mini|Die Lage der Gegenfestung am niederpannonischen Donaulimes Contra Aquincum war ein römisches Militärlager, das als antike Gegenfestung den pannonischen „nassen Limes“ (Limes Pannonicus) und einen Flussübergang am Ostufer der Donau sicherte. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die heute auf dem Gebiet der ungarischen Hauptstadt Budapest gelegene Anlage wurde im Mittelalter zur Keimzelle der Stadt Pest,Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 85. die erst 1873 mit Buda und Óbuda vereinigt wurde. Einige gesicherte Reste des Kastells konnten bis 2010 nördlich der Elisabethbrücke am Platz des 15. März besichtigt werden. Anschließend ist das Gelände angehoben und parkähnlich umgestaltet worden. Daher ist an diesem Platz heute nichts mehr von der Fortifikation an der Oberfläche zu sehen. Die Benennung des Lagers mit dem Namen Contra Aquincum ist umstritten,Zsolt Mráv: Castellum contra Tautantum. Zur Identifizierung einer spätrömischen Festung. In: Ádám Szabó, Endre Tóth (Hrsg.): Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam Sándor Soproni (1926–1995) Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II. Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 2003, , S. 354; Paula Zsidi: Forschungen in Aquincum, 1969–2002. Zu Ehren von Klára Póczy. Budapesti Történeti Múzeum 2003, ISBN 963-9340-23-5, S. 61. aber bis heute vielfach noch gebräuchlich.

Lage Zur Zeit des römischen Aufmarschs im pannonischen Raum war die Donauniederung im heutigen Stadtgebiet von Budapest durch Alt- und Seitenarme des Flusses geprägt. In diesen von Sümpfen und feuchten Zonen bestimmten Biotopen gab es einige Schwemmlandinseln. Der im Bereich des östlichen Ufergebiets errichtete Militärplatz lag nur wenige Kilometer südlich des am Westufer gelegenen Legionslagers Aquincum und der gleichnamigen Zivilstadt. Auf der Höhe des Legionsstandortes gab es am östlichen Ufer, zum Schutz der dort errichteten Donaubrücke, seit dem 2. Jahrhundert eine weitere Gegenfestung, Transaquincum. Der am Rand des Barbaricums gelegene Standort von Contra Aquincum war strategisch gut gewählt, die Soldaten vor überraschenden Angriffen sicher. Gleichzeitig konnte von hier aus ein Abschnitt der Donau überwacht werden. Besonders wichtig im alltäglichen Dienst war weniger die militärischen Verteidigung als die Kontrolle des Grenzverkehrs und des Handels.

Forschungsgeschichte mini|Das ehemalige, bis 2010 existierende Freilichtmuseum mit den Resten der Nordmauer. Heute ist das Gelände wieder aufgeschüttet und mit Rasen und Bäumen bepflanzt. Heute befindet sich an Stelle des im Bild gezeigten Turmfundaments der Außenbereich eines Restaurants. Im Hintergrund des Fotos befindet sich die Elisabethbrücke und die Stadtpfarrkirche über der Südostecke des Kastells 1799 wurden im Hof des damaligen Palais Glöckelsberg erste Funde getätigt. Anschließend kamen immer wieder Reste von Hypokaustanlagen aus dem Boden, die zunächst noch für türkische Hinterlassenschaften gehalten wurden. Als im Jahr 1898 die erste Elisabethbrücke errichtet wurde, stießen die Arbeiter beim Aushub der Grundpfeiler auf den südwestlichen Eckturm der Anlage und fanden darin römische Inschriften vermauert. Bálint Kuzsinszky (1864–1938), der erste Ausgräber von Aquincum, sah dies jedoch nicht als Beweis für eine römische Befestigung, sondern stufte den Fund als mittelalterlich ein, da selbst noch in den frühneuzeitlichen Festungswerken von Pest römische Spolien vermauert worden waren. Im Zuge einer geplanten Neugestaltung des damaligen Schwurplatzes (Eskü-Platz) zwischen Donau und Pester Pfarrkirche wurde 1911 der Beschluss gefasst, den alten Gebäudekomplex des Piaristen-Ordens abzubrechen und in einen Park umzugestalten, der gleichfalls Eskü-Platz (heute: Platz des 15. März) genannt wurde. Erst die Umsetzung dieses Plans machte es später möglich, auf dem bis dahin dicht bebauten Gelände größere Grabungen durchzuführen. Ab 1932 fanden am Nordrand des Platzes aufschlussreiche Untersuchungen statt. Ein Mitarbeiter von Kuzsinszky, Lajos Nagy (1897–1946), sowie Tibor Nagy (1910–1995) leiteten die Grabungen, deren Ergebnisse letztendlich auch Kuzsinszky selbst überzeugten. Lajos Nagy bemühte sich nach Abschluss der Ausgrabungen darum, die Funde für die Öffentlichkeit zu sichern, was nach anfänglichem Widerstand und den folgenden Kriegs- und Wiederaufbaujahren erst 1971 mit der Anlage eines Freilichtmuseums gelang. Im Jahr 2010 erfolgte eine durchgehende parkartige Neugestaltung des Platzes, bei dem die antiken Baureste wieder zugeschüttet wurden beziehungsweise für Besucher unsichtbar unter einer Betonplatte verschwunden sind.

Noch im Kriegsjahr 1944 fanden unter Vilmos Bertalan (1911–1995) weitere Grabungen statt. Es stellte sich heraus, dass die Pfarrkirche von Pest genau über der südöstlichen Kastellecke errichtet worden war und die Südfassade des Gotteshauses direkt über den römischen Festungsmauern stand.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 86. Mit dieser Grabung wurden die wahren Dimensionen der Fortifikation endgültig klar. 2010 fand eine Untersuchung unmittelbar vor dem Portal der Stadtpfarrkirche von Pest statt. Die Kirche steht im Bereich des Kastells.

Baugeschichte mini|Das Kastell nach den Grabungsergebnissen im 19. und 20. Jahrhundert mini|Rekonstruktionsversuch des Kastells, Ansicht aus Süd-Ost mini|Die nach der parkähnlichen Neugestaltung und Anhebung des Areals unter einer Betonplatte verschwundene Turmruine im bis 2010 existierenden Freilichtmuseum Der Ursprung des Außenpostens ist ungewiss, möglicherweise wurde ein erstes Kastell im Zuge des Steinausbaus des Legionslagers Aquincum, der nach 117/118 stattfand, errichtet. Damals befestigte die Legio II Adiutrix (2. Legion „die Helferin“) ihren Garnisonsort endgültig. Neben ihren vielfältigen Aufgaben als Grenzkastell wurde am Platz der heutigen Elisabethbrücke ein wichtiger Flussübergang bewacht. Konkrete bauliche Nachweise zu diesem vermuteten frühen Lager konnten bisher nicht gemacht werden, doch reicht das Fundmaterial, darunter auch ältere Gebäudereste im Umfeld der spätrömischen Befestigung,Paula Zsidi: Forschungen in Aquincum, 1969–2002. Zu Ehren von Klára Póczy. Budapesti Történeti Múzeum 2003, ISBN 963-9340-23-5, S. 98. bereits bis in das 2. Jahrhundert zurück. Eines dieser Bauwerke konnte als Bad identifiziert werden, das unmittelbar vor dem nordöstlichen Eckturm der spätantiken Garnison lag. Die aufgefundenen Ziegel mit dem Stempel der Cohors VII Breucorum Antoniana (7. Kohorte der Breuker „die antoninische“) werden auf Baumaßnahmen zu Beginn des 3. Jahrhunderts zurückgeführt, in das gleiche Jahrhundert gehören auch die Stempel des Exercitus Pannoniae inferioris (Heer der Provinz Unterpannonien).Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 16.

Lajos Nagy betonte nach seinen Grabungen, dass der spätantike Neubau kleiner dimensioniert gewesen sei als die ältere Militäranlage. Mit seinen bisher unbekannt gebliebenen Torbauten besitzt das von ihm erforschte Kastell eine rhombische Form und umfasst eine Grundfläche von 86 × 84 Metern, die 3,4 Meter starke Mauern umschließen. Als Mauerschale fanden neben behauenen Steinen auch eine Vielzahl von Spolien aus aufgegebenen Gräbern und von Altären Verwendung. Den Mauerkern bildete ein Guss aus Opus caementicium. Neben zwei nachgewiesenen fächerförmigen Ecktürmen besaß der Militärbau offenbar je zwei U-förmige Türme an den vier Seiten. Alle Türme sprangen aus dem Mauerverband hervor und schlossen im Kastellinneren bündig zur Lagermauer ab. Der während des Baus der Elisabethbrücke gefundene südliche Eckturm wich in seinem Aussehen offenbar deutlich von dem in der Nordost- und Südostecke aufgefundenen Turmschema ab. Sein U-förmiger Grundriss war mit der abgerundeten Schmalseite direkt auf die Donau ausgerichtet. Die Kastellmauern schlossen an seine nördliche Flanke sowie an die Rückseite an,Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8. S. 86. Abb. 86. in seinem Mauerwerk waren 27 Spolien verarbeitet.Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Supplementband XV. Alfred Druckenmüller, Stuttgart 1978. Sp. 85.

In der Vergangenheit wurde der Festungsbau zumeist in die Zeit Kaiser Diokletians (284–305) datiert. Endre Tóth und Péter Kovács folgten dieser Meinung nicht. Sie setzen die Errichtung auf einen späteren, heute noch unklaren Zeitpunkt,Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In Archaeologiai Értesitő 134. Budapest 2009, S. 48–49. während sich Sándor Soproni auf Konstantin den Großen (306–337) festlegte.Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30453-2, S. 79. Das Thema ist umstritten.

Nachrömische Zeit Noch lange Zeit nach dem Abzug der römischen Truppen lebte die romanisierte Bevölkerung mit Hunnen, Goten und Langobarden im Bereich der Kastelle von Pest und Alt-Ofen. Im 7. und 8. Jahrhundert prägten die Awaren das Gebiet, bevor ab dem 9. Jahrhundert die Ungarn folgten.Klára Póczy: Aquincum – Das römische Budapest. In: Mitteilungen der Freunde der Bayerischen Vor- und Frühgeschichte, Nr. 59, Oktober 1990. Auf Geheiß des ungarischen Großfürsten Taksony durften sich im 10. Jahrhundert muslimische Händler in Pest ansiedeln,Katalin Gönczi: Ungarisches Stadtrecht aus europäischer Sicht. Die Stadtrechtsentwicklung im spätmittelalterlichen Ungarn am Beispiel Ofen. Vittorio Klostermann, Stuttgart 1997, ISBN 3-465-02901-1, S. 50–56. die mit Hilfe der ungarischen Könige sehr einflussreich wurden und an den lukrativsten Geschäften beteiligt waren. Erst 1232 mussten die Muslime auf Druck des um seine Rechte bangenden ungarischen Adels und der hinzugezogenen Kirche das Land verlassen. Ihre Stelle nahmen herbeigerufene deutsche Kaufleute ein.Katalin Gönczi: Ungarisches Stadtrecht aus europäischer Sicht. Die Stadtrechtsentwicklung im spätmittelalterlichen Ungarn am Beispiel Ofen. Vittorio Klostermann, Stuttgart 1997, ISBN 3-465-02901-1, S. 53.

Die Strukturen des Kastells hatten noch bis zur ungarischen Landnahme Bestand. Unter Verwendung von Steinmaterial aus dem Kastell entstand in dessen Südostecke eine präromanische Kirche. Möglicherweise wurde hierzu der südöstliche Eckturm zur Apsis umgebaut. 1046 fand der später heiliggesprochene Missionsbischof Gerhard von Csanád nach seiner Ermordung am Gellértberg (St. Gerhardsberg) in dieser Kirche seine letzte Ruhestätte.Elisabeth Tóth-Epstein: Historische Enzyklopädie von Budapest. Corvina, Budapest 1974, ISBN 963-13-3008-7, S. 153. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts weihten die Pester einen Neubau im romanischen Stil, dem im ausgehenden 14. Jahrhundert ein Umbau zur gotischen Kirche mit Umgangschor folgte. Die türkischen Besatzer konfiszierten den Bau und nutzten ihn als Moschee. Zwischen 1725 und 1739 fand nach einem Brand eine Barockisierung statt, die den wichtigsten Kirchenbau von Pest bis heute prägt.

mini|Budapest während der türkischen Besatzungszeit, spiegelverkehrte Darstellung nach dem Original von Georg Dózsa (1470–1514)