Wolfgang Bauer (* 18. März 1941 in Graz; † 26. August 2005 ebenda) war ein österreichischer Schriftsteller. Sein Werk umfasst Dramen, Lyrik, Kurzprosa, einen Roman, Essays, Kritiken, Filme und Fernsehstücke. International bekannt wurde er vor allem als Autor von Theaterstücken. Neben Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard und Peter Handke gilt er als einer der bedeutendsten österreichischen zeitgenössischen Dramatiker. Bauer war Mitglied der Grazer Autorenversammlung, des Forums Stadtpark und Gründungsmitglied der Lord Jim Loge (gemeinsam mit Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Jörg Schlick). Er hatte gemeinsame Auftritte mit Ernst Jandl, Oswald Wiener, H. C. Artmann und Peter Handke, mit denen er auch befreundet war. mini|hochkant|Wolfgang Bauers Grab am Grazer Zentralfriedhof
Leben
Wolfgang Bauer entstammte einer bürgerlichen Familie mit langer Tradition im Lehrberuf. Er studierte Rechtswissenschaften, Romanistik und Geographie in Graz sowie Theaterwissenschaften in Wien.Kurt Bartsch: Wolfgang Bauer. In: Gerhard Melzer, Paul Pechmann (Hrsg.): Bauerplay. Droschl, Graz/Wien 2001, ISBN 3-85420-584-8, S. 19–20.
Bauer wurde stark geprägt von der Grazer Literaturszene, insbesondere der Künstlervereinigung Forum Stadtpark sowie der 1960 gegründeten Zeitschrift manuskripte, an welcher er ab 1962 mitwirkte.Kurt Bartsch: Wolfgang Bauer. In: Gerhard Melzer, Paul Pechmann (Hrsg.): Bauerplay. Droschl, Graz/Wien 2001, ISBN 3-85420-584-8, S. 20.
Durch die Uraufführung seiner ersten beiden Einakter Der Schweinetransport und Maler und Farbe 1962 im Forum Stadtpark wurde er als Vertreter der schriftstellerischen Avantgarde wahrgenommen; das Frühwerk von 1961 bis 1967 ist unter anderem vom Absurden Theater Eugène Ionescos wie auch von den existenzialistischen Dramen Jean-Paul Sartres und Albert Camus’ beeinflusst. Die erste Lesung seiner Texte fand ebenfalls 1962 im Forum Stadtpark statt. mini|Signatur (ca. 1962)
Im Alter von 27 Jahren gelang Bauer mit dem Theaterstück Magic Afternoon der internationale Durchbruch. Die Uraufführung erfolgte am 12. September 1968 unter der Regie von Horst Zankl am Landestheater Hannover, nachdem das Stück zuvor von 40 Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum abgelehnt worden war. 1968 hatte es der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch in sein Theaterprogramm aufgenommen, und 1969 erschien es dort, mit einem Nachwort von Ute Nyssen, auch als Erstausgabe (zusammen mit Change und Party for Six). Ab diesem Zeitpunkt wurden Bauers Stücke in viele Sprachen übersetzt und weltweit aufgeführt.
Obwohl Bauer nach seinen weiteren internationalen Erfolgen (Change 1969, uraufgeführt am Wiener Volkstheater unter der Direktion von Gustav Manker, in der Regie von Bernd Fischerauer; Silvester oder das Massaker im Hotel Sacher (mit Helmut Qualtinger, Volkstheater); Film und Frau (Shakespeare the Sadist) 1971 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg; Gespenster 1973 in den Münchner Kammerspielen) äußerst produktiv blieb und seine Stücke weiterhin gespielt wurden, wollte der Dramatiker die vorgeformten Erwartungen der Bühnen und des Publikums des deutschsprachigen Raums nicht erfüllen.
Ab Ende der 1970er Jahre hatte Bauer mehr Erfolg im englischsprachigen Raum als in Deutschland und Österreich. So wurden etwa gegen Ende der 1970er Jahre und in den 1980er Jahren einige Erstaufführungen der Stücke Bauers in englischer Übersetzung (zumeist von Martin Esslin) am Magic Theatre in San Francisco inszeniert, 1993 erfolgte gar die Uraufführung eines Stückes (Insalata mista beziehungsweise in der englischen Fassung Tadpoletigermosquitos at Mulligan’s) im New Yorker Ohio Theatre.
In Deutschland und Österreich hingegen sorgte zu dieser Zeit mehr als seine Theaterstücke sein Privatleben für Schlagzeilen, das er stets als exzessiv aktionistisches Gesamtkunstwerk verstand. Aus finanziellen Gründen übernahm er diverse Auftragsarbeiten und schrieb journalistische Texte für Magazine wie das Airport Journal und die Wienerin. 1991 gestaltete er den Katalog zur steirischen Landesausstellung Sport – Sinn und Wahn. 1992 bis 2001 lehrte Bauer an der Schule für Dichtung in Wien. Am 23. Oktober 2004 wurde er in die Grazer Freimaurerloge Erzherzog Johann aufgenommen.Heinz Sichrovsky: Mozart Mowgli Sherlock Holmes. Die königliche Kunst in Musik und Dichtung der Freimaurer. Löcker, Wien 2013, ISBN 978-3-85409-656-6, S. 267–281 (Kapitel »Energie die nach außen strahlt. Der Freimaurer Wolfgang Bauer«.)
Bauer starb an den Folgen eines Herzleidens.
Bedeutung
„Wolfgang Bauer entzieht sich seit vielen Jahren erfolgreich allen literaturbetrieblichen und germanistischen Versuchen, mit einem Etikett versehen und einer Schriftsteller-Kategorie zugeordnet zu werden – zu seinem eigenen Schaden. Hauptsächlich als Dramatiker irritierend, waren doch seine Auftritte als Lyriker, Romancier und Feuilletonist äußerst erfolgreich und populär, im gleichen Ausmaß, in dem sie die Anforderungen der Gattung jeweils nicht erfüllten.“ (Literaturverlag Droschl)
Urteile von Zeitgenossen zur Person Wolfgang Bauer: „Der wichtigste zeitgenössische österreichische Dichter“ (Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über Wolfgang Bauerzit. nach Ulrich Weinzierl: Heiter im Mythosstrudel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 4. Mai 1991.) „Wolfgang Bauer provoziert auf der Höhe der Zeit: […] Religion und Bildungsgut, Tüchtigkeit und kulturelles Erbe verzerren sich zum irrwitzigen Panoptikum.“ (BASTA, anlässlich der Uraufführung von Herr Faust spielt Roulette) „Bauer wirkte, wenn er niedergeschlagen war, tatsächlich wie jemand, der ‚schmutziges Wasser‘ vor sich herschiebt. Und im Überschwang, als könnte er darauf gehen wie über einen Teppich. Auch Wolfgang Bauer war nur für Momente und im günstigsten Fall beinahe deckungsgleich mit seinem Selbstentwurf. Als der unverstellt Echteste unter allen Unechten.“ (Günter Eichbergerhttps://www.literaturhaus-graz.at/news/guenter-eichberger-schmutzige-mnemosyne-oder-memories-are-made-of-this/) „Wolfgang Bauer [...] war einer der wichtigsten österreichischen Dramatiker. Wolfgang Bauer hat von Graz aus die literarische Welt erobert.“ (Franz Niegelhell) „Wolfgang Bauer gehörte zu denen, die Schluss machten. Mit dem Schweigen der fünfziger und sechziger Jahre. In den Theaterstücken Magic Afternoon, Change und Die Gespenster wurden Wirklichkeiten ausgesprochen. Derbe Schlafzimmerwirklichkeiten waren das, die das Politische enthüllten. Das waren Skandale. Riesenskandale. 1968 fand in Österreich im Theater statt.“ (Marlene Streeruwitz)
Forschung zu Leben und Werk Im Juni 2007 fand im Stadtmuseum Graz ein internationales wissenschaftlichen Symposion zu Wolfgang Bauer unter der Leitung von Paul Pechmann statt, und zwar im Rahmen der Bauer gewidmeten Ausstellungsinstallation Memory XS ebendort, die im September 2007 auch im MAK gezeigt wurde.
Seit Juli 2008 wird am Institut für Germanistik der Universität Wien ein vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziertes und von Wendelin Schmidt-Dengler initiiertes Forschungsprojekt zu Werk, Nachlass und Wirkung Wolfgang Bauers unter der Leitung von Michael Rohrwasser und unter Mitarbeit von Thomas Antonic betrieben.
Auffindung von Der Rüssel
2015 wurde bekannt, dass im Zuge von Archivarbeiten das bis dahin in großen Teilen als verschollen gegoltene Dramenmanuskript Der Rüssel im Stadtmuseum von Leibnitz aufgefunden wurde.Ronald Pohl: Die Entdeckung des verschollen geglaubten Stückes 'Der Rüssel' von Wolfgang Bauer ist eine kleine Sensation. auf: derstandard.at, 17. Februar 2015. Das Stück wurde 2015 gemeinsam mit weiteren bislang unveröffentlichten szenischen Texten aus dem Nachlass Bauers im Ritter Verlag als Buch veröffentlicht und gelangte am 20. April 2018 am Wiener Akademietheater zur Uraufführung.
Auszeichnungen und Ehrungen
Peter-Rosegger-Preis, 1970 und 2004 Franz-Theodor-Csokor-Preis, 1970 Österreichischer Würdigungspreis für Literatur 1979 manuskripte-Preis des Landes Steiermark, 1987 Kainz-Medaille, 1989 Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Graz, 1991 Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold, 1991 Dramenpreis des Goethe-Instituts, 1994 Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur, 1994 (überreicht am 20. April 1995) Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, Klasse I, 2000 Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark, 2004
Werke
Sammelbände
Werkausgabe des Droschl-Verlags 1986-2004: Band 1: Einakter und frühe Dramen. Mit einem Nachwort von Manfred Mixner. Droschl, Graz/Wien 1987. Band 2: Schauspiele 1967-1973. Mit einem Nachwort von Herbert Gamper. Droschl, Graz/Wien 1986. Band 3: Schauspiele 1975-1986. Mit einem Nachwort von Martin Esslin. Droschl, Graz/Wien 1986. Band 4: Der Fieberkopf: Ein Roman in Briefen. Mit einem Nachwort von Wendelin Schmidt-Dengler. Droschl, Graz/Wien 1986. Band 5: Gedichte. Mit einem Nachwort von Gerhard Melzer. Droschl, Graz/Wien 1992. Band 6: Kurzprosa, Essays und Kritiken. Mit einem Nachwort von Rolf Schwendter. Droschl, Graz/Wien 1989. Band 7: Filme und Fernsehspiele. Mit einem Nachwort von Wilhelm Hengstl. Droschl, Graz/Wien 1995. Band 8: Schauspiele 1988-1995. Droschl, Graz/Wien 1996. Band 9: Foyer und andere Stücke. Mit einem Nachwort von Andreas Unterweger. Droschl, Graz/Wien 2004.
weitere Anthologien:
Der Rüssel. Szenische Texte aus dem Nachlass. Hrsg. und mit einem Nachwort von Thomas Antonic. Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien/Graz 2015, ISBN 978-3-85415-530-0.
Der Geist von San Francisco. Verstreut publizierte und nachgelassene Texte. Hrsg. von Thomas Antonic. Mit einleitenden Essays von Elfriede Jelinek und Martin Esslin. Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien/Graz 2011, ISBN 978-3-85415-470-9.
Ein schlimmes Kind bin ich. Dramen, Prosa, Lyrik aus vier Jahrzehnten. Hrsg. von Gerhard Melzer und Andreas Unterweger, Nachwort von Andreas Unterweger. Sonderzahl Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-85449-266-5.
Theaterstücke (mit Angaben zur jeweiligen Uraufführung) mini|hochkant|Wolfgang Bauer: Der Rüssel (2018) Der Schweinetransport. Graz: Forum Stadtpark, 10.2.1962. Regie: Bernd Fischerauer. Maler und Farbe. Graz: Forum Stadtpark, 10.2.1962. Regie: Bernd Fischerauer. Zwei Fliegen auf einen Gleis. Graz: Forum Stadtpark (Gastspiel des Forum 2), 24.11.1962. Regie: Wolfgang Bauer und Horst Zankl. Katharina Doppelkopf. Graz: Theater im Keller, 23.1.1964. Regie: Wolfgang Bauer und Horst Zankl. Die Menschenfresser. Graz: Schauspielhaus (Probebühne), 4.4.1967. Regie: Claus Homschak. Party for Six. Innsbruck: Landestheater (Kammerspiele) (Gastspiel des Theater 107), 9.5.1967. Regie: Hermann Schmid. Magic Afternoon. Hannover: Landestheater (Studio im Künstlerhaus), 12.9.1968. Regie: Horst Zankl. Change. Wien: Volkstheater, 26.9.1969. Regie: Bernd Fischerauer. Film und Frau. Hamburg: Deutsches Schauspielhaus (Malersaal), 16.4.1971. Regie: Horst Zankl. Silvester oder das Massaker im Hotel Sacher. Wien: Volkstheater, 24.9.1971. Regie: Bernd Fischerauer. Gespenster. München: Kammerspiele, 5.6.1974. Regie: Bernd Fischerauer. Magnetküsse. Wien: Burgtheater (Akademietheater), 31.3.1976. Regie: Fritz Zecha. Memory Hotel. Graz: Schauspielhaus, 12.4.1980. Regie: Wolfgang Bauer. Batyscaphe 17-26 oder Die Hölle ist oben. Graz: Theater im Keller, 27.10.1982. Regie: Heinz Hartwig. Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? Bonn: Kammerspiele Bad Godesberg, 28.10.1982. Regie: Karl-Heinz Kubik. Ein fröhlicher Morgen beim Friseur. Graz: Schauspielhaus, 25.9.1983. Regie: Wolfgang Bauer. Das kurze Leben der Schneewolken. Stuttgart: Staatstheater (Schauspielhaus), 28.10.1983. Regie: Ulrich Waller und Elke Lang (Co-Regie). Der Tod des Herrn Ingenieur Leo Habernik aus Linz. Wien: Ateliertheater, 3.3.1984. Regie: Peter Janisch. Pfnacht. Graz: Schauspielhaus, 13.4.1985. Regie: Kurt Josef Schildknecht. Ein schrecklicher Traum. Berlin: Literaturhaus, 23.8.1986. Regie: Bettina Wilhelm.