mini|hochkant=1.22| mini|hochkant=1.22|

Das Pflegamt Gräfenberg war eines der zeitweise mehr als ein Dutzend Pflegämter, mit denen die Reichsstadt Nürnberg ihren Territorialbesitz verwaltete. Es gehörte zur sogenannten „Neuen Landschaft“ des Nürnberger Landgebietes, obwohl Gräfenberg – anders als der größte Teil dieser Gebiete – nicht als Folge des Landshuter Erbfolgekriegs 1504/05 an Nürnberg gelangt war, sondern über einen längeren Zeitraum durch Nürnberger Bürgerfamilien und die Reichsstadt erworben wurde.

Verwaltungssitz war das heutige Pflegschloss am Kirchplatz. Das Pflegamt bestand bis zum Ende der reichsstädtischen Herrschaft 1806.

Geschichte

mini|links|Gräfenberg – Land-Pflegamt, Stich von Christoph Melchior Roth, um 1760

Vorgeschichte und Nürnberger Herrschaftserwerb Im 14. Jahrhundert führte die Verleihung des Marktrechts 1333 und des Stadtrechts 1371 an Gräfenberg zu einem erheblichen Bedeutungszuwachs des Ortes. Berthold I. Haller trug 1371 „Markt und Haus“ Gräfenberg der böhmischen Krone zu Lehen auf. Die damalige Burg Gräfenberg wurde damit zugleich Offenhaus des böhmischen Königs.

Schon bevor Nürnberg durch den Landshuter Erbfolgekrieg sein großes zusammenhängendes Landgebiet östlich der Stadt gewann, betrachtete der Nürnberger Rat Gräfenberg aufgrund der dortigen Besitzungen Nürnberger Bürgerfamilien als wichtigen Außenposten. Im Ersten Markgrafenkrieg 1449/50 zählte Gräfenberg neben Lichtenau und Heideck zu den befestigten Plätzen, deren Behauptung der Nürnberger Rat zunächst besondere Bedeutung beimaß. Er ließ mehrfach Truppen nach Gräfenberg verlegen und erklärte, „das man darzu tün süll und wöll, als das man müg“. Angesichts der militärischen Übermacht des Markgrafen Albrecht Achilles wurde schließlich die Aufgabe der Anlage angeordnet; Ulrich Haller erhielt den Befehl, Gräfenberg „auszuprennen und davon zu bringen, was man mag“.

Der Herrschaftskomplex um Gräfenberg befand sich bereits seit dem 14. Jahrhundert zunehmend in der Hand Nürnberger Bürgerfamilien. Das Historische Lexikon Bayerns setzt den sukzessiven Erwerb durch Nürnberger Familien beziehungsweise die Reichsstadt in die Zeit zwischen 1347 und 1536. Die Reichsstadt selbst erwarb seit 1428 von den Familien Holzschuher, Helchner und Ketzel schrittweise Besitzanteile und Herrschaftsrechte in Gräfenberg. Weitere Erwerbungen folgten im 16. Jahrhundert; bis zur Mitte des Jahrhunderts war die reichsstädtische Herrschaft weitgehend arrondiert.

Aus diesen Besitzungen und Herrschaftsrechten entstand das Pflegamt Gräfenberg. Nach der Darstellung der Stadt Gräfenberg war es das jüngste der damals elf Nürnberger Pflegämter.

Stellung innerhalb des Nürnberger Landgebietes Gräfenberg wurde verwaltungsmäßig der „Neuen Landschaft“ zugerechnet. Zu ihr gehörten neben Gräfenberg unter anderem die Pflegämter Altdorf, Betzenstein, Engelthal, Hersbruck, Hiltpoltstein, Lauf, Reicheneck und Velden sowie das bereits 1406 erworbene Pflegamt Lichtenau.

Die Pflegämter der Neuen Landschaft wurden dem 1513 geschaffenen Landpflegamt als zentraler Behörde für das Nürnberger Landgebiet unterstellt. Anders als viele Besitzungen der sogenannten Alten Landschaft waren die Pflegämter der Neuen Landschaft territorial abgegrenzt und durch Grenzsteine ausgemarkt. Nürnberg übte dort grundsätzlich die Justiz-, Finanz- und Verwaltungshoheit aus.

Gräfenberg behielt jedoch seine städtischen Selbstverwaltungsrechte. Das galt im Nürnberger Landgebiet auch für Altdorf, Lauf, Hersbruck, Velden und Betzenstein. Das Pflegamt war deshalb nicht mit einer ausschließlich kommunalen Verwaltung gleichzusetzen: Der Pfleger vertrat die landesherrlichen Rechte der Reichsstadt, während die innerstädtischen Organe Gräfenbergs daneben fortbestanden.

Amtssitz

Der Nürnberger Pfleger residierte im heutigen Schloss Gräfenberg am Kirchplatz. Das Gebäude war ursprünglich ein patrizischer Herrensitz und wurde im 15. und frühen 16. Jahrhundert als „Steinhaus“, „Steinhof“ beziehungsweise „Großhaus“ bezeichnet. Es ist von der älteren Burg Gräfenberg an der Kalkach zu unterscheiden.

Das Gebäude befand sich beim Übergang an Nürnberg in schlechtem Zustand. Der Einsturz des unmittelbar benachbarten Kirchturms verursachte 1545 zusätzliche Schäden. Weil das spätere Pflegschloss zunächst kaum bewohnbar war, ließ der Nürnberger Pfleger Hans Haas 1557 am Marktplatz ein eigenes Wohngebäude errichten. An dessen Stelle befindet sich heute das sogenannte Wolfsberger Schloss.

1559/60 wurde das Schloss am Kirchplatz wiederhergestellt und für die Nutzung als Wohnung und Amtssitz des Pflegers hergerichtet. Beim großen Gräfenberger Stadtbrand von 1567 wurde auch das Pflegschloss beschädigt. Weitere Reparaturen und Umbauten sind unter anderem für 1581, 1586/87 und 1612 überliefert.

Das ehemalige Pflegschloss ist erhalten. Der Kern des dreigeschossigen Massivbaus geht nach der Bayerischen Denkmalliste auf das 14. Jahrhundert zurück; größere Erneuerungen erfolgten 1559 und 1586. 1812 wurde an der Westseite ein dreigeschossiger Anbau errichtet. Heute ist das Gebäude Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Gräfenberg.

Verwaltung und Pfleger An der Spitze des Pflegamtes stand ein vom Nürnberger Rat eingesetzter Pfleger. Die Pflegämter bildeten die örtliche Verwaltungsebene unterhalb des Landpflegamtes. Zu ihren Aufgaben gehörten innerhalb der jeweiligen Nürnberger Hoheitsrechte unter anderem Verwaltung, Rechtspflege, Finanz- und Steuerangelegenheiten sowie die Durchsetzung der Anordnungen des Nürnberger Rates.

Das Amt des Gräfenberger Pflegers wurde vielfach mit Angehörigen des Nürnberger Patriziats besetzt. Nach der Stadtgeschichte Gräfenbergs stellten unter anderem die Familien Haller von Hallerstein, Geuder von Heroldsberg, Löffelholz von Kolberg, Imhoff und Kreß von Kressenstein Pfleger.

Zu den nachweisbaren Amtsinhabern gehörte Karl Joachim Haller von Hallerstein (1733–1793). Die Neue Deutsche Biographie nennt ihn als Nürnberger Pfleger von Gostenhof, Hiltpoltstein und Gräfenberg. Sein Sohn, der spätere Architekt und Archäologe Carl Haller von Hallerstein, verbrachte einen Teil seiner Jugend in Gräfenberg.

Kriege, Stadtbrand und Belastungen Die Randlage des Pflegamtes machte Gräfenberg wiederholt zum Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. Bereits im Ersten Markgrafenkrieg war der Ort wegen seiner strategischen Lage für Nürnberg von Bedeutung. Auch im Zweiten Markgrafenkrieg von 1552 bis 1554 und während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Nürnberger Landgebiet durch Einquartierungen, Truppendurchzüge, Plünderungen und Seuchen schwer belastet. Für Gräfenberg selbst nennt die Stadtchronik das Jahr 1632 als eines der Jahre mit besonders schweren Plünderungen und Zerstörungen.

Eine schwere Zäsur bildete der Stadtbrand vom 4. Juni 1567. Dabei wurden nach Angaben der Stadt Gräfenberg 58 Häuser zerstört. Bereits am 13. Juni beschloss der Nürnberger Rat Hilfsmaßnahmen für das Gräfenberger Pflegamt und erließ Vorschriften für den Wiederaufbau der Stadt.

Kartographische Darstellung Eine frühe kartographische Darstellung des Amtes ist im Pfinzing-Atlas überliefert. Die um 1594 angefertigte Karte trägt die zeitgenössische Beschriftung „Dieße Mappa ist wegen des Ampts Greffenberg unnd Herßpruck gemacht unnd aus einner grossen Mappa verjungt worden“. Sie zeigt das Gebiet der Ämter Gräfenberg und Hersbruck und ist eine verkleinerte Kopie einer heute nicht erhaltenen Vorlage aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Krise und Ende des Pflegamtes Im ausgehenden 18. Jahrhundert geriet die Nürnberger Territorialherrschaft zunehmend unter den Druck der benachbarten Territorialstaaten. Nachdem die bayerische Kurlinie 1777 an Pfalz-Sulzbach gefallen war, erhob Kurpfalz-Bayern verstärkt ältere Hoheitsansprüche gegenüber Nürnberger Besitzungen.

1790/91 besetzte Kurpfalz-Bayern unter Berufung auf solche Ansprüche große Teile der seit dem Landshuter Erbfolgekrieg zu Nürnberg gehörenden Gebiete. Von diesen sogenannten bayerischen Sequestrationen waren insbesondere große Teile der Pflegämter Hiltpoltstein, Gräfenberg und Velden betroffen. Für Nürnberg führte dies zu entsprechenden Ausfällen bei den Steuereinnahmen. Proteste der Reichsstadt bei Kaiser und Reich blieben angesichts der politischen und militärischen Situation ohne durchgreifenden Erfolg.

Gleichzeitig befand sich die innere Verwaltung Nürnbergs in einem tiefgreifenden Reformprozess. Eine 1797 eingesetzte kaiserliche Subdelegationskommission vereinfachte die Behördenstruktur der Reichsstadt. Bis 1805 wurden die alten kollegialen Zentralbehörden, darunter das Landpflegamt, weitgehend aufgelöst und unter anderem durch Territorialamt, Rentkammer und Polizeidepartement ersetzt.

Das endgültige Ende der Nürnberger Herrschaft über Gräfenberg folgte 1806. Mit der Rheinbundakte fiel die Reichsstadt Nürnberg mitsamt ihrem verbliebenen Landgebiet an das Königreich Bayern. Am 15. September 1806 wurde die reichsstädtische Herrschaft in Nürnberg und Gräfenberg beendet. Nach Angaben der Stadt Gräfenberg hatte das Pflegamt zu diesem Zeitpunkt rund 1200 Einwohner.

Das ehemalige Pflegschloss wurde auch unter bayerischer Herrschaft für Verwaltungs- und Gerichtszwecke weiterverwendet. Später befand sich darin das Gräfenberger Amtsgericht; heute dient es als Verwaltungsgebäude.

Archivalische Überlieferung Die Akten des Pflegamtes sind vor allem im Staatsarchiv Nürnberg überliefert. Dort besteht innerhalb der reichsstädtischen Bestände der eigene Bestand „Reichsstadt Nürnberg, Landpflegamt, Pflegamt Gräfenberg“ mit den Repertoriennummern Rep. 032/a–c.

Zur kartographischen Überlieferung gehört insbesondere die im Staatsarchiv Nürnberg verwahrte Karte der Ämter Gräfenberg und Hersbruck im Pfinzing-Atlas von 1594.

Siehe auch Schloss Gräfenberg Burg Gräfenberg Wolfsberger Schloss (Gräfenberg) Landpflegamt Nürnberg Reichsstadt Nürnberg

Literatur Max Spindler, Andreas Kraus (Hrsg.): Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. (= Handbuch der bayerischen Geschichte, Band III, 1). 3. Auflage. C. H. Beck, München 1997, ISBN 3-406-39451-5. Peter Fleischmann: Gräfenberg. In: Michael Diefenbacher, Rudolf Endres (Hrsg.): Stadtlexikon Nürnberg. 2., verbesserte Auflage. W. Tümmels Verlag, Nürnberg 2000, ISBN 3-921590-69-8. Eckhardt Pfeiffer (Hrsg.): Nürnberger Land. 3. Auflage. Karl Pfeiffer’s Buchdruckerei und Verlag, Hersbruck 1993, ISBN 3-9800386-5-3. Gertrud Diepolder: Bayerischer Geschichtsatlas. Hrsg. von Max Spindler. Bayerischer Schulbuch-Verlag, München 1969, ISBN 3-7627-0723-5. Wilhelm Schwemmer, Gustav Voit: Lauf–Hersbruck. (= Historischer Atlas von Bayern, Teil Franken I, 14). Kommission für Bayerische Landesgeschichte, München 1967, . Robert Giersch, Andreas Schlunk, Bertold Freiherr von Haller: Burgen und Herrensitze in der Nürnberger Landschaft. Ein historisches Handbuch. Hrsg. von der Altnürnberger Landschaft, Nürnberg 2006, ISBN 978-3-00-020677-1. Gerhard Taddey (Hrsg.): Lexikon der deutschen Geschichte. Ereignisse, Institutionen, Personen. Von den Anfängen bis zur Kapitulation 1945. 3. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-81303-3. Michael Diefenbacher, Gerhard Rechter (Hrsg.): Vom Adler zum Löwen. Die Region Nürnberg wird bayerisch 1775–1835. (= Ausstellungskataloge des Stadtarchivs Nürnberg, Band 17). Nürnberg 2006. Wolfgang Wüllner: Das Landgebiet der Reichsstadt Nürnberg. Altnürnberger Landschaft, Feucht 1970.

Weblinks Michael Diefenbacher: Nürnberg, Reichsstadt: Territorium. In: Historisches Lexikon Bayerns Gräfenberg II in Burgen und Herrensitze in der Nürnberger Landschaft Geschichte der Stadt Gräfenberg Geschichte von Schloss Gräfenberg Burgen und Schlösser Netz

Einzelnachweise

Kategorie:Gräfenberg Kategorie:Reichsstadt Nürnberg Grafenberg Kategorie:Geschichte (Landkreis Forchheim)