Mit dem nicht einheitlich verwendeten Begriff Social Design werden seit den 2000er Jahren Konzepte und Projekte von Designern, Architekten, Unternehmern, Politikern und Aktivisten bezeichnet, welche das Gemeinwohl, Partizipation, Demokratie und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellen. Jede Designpraxis steht zwar in einem gesellschaftlichen Kontext und kann damit im weitesten Sinn als „sozial“ verstanden werden, kennzeichnend und konstitutiv für Social Design Projekte sind jedoch partizipative und demokratische bottom-up Prozesse, die auf Teilhabe und Empowerment der Beteiligten ausgerichtet sind. Social Design umfasst als "erweiterter Designbegriff" eine breite Palette von Projekten, Methoden, politischen Aktionen und Studiengängen zur ästhetischen und ethischen Gestaltung von sozialen Dingwelten, sozialen Innovationen und urbanen Räumen. Social Design versteht sich als „Design mit Gewissen“ und als Katalysator für einen positiven sozialen Wandel insbesondere in einem von sozialer Ungleichheit geprägten städtischen Umfeld.

Die Evolution des Social Design Vorgeschichte Die Anfänge des Social Design avant la lettre – verstanden als Design für und mit der Gesellschaft – liegen in den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Krisen, die durch die Industrielle Revolution ausgelöst wurden. Frühe Vertreter des „socially responsible Design“ sind William Morris und John Ruskin.

Anfang des 20. Jahrhunderts stehen der Deutsche Werkbund und später das von Walter Gropius 1919 in Weimar gegründete Bauhaus für sozial verantwortliche Gestaltung. Insbesondere Hannes Meyer, Ernst May, Margarete Schütte-Lihotzky, Leberecht Migge und Ferdinand Kramer hoben die soziale Verantwortung von Gestaltern, Städtebauern und Architekten in ihrer gestalterischen Praxis hervor. In den 1950er Jahren setzte die Hochschule für Gestaltung Ulm diese Tradition fort.

Für das amerikanische Designerehepaar Charles und Ray Eames besteht die Kernkompetenz von Designern in der Fähigkeit, im Zusammenhang mit einem Gestaltungsproblem so viele Zwänge (constraints) wie möglich zu erkennen und in der Bereitschaft und dem Enthusiasmus, innerhalb dieser Zwänge (Kosten, Zeit, Material etc.) zielorientiert zu arbeiten.

Der amerikanische Nobelpreisträger Herbert A. Simon fordert im Hinblick auf die zunehmende Fähigkeit des Menschen die Welt zu verändern, die Entwicklung eines wissenschaftlichen Verständnisses für die vom Menschen geschaffenen „künstlichen Welten“:

Die 1960er und 1970er Jahre mini|10 Properties of Wicked Problems

Der Designtheoretiker Horst Rittel untersuchte seit Mitte der 1960er Jahre gemeinsam mit Melvin Webber Planungs- und Gestaltungsprozesse und kam zu dem Schluss, dass soziale und gesellschaftliche Planungsprobleme in einer offenen Gesellschaft weder definitiv formuliert werden können noch eindeutig und endgültig lösbar sind. Diese „wicked problems“ erfordern nach Rittel einen transdisziplinären, iterativen Lernprozess, der – eingebettet in einen organisatorischen Rahmen – wiederholt Varietät erzeugt und reduziert. Nach Wolfgang Jonas kann Rittel damit als Vordenker des Social Transformation Design angesehen werden, „ohne dabei der Sozialromantik und Sozialarbeiterattitüde engagierter Designer zu verfallen und ohne die methodischen Ansätze des individualisierten Human-centered Design unkritisch auf soziale Probleme zu übertragen“.

Der amerikanische Architekt, Philosoph und Designer Buckminster Fuller thematisierte als einer der Ersten in den 1960er Jahren die Zusammenhänge zwischen Energieeffizienz, Gebäudekonzepten und nachhaltiger Entwicklung im planetarischen Kontext eines „Raumschiff Erde“.

In den 1970er Jahren traten globale ökologische, ökonomische und soziale Krisen immer stärker ins öffentliche Bewusstsein. Die Grenzen des Wachstums wurden mit der Ölpreiskrise von 1973 deutlich sichtbar. Designer, Künstler und Aktivisten wie Enzo Mari, Joseph Beuys und Stewart Brand thematisierten aus unterschiedlichen Perspektiven ökologische und soziale Aspekte der Konsumgesellschaft (Do it yourself, Soziale Plastik, Selbstversorgung) und propagierten Eigenverantwortung, gesellschaftlichen Dialog und Partizipation. Der österreichisch-amerikanische Designer Victor Papanek begründete mit seinem 1971 veröffentlichten kritisch-polemischen Buch Design for the Real World: Human Ecology and Social Change maßgeblich den bis heute geltenden Einfluss des Social Design im Design Thinking.

Die 1980er und 1990er Jahre In den 1980er Jahren wurden von Designern in den wohlhabenden westlichen Industrieländern ökologische und soziale Kriterien zwar zunehmend zur Kenntnis genommen und diskutiert, eine grundlegende Neuausrichtung der absatzorientierten Produktion und des konsumorientierten Lebensstils hin zur Kreislaufwirtschaft erfolgte jedoch nicht. In den 1990er Jahren wurde dann mehr und mehr deutlich, dass ein schlichtes „re-design of what exists“ nicht ausreichen würde, um die sich zuspitzenden globalen ökologischen, ökonomischen und sozialen Krisen nachhaltig lösen zu können.

Der Soziologe und Designtheoretiker Lucius Burckhardt wies bereits Anfang der 1980er Jahre darauf hin, dass Gestaltung immer auch die unsichtbaren sozialen, institutionellen und gesellschaftlichen Kontexte umfasst: „Design ist unsichtbar“. Mit seiner Promenadologie zielte Burckhardt auf die Erweiterung der Umweltwahrnehmung und die Entwicklung einer sensibleren Bau- und Planungskultur.

Der an der Harvard Graduate School of Education lehrende David N. Perkins veröffentlichte 1986 das Buch Knowledge as Design, in dem Wissen als ein Designprozess dargestellt wird, anstatt lediglich als eine Sammlung von Fakten oder Informationen. Diese Perspektive betont die kreativen, konstruktiven und praktischen Aspekte des Wissens und sieht es als etwas an, das aktiv gestaltet werden kann, um Probleme zu lösen und neue Einsichten zu ermöglichen.

Seit dem Jahr 2000 Seit Beginn des 21. Jahrhunderts, insbesondere seit der Weltfinanzkrise ab 2007, hat sich der globale Diskurs zur gesellschaftlichen Verantwortung des Designs in der Designforschung, in der Designpraxis und in der Öffentlichkeit wieder intensiviert. Im zivilgesellschaftlichen Diskurs werden vermehrt Soziale Innovationen eingefordert.

Die Designforscher Nynke Tromp, Paul Hekkert und Peter-Paul Verbeek hoben in einem 2011 veröffentlichten Artikel die Bedeutung der User Experience für die Gestaltung sozial verantwortlichen Verhaltens hervor.

Der Designforscher Markus Frenzl forderte 2020 in einer Replik auf den Architekturkritiker Niklas Maak einen tiefergehenderen inhaltlichen Diskurs in den Medien über die Rolle von Design als gesellschaftsprägende Disziplin.

Die von dem französischen Soziologen und Philosophen Bruno Latour entwickelte Akteur-Netzwerk-Theorie, welche menschengemachten Dingen und Strukturen eine zentrale Rolle bei der Konstitution von Gesellschaft zuweist, wird zunehmend auch im Rahmen von Architektur- und Design-Diskursen rezipiert.

Social Design und Kunst Die Abgrenzung von Projekten des Social Design zu politischen Aktionen von sozial engagierten Künstlern im öffentlichen Raum fällt dabei nicht immer leicht wie auch das Beispiel der 2010 in London gegründeten Gruppe Assemble – die 2015 für das Projekt Granby Four Streets mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde – zeigt. Auch das institutionskritische Werk des politischen Konzeptkünstlers Hans Haacke steht mit Werken wie Der Bevölkerung dem Social Design nahe. Das kuratorische Konzept des mit der künstlerischen Leitung der documenta fifteen beauftragten indonesischen Kollektivs Ruangrupa zielte, ähnlich wie Social Design Projekte, auf Aktivierung, gemeinsame Ressourcennutzung und Empowerment. Auch Aktionskunst wie die Aktionen des Zentrum für politische Schönheit sowie Kunst am Bau können in einem weiten Verständnis als Social Design interpretiert werden.

Social Design und Management In dem 2004 erschienenen Buch Managing as Designing wird vorgeschlagen, dass Manager ihre Arbeit als einen Gestaltungsprozess verstehen sollten, bei dem Kreativität, Experimentieren und Prototyping eine zentrale Rolle spielen sollten.

Social Design und Sozialarbeit 2002 schlagen die Designtheoretiker Victor Margolin und Sylvia Margolin ein „Social Model“ für Designpraxis und -forschung vor, das sich stärker an den Grundbedürfnissen benachteiligter oder behinderter Menschen ausrichtet. Designer sollten gemeinsam mit Experten aus den Bereichen der Sozialarbeit Lösungen für soziale Probleme entwickeln.

Social Design und Social Entrepreneurship Social Design Praktiken und Konzepte werden auch in unternehmerischen und sozialwirtschaftlichen Kontexten als Motor für systemische Veränderungen und soziale Innovationen eingesetzt. Beispiele sind das Sozialunternehmen „Social Impact“, IKEA Social Entrepreneurship, das Keller Center an der Princeton University und die Schwab Foundation for Social Entrepreneurship.

Das 2017 gegründete Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) soll die Vernetzung der Sozialunternehmen fördern sowie deren Interessen gegenüber der Politik vertreten.

Social Design und nachhaltige Entwicklung Die norwegische Stiftung Design and Architecture Norway (DOGA) hat mit dem Oslo Manifest im Jahr 2016 Designer und Architekten weltweit dazu aufgerufen, sich in ihrem Handeln auf die von den Vereinten Nationen im Jahr 2015 beschlossenen 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung zu verpflichten.

Der deutsche Wissenschaftsrat stellte 2015 in einem Positionspapier fest, dass die durch hohe Komplexität, Vernetztheit, Zielpluralität und Unschärfe gekennzeichneten „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ wie der Klimawandel auch die Entwicklung von sozialen Innovationen erfordert, die von einem umfassenderen Begriff des Gemeinwohls ausgehen.

Für das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat Design das Potential, funktionale, materiale und ökologische Aspekte mit sozialen Dimensionen und Praktiken anhand neuer Lösungen für nachhaltige, suffiziente Produkt- und Dienstleistungsarrangements zu verbinden.

2018 stellt der Anthropologe Arturo Escobar die Vision eines „autonomen Designs“ vor, die kollaborative und ortsbezogene Ansätze anstrebt. Escobar sieht die Prinzipien des autonomen Designs als Teil der Bemühungen um Dekolonisation.

Die 2020 von der Europäischen Kommission ergriffene klima- und kulturpolitische Initiative Neues Europäisches Bauhaus stellt Projekte des Social Design in den Kontext des European Green Deal. Der maßgeblich an dieser Initiative beteiligte Klimafolgenforscher Hans Joachim Schellnhuber sieht die gebaute Umwelt „als Elefant im Nachhaltigkeitsraum“ und Social Design als Instrument zur Gestaltung des Lebensraums in einem dynamisch sich fortentwickelnden Prozess der „großen grünen Wiederverflechtung“.

Social Design, Demokratie und Digitale Gesellschaft Der Schweizer Designhistoriker Beat Schneider stellt Design in eine aufklärerische Tradition, welche Demokratisierung von Wissen im Blick hat. Design könne als Orientierungsdisziplin dazu dienen, komplexe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge verständlich zu machen.

Die weltweite digitale Transformation von Gesellschaften hat tiefgreifende Veränderungen im Alltag (Digital Lifestyle) und Ungleichheiten (Digitale Kluft) zur Folge, die vielfältige Ansatzpunkte für bürgerschaftlichen Engagement und für Social Design Projekte (Linux4Afrika, One Laptop per Child, Youvo.org) boten und bieten.

Das dänische Designerkollektiv N55 sieht seine gestalterische Aufgabe darin, konkrete soziale, ökonomische und politische Vorschläge zu entwerfen, um ein hohes Maß an Selbstbestimmung in der eigenen Lebenswelt realisieren zu können.

In Deutschland fördert der Prototype Fund seit 2016 die Entwicklung von Public-Interest-Technologien und digital-sozialen Innovationen.