Das Unternehmen der Wega ist ein Hörspiel von Friedrich Dürrenmatt aus dem Jahre 1954. Es wurde nacheinander von den Sendern Bayerischer Rundfunk, Nordwestdeutscher Rundfunk Hamburg und Südwestfunk produziert. Die drei Produktionen wurden im Laufe des Jahres 1955 erstgesendetDeutsches Rundfunkarchiv: ARD-Hörspieldatenbank. Im Jahr 1968 schloss sich eine Produktion des Schweizer Radios DRS an. Das Hörspiel spielt in einer dystopischen Zukunft, in der der Kalte Krieg bis in das Jahr 2255 fortgeführt wurde und nun kurz vor der Eskalation steht. Die Handlung wird durch den Reisearzt Mannerheim wiedergegeben, der im Auftrag des Geheimen Dienstes während der Mission der Wega elf Aufzeichnungen gemacht hat und diese nun in gekürzter und kommentierter Form dem Präsidenten der Vereinigten, freien Staaten Europas und Amerikas vorspielt.
Zeitlicher Hintergrund der Entstehung Das Hörspiel entstand im Jahr 1954, zu einer Zeit, als der Kalte Krieg in seine heiße Phase eingetreten war. In Korea war gerade der Krieg zwischen dem kommunistischen Norden (unterstützt von China) und dem westlich orientierten Süden (unterstützt von den USA) mit einem Waffenstillstandsabkommen beendet worden, jedoch war dies bereits ein Zeichen für die globale Aufteilung der Staaten in West- und Oststaaten. In Europa war das frühere Deutsche Reich faktisch in zwei Teile aufgeteilt worden: die westlich unterstützte BRD und die von der Sowjetunion dominierte DDR. In Europa standen sich mit dem „Westen“ und dem „Osten“ mittlerweile zwei in etwa gleich starke Machtblöcke gegenüber. Zudem war die Sowjetunion 1953 durch die erstmalige erfolgreiche Zündung einer Wasserstoffbombe auch auf dem Sektor der Atomwaffen mit den USA gleichgezogen, wodurch ein atomares Patt entstanden war. Zu diesem Zeitpunkt gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass sich dieser schwelende Konflikt in naher Zukunft legen könnte; es sah im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen eher danach aus, dass sich die Differenzen zwischen beiden Machtblöcken noch verstärken würden.
Handlung Die Situation der menschlichen Welt stellt sich im Jahr 2255 wie folgt dar: Die Erde ist gespalten in zwei große Machtblöcke, nämlich die Vereinigten, freien Staaten Europas und Amerikas, und eine zweite Koalition, bestehend aus Russland, Asien, Afrika und Australien. Zudem konnte sich die östliche Koalition der Erde kürzlich in einem Militärschlag des Mondes bemächtigen. Die Venus dient beiden irdischen Koalitionen als Strafkolonie, wobei die Weststaaten Kommunisten und Kriminelle, die Oststaaten Anhänger der westlichen Lebensweise und ebenfalls Kriminelle dorthin schicken. Überwacht wird die Situation auf der Venus durch Kommissäre, die beide Machtblöcke schicken.
Nachdem der Kontakt zum letzten Kommissär auf der Venus abgebrochen ist, macht sich eine Delegation der Vereinigten, freien Staaten Europas und Amerikas, bestehend aus Außenminister Horace Wood, Reisearzt Mannerheim, Kapitän Lee, Oberst Camille Roi, Kriegsminister Costello, dem Minister für außerirdische Gebiete und dem Staatssekretär für Angelegenheiten auf der Venus, auf dem Raumschiff Wega auf den Weg zur Venus. Ihr Auftrag besteht darin, die Bewohner der Venus zu einer Zusammenarbeit gegen die östliche Koalition auf der Erde zu bewegen, da der Kalte Krieg unmittelbar vor der Eskalation steht.
Auf der Reise informiert Außenminister Wood den Reisearzt Mannerheim, dass er von dessen geheimen Auftrag weiß, ihn zu überwachen und gegebenenfalls ein gewünschtes Ende der Mission herbeizuführen. Außerdem bemerkt er im Gespräch mit Oberst Roi, dass dieser ebenfalls im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten, freien Staaten Europas und Amerikas Teil der Mission ist, um im Falle des Scheiterns der Mission mit der Wega einen militärischen Angriff auf die Venus durchzuführen, um zu verhindern, dass die Bewohner sich mit der gegnerischen Koalition verbünden.
Nach einer ersten Konferenz auf dem Raumschiff Wega, bei der lediglich festgestellt werden kann, dass man kaum etwas über die politische Situation auf der Venus weiß, landet die Delegation schließlich auf der Strafkolonie und trifft auf die Bevollmächtigten der Venus, John Smith und Petersen, einen Mörder aus Deutschland. Die Begrüßungsrede des Außenministers wird durch Vulkanausbrüche und ein Unwetter gestört, weshalb sich die beteiligten Personen zu ersten Besprechungen in Ermangelung fester Siedlungen auf dem Planeten auf ein Unterseeboot begeben. Dort stellt sich recht schnell heraus, dass es auf der Venus keinerlei Regierung oder gar Politik gibt und dass die Bevollmächtigten lediglich an den Verhandlungen teilnehmen, weil sie den Funkspruch der Wega aufgefangen hatten und gerade Zeit haben. Diese Situation verwirrt die irdische Delegation, weshalb sie sich zunächst auf die Wega zurückzieht. Dort beraten die Abgesandten der Erde nun das weitere Vorgehen. Während Costello und die anderen Mitglieder der Delegation frustriert auf einen Abbruch der Verhandlungen drängen, schmiedet Außenminister Wood, dem durchaus einiges an Sympathie für die Politiklosigkeit auf der Venus anzumerken ist, den Plan, die Verhandlungspartner der Venus zum Staatsoberhaupt zu erklären und ihnen die Rückkehr zur Erde in Aussicht zu stellen.
Zurück auf der Venus begegnet der Delegation eine neue Bevollmächtigte: die ehemalige polnische Straßendirne Irene. Sie vertritt Smith und Petersen bei den neuen Verhandlungen nun auf einem Lazarettschiff, da diese zur Waljagd müssen. Nach wiederum kurzen Verhandlungen mit den irdischen Politikern lehnt sie im Namen aller Venusianer das Angebot ab, auf die Erde zurückzukehren und im bevorstehenden irdischen Krieg Partei zu ergreifen. Entsetzt kehren die Vertreter der Vereinigten, freien Planeten der Erde zur Wega zurück, zumal ihnen mittlerweile auch die Umgebungstemperaturen auf der Venus mächtig zu schaffen machen.
Während auf der Wega die Delegation von Bordarzt Mannerheim gepflegt wird, setzt Oberst Roi den Außenminister Wood darüber in Kenntnis, dass die Wega im Auftrag des Präsidenten zehn scharfe Bomben geladen habe, für den Fall, dass die Verhandlungen mit den Venusianern scheitern sollten. Wood nimmt dies zur Kenntnis, möchte aber einen letzten Verhandlungsversuch unternehmen. In Begleitung von Mannerheim begibt er sich noch einmal auf die Venus. Dort trifft er wiederum auf einen neuen Bevollmächtigten, dieses Mal auf seinen früheren Studienfreund und letzten Kommissär Bonstetten. Zunächst versucht er auch diesen zu einem Einlenken zu bewegen, doch auch Bonstetten bestätigt die Haltung der anderen Bevollmächtigten: Die Bewohner der Venus sind mit ihrer Situation zufrieden und haben keinerlei Interesse daran, zur Erde zurückzukehren. Er bezeichnet das Leben, wie es auf der Venus möglich ist, zwar als schwierig, doch als ehrlicher, als dies auf der Erde möglich sei. Man lebe hier nach festen gesellschaftlichen Werten, während man auf der Erde lediglich danach lebte, diese Werte zu erreichen. Als Wood die Unumstimmbarkeit Bonstettens bewusst wird, droht er ihm in einem Nebensatz mit der Bombardierung der Venus durch die Wega, zieht diese Drohung jedoch umgehend zurück. Bonstetten bestätigt ihm im Gegenzug jedoch, dass die Bewohner der Venus bereits mit einem solchen Vorgehen gerechnet haben und sich deshalb über den ganzen Planeten verteilt haben, um den Schaden eines Angriffs möglichst gering zu halten. Er sieht seine Ansicht bezüglich des Charakters der Menschen auf der Erde bestätigt, ohne jedoch Wood oder einem anderen Menschen die Schuld dafür zu geben. Resignierend muss Wood die Hoffnungslosigkeit der Mission anerkennen und kehrt mit Mannerheim und dem Versprechen, auf die Bombardierung zu verzichten, zur Wega zurück.
An Bord des Raumschiffs befiehlt Wood dennoch nach kurzem Gespräch mit Oberst Roi die Bombardierung, und die Wega tritt ihre Reise zurück zur Erde an. Während des Starts rechtfertigt Wood sein Vorgehen vor sich und Mannerheim als unumgänglich, da die Verhandlungshaltung der Venusianer keine andere Reaktion zugelassen habe. Schließlich beschließt er, während des nicht mehr aufzuhaltenden Krieges auf der Erde in seinem Bunker ein wenig zu lesen.
Interpretation Das Hörspiel Das Unternehmen der Wega spielt im Jahr 2255, es handelt sich somit um eine fiktionale, in der Zukunft angesiedelte Erzählung. Die Frage, ob es sich um eine utopische Erzählung handelt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Nach Gero von Wilpert bildet eine Utopie eine „gedankliche Konstruktion in einer imaginierten, räumlich oder zeitlich entfernten Welt erreichbaren, praktisch nicht zu verwirklichenden Idealzustand von Menschheit, Staat und Gesellschaft“Utopie. In: Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe. Band 231). 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5, S. 865, (1976, S. 79). ab. In diesem Hörspiel werden jedoch zwei verschiedene menschliche Gesellschaften dargestellt: die als verkommen, machtbesessen und korrupt charakterisierte Gesellschaft auf der Erde und die als „Paradies der Menschlichkeit“Beusch: Hörspiele. 1979, S. 117. gepriesene Gesellschaft auf der Venus, die jedoch schließlich ausgelöscht wird. Es wird hier einerseits ein positives Gesellschaftsbild der Zukunft gezeichnet (Venus), andererseits aber auch ein bedrückend negatives (Erde). Nimmt man als Voraussetzung, dass unter Berücksichtigung der Definition die Gesellschaft der Erde gemeint sein soll, so kann man in diesem Fall nicht von einer Utopie sprechen, sondern muss streng genommen den entgegengesetzten Begriff der Dystopie verwenden. Unstrittig ist jedoch, dass das Hörspiel durchaus in die Sparte der Science-Fiction-Literatur eingeordnet werden kann. Es handelt sich um eine Erzählung, die im Rahmen einer naturwissenschaftlich-technischen Zukunftsvorstellung spielt und bei der alltägliche Lebenssituationen angenommen werden, die für die Menschen der Entstehungszeit des Hörspiels, wie auch für uns heutige Leser und Hörer fantastisch und unglaublich klingen.Science Fiction. In: Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 2001, S. 744. Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist die Bewohnbarmachung anderer Himmelskörper durch Menschen.
Gegensatzpaare Erde vs. Venus Die Konflikte in Das Unternehmen der Wega werden alle nach dem gleichen Prinzip dargestellt, nämlich in Form von Gegensatzpaaren. Das offensichtlichste Gegensatzpaar sind zunächst die beiden Lebenswelten der Menschen, nämlich die Erde und die Venus. Auf die Erde braucht an dieser Stelle zunächst nicht weiter eingegangen zu werden, sie scheint äußerlich nicht anders als in unserer heutigen Zeit beschaffen zu sein. Die meisten Informationen zur Umwelt auf der Venus erhalten wir durch einen Kommentar Mannerheims zu Beginn der fünften Aufzeichnung. Er erzählt von zahlreichen Vulkanausbrüchen, anhaltend schweren Unwettern, sogar von elektrischen Entladungen am Himmel, was dem Leser bzw. Hörer unweigerlich den Eindruck vermittelt, dass es sich hier um eine wahre „Hölle“ handelt.Beusch: Hörspiele. 1979, S. 111. Sie steht damit im „schärfsten Kontrast zur Erde“, die von ihren Umweltbedingungen im Vergleich dazu paradiesisch wirkt.
Irdische Machtblöcke