Die Große Nationalversammlung (/Weliko narodno Sabranie) ist eine gemäß der staatsrechtlichen Tradition in Bulgarien eine Verfassunggebende Versammlung mit besonderen Befugnissen und tagte seit ihrer Einführung 1879 nur siebenmal. Sie ist eine Form der Ausübung des pouvoir constituant und vorgesehen, um eine neue Verfassung zu verabschieden oder über konstitutionelle Fragen von grundlegender Bedeutung zu entscheiden wie das Staatsgebiet, die Staatsorganisation oder die Regierungsform, die der legislativen Gewalt des regulären Parlaments und gar seiner verfassungsändernden Mehrheit entzogen sind. Sie ist vergleichbar mit der Assemblée constituante in Frankreich, die ihrerseits fünfmal einberufen wurde.
Nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 trat zunächst eine Konstituierende Nationalversammlung (Учредително народно събрание) von 10. Februar 1879 bis zum 16. April 1879 zusammen, um eine erste Verfassung für die wiederhergestellte Nation zu entwerfen und zu verabschieden. Sie trat in der alten Hauptstadt zusammen und ihr Ergebnis war die Verfassung von Tarnowo von 1879. Diese sah vor und begründete die Tradition, dass für besondere Verfassungsfragen oder um eine neue Verfassung zu verabschieden, eine Große Nationalversammlung eigens zu wählen ist und zusammentreten muss. Sie ist mit 400 Delegierten fast doppelt so groß wie die reguläre Nationalversammlung. In unmittelbarem Anschluss an diese Konstituante des modernen bulgarischen Staates trat die 1. Große Nationalversammlung von 17. April bis 26. Juni 1879 zusammen und befasste sich mit der Wahl eines Monarchen. Das Ergebnis war die Wahl Alexander von Battenbergs zum Oberhaupt des neu etablierten Fürstentums.
In der Folgezeit trat mehrmals eine Große Nationalversammlung zusammen. Nach der Bulgarischen Wiedervereinigung 1885 und der endgültigen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich 1908 hat die 5. Große Nationalversammlung vom 9. Juni bis zum 9. Juli 1911 diese Entwicklungen und den Status eines Königreichs Bulgarien sowie den Titel des Monarchen als König bestätigt.
Die 6. Große Nationalversammlung verabschiedete 1947 die Verfassung der Volksrepublik Bulgarien, welche die Verfassung von Tarnowo ersetzte. In der neuen Verfassung von 1947 war eine Einberufung der Großen Nationalversammlung nicht mehr vorgesehen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges, wurde 1991 die 7. Große Nationalversammlung abgehalten, die die heutige Verfassung der Republik Bulgarien verabschiedete und die Demokratisierung Bulgariens einleitete. Die insgesamt vierte Verfassung Bulgariens ist zugleich die erste in Osteuropa die auf den Prinzipien der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beruht.
Geschichte
1. Große Nationalversammlung (17. April – 26. Juni 1879) 2. Große Nationalversammlung (1. Juli 1881) 3. Große Nationalversammlung (19. Oktober 1886 – 3. August 1887) 4. Große Nationalversammlung (3. Mai – 17. Mai 1893) 5. Große Nationalversammlung (9. Juni – 9. Juli 1911) 6. Große Nationalversammlung (7. November 1946 – 21. Oktober 1949) 7. Große Nationalversammlung (10. Juli 1990 – 12. Juli 1991)
Literatur Petar Angelow: Istorija na Balgarija (aus dem bulg. Geschichte Bulgariens). SOFI-R, Sofija 2003, Band 1: ISBN 954-638-121-7, Band 2: ISBN 954-638-122-5. Simeon Radew: Die Verfassung von Tarnowo in Erbauer des modernen Bulgariens (bulg. Stroiteli na sawremennata balgarska darschawa), Verlag Sachari Stojanow, 2004, ISBN 954-739-303-0. Simeon Radew: Die Verfassung von Tarnowo in Stroiteli na sawremennata balgarska darschawa Onlineversion des Buches bei slovoto.bg (bulg.)
Weblinks Verfassung des Fürstentums Bulgarien auf www.verfassungen.eu Die Artikel (153-163) zur Großen Nationalversammlung in der bulgarischen Verfassung (engl.)
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