Der Reisebericht des Wenamun (auch Bericht des Wenamun, Erzählung des Wenamun, Papyrus Moskau 120) ist ein im Original titelloses Werk der altägyptischen Literatur. Der Text ist in hieratischer Schrift sowie neuägyptischer Sprache geschrieben und lediglich im Papyrus Moskau 120 überliefert, den Wladimir Semjonowitsch Golenischtschew 1891 im Antiquitätenhandel erwarb und der offenbar in der Nähe des Ortes el-Hibe gefunden wurde. Die Handlung spielt in der Übergangszeit vom Neuen Reich zur Dritten Zwischenzeit (ca. 1075 v. Chr.) und spiegelt die damalige politische Situation sehr gut wider, weshalb sie auch manchmal als historische Quelle herangezogen wurde. Der tatsächliche Zeitpunkt der Niederschrift dürfte etwa 150 Jahre später anzusetzen sein, vermutlich vor dem Palästina-Feldzug von Scheschonq I.
Die Erzählung berichtet von dem Tempelbeamten Wenamun, der von Herihor, einem Hohepriester des Amun in Theben, ausgesandt wird, um in Byblos Bauholz für die Barke des Amun zu besorgen. Wenamun macht sich die Tjeker (ein Seevolk) zu Feinden und gelangt mittellos nach Byblos, wo er nicht willkommen ist. Erst ein Orakel durch einen Ekstatiker am Hof des dortigen Fürsten Tjeker-Baal gibt die Weisung, Wenamun zu empfangen. So kann er die gewünschten Hölzer doch noch besorgen. Auf der Heimfahrt begegnet er allerdings wieder den Tjekern, gerät auf der Flucht in einen Sturm und landet auf Alašija (Zypern), worauf die Erzählung abbricht.
Die Erzählung zeigt die schwindende politische Macht Ägyptens im Ausland, versucht demgegenüber aber die Macht des Gottes Amun über die Landesgrenzen hinaus zu demonstrieren. Nach der jüngsten Darstellung von Bernd U. Schipper handelt es sich um ein kunstvolles Werk, das bewusst im Spannungsfeld zwischen historischem Bericht, literarischer Erzählung und religiöser und politischer Intention angesiedelt wurde.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 325 ff.
Fundumstände mini|hochkant=0.6|Wladimir Semjonowitsch Golenischtschew, der den Papyrus Moskau 120 erwarb
Der Papyrus mit der Geschichte Wenamuns wurde von Wladimir Semjonowitsch Golenischtschew (1856 bis 1947) 1891 im Antiquitätenhandel von Kairo erworben. Seinen Angaben nach hatten Fellachen ihn kurz zuvor zusammen mit anderen Papyrusrollen in einem irdenen Gefäß in der Nähe des Ortes el-Hibe (Teuzoi) gefunden. Die gesamte Sammlung Golenischtschews ging später in den Besitz des Puschkin-Museums über. Der besagte Papyrus trägt die Inventarnummer 120 (pMoskau 120). Die beiden anderen Texte, die mit ihm gefunden wurden, sind Papyrus Moskau 127, der sogenannte Brief des Wermai, und der Papyrus Moskau 169 mit dem sogenannten „Onomastikon des Amenope“.Michail Alexandrowitsch Korostowzew: Die Reise des Wenamun nach Byblos. Moskau 1960, S. 5 und B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 5 f.
Der Fundort el-Hibe liegt etwa 35 km Luftlinie südlich von Beni Suef. Dort hat man auch andere Überreste aus der 21. Dynastie bis in die koptische Zeit gefunden. Es wurde eine Festung zur Beherrschung Oberägyptens in der 21. Dynastie angelegt, die unter Scheschonq I. und Osorkon I. mit einem Tempel für den Gott Amun ausgestattet wurde, in welchem eine lokale Form des Amun („Amun-groß-an-Gebrüll“) und die thebanische Triade verehrt wurden.E. Graefe: Artikel El Hibe. In: Lexikon der Ägyptologie, Band II. 1977, S. 1180 ff. Inschriftlich ist die Stadt in der sogenannten el-Hibe-Korrespondenz, der Chronik des Prinzen Osorkon und dem demotischen Papyrus Rylands IX bezeugt.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 320.
Bereits Michail Alexandrowitsch Korostowzew vermutete, dass die Geschichte des Wenamun in den Archiven des Tempels von el-Hibe aufbewahrt wurde:
Geoffrey A. Wainwright deutete die Tatsache, dass der Papyrus des Wenamun in Teuzoi (el-Hibe) – und nicht in Theben – gefunden wurde, sogar so weit, dass sich „entweder die Archive in Teuzoi befanden, oder, wenn er den Bericht seiner Taten selbst behalten hatte, dass ein hoher Beamter wie Herihors offizieller Vertreter dort gelebt hatte und bestattet wurde.“G. A. Wainwright: El Hibah and esh Shurafa and Their Connection with Herakleopolis and Cusæ. In: Annales du Service des Antiquités de l’Égypte (ASAE). Nr. 27, 1927, S. 79.
Natürlich kann nicht zwingend darauf geschlossen werden, dass der Text ursprünglich nach el-Hibe gehört und alle Verbindungen des Textes zu dieser Stadt bleiben Spekulation, auch auf Grund der Tatsache, dass die Erzählung nur auf einem Papyrus belegt ist. Trotzdem passt sie erstaunlich gut an diesen Ort. Es ist die Nebenresidenz der thebanischen Hohepriester und Station auf dem Weg nach Vorderasien.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 323.
Papyrus mini|links|hochkant|Schwarz-Weiß-Foto eines Teils der ersten Seite des Papyrus Moskau 120
Da der Papyrus aus einzelnen Fragmenten besteht, war anfangs unklar, aus wie vielen Seiten er sich zusammensetzt. Wladimir Golenischtschew ging davon aus, dass der Text aus drei Seiten bestünde, wovon man das erste Viertel und die zweite Hälfte des ersten Blattes habe. Hinzu komme das gesamte zweite Blatt und der (sehr zerzauste) Beginn des dritten Blattes.Korostowzew: Die Reise des Wenamun nach Byblos. Moskau 1960, S. 5. Erst Adolf Erman erkannte, dass das Stück eines vermeintlichen dritten Blattes tatsächlich in die große Lücke der ersten Seite gehört.A. Erman: Eine Reise nach Phönizien im 11. Jahrhundert v. Chr. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. (ZÄS) Nr. 38, S. 1. Ermans Anordnung folgten weitgehend auch Gardiner und Korostowzew in ihren Editionen des Papyrus, und ebenso der Ägyptologe Lurje und die Papyrusrestauratoren Ibscher und Alexandrovsky.Korostowzew: Die Reise des Wenamun nach Byblos. Moskau 1960, S. 20ff. Somit ergibt sich die folgende Anordnung: I, 1-27, dann Gol.III, 1–14, dann I, x+1 bis I, x+24 und II, 1-83. Da von der ersten Seite offenbar keine Zeile fehlt, schlug Alan Gardiner eine fortlaufende Nummerierung der Zeilen vor, also: I, 1-59 und II, 1-83.Alan H. Gardiner: Late-Egyptian stories. Brüssel 1932, S. XI f.
Wladimir Golenischtschew erwähnte außerdem ein kleines Papyrusfragment, das er von seinem Freund Heinrich Brugsch erhalten hatte und ebenfalls dieser Erzählung zuzuordnen sei. Später meinte er, dass es sich auf das zweite Blatt beziehe. Danach wird es allerdings nicht mehr erwähnt. Wo es sich befindet, ist unerforscht.Korostowzew: Die Reise des Wenamun nach Byblos. Moskau 1960, S. 5 und S. 19.
Aus der Beschreibung Korostowzews und Alexandrovskys geht hervor, dass die Seiten aus einzelnen, ca. 18 cm großen, mit Klebstoff verbundenen Papyrusteilen bestehen. Die Fasern des Papyrus verlaufen senkrecht zur Schreibrichtung. Auf der Rückseite der zweiten Seite, zwischen den Zeilen 1,56 und 1,48, gibt es senkrecht zu diesen zudem zwei Zeilen Text, die offenbar nichts mit der Erzählung des Wenamun gemeinsam haben.Korostowzew: Die Reise des Wenamun nach Byblos. Moskau 1960, S. 24ff. und B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 24ff.
Datierung Die Handlung der Erzählung spielt in der Übergangszeit vom Neuen Reich zur Dritten Zwischenzeit (Ende 20. Dynastie, Anfang 21. Dynastie). Antike Zeitangaben verweisen auf das Regierungsjahr eines Herrschers, und der Text selbst gibt als Handlungsbeginn den 16. Schemu IV (Monat April) im fünften Jahr an, allerdings ist der Herrscher nicht genannt. Von Anfang an war umstritten, auf welchen Herrscher sich diese Datumsangabe bezieht.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 154. Im Text werden Smendes I. und Herihor genannt, die sich zu Beginn der 21. Dynastie die Macht über Ägypten teilten, mit Sitz in Tanis und Theben. Der letzte König der 20. Dynastie, Ramses XI., wird nicht erwähnt. Adolf Erman und James H. Breasted meinten, dass sich die Jahresangabe trotzdem auf Ramses XI. beziehe, da Smendes I. und Herihor schon zu dessen Lebzeiten die Macht in Ägypten innehatten.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 164.
Ramses XI. versuchte vergeblich, dem Untergang des Neuen Reiches entgegenzuwirken. In seinem 19. Regierungsjahr leitete er eine Zeit der Renaissance ein, die sogenannte Wehem-mesut-Ära („Erneuerung der Geburten“). Damit sollte ein bewusster Neuanfang gesetzt werden und eine Blütezeit nach einer Zeit des Verfalls beginnen. Es ist belegt, dass zu Beginn der „Wehem-mesut-Ära“ neu datiert wurde. Dementsprechend argumentierte Hermann Kees, dass das Datum der Wenamun-Erzählung auf diese Ära verweise. Dementsprechend wäre Wenamun also im 23. Regierungsjahr von Ramses XI. zu seiner Reise aufgebrochen.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 165 und H. Kees: Herihor und die Aufrichtung des thebanischen Gottesstaates. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. (NAWG) Bd. II/I, 1936, S. 14. Viele Ägyptologen folgten dieser Ansicht.
Jürgen von Beckerath machte gegen diese Sicht einige Einwände geltend:B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 165 mit Verweis auf Jürgen von Beckerath: Thanis und Theben. Historische Grundlagen der Ramessidenzeit in Ägypten. 1951, S. 99 f. und auch Karl Jansen-Winkeln: Das Ende des Neuen Reiches. In: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde. (ZÄS) Nr. 119, 1992, S. 25 f.
Im Text wird Tanis als Metropole im Norden genannt, nicht Pi-Ramesse, die Residenz von Ramses XI. Wenamun und der Byblosfürst äußern sich abfällig über einen Chaemwese. Dieser Name ist jedoch nur unter Ramses IX. und Ramses X. belegt, was gegen eine Datierung in die Zeit von Ramses XI. spricht. Die Bezeichnung von Chaemwese als „Mensch“ (rmṯ) erklärt sich vor dem Hintergrund des neuen Königtums der 21. Dynastie. Die Rede von den „anderen Großen Ägyptens“ verweist auf die Aufspaltung Ägyptens in einzelne Fürstentümer und damit auf die 21. Dynastie.
Damit bezieht sich das Jahr fünf auf die Zeit nach Ramses XI., wobei die Frage bleibt, ob nach dem regierenden Pharao Smendes datiert wird oder nach dem thebanischen Hohepriester Herihor. Je nach Einschätzung ihrer Rolle tendiert die Forschung entweder in die eine oder andere Richtung. Unabhängig davon kann man nach den aktuellen Ansätzen der ägyptischen Chronologie davon ausgehen, dass Wenamun etwa im Jahr 1065 v. Chr. zu seiner Reise aufgebrochen ist.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 165.
Die Schrift selbst wird anhand von paläografischen Untersuchungen in die 21. oder (frühe) 22. Dynastie datiert, also ca. 100–150 Jahre nach dem Zeitpunkt der Handlung.B. Sass: Wenamun and his Levant – 1075 BC or 925 BC? Wien 2002, S. 248ff. Aus inhaltlichen Gründen wird als Zeitpunkt der Niederschrift vor allem die Regierungszeit von Scheschonq I. angenommen. Ägypten verfügte unter ihm erstmals wieder über eine Zentralgewalt, und durch seinen erfolgreichen Palästina-Feldzug spielte es auch außenpolitisch wieder eine Rolle, die durch die Vorstellung von Amun-Re als König und Gott über Syrien/Palästina legitimiert wurde.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 332.
In einer literaturkritischen Analyse konnte Schipper keine ältere Vorlage herausarbeiten – der Text ist literarisch einheitlich und enthält keine Brüche oder Doppelungen. Seine historische Analyse hat aber gezeigt, dass die Ereignisse durchaus einen realen Kern gehabt haben können, womit die Frage bleibt, ob es eine mündlich erzählte Vorlage gab.B. U. Schipper: Die Erzählung des Wenamun ... Freiburg 2005, S. 328.
Inhalt mini|hochkant|Landkarte mit der vermuteten Reiseroute Wenamuns