mini|Eingangstür in Sanaa mini|Friedhof in Saʿda Die Architektur im Jemen und das sie begleitende Kunstschaffen gelten gemeinhin als sehr reichhaltig und eigenständig. Die ab dem 3. /4. Jahrhundert einsetzende arabisch-islamische Baukultur im Jemen steht in einem engen Kontext zur traditionellen altorientalischen Architektur und leitet sich aus dieser bemerkenswert bewahrend her, sodass kulturgeschichtlich Besonderes entstehen konnte. Generell wird der überlieferten Baukunst im Verlauf der früheren Jahrhunderte ein hohes Niveau bescheinigt. Für diese Erkenntnis spielt eine wesentliche Rolle, dass nahezu durchweg eine große Harmonie zwischen den Siedlungsformen und der diese jeweils umgebenden Landschaft erzeugt werden konnte.Peter Wald: Harmonie von Siedlung und Landschaft. In: Werner Daum: Jemen. 1988, S. 388–391. Dies gilt ebenso für die überlagernden hellenistischen, byzantinischen und persischen Einflüsse der nachfolgenden Jahrhunderte, die gleichzeitig Grundlage für die islamische Architektur waren.Ronald Lewcock: Jemenitische Architektur im Mittelalter. In: Werner Daum: Jemen. 1988, S. 181–204.
Architekturgeschichte Bronzezeitliche Funde Seit der frühen Bronzezeit sind in Ma’layba, im Hinterland von Aden gelegen, ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. bis ins 13. Jahrhundert v. Chr. Besiedlungsspuren bekannt. Deutsche und russische Archäologen legten bronzezeitliche Hütten und Bewässerungskanäle frei.Vittoria Buffa, Ma’layba et l’Age du Bronze du Yémen Die neapolitanischen, Orientalischen Archäologen, Alessandro de Maigret und Francesco G. Fedele sprechen in diesem Zusammenhang von neolithischen Lebensformen mit Dorfkultur und Töpferei ab 2000 v. Chr. Nachgewiesen sind eiförmige bzw. elliptische „Hütten“ und Einfriedungen in den Wadis al-ʿUsh, Ṭayylah und ʿIshsh sowie auf den Dschebel Quṭrān und Shaʿīr.Alessandro de Maigret: A Bronze Age for Southern Arabia. In: East and West. Bd. 34, Nr. 1/3, 1984, , S. 75–106, .Francesco G. Fedele: Die Jungsteinzeit im Nordjemen. In: Werner Daum: Jemen. 1988, S. 35–38, hier S. 37. Weitere nachgewiesene Wohnbauten stammen aus der Sabir-Kultur, die in der Küstenebene in Sabir ausgegraben wurden. Sie waren in Lehmziegelbauweise erstellt und wiesen Innenhöfe auf. Keramikscherben, Fehlbrände und verglaste Tonbatzen lassen auf Quartiere mit Töpfereien schließen. Zudem waren dort Werkstätten zur Metallverarbeitung sowie Perlenherstellung (Kaurischnecken) angesiedelt. An den Besiedlungsrändern wurden Verbauungen mit organischen Materialien (Tierknochen) festgestellt.Scherben-Jagd im JemenBurkhard Vogt: Die Sabir-Kultur und die jemenitische Küstenebene in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. In: Im Land der Königin von Saba. Kunstschätze aus dem antiken Jemen. Staatliches Museum für Völkerkunde, München 1999, ISBN 3-927270-41-5, S. 61–65.
Altsüdarabische Zeugnisse Die altsüdarabische Hochkultur setzte zu Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. ein.Daten nach der Langen Chronologie. Zu den Problemen der altsüdarabischen Chronologie siehe den Artikel „Altes Südarabien“. Zwischen 1000 und 700 v. Chr. wird die Gründung der bedeutenden Reiche Saba, Ausan, Qataban und Hadramaut verortet. Trotz der ungebrochen wachsenden Anzahl neu ans Tageslicht gebrachter altsüdarabischer archäologischer Fundplätze und Artefakte kann deren Chronologie bestenfalls in groben Umrissen gezeichnet werden. Kunsthistorische Untersuchungen fokussieren sich zudem auf zahlreiche Statuen und weitere Kunstwerke der alten Königreiche und weniger auf das den altsüdarabischen Kontext abschließende Reich der Himyar, von dem zur Erhellung seiner Geschichte kaum Inschriften existieren.Zur Inschriftenforschung sei stellvertretend für alle verwiesen auf: Eduard Glaser, Hermann von Wissmann, Carl August Rathjens, Jürgen Schmidt, Alfred Felix Landon Beeston, Jacques Ryckmans, Walter W. Müller. Eindeutige und chronologische Koordinaten lassen sich weder zu Architektur noch sonstigem Kunstschaffen verlässlich setzen, denn es gibt nur dünn gesäte Quellen. Insbesondere mangelt es an systematischen Ausgrabungen, an stratifizierten Fundstücken für die neuzeitliche Analyse (beispielsweise 14C-Datierungen) und insbesondere an hinterlassenen altertumswissenschaftlichen Arbeiten, die für Folgerungen verwertbare Forschungsergebnisse gezeitigt hätten.
Sakralarchitektur mini|links|Prachtvolles Exemplar früher sabäischer Kalligraphie, aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. (Ma'rib). Sabäische Tempelanlagen lassen sich oft nur anhand von Inschriften mit Hilfe der Götter- und Herrscherhinweise datieren. Die Übersetzung dieser archaischen Bustrophedon-Inschrift nach RES 4226:Übersetzt von Walter W. Müller in Werner Daum: Jemen. 1988. mini|Acht monolithische Pfeiler (Temenos-Mauerreste) von sieben Metern Höhe markieren den umgrenzten Bezirk des Awwam-Tempels (erschaffen zwischen dem 7. und 5. Jahrhundert v. Chr.) mini|Die Ruinen von Mahram Bilqis (nahe bei Ma'rib) mini|Altsüdarabischer Räucheraltar mit Steinbockrelief; sie waren Bestandteil des Sanktuariums des Tempels (zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert) Die ältesten heiligen Stätten wurden durch einen naturgewachsenen stelenartigen Monolithen repräsentiert, den zusammengefasste Steinsetzungen umgaben. Gelegentlich friedete eine Trockenmauer diesen zentralen Punkt ein. Alle späteren Sakralbauten wurden in Stein ausgeführt, die meist in der für Südarabien charakteristischen Hausteintechnik präpariert wurden. Die dabei entstandenen Tempel dienten als Wallfahrtsorte und Orakelplätze. Zu den Grundzügen der sich zunehmend differenzierenden altsüdarabischen Tempelarchitektur gehört eine asketische, von Kubik und reiner Stereometrie beherrschte Formensprache. Sie drückt sich in vollkommen schmucklosen abstrakt-geometrischen Bauteilen aus. Dabei entstanden in der sabäischen Frühgeschichte unüberdachte Tempelbauten, auf deren Stützenreihen, Horizontalbalken als Bindeglieder ruhten. Konzipiert waren die Tempel als Säulenhallen mit zumeist rechteckigen Hofmaßen. Tieferen Einblick in die Frühphase der Baukunst gewähren lediglich zwei im Wadi Ḏana (oberhalb des Staudamms von Ma'rib) gelegene Anlagen bei Šakab und unweit des Zulaufs des Wadi Qutūta. Nachforschungen dort ergaben, dass die Steinpfeiler im erstgenannten Tempel überaus regelmäßig gesetzt waren, sodass ein quadratischer Grundriss entstand. Der andere Tempel wies die Besonderheit auf, dass eine Pfeilerreihe längshälftig stand, die andere Hälfte jedoch ein leeres Feld abgab. Für diese Grundrissidee sind keinerlei Vorbilder aus der arabischen oder vorderasiatischen Baugeschichte bekannt. Das Innere des Baus war nach Grabungsbefunden zudem absolut fundleer, woraus Jürgen Schmidt schloss, dass es dem Totenkult zuzurechnen ist. Häufig umgab ein aus Steinbrocken errichtetes Mauerwerk das Heiligtum, der Bezirk konnte mittelaxial betreten werden.Jürgen Schmidt: Altsüdarabische Kultbauten. In: Werner Daum: Jemen. 1988, S. 81–101, hier S. 88–98. Das Grundprinzip des Tempelbaus zeichnete sich durch einen nach außen geschlossenen Baukörper aus, der mittelaxial betreten wurde. Dahinter präsentierte sich ein pfeilerumstandener, richtungsweisender Hof, an dessen Rückseite eine gekammerte Cella mit Adyton lag. Dieses Grundprinzip wurde bis in die Spätzeit beibehalten, was der der Sonnengöttin Ḏat Baʿadān (Wintersonne) gewidmete Tempel in al-Ḥuqqa nahelegt. Dessen Errichtungsdatum ist zwar nicht bekannt, wird aber frühestens im 1. vorchristlichen Jahrhundert vermutet. Typologisch wurden die Tempelanlagen in der Folgezeit zunehmend ausgereifter in Hinblick auf Technik und Material. Stützwerke bereicherten fortan die Hofanlagen und Propylone mit sechs bis acht Stützen wurden zu architektonischen Würdezeichen. Einzelne Bauglieder wurden zur Akzentsetzung hervorgehoben und behauene Kalksteinquader fanden Verwendung. Formgeschichtlich handelte es sich bei diesen Gebilden wohl um den kanonisierten Typ des klassischen Tempelbaus der Sabäer.
Diese Bauweise gilt allerdings nicht für alle Reiche. So unterscheiden sich die Bauten bezüglich Grundriss und Raumschema im minäischen Dschauf und in Qataban erheblich von denen der Sabäer. Jede Richtungstendenz wurde hier geradezu vermieden, wie der räumliche Zulauf auf eine Cella oder die Orientierung des Tempels im Peristyl (Athtar-Tempel von Naschān und Naschq). Bedeutende Zeugnisse einer von diesen Grundprinzipien abweichenden Grundrissstruktur, zeigen in ihren ovoid-apsidialen Erscheinungsformen der Awwam-Tempel (nahe Ma'rib) und der Almaqah-Tempel in Sirwah auf. Vom eigentlichen Tempel ist jeweils nichts erhalten, lediglich Temenosmauerreste der beiden vermutlich sehr großen Anlagen sind erhalten geblieben.
Die Bauweisen änderten sich unter den Einflüssen fremder Kulturen. Es fehlt an stilkritischen Klassifizierungen, weshalb nur lose festgestellt werden kann, dass die lichten Säulenabstände der Tempelpfeiler, deren Einwärtsneigung und Schaft-Schwellung insbesondere unter den hellenistischen, aber auch byzantinischen und persischen Einflüssen veränderten. Gut ablesen lässt sich dies an der Tempelanlage von al-Masadschid. Dieser antike Fundort geht auf die Bautätigkeiten des sabäischen MukarribHermann von Wissmann: Zur Geschichte und Landeskunde von Alt-Südarabien (= Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte. Bd. 246, = Sammlung Eduard Glaser. 3). Böhlau, Graz u. a. 1964, S. 31–32, 262 und 210 (Abbildung auf der Karte). Yada'il Dharih I. zurück, dessen Regierungszeit von Hermann von Wissmann um 660 v. Chr., von Kenneth A. Kitchen hingegen um 490-470 v. Chr. angesetzt wird. Epigraphisch informiert er über spätere Zeiten und besitzt mit floralen Kompositionen und fremden Stileinflüssen eine Architekturornamentik, die eindeutig nicht aus der Entstehungszeit des Tempels stammt. Vieles spricht dafür, dass viele Jahrhunderte später eine Neugestaltung der Anlagen erfolgte. Ein anderes Beispiel: Der Athtar-Tempel von Naschān erhielt lange nach seiner Errichtung, Verzierungen, wie Schlangen-, Straußen-, Lanzen, Vasen-, Ziegen- und Granatapfelmotive.
Der Gelehrte Muhammad al-Hasan al-Hamdani überlieferte im 10. Jahrhundert, dass die Zentren der alten jemenitischen Zivilisation in großer Blüte gestanden hätten. Arabia Felix sei von einem Hang zu Eleganz und Luxus ebenso geprägt gewesen, wie zu arabesken Dekorationen, die allgegenwärtig gewesen seien. Eisen, Teakholz, Juniperus, Perlen und Edelsteine verkleideten die Wände der Paläste; Gips, Marmor und Alabaster sollen Na'it geziert haben. Sanaa prunkte mit erhabenen Bauwerken, wie dem berühmten Ghumdan-Palast auf. Begründet wurde der Palast zu sabäischer Zeit durch den vermeintlichen Stadtbegründer Sha'r Awtar; berühmt wurde er als letzter Regierungssitz der Himyaren, dann zerstört durch die Aksumiten, wiederaufgebaut und endgültig zerstört durch das Kalifat ʿUthmān ibn ʿAffān. Auch die Kathedrale al-Qualis setzte Zeichen des Glanzes. Ebenholz, Elfenbein, Gold und Silber sollen die Kanzel der Kathedrale geschmückt haben. Reste sind nicht vorhanden.
Profanarchitektur und Verteidigungsanlagen mini|Die Ruinen der antiken Stadt Khor Rori, die zwischen dem 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. im Hadramaut gegründet wurde, liegen auf einer Anhöhe über dem Hafen. Die Stadt war doppelt ummauert. Im Innern befanden sich verschiedene Tempel, Werkstätten, Lagerhäuser und Wohngebäude. mini|links|Die Zisternen von Tawila (Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert) gelten als herausragende historische Ingenieursleistung der südarabischen (himyarischen) Welt.