Scheibler ist der Name einer aus dem hessischen Gemünden an der Wohra abstammenden ehemaligen Kaufmannsfamilie. Ab Ende des 16. Jahrhunderts wirkte sie besonders im Rheinland als lutherische Theologenfamilie und erwarb sich ab dem 18. Jahrhundert vor allem als Tuchfabrikantenfamilie speziell im Raum Monschau, Eupen, Iserlohn und Krefeld sowie in Łódź und Mailand einen anerkannten und internationalen Ruf. Darüber hinaus wurden einige Mitglieder der Familie in den Adelsstand erhoben.
Theologenfamilie Scheibler Seit Beginn des 16. Jahrhunderts war die Familie Scheibler durch Johann I. Scheibler (1490–1556) zunächst im hessischen Gemünden sesshaft geworden, dessen Vorfahren in Loshausen und Todenhausen nachgewiesen wurden und auch zu den Vorfahren Johann Wolfgang von Goethes zählen.Verwandtschaftsverhältnis zu Goethe, Goethe-Genealogie. Nachdem die Familie anfangs unter anderem als Grundbesitzer, Schafzüchter, Bierbrauer und Wollhändler tätig gewesen war, entschloss sich erstmals mit Johann III. Scheibler (1553–1597), dem Sohn des Gemündener Bürgermeisters Johann II. Scheibler (1529–1594), ein Mitglied der Familie, eine theologische Laufbahn anzustreben.
Dessen Sohn Christoph Scheibler wurde Professor der Theologie und Rektor an der Universität Gießen und folgte 1625 einem Ruf nach Dortmund, wo er zum Superintendenten und zum Leiter des Archigymnasiums ernannt wurde. Damit war auch zugleich der Schritt ins Rheinland vollzogen, in die Region, in der in den folgenden Jahrzehnten circa 24 Mitglieder der Familie als Theologen tätig und bekannt wurden. So wurde zunächst Johannes Scheibler (1628–1689), Sohn von Christoph, Pfarrer in Remscheid-Lennep, Generalsuperintendent sowie Generalinspekteur der lutherischen Kirche im Herzogtum Jülich-Berg. Drei der Söhne des Johannes schlugen ähnliche Laufbahnen ein, wobei der Älteste, Johann Hartmann Scheibler (1666–1709), Pfarrer in Burscheid, sein Sohn und sein Enkel, Peter Christoph der Ältere (1707–1773) und der Jüngere (1744–1818), in Bergisch Neukirchen tätig waren, nach denen dort die Pastor-Scheibler-Straße benannt wurde, und ein anderer Enkel, Maximilian Friedrich Scheibler (1759–1840), als Pfarrer über Düren nach Monschau kam.Pfarrer Maximilian Scheibler in Monschau Ein weiterer Sohn von Johannes IV., Balthasar Christian Scheibler (1671–1730), fand als Pfarrer eine Berufung ins rheinische Stolberg und ein dritter, Bernhard Georg Scheibler (1674–1743), wurde ebenso wie dessen Sohn Arnold Hartmann (1704–1766) und Enkel Johann Wilhelm (1746–1819) Pfarrer ins rheinisch-bergische Volberg sowie Inspekteur der lutherischen Kirche Oberberg.
Dabei waren die meisten der hier aufgeführten Pfarrer in ihren jeweiligen Pfarrbezirken und auch darüber hinaus anerkannte und herausragende Persönlichkeiten, über die im Buch von Johann Arnold von Recklinghausen: Reformationsgeschichte der Länder Jülich, Berg, Cleve und Meurs aufschlussreiche Informationen niedergeschrieben wurden.
Tuchfabrikantenfamilie Scheibler Hauptstammsitz Monschau mini|hochkant|Rotes Haus Monschau – Stammsitz der Familie Die Ära der Scheibler’schen Tuchfabrikation in Monschau begann mit dem Zuzug zweier weiterer Söhne des zuvor genannten Volberger Pfarrers Bernhard Georg, nämlich mit Johann Heinrich Scheibler (1705–1765) und Wilhelm Wimar Scheibler (1715–1803). Vor allem dem Engagement Johann Heinrichs, der bereits mit 18 Jahren zu den größten Tuchfabrikanten Monschaus zählte und für dessen Firma Johann Heinrich Scheibler & Söhne im Jahre 1762 mehr als 4000 Menschen direkt und indirekt arbeiteten, war es zu verdanken, dass Monschau eine Hochburg der Tuchindustrie wurde und dadurch auch einen enormen gesellschaftlichen Aufstieg erlebte. Die Fabrik der Familie Scheibler befand sich im Rosenthal und wurde 1757 als Walkmühle gegründet, im Jahr 1773 durch eine zweite Walkmühle erweitert sowie 1814 teilweise in eine Spinnmühle umgebaut.
Johann Heinrich Scheibler war darüber hinaus der Erbauer des Roten Hauses, welches noch heute mit Einrichtungen in den Stilen des Rokoko, Louis-seize und Empire aus dem 18. Jahrhundert fast vollständig erhalten ist. Mehr als zweihundert Jahre war dieses Haus im Familiensitz und beherbergte lange Zeit das Familienarchiv, welches ab 1963 zur Stiftung Scheibler-Museum Rotes Haus Monschau umgewidmet und ab 1987/8 als Depositum dem Landschaftsverband Rheinland in Pulheim-Brauweiler eingegliedert wurde.
Vier Söhne von Johann Heinrich wurden Teilhaber im väterlichen Betrieb, wobei der Älteste, Bernhard Georg von Scheibler (1724–1786), zusätzlich den Aufbau eigener Fabrikanlagen sowohl in Monschau-Burgau als auch zwischen 1753 und 1765 in Hagen und später noch in Herdecke betrieb, sich aber nach dem Tode des Vaters wieder um die Monschauer Betriebe kümmerte. Für seine anerkannten Verdienste wurde Bernhard Georg am 15. März 1782 in den erblichen Reichsadelsstand erhoben. Dessen Sohn und Geschäftsnachfolger, Johann Christian von Scheibler (1754–1787), wurde nur ein Jahr später am 4. April 1783 durch Kaiser Joseph II. mit der Erhebung in den österreichischen persönlichen Adelstand ebenfalls geehrt. Johann Christians Sohn Bernhard Georg der Jüngere (1783–1860) verlegte später seine Geschäftstätigkeit in das benachbarte Eupen, wo er im Jahre 1807 als erster eine mechanische Wollspinnerei errichtete.
Ein weiterer Sohn von Bernhard Georg dem Älteren, Bernhard Paul von Scheibler (1758–1805), widmete sich der Tuchfabrikation in Monschau und Eupen, wobei dessen Sohn Bernhard von Scheibler (1785–1837) zum preußischen Landrat des Kreises Eupen und kgl. belgischen Kommissar für Neutral-Moresnet ernannt wurde. Sein Sohn Bernhard Paul Friedrich Hugo von Scheibler (1825–1888) wurde dagegen Friedensrichter und Landrat im Kreis Monschau sowie am 12. Februar 1870 in den Freiherrenstand erhoben. Ein weiterer Nachkomme dieser Linie, Bernhard Heinrich Rudolf Freiherr von Scheibler (1857–1934), lenkte 34 Jahre lang als Landrat die Geschicke des Kreises Heinsberg und war Mitbegründer der Kreissparkasse Heinsberg.Scheibler auf Haus Hülhoven, Porträt auf vonscheibler.de. Nach diesem Familienzweig mit ihrem Sitz auf Haus Hülhoven bei Heinsberg wurde auch das von ihnen herausgegebene Scheiblersche Wappenbuch benannt. Nachdem ein dritter Sohn von Bernhard Georg, Karl Wilhelm von Scheibler (1772–1843), eine Offizierslaufbahn einschlug und ab 1799 in österreichischen Diensten stand sowie zum Festungskommandant von Josefstadt ernannt und in den Freiherrenstand erhoben wurde und dessen Bruder Friedrich von Scheibler (1777–1824),Bericht über Friedrich von Scheibler und Gattin Luise in Iserlohn, auf pastoerchen.de (PDF; 0,4 MB). der in Iserlohn eine florierende Tuchfabrikation aufbaute und zum Maire gewählt wurde und nach dem dort die „von Scheibler-Straße“ benannt wurde, verblieb die Stammfirma Johann Heinrich Scheibler & Söhne in den Händen von Bernhard Georg und seinen Brüdern, wobei ab 1777 der jüngste Bruder Wilhelm Scheibler (1737–1797) Alleineigentümer wurde und der zweite Bruder, Paul Christoph Scheibler (1726–1797), zusammen mit seinem Schwiegersohn Günther Julius Friedrich Orth (1750–1824) die Weberei und Tuchschererei Scheibler & Orth gründeten, aus der später das Kolpinghaus Monschau wurde.Scheibler & Orth, Monschau
Wilhelms Sohn Adolf Bernhard Scheibler (1768–1833) ließ sich wiederum in Eupen nieder, ein anderer Sohn, Ernst Scheibler (1769–1822), gründete in Monschau zusätzlich eine neue Spinnerei und ein weiterer, Friedrich Jakob Scheibler (1774–1834), erwarb die ersten Spinn- und Schermaschinen, holte die Brüsseler Tuchhändler Ronstorff und Rahlenbeck als Gesellschafter in das Familienunternehmen und firmierte fortan unter dem Namen Scheibler, Ronstorff, Rahlenbeck & Comp. Zusammen mit seinem Bruder Ernst und der Firma Peter Schmitz & Söhne betrieb Friedrich Jakob auf dem Areal des Schmitzenhofs eine Rauherei und Spinnerei, die ab 1814 Ernst Scheibler alleine weiterführte.Schmitzenof – Detaillierte Beschreibung auf „Rheinische Industriekultur“ Darüber hinaus ließ Friedrich Jakob im Jahr 1815 noch das TuchschererhausTuchschererhaus Monschau – Detaillierte Beschreibung auf „Rheinische Industriekultur“ in Monschau erbauen, gründete die Filiale in Dreistegen und wurde noch zum Bürgermeister der Stadt gewählt. Dessen Sohn Alexander Arnold Scheibler (1804–1877) erweiterte die Scheiblerfabrik Dreistegen zunächst um eine Filzhut- (1856) und später um eine Kunstwollfabrik (1863), musste aber im Gegenzug einen Websaal im Monschauer Laufengarten an den Aachener Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit übertragen, der diesen zum Ersten Kindergarten Monschaus umgestaltete.
Nach dem Niedergang der Tuchindustrie im 20. Jahrhundert war es schließlich dem Enkel von Alexander Arnold, Walter Scheibler (1880–1965), vorbehalten, die Tuchfabrikation sechs Generationen nach ihrer Gründung im Jahr 1957 stillzulegen. Darüber hinaus hatte sich Walter Scheibler am Ende des Zweiten Weltkriegs bereits als kommissarischer Landrat und später als gewählter Bürgermeister von Monschau verdient gemacht, weswegen man posthum in Monschau eine Straße nach ihm benannte. Außerdem hatte er mehrere Schriften veröffentlicht, in denen er sowohl das regionale Umfeld als auch die Geschichte der Familie Scheibler selbst eingehend beschreibt.
Scheibler in Berlin mini|hochkant|Carl Scheibler, Berlin Nachdem der eingangs erwähnte Johann Heinrich Scheibler die Tuchindustrie in Monschau aufbaute, blieb für seinen Bruder Wilhelm Wimar zunächst nur eine Beteiligung am Familienunternehmen übrig. Er verlegte deshalb alsbald seinen Arbeitsschwerpunkt nach Berlin, wo er zum Werkmeister der Tuchmanufaktur Berlin berufen wurde. Von seinen Nachkommen stiegen die wenigsten in die Tuchfabrikation ein, stattdessen wurde ein Enkel von ihm, Karl Friedrich Heinrich Scheibler (1782–1868) als Bildhauer bekannt, ein Urenkel, Albrecht Armand Scheibler (1831–1853), versuchte sein Glück in Amerika, wo er in das Unternehmen Scheibler, Faber & Perkins in New York City einstieg, aber jung verstarb, ein anderer Urenkel, Robert Wilhelm Scheibler (1823–1884), wurde 1860 Mitbegründer und Direktor der Deutschen Feuerversicherungsgesellschaft, die später in die Frankfurter Versicherungs-AG einbezogen wurde und welche wiederum 1929 mit der Allianz SE fusionierte. Ein weiterer Urenkel, Carl Wilhelm Bernhard Scheibler (1827–1899), wurde in Berlin ein bedeutender Chemiker und gründete dort das Institut für Zuckerindustrie, welches die erste Forschungseinrichtung in der Welt auf dem Gebiet des Lebensmittelsektors war. Dessen Bruder Fritz (Friedrich Jacob) Scheibler (1845–1921) kehrte wieder zurück ins Rheinland und errichtete nach seinem Ingenieur-Studium im Jahr 1875 in Burtscheid zunächst eine Fabrik für Maschinenbau und Eisengießerei. Zusammen mit seinem Sohn Kurt Eugen Friedrich Scheibler (* 1875) gründete er im Jahr 1900 schließlich die Fritz Scheibler Motorwagenfabrik, die 1908 mit der Maschinenbauanstalt Alten-Essen AG fusionierte und ein Jahr später zur Motoren- und Lastwagen AG (MULAG) umfirmierte. Letztendlich fusionierte auch diese 1913 mit den Mannesmann Automobilwerken zur Mannesmann-MULAG, wurde aber 1928 durch Übernahme der Firma Büssing AG stillgelegt und der Markenname erlosch.
Scheibler in Łódź