mini|hochkant|Ulcus cruris venosum (Ursächlich war ein Bagatelltrauma bei langjähriger chronisch-venöser Insuffizienz)

Der Begriff Ulcus cruris venosum (von ‚Wunde‘, crus ‚Wade‘, vena ‚Blutader‘) bezeichnet ein Ulcus cruris („offenes Bein“, Unterschenkelgeschwür), das infolge eines fortgeschrittenen Venenleidens infolge einer so genannten chronisch venösen Insuffizienz aufgetreten ist. Es handelt sich um eine chronische Wunde, die meist im unteren Drittel des Unterschenkels, im Bereich des Innenknöchels, zu finden ist. Verantwortlich für sein Auftreten ist letztlich der im Rahmen des Venenleidens in diesem Bereich besonders hohe Druck des Blutes in den Venen. Der Begriff „Ulcus“ bedeutet in die Alltagssprache übersetzt so viel wie „Geschwür“. Das ist etwas irreführend, denn bei einem Ulcus cruris venosum handelt es sich um einen mindestens bis in die Lederhaut reichenden Substanzdefekt des Gewebes. Er ist grundsätzlich immer von Bakterien besiedelt und heilt oft nur sehr schlecht und langsam ab. Das Ulcus cruris venosum ist die mit Abstand häufigste Ursache für Ulcera an den Beinen, seine Behandlung erfolgt durch eine Verminderung des Blutstaus im venösen System der Beine durch Kompressionstherapie, Reduzierung der entzündlichen Veränderungen und Anregung der Granulation des Gewebes.

Verbreitung Bei dem Großteil der chronischen Wunden an den Beinen handelt es sich um ein Ulcus cruris venosum.Finja Jockenhöfer, Harald Gollnick, Katharina Herberger, Georg Isbary, Regina Renner, Markus Stücker et al: "Aetiology, comorbidities and cofactors of chronic leg ulcers: retrospective evaluation of 1000 patients from 10 specialised dermatological wound care centers in Germany". International Wound Journal 2016;13(5):821-8. Je nach Quelle liegt der Anteil zwischen 31 und 80 Prozent. Ältere Patienten sind am häufigsten betroffen. Durchschnittlich etwa 0,6 Prozent aller Menschen zwischen dem 18. und dem 79. Lebensjahr waren zumindest einmalig davon betroffen, ab dem 8. bis 9. Lebensjahrzehnt beträgt die Vorkommenshäufigkeit etwa 1 bis 3 Prozent.Bonner Venenstudie der DGP. (PDF; 700 kB). Eberhard Rabe et al.: Phlebologie, 32(1), Schattauer, 2003, S. 1–14. Die sogenannte „Bonner Venenstudie“ der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie, die im Jahr 2003 die Verbreitung des Ulcus cruris venosum erhob, schätzte die Anzahl der Betroffenen auf 80.000. Fast eine halbe Million Menschen weisen in Deutschland zudem ein bereits abgeheiltes Ulcus cruris venosum auf. Das Risiko, ein solches Beingeschwür zu entwickeln, steigt mit zunehmendem Lebensalter an.

Ökonomische Aspekte Mit dieser Diagnose sind ökonomische Herausforderungen verbunden, die sowohl das Gesundheitssystem als auch den Betroffenen belasten. Die direkten jährlichen Kosten für die pflegerische und ärztliche Behandlung sowie die Materialversorgung eines Patienten mit venös bedingten Ulcerationen an den Beinen wurde (für Deutschland) im Jahr 2010 auf mehr als 9.500 € beziffert. Hinzu kommen indirekte Kosten, beispielsweise durch Verdienstausfall, in Höhe von etwa acht Prozent der direkten Kosten.Sandra Purwins, Katharina Herberger, Eike Sebastian Debus: "Cost-of-illness of chronic leg ulcers in Germany", International Wound Journal, 2010 Apr;7(2), Seite 97–102 (Abstract auf PubMed, aufgerufen am 12. Januar 2026)

Ursache und Entstehung Ursächlich für ein Ulcus cruris venosum ist eine chronisch-venöse Insuffizienz (CVI). Dabei kommt es insbesondere infolge defekter Venenklappen zu einer Druckerhöhung in den Venen. Da der Mensch aufrecht steht, sind dabei die unteren Extremitäten aufgrund des hydrostatischen Drucks besonders betroffen. Dort ist also der Druck des Blutes in den Venen (venöse Hypertonie) am höchsten und die Venen sind dort besonders prall gefüllt (venöse Hypervolämie).S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie für die Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum. awmf.org (PDF) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.mini|Typische Lokalisation des Ulcus cruris venosum Auch wenn ein Ulcus cruris venosum hauptsächlich infolge eines Krampfaderleidens (Varicosis) entsteht, kann es aber auch als Symptom eines postthrombotischen Syndroms auftreten, das die chronische Folge einer tiefen Beinvenenthrombose ist.Joachim Dissemond, Knut Kröger (hrsg.): Chronische Wunden. Diagnostik – Therapie – Versorgung, 2. Auflage, Elsevier Verlag, München 2024, ISBN 978-3-437-25642-4, Seite 103–108 Führen CVI und eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) gemeinsam zur Entstehung eines Ulcus, so spricht man von einem Ulcus cruris mixtum.J. Braun u. a.: Klinikleitfaden innere Medizin. Urban & Fischer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-437-22293-1, S. 180ff., books.google.de Das Ulcus cruris mixtum macht etwa 15 % der Fälle von Ulcus cruris aus.

Durch Druck in den großen Venen der Beine steigt auch der Druck in den venösen (post-)kapillaren Gefäßen. Dadurch strömen vermehrt Proteine aus, gehen ins Gewebe über und führen dort zu Ödemen. Zugleich werden die Kapillargefäße geschädigt und zeigen langfristig einen mikroangiopathischen Umbau; als Folge wird das Gewebe nicht mehr versorgt (es gibt Anhaltspunkte, dass beispielsweise die Sauerstoffdiffusion abnimmt), reagiert anfangs durch Vernarbungsvorgänge und stirbt dann langsam ab. Als Vorstufen eines Ulcus cruris venosum können sich dabei zunächst als erste Anzeichen die sogenannten "Warnvenen" (Corona phlebectatica paraplantaris) und die typischen Ödeme entwickeln. Zudem zeigt sich oft eine bräunliche Hautverfärbung durch eine Einlagerung von Eisen-Eiweiß-Verbindungen, die sogenannte "Purpura jaune d'ocre". Beim Fortschreiten der CVI zeigt sich in späteren Stadien oft eine „Atrophie blanche“ (Capillaritis alba) und die „Dermatoliposklerose“.Joachim Dissemond, Knut Kröger (hrsg.): Chronische Wunden. Diagnostik – Therapie – Versorgung, 2. Auflage, Elsevier Verlag, München 2024, ISBN 978-3-437-25642-4, Seite 103–108A. Berger u. a.; Plastische Chirurgie: Grundlagen, Prinzipien, Techniken. Springer, 2002, ISBN 3-540-42591-8, S. 64, books.google.de Von den krankhaften Veränderungen des Venensystems unabhängige Störungen der Blutgerinnung können den Verlauf deutlich schwerer werden lassen und beschleunigen. Durch eine Zunahme von Fibrinogen im Blut nehmen dessen Viskosität und der Umfang der Verklumpungsneigung der roten Blutkörperchen zu. Auch gibt es Hinweise, dass neurologische Störungen auftreten können: So konnte eine Verlängerung der Nervenleitgeschwindigkeit des Nervus peroneus zusammen mit einer Verminderung der Wahrnehmung von Kälte und Hitze sowie von Vibrationen nachgewiesen werden. Auch die nervale Steuerung der Kapillaren ist messbar verändert und der Abfluss der Lymphe über die Lymphgefäße vermindert.

Klinische Erscheinungen mini|hochkant|Typischer Substanzdefekt mit Entzündungszeichen

Typischerweise imponiert ein Ulcus cruris venosum als entzündeter und oft schmerzhafter Substanzdefekt des Gewebes am distalen Unterschenkel bei Patienten mit einem chronischen Krampfaderleiden oder nach einer Thrombose. Am häufigsten findet es sich im Bereich des Innenknöchels, seltener auch am Außenknöchel, oder zirkulär den Unterschenkel umfassend (Gamaschenulcus). Vor dem 40. Lebensjahr tritt es nur ausnahmsweise auf. Ein Ulcus cruris venosum ist im Anfangsstadium meist relativ flach, der Boden typischerweise „schmierig-eitrig“ belegt. In seiner Umgebung finden sich meist auch andere, durch eine chronisch venöse Insuffizienz ausgelöste Veränderungen wie Atrophie blanche, Hyperpigmentierung und Dermatosklerose.Peter Altmeyer u. a.: Basiswissen Dermatologie: Eine vorlesungsbegleitende Darstellung. Verlag W3l, 2005, ISBN 3-937137-95-5, S. 377, books.google.de

Untersuchungsmethoden

Letztlich handelt es sich beim klassischen Ulcus cruris um eine „Blickdiagnose“, zu deren Sicherung die leitlinienkonforme Diagnostik der chronisch venösen Insuffizienz nötig ist, insbesondere auch im Hinblick auf die Erkennung möglicher Differenzialdiagnosen eines Ulcus cruris. Das Ulcus cruris venosum ist klar abzugrenzen vom Ulcus cruris arteriosum, der Vaskulitis, dem Pyoderma gangraenosum, der Livedo-Vaskulopathie, der Kalziphylaxie sowie der Necrobiosislipoidica, die alle in den Unterschenkeln auftreten können.Kerstin Protz, Joachim Dissemond, Knut Kröger: Kompressionstherapie. Ein Überblick für die Praxis, Springer Medizin Verlag, Berlin Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-49743-2, Seite 8–16 Wegweisend für die Diagnostik sind typische Veränderungen der Umgebung bei gleichzeitig fehlenden anderen Risikofaktoren für die Entstehung eines Ulcus cruris und seine Lokalisation. Apparative Verfahren (beispielsweise Dopplersonographie) sind zur Sicherung der Diagnose einer CVI ergänzend sinnvoll.

Zur Dokumentation des Heilungsverlaufes kann das Ulcus ausgemessen oder auch photographisch dokumentiert werden. Bei auffälligem Heilungsverlauf sind in einigen Fällen (nicht routinemäßig) auch eine Gewebeentnahme zum Ausschluss eines Malignoms oder ein Abstrich zur bakteriologischen Testung angezeigt. In der feingeweblichen Aufarbeitung eines Ulcus cruris venosum finden sich Nekrosen und chronische Infiltrationen. Jeglicher Anhalt für Malignität fehlt.

Behandlung Die Behandlung ist primär darauf ausgerichtet, den Stau (Druck- und Volumenüberlastung) im venösen System und damit insbesondere auch in den venösen Haargefäßen sowie die entzündlichen Veränderungen zu reduzieren und anschließend die Granulation des Gewebes zu fördern. Wesentliche Maßnahme hierfür ist die den Druck in den Venen reduzierende Kompressionstherapie.S. O’Meara u. a.: Compression for venous leg ulcers. In: Cochrane Database Syst Rev. 2009 Jan 21, PMID 19160178 Allerdings wird in Deutschland ein erheblicher Anteil der Menschen, die ein Ulcus cruris venosum ausgebildet haben, nicht mit Kompressionstherapie versorgt.Kristin Sauer, Heinz Rothgang, Gerd Glaeske: Barmer GEK Heil- und Hilfsmittellreport 2014, Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 28, September 2014, Seite 89–90

Kompressionstherapie mini|Medizinische adaptive Kompressionsbandagen kommen in allen Phasen der Kompressionstherapie zum Einsatz Die Kompressionstherapie ist die wesentlichste Maßnahme in der Behandlung des Ulcus curris venosum und zur Prävention der Neuentstehung dieser chronischen Wunde.Melissa Andreia de Moraes Silva, Andrea Nelson, Sally Em Bell-Syer et al: Compression for preventing recurrence of venous ulcers. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2024 Mar 7;3:CD02303 / Abstract und Ergebnisse auf Pubmed, aufgerufen am 4. November 2025 Sie unterteilt sich in drei Phasen: Entstauung, Erhaltung und Prävention. In der einleitenden Entstauungsphase wird das oft stark ödematöse Bein mit Kompressionsbandagierungen komprimiert. Hierbei kommen verschiedene Therapieoptionen zum Einsatz. Wenn das Ödem sich entsprechend zurückgebildet hat, wird die Versorgung in der anschließenden Erhaltungsphase in der Regel auf Kompressionsstrümpfe umgestellt. Solange das Ulcus cruris vensum noch nicht vollständig abgeheilt ist, kommen "Ulkus-Strumpfsysteme" zum Einsatz – dabei handelt es sich um zwei Kompressionsstrümpfe, die übereinandergezogen werden. Die Therapie wird ergänzt durch gerinnungshemmende, wundreinigende und operative Verfahren. Üblicherweise sorgt eine konsequent durchgeführte und entsprechend vom Patienten akzeptierte Kompressionstherapie dafür, dass Schmerzen abklingen. Bei weiterhin bestehenden Schmerzen ist eine stadiengerechte Schmerztherapie angezeigt.

Druck- und Volumenüberlastung behandelnde Verfahren Die möglichen operativen Maßnahmen umfassen entstauende Maßnahmen, wie die Entfernung von Varizen (oberflächliche Venen) und begleitender transfaszialer Perforansvenen (die Unterschenkelfaszie durchbohrende Venen), die Rekonstruktion und Transplantation von Venenklappen im tiefen Venensystem sowie die chirurgische Behandlung der Unterschenkelfaszie (paratibiale Fasziotomie und Fasziektomie).