Die Würzburger Dolmetscherschule (WDS) ist eine private, staatlich anerkannte Fachakademie und Berufsfachschule für Dolmetscher, Übersetzer und Fremdsprachenkorrespondenten sowie eine Berufsfachschule für International Administration Manager (ehem. ESA) in Würzburg. Sie verfügt weiterhin über eine Abendakademie für Fremdsprachen- und Firmentrainings sowie eine Übersetzungsagentur, den WDS-Sprachenservice.
Die Schule hat heute etwa 200 Schüler und Studierende in Vollzeitausbildung sowie einen Dozentenstamm von etwa 30 muttersprachlichen und deutschen, staatlich genehmigten Lehrkräften. Sie gehört zur ESO Education Group, einem der größten Zusammenschlüsse privater Bildungsträger in Deutschland und Europa.
Ausbildung Das Ausbildungsangebot wendet sich an Schüler mit mittlerer Reife sowie an Abiturienten.
Für Abiturienten stehen drei Ausbildungen zur Verfügung:
staatlich geprüfter Übersetzer bzw. staatlich geprüfter Übersetzer/Dolmetscher – Dauer: 2 bis 3 Jahre staatlich geprüfter Fremdsprachenkorrespondent – verkürzte Dauer: 1 Jahr International Diploma in Administration (oder Marketing) Management (ehem. ESA) – Dauer 2 Jahre
Für Schüler mit mittlerer Reife werden folgende Ausbildungen angeboten:
staatlich geprüfter Fremdsprachenkorrespondent – Dauer: 2 Jahre
Zahlreiche Ausbildungsgänge können in einem Modulsystem miteinander verknüpft werden und münden in unterschiedlichen Bachelor- und/oder Masterstudiengängen im In- und Ausland (Doppelabschlüsse).
Studierendenprojekte Seit 2023 arbeitet die WDS mit dem Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Würzburg bei Pilotprojekten zur Anamnese mit Sprachmittlung zusammen, seit April 2025 als Partner in dem Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“, gefördert durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre. Das Projekt richtet sich mit dreisemestrigen curricular verankerten Kursen an Medizin- und Hebammenstudierende sowie Studierende der Dolmetscherschule. Es hat das Ziel, die Studierenden zu einer kompetenten Durchführung einer Anamnese mit Sprachmittlung zu befähigen, für unterschiedliche Gesundheits- und Krankheitsverständnisse zu sensibilisieren, durch die interprofessionelle Zusammenarbeit ihre Handlungskompetenz zu stärken und die professionelle Identitätsbildung zu fördern. WDS-Studierende kommen dabei als Schauspielpatientinnen und -patienten und professionelle Dolmetschende zum Einsatz, die neben dem Dolmetschen auch die Übersetzung KI-gestützter Sprach-Apps überprüfen.
Eine weitere etablierte Kooperation besteht mit der Filminitiative Würzburg e.V. Studierende der WDS übersetzen die englischsprachigen, oft KI-generierten Untertitel von Filmen in verschiedenen Sprachen ins Deutsche, um sie so dem Würzburger Publikum während des „Internationalen Filmwochenendes“ noch zugänglicher zu machen. Neben dem besonderen Anspruch an Sprache, den der Bereich Filmuntertitelung mit sich bringt, kommt hier auch eine sehr spezielle Software zum Einsatz, die den Studierenden ohne dieses Praxisprojekt nur schwer vermittelt werden könnte.
Digitale Schule und MINT-freundliche Schule Bereits seit 2009 arbeitet die WDS mit Notebook-Klassen. Jedem Studierenden steht für die Ausbildungszeit ein eigenes Gerät zur Verfügung. Ebenso kommt in den Klassenzimmern moderne digitale Technik zum Einsatz um den äußeren Entwicklungen im Sprachenbereich gerecht zu werden. Ergänzt wird die Hardware-Ausstattung durch einen Online-Campus, eine Moodle-basierte Lernplattform und spezielle CAT-Software (Computer Assisted Translation). Weiterhin vermittelt die WDS im naturwissenschaftlichen Zweig der Fachakademie sowie über Studierendenprojekte MINT-nahe Inhalte.
Für das Engagement im digitalen- und MINT-Bereich wurde die WDS im Jahr 2025 in München zum dritten Mal nach 2019 und 2022 als Digitale Schule und als MINT-freundliche Schule ausgezeichnet. Nur 145 von 6000 bayerischen Schulen verfügen über das Signet Digitale Schule.
Vorgeschichte und Grundlagen
Bis 1933 gab es in Würzburg keine Fremdsprachenschule, sondern nur unabhängige Dozenten mit Privatunterricht. Erst 1933 ließen sich die Vereinigten Sprachenschulen Deutschlands („Bénédict-Sprachschulen“), die 1928 in Lausanne gegründet worden waren und mit ihrem Franchise-Konzept der „direkten Methode“ rasch in zahlreichen deutschen Großstädten vertreten waren, auch in Würzburg nieder und institutionalisierten hier einen modernen, wirtschaftsbezogenen Fremdsprachenunterricht (Handelskorrespondenz). Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieg der Bedarf an Fremdsprachen durch die Anwesenheit amerikanischer Truppen erneut stark an. Zudem hatten die Nürnberger Prozesse 1945–1949 das neue Simultandolmetschen ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gebracht und eine entsprechende Nachfrage erzeugt. Zur Qualitätssicherung wurde 1952 die Staatliche Prüfung für Übersetzer und Dolmetscher in Bayern eingeführt und der neue Standesverband Deutscher Dolmetscher Bund (DDB, ab 1955 BDÜ) in München gegründet, so dass der 30-jährige Prozess der Konsolidierung eines modernen Fremdsprachenberufs zum Abschluss kam und Voraussetzung für private Neugründungen von Dolmetscherschulen wurde.
Geschichte der Schule in der Schönbornstraße 5 / Barbarossaplatz Die Uehlein-Dolmetscherschule in Würzburg wurde von dem Übersetzer und Dolmetscher O. K. Uehlein 1954 gegründet, der anfangs Dolmetscher- und Übersetzernachwuchs für sein eigenes Übersetzerbüro heranbilden wollte und daher seine Schule bereits bundesweit bewarb. Ab 1964 firmierte die Schule bereits unter dem offiziellen Namen „Würzburger Dolmetscherschule“. Der Standort dieser Würzburger Dolmetscherschule, die bereits den Status einer staatlich genehmigten Ersatzschule hatte, war in der Schönbornstraße 5 (Verwaltung) und am Barbarossaplatz / Ecke Haugerpfarrgasse (Schulung) in Würzburg. Die Würzburger Dolmetscherschule bot neben der Sprachenausbildung ab Mitte der 1960er Jahre auch ein ergänzendes naturwissenschaftliches (medizinisch-technische, biologisch-technische und chemisch-technische Assistenten) und ein betriebswirtschaftlich-kaufmännisches Ausbildungsprofil (Wirtschaftsassistenten) an. Auf der Basis dieses Fach-Knowhows entwickelten sich in den 1970er Jahren die naturwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fachsprachenschwerpunkte in der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der Würzburger Dolmetscherschule.
Die Breitfeld-Sprachenschule (Leitung: Betsy Breitfeld, ab 1962 Irene Steidle und Frau von Rossen), die vermutlich eine personelle Fortsetzung des Bénédict-Standorts der „Vereinigten Sprachenschulen“ in Würzburg seit 1933 war, wurde bereits 1950 kurz nach der Währungsreform in Würzburg (neu) gegründet und bot in den 1960er Jahren gemäß eigenen Anzeigen bis zu 14 verschiedene Sprachen für Interessenten im Raum Würzburg an. Sie verfügte über das Wissen um einen systematischen Fremdsprachenunterricht auf Anfängerniveau, wobei damals der Übersetzungsunterricht ein zentraler Bestandteil auch des Fremdsprachenunterrichts in modernen, lebenden Fremdsprachen war. Erst seit den 1970er Jahren wurden dann Übersetzungsübungen zugunsten kommunikativer Kompetenz aus der Didaktik moderner Fremdsprachen ausgegliedert.
Beide Schulen hatten also in der fachsprachlichen und der allgemeinsprachlichen Übersetzungsdidaktik eine gemeinsame Basis für ihren Fremdsprachenunterricht. 1970 wurde die Würzburger Dolmetscherschule von Pierre Semidei (1940–2009)„Ein Pionier des europäischen Gedankens“, Nachruf im Online-Dienst des Main-Echo vom 16. März 2009, einem französischen Übersetzer und Sprachdozent, übernommen. 1971 machte er auch der Breitfeld-Fremdsprachenschule das Angebot einer Übernahme und Fusion. Irene Steidle als bisherige Teilhaberin der Breitfeldschule wurde neben dem Geschäftsführer Pierre Semidei neue Schulleiterin der „Vereinigten Würzburger Dolmetscherschulen“, die nun an drei verschiedenen Standorten in Würzburg präsent war.
Geschichte der Schule in der Herzogenstraße 8 Im Spätherbst 1971 konnten mit dem Bezug des neuen Schulungsstandorts in der Herzogenstraße 8 die drei bisherigen Standorte (Haugerpfarrgasse, Schönbornstraße, Theaterstraße) zusammengeführt werden. Der neue Geschäftsführer der WDS, Pierre Semidei (1940–2009), hatte bereits die „Euro-Sprachenschulen“ 1966 in Aschaffenburg sowie 1969 in Bamberg gegründet. Es entstand damit ein kleiner nordbayerischer Schulenverbund, der sich später zur Keimzelle eines der größten privaten Bildungsträger in Deutschland entwickelte (Euro-Schulen-Organisation). Entstanden ist die heutige „Würzburger Dolmetscherschule“ 1971 als „Vereinigte Würzburger Dolmetscherschulen Uehlein-Breitfeld“ durch die Zusammenführung der breiten allgemeinsprachlichen und fachsprachlichen Kompetenzen beider Sprachenschulen in Würzburg auf Initiative von Pierre Semidei. Durch diese Fusion konnte sich die Würzburger Dolmetscherschule im Verlauf der folgenden Jahrzehnte zu einem „Kompetenzzentrum“ für Fremdsprachenberufe in Unterfranken und bundesweit entwickeln. Die Schülerzahl stieg bereits kurz nach der Gründung von 280 (1971) auf über 400 (1972) Schüler an. Damit war die WDS (nach der Hamburger Fremdsprachen- und Wirtschaftsschule) zur zweitgrößten privaten Sprachenschule in der Bundesrepublik geworden. Über 1000 Ehemalige aus 4 Jahrzehnten stehen heute mit der WDS in Kontakt und garantieren eine enge Verbindung von Theorie und Praxis beruflicher Ausbildung.
Erste Schulleiterin der „Vereinigten Würzburger Dolmetscherschulen“ wurde von 1971 bis 1987 Irene Steidle, die vor der Fusion als Teilhaberin die Breitfeld-Sprachenschule geführt hatte. Unter der Geschäftsführung von Pierre Semidei erhielt die WDS rasch die staatliche Anerkennung als Berufsfachschule (1. April 1973) und Fachakademie (1. August 1977) für Fremdsprachenberufe und konnte bis hin zur maßgeblichen Mitgestaltung der entsprechenden Lehrpläne (1996–1997 Berufsfachschule, 2000–2002 Fachakademie) am Ausbau des bayerischen Schulwesens mitwirken. Zugleich wurde die WDS Prüfungszentrum für die Handelskammern in Paris, London und Madrid. 1990 wurde die WDS in eine gemeinnützige GmbH überführt. Die betriebswirtschaftlich-kaufmännischen Wurzeln der „WDS“ werden seit Anfang der 1970er Jahre im Rahmen der Ausbildung zum zwei- und dreisprachigen Europasekretär (ESA) bis heute fortgeführt. Zur Würzburger Dolmetscherschule gehörte 1972–1993 auch ein angeschlossenes Mädchen-Internat in der Eichhornstraße 6, von 1994 bis 2005 ein Appartement-Wohnheim in der Schiestlstraße 13/I.
Die Würzburger Dolmetscherschule setzte von Beginn an auf moderne Didaktik und hochwertige Technik in der Fremdsprachenausbildung. Zeitgenössische Prospekte betonen – neben dem Muttersprachlerprinzip – nicht nur den umfassenden Einsatz von Landkarten, Dias, Schallplatten und Tonbandgeräten. Auch das damals übliche Maschinenschreiben mit Kurzschrift wurde nach der in den 1970er Jahren hochmodernen Methode des vollprogrammierten Unterrichts vermittelt. Diese Offenheit für moderne Didaktik und hochwertige Technik im Fremdsprachenunterricht ist bis heute ein Unternehmensmerkmal der WDS geblieben.
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