Das Heerlager der Heiligen (französisch 1973: Le Camp des Saints; deutsch 1985) ist der Titel eines Buches, in dem der französische Schriftsteller Jean Raspail in fiktionaler Form die Invasion Europas durch verelendete Menschenmassen der Dritten Welt schildert. Das Buch wird oft als literarische Antizipation der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 angesehen. Der Titel des Buches ist von der Offenbarung des Johannes inspiriert. Besonders von neurechter Seite wurde und wird das Werk positiv rezipiert.
Handlung
Zusammenfassung Ein anonymer Ich-Erzähler beschreibt in der Retrospektive den Hergang der Immigration einer Million Inder nach Frankreich und die Reaktionen der französischen und der Weltgesellschaft darauf. Nachdem der belgische Botschafter in Indien das Ende des Adoptionsprogrammes für indische Kinder verkündet hat, mit dem sich viele der ärmsten Familien finanzieren, kommt es zu einem Massenansturm auf hochseetaugliche Schiffe in den Häfen Indiens. Eine Flotte von 100 Schiffen, vollgepackt mit den Ärmsten der Armen, bricht unter Führung eines missgebildeten Kindes aus der untersten Kaste in den als Paradies erhofften Westen auf. Die Handlung wird anhand verschiedener Personen geschildert – Journalisten linker und rechter Zeitungen, Politiker, Militärs, Kirchenfunktionäre, einige einfache Bürger aus der Mittelschicht, Einwanderer- und Arbeiterrepräsentanten, Hippies, NGOs und Militär.
Die Erzählung schildert die Reaktionen der französischen Gesellschaft und der Weltgemeinschaft auf die Geschehnisse in Indien. Die Debatte zur Implikation der Flotte teilt die Erzählung in drei Phasen: die Irrfahrt der „Flotte der letzten Hoffnung“, die Einsicht der baldigen Ankunft der Flotte in Europa und schließlich die Landung der Flotte an der Côte d’Azur in Frankreich.
Irrfahrt der „Flotte der letzten Hoffnung“ Während der Irrfahrt der Flotte schildert die Erzählung den öffentlichen und geheimen politischen Diskurs in Frankreich und anderen Ländern über das Phänomen der Flotte und seine Bedeutung für den Westen. Politische Gremien werden national und international einberufen mit dem Ziel, die Flotte möglichst auf dem Meer zu halten und dort zu versorgen. Angeführt von Kirchen und von der Hippie-Kultur inspirierten Aktivisten führt die Gesellschaft eine Barmherzigkeitsdebatte, in deren Verlauf der amtierende Papst Benedikt XVI. die Schätze der katholischen Kirche veräußert, um die Armut in Fernasien zu bekämpfen. Die öffentliche Mediendebatte wird hauptsächlich entlang der Gewissensfrage und der Armenhilfe geführt, wo eine vorausschauende Willkommenskultur entsteht, solange die Ankunft der Flotte eine theoretische Option ist. Die Politik wartet ab in der Hoffnung, dass die Flotte in einem jeweils anderen Land anlegt – oder von einem Sturm beseitigt wird.
Die Flotte irrt zunächst durch den Pazifischen Ozean, wird von Australien direkt abgewiesen. Ägypten verwehrt der Flotte die Einfahrt in den Sueskanal, wohlwissend, dass bei eventueller Blockade des Kanalausgangs in das Mittelmeer die Millionenfracht in Ägypten anlanden würde. Als nächstes Ziel wird Südafrika geschildert – im Roman noch eine Apartheidsdiktatur von 20 Prozent weißen Europäern über 80 Prozent schwarze Bevölkerung, die keinerlei Interesse an einer Verschiebung der Hautfarbenverhältnisse hat. Die südafrikanische Regierung droht der Flotte mit militärischen Aktionen, sollte sie sich der Küste nähern. Gleichzeitig ergreift das Land die Chance, sein Image zu verbessern, und wirft aus der Luft Lebensmittel und Medikamente über den Schiffen der Flotte ab – und wünscht der Flotte eine gute Weiterfahrt. Die Menschen der Flotte – die sich der Widerstandsmethode Gandhis offenbar sehr bewusst sind – werfen die südafrikanischen Versorgungsgüter medienwirksam ins Meer und nehmen Kurs nach Norden – in den Atlantik.
Einsicht der baldigen Ankunft der Flotte in Europa Da der Kurs der Flotte nun klar zu sein scheint, erwachen die internationalen Gremien zu hektischer Aktivität. Eine kleine Insel vor der afrikanischen Küste wird eiligst per Flugzeug mit Versorgungsgütern, NGOs, Priestern und Medienstars beschickt, um die in Kürze vorbeikommende Flotte zu versorgen. Die Luftarmada mit ihrer festen Einflugsfolge – Vatikan, Weltkirchenrat, Malteser, Rotes Kreuz, eine britische Popband mit einem Flugzeug voller Kinderspielzeug, gefolgt von nationalen Lieferungen – sowie die Konkurrenz der Helfer am Boden untereinander werden detailliert beschrieben. Die Flotte verweigert die Annahme jeglicher Hilfsgüter und fährt weiter nach Norden. Zum ersten Mal kommt es zu einer Machtprobe – die Schiffe der Flotte nehmen keine Rücksicht auf die vielen kleineren Helferboote, die sich ihnen nähern.
Die Helfer der Welt bleiben verdutzt zurück. Die Regierungen Europas geraten in Panik. Aus verschiedenen Teilen der Erde mehren sich die Nachrichten von Massenansammlungen der Unterprivilegierten: In Ostsibirien bemerkt das sowjetische Militär eine wachsende Ansammlung von Chinesen auf der anderen Seite des Grenzflusses Amur. In den Metropolen der westlichen Welt sammeln sich die Underdogs, Außenseiter und verarmten Immigranten in Kneipen und verfolgen gespannt den Lauf der Flotte.
Die französische Regierung beschließt angesichts der die Gesellschaft spaltenden Moraldebatte, einen Loyalitätstest ihrer Armee durchzuführen. Würden die Soldaten, falls befohlen, die Armada der Armen versenken? Ein Kriegsschiff wird losgeschickt, einen Scheinangriff durchzuführen. Im Anblick der Elendsgestalten auf den Booten verweigern die Matrosen den Feuerbefehl. Das Schiff kehrt nach Frankreich zurück. Nun ist klar, dass die Flotte irgendwo in Europa landen wird. Die französische Regierung hofft auf einen Sturm oder auf eine Landung in Spanien.
Die Landung der Flotte an der Côte d’Azur Die Flotte fährt ins Mittelmeer ein und nimmt Kurs auf Frankreich. Die Erzählung schildert die Massenflucht der Bewohner der südfranzösischen Küste nach Nordfrankreich, die Flucht der französischen Oberklasse und diverser Minister zu ihrem Vermögen in die Schweiz, die Reise des Journalisten Dío in das chaotische Südfrankreich, in dem sich Rocker, Hippies, entflohene Strafgefangene und kommunistische Splittergruppen jeweils ihre neue Gesellschaft ausrufen. Die französische Regierung mobilisiert die loyalen Reste des Militärs zur Sicherung der Küste. Der gesellschaftliche Diskurs verstummt. Die Angehörigen der Oberklasse fliehen, die Mittelklasse beginnt sich mental darauf vorzubereiten, sich mit der neuen multiethnischen Gesellschaft zu arrangieren. Die Underdogs der französischen Gesellschaft ahnen die Möglichkeit einer neuen Weltordnung und versammeln sich in den Städten und Fabriken in Erwartung des Endes der geltenden Gesellschaftsordnung.
Bei Landung der Flotte hält der französische Präsident eine Radioansprache. Entgegen seinem Plan, den Schießbefehl an die Truppen an der Küste zu erteilen, erklärt er die Gegenwehr zu einer Frage des Gewissens jedes einzelnen Soldaten.
Während der letzten Nacht vor dem Landgang der Million Inder desertiert der größte Teil von Armee und Polizei. Eine kleine Gruppe von Elitesoldaten, konservativen Mönchen und gealterten Nationalisten verbleibt allein an der Küste. Am Amur steht ein einziger sowjetischer General den chinesischen Migranten gegenüber. In New York beginnen die Underdogs, sich die Wohnungen der reichen, weißen Mittelklasse zu nehmen. Der Erzähler schildert Plünderungen, Vergewaltigungen und Anarchie in der Welt, jedoch eine relativ friedliche Übergabe der Macht an die neuen multikulturellen Komitees in Paris. Referenzen an die französische Vergangenheit („Sie haben Elsass und Lothringen übernommen – für immer!“) sowie die Schilderung einiger Schnellprozesse im Geiste der Repression nach der Französischen Revolution illustrieren den Übergang. Die Politik arrangiert sich relativ schnell mit einer neuen Gesellschaft, in der über „Rassen“, Völker und Schichten hinweg Gleichheit herrschen soll. Südfrankreich jedoch ist ein von Anarchie beherrschtes Gebiet, in dem als gesichtslose Zombiehorden geschilderte Massen von Indern plündern und allein durch ihre schiere Masse die wenigen ausharrenden Verteidiger des französischen Vaterlandes verdrängen. Eine letzte Gesellschaft von Soldaten, Politikern, Adeligen und einem alten Professor verschanzt sich mit Kaviar, Leberpastete und Rotwein in einem mittelalterlichen Wehrdorf in den Bergen über Nizza und erschießt jede sich annähernde Person in Feuerreichweite, bis das neue Regime in Paris sie bombardieren lässt.
Das Buch endet mit Gerüchten darüber, dass nun in Indonesien und Südamerika neue Flotten aufgebrochen sind, um nach Europa zu reisen.
Einige Details der Handlung
Anlandung der Einwanderer Eine Hungersnot in Indien ist der Auslöser für die Entwicklung der Ereignisse des Romans. In ihrer Not besetzen die Hungernden Schiffe und machen sich auf den Weg nach Westen. Die Bemühungen der europäischen Botschaften und der indischen Regierung, das Auslaufen der Flotte zu verhindern, scheitern. Australien, Ägypten und Südafrika verhindern – unter der Kritik der sich empörenden europäischen Presse – mit militärischen Mitteln ein Anlanden der Schiffe an ihren Küsten. Nach einer 40 TageJean Raspail: Das Heerlager der Heiligen, Hohenrain-Verlag, Tübingen/Zürich/Paris 1985, S. 77. dauernden Schiffspassage strandet die aus hundert Schiffen bestehende „Armada der letzten Chance“ – wie sie der Starjournalist Clément Dío nennt – an einem Ostersonntagmorgen an der südfranzösischen Küste zwischen Saint-Tropez und Nizza. Schon als an Karfreitag die Flotte der Elenden bei Gibraltar die Einfahrt zum Mittelmeer passierte, ohne dass die Seestreitkräfte der NATO eingriffen, hatte eine leichte Panik Frankreich und das restliche Europa erfasst. Am nächsten Morgen gingen fast eine Million Menschen in Südfrankreich an Land. Die Infrastruktur in den betroffenen Departements bricht daraufhin zusammen. Fast die gesamte Bevölkerung, außer wenigen Alten und Kranken, flieht in den Norden des Landes. Die Marine Nationale – stolz auf ihre Flugzeugträger Clemenceau, Foch und Jeanne d'Arc – gibt keinen einzigen Schuss ab. Das staatliche Radio wird in PVR (Pariser Volksradio der vielrassigen Bevölkerung von Paris) umbenannt.Raspail: dito S. 249. mini|Bucht von Saint-Tropez Einer der Zurückgebliebenen ist Calguès, ein emeritierter Literaturprofessor. Sein Haus liegt wie ein alter römischer Vorposten in einem nicht näher beschriebenen Ort oberhalb der Küste der Côte d’Azur. Auf dem dunkel gebeizten Holz der massiven Eichentür seines Hauses ist die Jahreszahl 1673 eingraviert.Raspail: dito S. 13. Er beobachtete mit einem Teleskop von oben das unfassbare Treiben unten an der Küste. Ihm kommen die Kreuzfahrer, die am Vorabend der Schlacht singend gegen Jerusalem zogen, und das Volk Israel, das siebenmal um die Stadt Jericho zog, in den Sinn. Beim siebten Trompetenstoß waren die Mauern von Jericho kampflos eingestürzt. Das Bild des Überflusses, das sich normalerweise von seinem Haus aus bot – Yachten, muskulöse Wasserskifahrer, bezaubernde Mädchen, dicke Bäuche –, war an diesem Tag wie weggefegt. Fünfzig Meter vom Ufer entfernt lag eine auf Grund gelaufene verrostete Flotte von Schiffen, vom anderen Ende der Erde.
Auf dem Leitschiff, dem sechzig Jahre alten Postdampfer India Star, hätte sich eigentlich der Organisator der Armada befinden sollen. Ballan, ein Franzose und atheistischer Philosoph, wurde jedoch bei der Abfahrt des Schiffes von der einströmenden Menge erdrückt. Noch am Vortag der Abfahrt hatte er im französischen Konsulat in Kalkutta ein humanitäres Gespräch mit dem Konsul und dem römisch-katholischen Bischof für die Gangesregion geführt.Raspail: dito S. 33.
Reaktion der Regierung