Papiere des Veranstalters, dass die offiziellen Besucherzahlen der Loveparade seit Jahren überhöht angegeben wurden. Der Veranstalter forderte im Vorfeld der Veranstaltung die Städte auf, die Besucherzahlen aus Marketing-Gründen zu übertreiben. Zur Ermittlung der „öffentlichen Besucherzahl“ sei die Zahl der tatsächlich erwarteten Besucher nach internen Maßgaben verdreifacht worden.

Vor dem Event ging der Veranstalter laut seinen Planungsunterlagen davon aus, dass maximal 485.000 Menschen über den Tag verteilt Stadt Duisburg, 1. September 2010 das abgesperrte Veranstaltungsgelände mit einer Fläche von 110.000 Quadratmetern besuchen würden, von denen 250.000 Menschen maximal gleichzeitig anwesend sein sollten. Die Genehmigung der Nutzungsänderung belief sich dementsprechend auf 250.000 gleichzeitig anwesende Menschen. Ordnungsamt und Kulturausschuss der Stadt Duisburg erwarteten noch im Dezember 2009 rund eine Million Besucher in und um Duisburg. Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe gab sich sicher, dass auch bei einer nötigen Sperrung des Zugangs zum Veranstaltungsgelände wegen Überfüllung der Besucherstrom problemlos gesteuert werden könne. Insgesamt erwartete er . Der Sprecher der Deutschen Bahn AG, Udo Kampschulte, hielt Probleme für möglich, wenn sich die Fahrgäste der 700 Sonderzüge nicht an die vorgeschriebenen Wege halten und zum Beispiel die Gleisanlagen überqueren würden. Die Deutsche Bahn gab später an, zwischen 9:00 Uhr und 14:00 Uhr etwa 105.000 Personen nach Duisburg befördert zu haben.Jörg Diehl: Partygelände war nur für 250.000 Menschen zugelassen. Spiegel Online, 25. Juli 2010

Nach Analysen des Sachverständigen Jürgen Gerlach, der im Rahmen der Gutachtenerstellung für das Landgericht Duisburg Videoauswertungen vorgenommen hat, betrug die rekonstruierte Besucherzahl bis zur Schließung des Geländes um 17:00 Uhr insgesamt rund 114.000 Personen. Gegen 17:00 Uhr befanden sich nach Auswertung des Video- und Bildmaterials schätzungsweise noch etwa 20.000 Personen auf den Zuwegen. Bis 17:00 Uhr betrug der Gesamtzufluss vor den Eingängen bzw. Vereinzelungsanlagen demnach etwa 134.000 Personen. Erwartet wurden laut den Planungsunterlagen des Veranstalters bis 17:00 Uhr ungefähr 290.000 Personen, so dass weniger als die Hälfte der maximal erwarteten Personen am 24. Juli 2010 das Gelände aufgesucht haben. Dabei war gegen 15:30 Uhr der Zugverkehr zum Duisburger Hauptbahnhof wegen Personen im Gleis für ca. 90 Minuten, also bis zur Schließung des Geländes, erheblich eingeschränkt.

Ortsbeschreibung mini|Lageplan des Veranstaltungsgeländes auf dem ehemaligen Güterbahnhof.Blau: BAB 59; Grau: Bahntrasse;Bildrand oben Mitte: Hauptbahnhof;Stadtteile: Hochfeld (links, westl.); Neudorf-Süd (rechts, östl.)

Die Loveparade 2010 in Duisburg fand auf dem Gelände des ehemaligen Hauptgüter- und Rangierbahnhofs statt. Dieser liegt direkt südlich des Hauptbahnhofs im Stadtbezirk Mitte und war bereits vor der Planung der Veranstaltung bis auf einige Hallenruinen und Nebengebäude weitgehend abgebrochen worden. Das Freigelände wird nach Westen von der Bundesautobahn 59 begrenzt, nach Osten bilden die Gleisanlagen der Deutschen Bahn AG die Begrenzung. An diesen beiden Seiten waren zum Zeitpunkt der Veranstaltung im Abstand von etwa 15 Metern zur Grundstücksgrenze Bauzäune aufgestellt worden. Sie sicherten Notwege zum bzw. vom Gelände.

Strecken vom Hauptbahnhof zum Veranstaltungsgelände Im Hauptbahnhof wurde jeder Bahnsteig durch eine Absperrung unterteilt, um Behinderungen zwischen ankommenden und abreisenden Gästen innerhalb des Bahnhofsbereichs zu vermeiden. Eine direkte Sichtverbindung vom Hauptbahnhof zum Veranstaltungsgelände sollte durch aufgespannte Planen verhindert werden, um Besucher vom Überqueren der Gleisanlagen abzuhalten. Die Besucher wurden auf zwei Strecken westlich und östlich um das Veranstaltungsgelände zum Eingangsbereich an der Karl-Lehr-Straße geleitet. Besucher aus Richtung Düsseldorf wurden durch den Haupttunnel des Hauptbahnhofs und Besucher aus Richtung Oberhausen und Essen über den Nordtunnel des Hauptbahnhofs geführt. Man erwartete, so auf die Besucherströme größtmöglichen Einfluss nehmen zu können. Für die Sicherheit und Ordnung im öffentlichen Raum waren das Ordnungsamt der Stadt Duisburg und die Polizei zuständig, für das Gelände des Hauptbahnhofs die Bundespolizei.

Zugang zum Veranstaltungsgelände Der Hauptzugang für die Besucher der Loveparade führte über die Karl-Lehr-Straße im Süden des Veranstaltungsgeländes. Diese etwa einen Kilometer Luftlinie südlich vom Hauptbahnhof gelegene Straße verbindet die Duisburger Stadtteile Neudorf-Süd und Dellviertel. Sie verläuft auf einer Länge von etwa 400 m durch einen Straßentunnel unter dem Bahngelände und der Autobahn A 59 hindurch. An den beiden äußersten Tunneleingängen befanden sich Eingangsschleusen des Veranstalters, an denen man Besucher kontrollieren und den Besucherstrom regeln konnte. Von der Karl-Lehr-Straße zweigen zwei Rampen zum höher gelegenen Teil des Veranstaltungsgeländes ab. Die östliche Hauptrampe war als Zu- und Abgang vom Gelände vorgesehen.Der Spiegel 31/2010, Seite 24. Stadtplan Die zweite, westliche Rampe sollte nur als Ausgang dienen.

Der Veranstalter rechnete über längere Zeiträume hinweg mit einem Zufluss und Abfluss von jeweils über 40.000 Personen pro Stunde. Im Zufluss wurden eine Stunde lang 90.000 Personen pro Stunde (17:00 Uhr bis 18:00 Uhr) erwartet und im Abfluss zwei Stunden zeitversetzt 70.000 Personen pro Stunde (19:00 Uhr bis 20:00 Uhr). Diese Zahlen waren angesichts der Erwartung, dass 90 Prozent der Besucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen würden und die Deutsche Bahn – als Hauptverkehrsmittel – circa 31.700 Personen pro Stunde befördern konnte, überhöht.

Der Aufbau und die Dimensionierung der Einlassschleusen vor den Tunneleingängen waren nicht auf die zu erwartenden Personenmengen ausgerichtet. Die beiden engsten Stellen der Einlassschleusen West und Ost sollten nach den Planungsunterlagen im Zufluss nur eine Gesamtbreite von rund neun Metern aufweisen. Aus Sicht des Landgerichtes Duisburg war es vorhersehbar und vermeidbar, dass die Engstellen in jedem Fall kapazitätsmindernd sein würden. Nimmt man für den Durchfluss an den Engstellen der Vereinzelungsanlagen einen durchschnittlich zu erwartenden Kapazitätswert von an, so war auf der Grundlage der Planunterlagen zu erwarten, dass insgesamt nur rund Personen pro Stunde – und bei weitem nicht die über längere Zeiträume hinweg erwarteten mehr als 40.000 Personen pro Stunde – die Engstellen beider Eingänge im Zufluss passieren konnten.

Neuralgische Stellen des Zugangs zum Veranstaltungsgelände waren dementsprechend nicht die Tunnel und die Rampen, sondern die Eingänge mit den Eingangsschleusen vor dem Tunnel sowie der Bereich oberhalb der östlichen Hauptrampe. Anders als bei allen vorangegangenen Loveparades mussten alle ankommenden Personen diesen Bereich zunächst passieren, um dann zu den Attraktionen des Veranstaltungsgeländes einschließlich der beiden Bühnen zu kommen. Unter Berücksichtigung der Attraktivität dieses Bereiches für ankommende Besucher sowie des Umstands, dass die Parade- und Floatstrecke potenziell wie ein Fließkanal wirkte und die Personen langsam mit sich zog, war dort von Beginn der Floatparade an die Gefahr von hohen Personendichten, Stillstand, Rückstaus und Menschenandrang gegeben. Dieser Bereich war mit rd. 30 m Breite viel zu schmal ausgebaut.