Die Humanistische Union e. V. (HU) ist eine deutsche Bürgerrechtsvereinigung. Ihre Ziele sind unter anderem die Verwirklichung einer umfassenden Informationsfreiheit und mehr direkte Demokratie sowie die Abschaffung des Verfassungsschutzes. oder Die strikte Trennung zwischen Religion und Staat ist Teil ihres Programms. Die HU wurde 1961 in München gegründet und hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins.Satzung der Humanistischen Union e. V.

Geschichte mini|hochkant|Gerhard Szczesny, Gründer der HU

Die HU wurde am 26. August 1961 auf Initiative von Gerhard Szczesny, der am 6. Juni 1961 einen entsprechenden Aufruf verfasst hatte,Gerhard Szczesnys Aufruf zur Gründung einer Humanistischen Union vom 6. Juni 1961 gegründet. Die Gründungsmitglieder, darunter der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, sahen die HU weniger als eine Bürgerrechtsorganisation, sondern als lose kulturpolitische Vereinigung linksliberaler Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und wollten eine „humanistisch begründete Gegenöffentlichkeit“ zur herrschenden christlich-konservativen Grundstimmung der Adenauer-Ära herstellen.

Ein erklärtes Gründungsziel war die . Das Prinzip der durch Staat und Kirche sollte dem Grundsatz der Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung des Einzelnen weichen. Wissenschaft, Presse, Literatur, Kunst und Kultur sollten sich ohne staatlichen oder kirchlichen Einfluss auf Basis der freiheitlichen demokratischen Rechtsordnung des Grundgesetzes frei entfalten können.

Die im Grundgesetz statuierten Freiheitsrechte sahen die Gründungsmitglieder der HU insbesondere durch kirchliche Einflüsse bedroht. Sie forderten daher die strikte Trennung von Kirche und Staat. Aufgrund dieser Forderung wurde und wird die HU teilweise als antichristliche Organisation angesehen. Sie selbst bezeichnet sich als antiklerikal und antikonfessionell.

In den folgenden Jahren entstanden auf lokaler Ebene Ortsverbände. Am 4. Juli 1962 wurde die Humanistische Studentenunion (HSU) gegründet. In den meisten Bundesländern arbeiten bis heute Landesverbände zu bürgerrechtlich relevanten landespolitischen Fragen wie z. B. des Strafvollzugs oder Polizeirechts. Die gesellschaftliche Ausdehnung der HU und die damit verbundene Aufnahme neuer Mitglieder führten schon bald zu einer Erweiterung des Tätigkeitsbereichs. Im Fokus stand zunächst die Liberalisierung des Strafrechts. Hier wandte sich die HU gegen die Strafbarkeit rein „sittenwidriger“ Verhaltensweisen, beispielsweise der Verbreitung unzüchtiger Schriften, der Homosexualität (§ 175 des Strafgesetzbuches (StGB)) oder auch der Gotteslästerung. Zudem plädierte die HU für eine politische Auseinandersetzung mit Kommunismus und Sozialismus, die an Stelle der rechtlichen Verfolgung ihrer Anhänger treten sollte.

Ihre Ziele verfolgte die HU zunächst durch Vorträge, Podiumsdiskussionen, Plakataktionen, öffentliche Erklärungen und Publikationen. Diese unmittelbare Einwirkung auf die öffentliche Meinung wich jedoch im Laufe der Zeit zunehmend einer Lobbyarbeit, die sich beispielsweise in Stellungnahmen und Gutachten zu Gesetzgebungsvorhaben niederschlug.

Mitte der 1960er Jahre wurden innerhalb der HU Rufe nach mehr innerverbandlicher Demokratie laut. Die bisher intern eher informell agierende Vereinigung sollte zudem transparenter strukturiert und organisiert werden. Diese Bestrebungen waren mit der ursprünglichen Idee des HU-Gründers Szczesny nicht in Einklang zu bringen. Im November 1967 kam es in Kassel auf einer Mitgliederversammlung zum Konflikt zwischen Szczesny und seinen Kritikern, den letztere für sich entscheiden konnten. Die Mitgliederversammlung verabschiedete eine neue Satzung, in der klare Strukturen und Verfahren festgelegt wurden. Sie gilt in ihren grundsätzlichen Inhalten bis heute. Szczesny blieb zwar zunächst Bundesvorsitzender, wurde aber 1969 von Walter Fabian abgelöst.Artikel zur HU-Geschichte

In der Folgezeit wandelte sich die HU mehr und mehr von einer linksliberalen antiklerikalen Bewegung zu einer Bürgerrechtsvereinigung. Anfang der 1970er Jahre setzte sich die HU für die Abschaffung des § 218 StGB ein, da sie das dort normierte Abtreibungsverbot als unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der schwangeren Frau ansah. In den späten 1970er Jahren bemühte sich die HU um eine Versachlichung des Umgangs mit und des Vorgehens gegen die Terroristen der RAF. Von 1979 bis 1983 fungierte Ulrich Klug als Bundesvorsitzender der HU.Nachruf Ulrich Klug. taz Archiv, 11. Mai 1993, abgerufen am 19. Januar 2023.

Anfang der 1980er Jahre wandte sich die HU gegen die geplante Volkszählung und wurde durch das Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts in ihrer Rechtsauffassung bestätigt. Spätestens seit dieser Zeit gehören Fragen des Datenschutzes und des Post- und Fernmeldegeheimnisses zu den Kernthemen der HU. Die Themen Antidiskriminierungsgesetz und Akteneinsichtsrecht (Informationsfreiheit) versuchte sie bereits viele Jahre vor dem Inkrafttreten der entsprechenden Gesetze zu popularisieren.

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 setzte sich die HU intensiv für eine neue gesamtdeutsche Verfassung ein, die eine erweiterte Partizipation der Bürger gewährleisten sollte.

Zur Erhöhung der internationalen Kommunikationsfähigkeit der HU beschlossen deren Delegierte Ende September 2007, den Namen um den Zusatz „German Civil Liberties Union“ zu ergänzen. Die Änderung war eine Reaktion auf die zunehmende Verlagerung von Entscheidungsprozessen von der nationalen auf die europäische Ebene. Wie viele andere bislang primär national ausgerichtete NGOs sah sich auch die HU dadurch veranlasst, sich europaweit neu zu vernetzen.Pressemitteilung 11/2007 der Humanistischen Union

Im Juni 2009 vereinigte sich die HU mit der Gustav Heinemann-Initiative.Verschmelzung von Gustav Heinemann-Initiative und Humanistischer Union Eine daraufhin angestrebte Umbenennung in Gesellschaft für Bürgerrechte scheiterte in einer Urabstimmung im Dezember 2010 an der dazu nötigen Dreiviertelmehrheit. Die Organisation behält daher den zwischenzeitlich angenommenen Zusatz „vereinigt mit der Gustav Heinemann-Initiative“ im Namen.HU bleibt HU – Abstimmung zur Änderung des Vereinsnamens verfehlt knapp das Quorum. Verbandsnachrichten der HU, 16. Dezember 2010, abgerufen am 22. April 2011

Ziele Heute ist der Tätigkeitsschwerpunkt die Verteidigung der Bürgerrechte. Die HU setzt sich insbesondere ein für mehr demokratische Mitwirkungsrechte, die Begrenzung der Befugnisse von Polizei und Geheimdiensten, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Entkriminalisierung von Drogenbesitz sowie für Datenschutz und Informationsfreiheit. Sie fordert eine Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts von Kranken und Sterbenden, humane Bedingungen für Gefangene und Flüchtlinge sowie die Trennung von Kirche und Staat und vertritt eine kritische Haltung zu Staatsleistungen (Leistungsverpflichtungen der Länder an die Religionsgesellschaften) und zum staatlichen Religionsunterricht. Zudem kritisiert die HU das Registermodernisierungsgesetz und die Steuerliche Identifikationsnummer.

Der Verein ist Mitglied des NGO-Netzwerks Forum Menschenrechte, Mitunterzeichner der gemeinsamen Erklärung des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung gegen den Gesetzesentwurf über die Vorratsdatenspeicherung sowie Unterstützerorganisation der Demonstrationen Freiheit statt Angst.„Freiheit statt Angst 2008“ – Demonstration gegen den Überwachungswahn

Struktur Bundesvorstand Der Bundesvorstand nimmt bundesweite Themen wahr. Seit September 2022 ist der Informatiker Stefan Hügel Vorsitzender des Bundesvorstandes.Bundesvorstand der Humanistischen Union

Prominente Vorstandsmitglieder der HU waren der ehemalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der ehemalige niedersächsische Landtagsabgeordnete Werner Holtfort, der hannoversche Politikwissenschaftler und Bürgerrechtler Jürgen Seifert, der Musikwissenschaftler Volkmar Braunbehrens und der emeritierte Hamburger Kriminologieprofessor Fritz Sack (ebenfalls Mitglied im Kuratorium der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS), von dem sich die HU im Jahre 2004 öffentlich abgrenzte). Auch der Rechtsanwalt und ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily war HU-Vorstandsmitglied; später kam er einem Ausschlussantrag wegen seiner Sicherheitsgesetze („Otto-Katalog“) durch Austritt zuvor.

Vorsitzende des Bundesvorstands seit Vereinsgründung Gerhard Szczesny (–1969) Walter Fabian (1969–1973) Hans Robinsohn (1973–1975) Charlotte Maack (1975–1979) Ulrich Klug (1979–1983) Jürgen Seifert (1983–1987) Ulrich Vultejus (1987–1995) Till Müller-Heidelberg (1991–2003) Reinhard Mokros (2003–2005) Rosemarie Will (2005–2013) Werner Koep-Kerstin (2013–2021) Stefan Hügel (seit 2021)

Beirat Zum Beirat der HU zählen Tobias Baur, Lorenz Böllinger, Daniela Dahn, Gunda Diercks-Elsner, Monika Frommel, Hansjürgen Garstka, Klaus Hahnzog, Johann-Albrecht Haupt, Hartmut von Hentig, Heide Hering, Thomas Krämer, Rüdiger Lautmann, Till Müller-Heidelberg, Gerd Pflaumer, Fritz Sack, Helga Schuchardt, Klaus Staeck, Kirsten Wiese, Rosemarie Will und Karl Georg Zinn.

Ehemalige Angehörige des Beirats sind unter anderen die ehemaligen Bundesminister Renate Künast, Werner Maihofer, Herta Däubler-Gmelin, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Heidemarie Wieczorek-Zeul, die ehemalige Bundestagsvizepräsidenten Burkhard Hirsch und Claudia Roth, der Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth, der Schriftsteller Walter Jens, der ehemalige Oberlandesgerichtspräsident Rudolf Wassermann, die Friedensaktivistin Petra Kelly, die ehemaligen Bundestagsabgeordneten Harri Bading, Oswald Adolph Kohut, Peter Blachstein und Ingrid Matthäus-Maier, der Psychologe und Sozialwissenschaftler Helmut Kentler, die ehemalige hessische Ministerin Heide Pfarr, die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley und Rosi Wolf-Almanasreh.

Mitglieder Zu den Mitgliedern und Unterstützern der HU zählten in den 1960er- und 1970er-Jahren Prominente aus Politik und Gesellschaft.Der Spiegel: Die Humanistische Union – Sehr zäh. Ausgabe 22/1967 vom 22. Mai 1967, Online-Version abgerufen am 11. März 2014. Auch der Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagoge Hans Günther von Klöden (1907–1986)Klöden, von, Hans-Günther. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 650. und der Politiker Gerhard Meyer (1937–2016) waren Mitglieder der Humanistischen Union.

Ortsvereine Die regionale Präsenz ist sehr unterschiedlich. So organisierte der Ortsverein FrankfurtOV Frankfurt der HU unter dem Vorsitz von Peter Menne Veranstaltungen mit bundesweitem Echo, wie z. B. die Podiumsdiskussion Nach dem NSU-Debakel: Brauchen wir den Verfassungsschutz. oder oder 2005 und 2006 organisierte und moderierte Peter Menne die Reihe Leitkultur Menschenrechte. Das Kernanliegen der HU, die Trennung von Staat und Kirche, wird weiter thematisiert, beispielsweise mit der Lesung „Papst unerwünscht“ gemeinsam mit Helge Nyncke anlässlich des Auftritts von Papst Benedikt XVI. vor dem Bundestag im September 2011.

Der Ortsverein Marburg kümmert sich insbesondere um die sozialen Grundrechte. Der langjährige Vorsitzende Franz-Josef Hanke schuf gemeinsam mit der Stadt Marburg den undotierten Preis „Marburger Leuchtfeuer“.Marburger Leuchtfeuer für soziale Bürgerrechte

Andere Aktivitäten der letzten Jahre (wie z. B. die Mitwirkung am Grundrechte-Report) wurden von Projekt- und Arbeitsgruppen entwickelt, die überregional arbeiten.

Bildungswerke und andere Institutionen Ein Bildungswerk bestand von 1971 bis 2021 in Nordrhein-Westfalen (Essen), ein weiteres besteht in Bayern.Homepage des Bildungswerks Darüber hinaus gibt es eine Frauen- und Familienberatung in Schleswig-Holstein.

Kontroverse um Pädophilie