mini|Grazer Kalvarienberg auf dem Austein mini|Grazer Kalvarienberg mit Kapellen mini|hochkant|Jesus Christus mit Maria Magdalena mini|Aussicht vom Grazer Kalvarienberg mit Kalvarienbergkirche und Grazer Schloßberg im Hintergrund mini|Heiliges Grab mit Mariatroster Kapelle im Hintergrund
Der im 17. Jahrhundert errichtete Grazer Kalvarienberg befindet sich auf dem nahe der Mur liegenden Austein im Grazer Stadtbezirk Lend. Auf dessen felsigem Gipfel stehen eine Kreuzigungsgruppe mit drei Kreuzen und mehrere Kapellen.
Am Fuße des Felsens befinden sich die später errichtete, hochbarocke Kalvarienbergkirche zum Heiligen Kreuz mit der Heiligen Stiege und einer Ecce-Homo-Bühne, daneben der Pfarrhof und der langgestreckte, schmale Kalvarienberg-Friedhof. Der Kreuzweg zum Kalvarienberg mit 14 Stationen ist nicht mehr erhalten. Die sieben Stationen des bereits vor der Errichtung der Anlage auf dem Austein existierenden Prozessionswegs aus der Innenstadt bis zur späteren Kalvarienbergkirche sind noch erhalten.
Zu seiner Entstehungszeit war der Grazer Kalvarienberg die erste Nachbildung des Jerusalemer Kreuzigungshügels Golgota und seiner an die Kreuzigung Christi erinnernden Anlagen innerhalb der habsburgischen Erblande. Er stand bis ins 18. Jahrhundert unter dem Patronat des Jesuitenordens. Von Beginn seines Bestehens an war der Grazer Kalvarienberg Ziel von Wallfahrten und Prozessionen.
Geographische Lage Besiedlungsgeschichte In Graz gibt es zwei markante geologische Erhebungen: den Grazer Schloßberg und den Austein, einen grünen Schieferfelsen.Kubinzky, Wentner: Grazer Straßennamen. S. 46. Während sich die Stadt Graz um den Schloßberg herum entwickelte, blieb der Austein bis 1596, also bis zu Ferdinand Maschwanders Widmung des Felsens an die Jesuiten, ohne Bedeutung für die Stadt. Die relativ große Entfernung und die Lage des Austeins inmitten der Mur-Auen waren die Hauptgründe einer geringen oder kaum vorhandenen Siedlungstätigkeit.Heimo Widtmann: Grazer Kalvarienberg. Weg und Ziel S. 49.
Die Mur-Au nächst dem Austein wurde zur Zeit der Errichtung der Kalvarienberganlage nach ihrem damaligen Besitzer Maschwander-Au genannt. Ab dem 17. Jahrhundert wird von einer spürbar gesteigerten Siedlungstätigkeit berichtet.Walter Brunner: Grazer Kalvarienberg. Vom Austein zum Kalvarienberg S. 71. Heute ist die Siedlungsdichte rund um den Kalvarienberg aufgrund von zahlreichen Wohnhausanlagen sehr hoch. Durch die Verbauung der Mur-Auen im Grazer Stadtbezirk Lend kann der Kalvarienberg nicht mehr (wie in alten Ansichten) von allen Seiten ohne Einschränkung gesehen werden.
Der Kalvarienberg im Grazer Verkehrsnetz Aus dem Süden kommend ist der Grazer Kalvarienberg über die KalvarienbergstraßeKubinzky, Wentner: Grazer Straßennamen. S. 207–208., die ein Teil des barocken Prozessionsweges war, erreichbar. Unmittelbar vor dem Eingang zur Kalvarienbergkirche mündet sie in die Schippingerstraße, eine Verbindungsstraße nach Westen zur Wiener Straße. Der Straßenzug ist nach dem Land- und Gastwirt Anton Schippinger (1851–1914) benannt, der dort den Gasthof „Zum Wiesenwirt“ betrieb.Kubinzky, Wentner: Grazer Straßennamen. S. 363. Neben der Kalvarienbergstraße mündet an derselben Stelle die ÜberfuhrgasseKubinzky, Wentner: Grazer Straßennamen. S. 410. in die Schippingerstraße. An dieser Stelle befand sich einst als Brückenersatz eine Fähre mit Flößen und zwei Kopfstationen, die mittels Seil mit dem anderen Ufer verbunden waren und so die Überfuhr gewährleisteten.
Ziemlich weit davon entfernt liegt die nach dem Austein benannte Austeingasse. Sie verbindet die Grimmgasse im Süden mit dem KalvariengürtelKubinzky, Wentner: Grazer Straßennamen. S. 209. im Norden, der mit der „Kalvarienbrücke“Kubinzky, Wentner: Grazer Straßennamen. S. 208. die beiden Murufer verbindet. Der Kalvarienweg hieß früher Friedhofsweg. Er führt an der Ostseite des Kalvarienberg-Friedhofs entlang und mündet gemeinsam mit dem Kirchweg in die Schippingerstraße. Die Maschwandergasse,Kubinzky, Wentner: Grazer Straßennamen. S. 267. benannt nach Ferdinand Maschwander, verläuft in der Nähe des Kalvarienberg-Friedhofs. Sie ist die Verbindungsgasse zwischen der Augasse im Osten und der Eiswerkgasse im Westen.
Der Grazer Kalvarienberg ist über die Haltestellen der Buslinie 67 Schippingerstraße im Osten und über die Haltestelle Kalvarienweg direkt neben dem Friedhof im Süden der Anlage erreichbar.
Geschichte des Grazer Kalvarienberges mini|Statuen von Jesus Christus und der Gottesmutter Maria vor der Kalvarienbergkirche mini|Mariatroster Kapelle vor dem Kalvarienberg am Austein mini|Kapelle zum Heiligen Grab, das erste Gebäude beim Kalvarienbergmini|Der Kalvarienberg um 1830, Lith. Anstalt J.F. Kaiser, Graz mini|links|hochkant|Kreuzigungsgruppe, Mittelteil
Vorgeschichte und Gründung Ein großer Teil der Bewohner der steirischen Landeshauptstadt Graz bekannte sich, wie auch in der übrigen Steiermark, bis um 1600 zum Protestantismus. Ab 1550 begann die Rekatholisierung durch die Gegenreformation. Das spiegelt sich in Graz an der Errichtung einer Via Dolorosa, der „schmerzensreichen Straße“ oder dem „Leidensweg“ (Kreuzweg), wider, einer Frühform des Kalvarienbergs. Von der katholischen Erzherzogin Maria von Bayern und ihrem Gemahl und Onkel, Erzherzog Karl II. von Innerösterreich, wird berichtet, dass sie sich oftmals zur Wallfahrt nach Straßgang zur Kirche Maria im Elend begaben. Der Kreuzweg mit den 14 Stationen ist heute nicht mehr erhalten. Diese Art der Frömmigkeitsübung war bis dahin in Österreich einzigartig.Walter Brunner: Grazer Kalvarienberg. Vom Austein zum Kalvarienberg S. 67.
Bernhard Walter, später Bernhard Walter von Waltersweil, der Oberstallmeister und Kämmerer von Erzherzog Maximilian Ernst, ließ 1606, noch zu Lebzeiten der frommen Erzherzogin, die ersten drei Kreuze am Austein errichten. Walter, der wegen seiner Verdienste in den Adelsstand erhoben wurde, stiftete die Kreuze mit Erlaubnis Ferdinand Maschwanders, des Eigentümers vom Austein. Maschwander entstammte einer bayerischen Adelsfamilie, sein Vater war Kammerdiener Kaiser Ferdinands I. Das Wappen der Familie ist am Eingang der Grabkapelle angebracht. Maschwander war 1598 als Freiherr in die Steiermark gekommen und heiratete 1609 Maximiliana von Herbersdorf. Er vermachte den Grazer Austein dem in der Stadt ansässigen Jesuitenorden, damit „das Andenken an Jesus Christus lebendig erhalten werde.“ Am 31. August 1619 übergab die Witwe Maschwanders den Felsen mit den drei Kreuzen dem Jesuitenorden. Bernhard Walter und Ferdinand Maschwander waren somit durch die Gründung des Grazer Kalvarienberges die Stifter der ältesten Kalvarienberganlage auf dem Gebiet des heutigen Österreich.
Passionskult, Jesuitentheater und Verbotsgesetze Aufgrund der Entfernung zwischen Altstadt und Austein, die ungefähr jener der Via Dolorosa in Jerusalem entsprach, und der Ähnlichkeit des Felsens mit Golgota, der „Schädelhöhe“ in Jerusalem, auf der Jesus gekreuzigt wurde, erfreute sich die Wallfahrt bei der Stadtbevölkerung großer Beliebtheit. Die von der Gesellschaft Jesu im Jahr 1620 in Graz gegründete Bürgerbruderschaft Mariä Reinigung übernahm die Betreuung des Kalvarienbergs. 1640 zählte sie bereits rund 500 Mitglieder. Bis zu den josephinischen Reformen unter Kaiser Joseph II. blieb sie mit der heiligen Anlage eng verbunden.Walter Brunner: Grazer Kalvarienberg. Vom Austein zum Kalvarienberg S. 68.
Der Grazer Stadtpfarrer und der Seckauer Fürstbischof hegten anfangs Bedenken gegen diese Form der Volksfrömmigkeit. Deshalb blieb es bis in die 1640er Jahre bei den drei einfachen Kreuzen. Erst 1653 wurde vom Seckauer Bischof die Erlaubnis zum Bau der ersten Kapelle erteilt, der Heilig-Grab-Kapelle. 1654 wurde sie errichtet. Bei der Grundsteinlegung sollen 6000 Wallfahrer anwesend gewesen sein, auch Gabriel Maschwander, der Sohn des Ferdinand Maschwander. Er stiftete 1000 Gulden für den Bau. Zum Dank wurde das Wappen der Familie Maschwander am Portal der Kapelle angebracht. Der Großteil der Anlage auf dem Austein: Kapellen, Grotten, Bildstöcke und Statuen, wurden von diesem Zeitpunkt an bis um 1660 fertiggestellt. Aus der ehemaligen Ölbergkapelle entstand durch Umbauten die heutige Kalvarienbergkirche. Bis auf diese Bautätigkeit und den Neubau der Dismaskapelle an der Stelle der vorherigen Rosaliakapelle kamen im 19. Jahrhundert nur noch die Johannes-Nepomuk-Kapelle und die Petrus-Grotte hinzu.Walter Brunner: Grazer Kalvarienberg. Vom Austein zum Kalvarienberg S. 68–69.
Die Zahl der Pilger vergrößerte sich jährlich. Der Ausbau wurde mit jenen Mitteln finanziert, die durch einen zwischen 1657 und 1664 von Papst Alexander VII. gewährten Generalablass eingenommen wurden. Die Erlaubnis, eine Heilige Messe bei der Ölbergkapelle, der späteren Kalvarienbergkirche zu lesen, wurde von Bischof Johann Markus von Seckau erteilt. Im Jahr 1667 wurden mehr als 900 Messen gefeiert. Kaiser Leopold I. besichtigte 1660 mit Erzherzog Leopold Wilhelm den Kalvarienberg bei einer Pilgerreise und spendete eine hohe Summe für die Erweiterung der Ölbergkapelle.Walter Brunner: Grazer Kalvarienberg. Vom Austein zum Kalvarienberg S. 69.
Ein einziges Mirakelbuch mit direktem Bezug zum Grazer Kalvarienberg ist erhalten geblieben. Es stammt aus dem Jahr 1673 und enthält 43 Berichte von Wundertaten aus der Zeit zwischen 1655 und 1673. Die Heilungen waren zumeist mit einer „Verlobung an den berg Calvari“Robert Pretterhofer: Bei den drei Kreuzen. Volksfrommes und liturgisches Leben am Grazer Kalvarienberg S. 103., also einem Gelöbnis auf den Kalvarienberg, verbunden. Mit dem Gelöbnis gingen oft Dankwallfahrten und Spenden einher. Votivgaben oder -bilder haben die Zeit nicht überdauert. Die Wunder, die im Mirakelbuch geschildert werden, betrafen aus einem großen Einzugsgebiet beinahe jede soziale Schicht und Profession: Adelige, Bürger, Beamte, Handwerker, Gastwirte bis hin zu Arbeitern hofften auf Heilung oder die Erfüllung ihres Gelübdes. Mirakelbücher waren in dieser Zeit nicht selten: in den Pfarren Nestelbach bei Graz und Graz-Straßgang haben sich derartige Schriftstücke, Zeugnisse einer Zeit großer Volksfrömmigkeit, erhalten.
Die Errichtung des Kalvarienberges am Austein löste bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine Welle von Neugründungen ähnlicher aber kleinerer Anlagen in der Habsburger Monarchie aus. Bei Geißelungs- und Kreuztrageprozessionen kam es vermehrt zu Zwischenfällen. Maria Theresia erließ daher 1751 Verbotsgesetze wegen der öffentlichen Zurschaustellungen expliziten religiösen Eifers. Ihr Sohn Kaiser Joseph II. verbot das Mittragen von Figuren und Statuen bei Prozessionen und beendete damit die Tradition des barocken Passionskults.Walter Brunner: Grazer Kalvarienberg. Vom Austein zum Kalvarienberg S. 70.
Pfarrgründung, Verfall und Auferstehung mini|Pfarrhof beim Grazer Kalvarienberg