Als Alphabetisierung bezeichnet man den Prozess der Vermittlung der Lesefähigkeit sowie ggf. auch der Schreibfähigkeit, unabhängig davon, ob die erlernte Schrift eine alphabetische ist. Der Grad der Lese- oder Schreib- bzw. Schriftkompetenz einer Bevölkerung kann prozentual für einzelne Bevölkerungsschichten sowie teilweise auch für historische Epochen angegeben werden. Alphabetisierung gilt als Basisbildung. Der Begriff Alphabetisierung zentriert sich auf das einzelne Mitglied einer Gruppe. Das Fehlen einer, in einer Kultur verankerten, Lese- bzw. SchreibfähigkeitSiehe Gesprochene Sprache vs. Geschriebene Sprache. wird als Illiteralität bezeichnet.
Statistiken zeigen einen drastischen Anstieg der Alphabetisierung weltweit im historischen Verlauf.
Alphabetisierung in Europa Im Römischen Reich einschließlich der Provinzen waren weite Teile der Bevölkerung alphabetisiert. Es existierte ein dreigliedriges staatliches Schulsystem, das auch einfache Bauern und Sklaven auf dem Land erfasste, sowie ein verbreitetes Bibliotheks- und Verlagswesen.Rolf Bergmeier: Schatten über Europa: Der Untergang der antiken Kultur. Alibri, 2012, ISBN 3-86569-075-0, S. ??. Mit dem Untergang des Römischen Reiches ging neben Schulen und Alphabetisierung auch das Gesamt der antiken Literatur fast vollständig verloren. Ein der Antike vergleichbares Niveau der Herstellung und Aneignung von Schrift wurde erst zum Ende des 18. Jahrhunderts wieder erreicht.
Im Mittelalter und zu Beginn der frühen Neuzeit war der Anteil der Lese- und Schreibkundigen gering und konzentrierte sich in den Städten sowie an den Höfen und im Klerus. Im 7. bis 13. Jahrhundert wurden überhaupt nur sehr wenige neue Titel verfasst. Den ersten wesentlichen Impuls zur nachhaltigen Alphabetisierung Europas lieferten die ReformationOlwen Hufton: Frauenleben. Eine europäische Geschichte 1500–1800. Frankfurt 1998, S. 570. und die mit ihr einhergehende Ausbreitung des Buchdrucks, wodurch eine massenhafte und ökonomische Verbreitung von zunächst vorwiegend religiösen, dann aber auch weltlichen Schriften in Gang gesetzt wurde. Das Gedankengut der sich über drei Jahrhunderte ausstreckenden Aufklärung entfaltete seine Breitenwirkung gleich zu Beginn vor allem durch das Flugschriftenwesen, das auf eine Einbindung der Bevölkerung in die verschiedenen politisch-theologischen Diskurse abzielte. Einen weiteren Impuls lieferte die Französische Revolution im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, was sich durch die allmählich einsetzende Industrialisierung und Verstädterung im Laufe des 19. Jahrhunderts wiederum beschleunigte. „Die Zeit um 1860 markierte einen Wendepunkt“.
„Um 1920 waren die männliche Bevölkerung der maßgebenden europäischen Länder und ein Teil der weiblichen Bevölkerung des Lesens und Schreiben kundig. […] Nur Großbritannien, die Niederlande und Deutschland hatten um 1910 eine Alphabetisierungsrate von 100 Prozent erreicht. Für Frankreich lag sie bei 87 Prozent, für Belgien […] bei 85 Prozent.“ „Deutlich niedriger fielen die Werte für den europäischen Süden aus: 62 Prozent für Italien, 50 Prozent für Spanien, nur 25 Prozent für Portugal.“
„Eliten reagierten auf Massenalphabetisierung widersprüchlich: Auf der eine Seite erschien die Aufklärung des «einfachen Volkes» […] als Zivilisierung von oben, Durchsetzung der Moderne und Förderung nationaler Integration. Auf der anderen Seite gab es weiterhin Misstrauen, das freilich mit der Zeit überall abnahm, gegenüber der kulturellen Emanzipation der Massen, die zugleich – Arbeiterbildungsvereine zeigen dies schnell – mit Forderungen nach sozialer und politischer Besserstellung verbunden war. Diese Misstrauen der Besitzer von Macht und Bildung war nicht unberechtigt. Alphabetisierung, also die Demokratisierung des Zugangs zu schriftlichen Kommunikationsinhalten, führt in der Regel zu Umschichtungen in Prestige- und Machthierarchien und eröffnet neue Möglichkeiten des Angriffs auf die bestehende Ordnung.“
Alphabetisierungsgrade mini|hochkant=1.8|Alphabetisierungsrate weltweit nach Ländern (Quelle: UNHD) UNDP. Der Alphabetisierungsgrad bzw. Alphabetisierungsrate ist eine statistische Größe, die den Anteil an einer Bevölkerungsgruppe angibt, der lesen und schreiben kann. Das Gegenteil ist die „Analphabetenquote“. Sie ist ein Indikator für das Bildungsniveau einer Bevölkerungsgruppe. Der Alphabetisierungsgrad gibt Aufschluss über die Anstrengungen einer Regierung, den Bildungsstand der Bevölkerung auf ein bestimmtes Niveau zu heben und fließt häufig in Kennzahlensysteme zur Beschreibung des Entwicklungsgrades eines Landes ein, z. B. in den Index der menschlichen Entwicklung (HDI) der Vereinten Nationen. Innerhalb einer Gesellschaft kann sich die Alphabetisierungsrate zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen stark unterscheiden. Mögliche Ursachen hierfür sind z. B.: Diskriminierung bestimmter Gruppen Migrationshintergrund Schichtzugehörigkeit Schwierigkeit des Alphabets
Alphabetisierungsgrad in Deutschland Strebt der Alphabetisierungsgrad in Deutschland (gemessen an der Zahl der „totalen“ bzw. „primären“ Analphabeten), wie in den meisten Industrieländern, gegen 100 %, nimmt man doch an, dass es vier bis zehn Millionen „funktionale“ Analphabeten unter den Erwachsenen gibt. Nach einer OECD-Studie (1994–1998) liegt die Zahl der funktionalen Analphabeten in zwei von drei Industriestaaten höher als 15 %. Laut der aktuellsten LEO-Studie der Universität HamburgLEO 2018 – Leben mit geringer Literalität, unter der Leitung von Anke Grotlüschen gibt es in Deutschland rund 6,2 Millionen Erwachsene (12,1 % der Bevölkerung) mit einer so genannten geringen Literalität. Zu beachten ist bei diesen Schätzungen, dass Erwachsene mit geringer Literalität im Laufe der Zeit ein höheres Lesekompetenzniveau erreichen können. Geringe Literalität ist also keine unabänderliche Diagnose.
Entwicklung über die Lebensspanne Die Schule gilt als der primäre Ort der Alphabetisierung in Deutschland und anderen Industrieländern. Dennoch entwickelt sich die Lesefähigkeit auch nach dem Ausscheiden aus dem Schulsystem über die gesamte Lebensspanne weiter. Diese Entwicklung kann sowohl Gewinne als auch Verluste umfassen, die unter Erwachsenen in Deutschland etwa gleich häufig vorkommen und auch über relativ kurze Zeitspannen des Erwachsenenalters auftreten können. Die Lesefähigkeit ist demnach keine vollständig unveränderliche Personeneigenschaft, sondern bleibt auch im Erwachsenenalter entwicklungsoffen. Ob Gewinn oder Zuwächse in der Lesefähigkeit im Erwachsenenalter auftreten, hängt primär von den Lese-Anforderungen und Gelegenheiten zum Lesen im Leben der betroffenen Person ab, die sich im Beruf, in der Familie oder in anderen Lebenskontexten bieten.
Alphabetisierungsgrad in den USA Die Alphabetisierungsrate unter Männern lag schon 1860 in den Neuenglandstaaten bei 95 Prozent; einzigartig in der Welt, hatten Frauen dort damals bereits ähnliche Werte erreicht. Der nationale Durchschnitt war zu der Zeit geringer, da die schwarze und indigene Bevölkerung geringer alphabetisiert war. 1890 lag die Alphabetisierungsrate unter Afroamerikanern landesweit bei 39 Prozent, 1910 bei 89 Prozent, fiel dann aber bis 1930 auf 82 Prozent.
In den USA wurde 1992 eine große National Adult Literacy Survey (NALS) durchgeführt. Nach Angaben des Institute of Literacy nifl.gov erreichten zwischen 21 und 23 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, d. h. 44 Millionen Menschen, nur das unterste Niveau (Level 1), d. h., sie können nicht genug lesen, um ein Formular auszufüllen, die Beschreibungen auf Lebensmitteln zu lesen oder einem Kind eine einfache Geschichte vorzulesen.
Definition der OECD Bei den Zahlen zur funktionalen Alphabetisierung einer Gesellschaft handelt es sich um relative Daten, die immer in Bezug auf die sozialen Standards der jeweiligen Gesellschaft gesehen werden müssen. Dagegen misst beispielsweise die OECD den Alphabetisierungsgrad mit einer global einheitlichen Definition. Die Zahlen beziehen sich auf Personen über 15 Jahre. Ein Alphabetisierter wird hier wie folgt definiert:
Alphabetisierte Bevölkerung; geschätzt (Quelle: OECD) 1970 2000 weltweit 63 % 79 % Entwickelte Länder und Transformationsländer 95 % 99 % Am wenigsten entwickelte Länder 47 % 73 % Entwicklungsländer ohne Meereszugang 27 % 51 %
Diese Daten werden der OECD von den jeweiligen Ministerien zur Verfügung gestellt. Es handelt sich meist um Selbstauskünfte, die geschönt sein können. Da es ein sogenanntes verdecktes Analphabetentum in allen Ländern der Erde gibt, kann die tatsächliche Alphabetisierung hinter den angegebenen Zahlen zurückbleiben. Auch ist die nicht kontinuierliche Bewertung der Lese- und Schreibfähigkeit (entweder Analphabet oder Alphabet) wenig realitätsnah. Dennoch zeigen die Daten, dass sowohl in Industrienationen als auch in Entwicklungsländern die Alphabetisierung zwischen 1970 und 2000 gestiegen ist.
Der Alphabetisierungsgrad ist eine der Eingangsgrößen bei der Ermittlung des Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen.
Weltweit drastisch gestiegene Alphabetisierung mini|Schätzungen des Bevölkerungsanteils der über 14-Jährigen, der lesen und schreiben kann für den Zeitraum 1800–2014 Aus historischer Sicht ist der Alphabetisierungsgrad der Weltbevölkerung in den letzten Jahrhunderten drastisch gestiegen. Während 1820 nur 12 % der Menschen auf der Welt lesen und schreiben konnten, hat sich der Anteil heute (Stand: 2015) umgekehrt: Nur 17 % der Weltbevölkerung sind noch Analphabeten. In den letzten 55 Jahren (Stand: 2015) ist die weltweite Alphabetisierungsrate alle 5 Jahre um 4 Prozentpunkte gestiegen – von 42 % im Jahr 1960 auf 86 % im Jahr 2015.Literacy – Our World in Data, Historische Entwicklung der Lesefähigkeit. ourworldindata.org; abgerufen am 12. Mai 2019.
Trotz erheblicher Verbesserungen beim Ausbau der Grundbildung und der kontinuierlichen Verringerung der Bildungsungleichheiten gibt es noch erhebliche Herausforderungen. In den ärmsten Ländern der Welt, in denen mangelnde Grundbildung ein Entwicklungshemmnis darstellt, sind immer noch sehr große Teile der Bevölkerung Analphabeten. In Niger zum Beispiel liegt die Alphabetisierungsrate der Jugendlichen (15–24 Jahre) nur bei 36,5 %.
Die langfristige Entwicklung hat Ähnlichkeit mit anderen Bereichen des gesellschaftlichen Fortschritts. So gab es beispielsweise seit der Aufklärung ebenfalls große Verbesserungen bei Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Sicherheit und auch weniger Kriege.
Beispiele für den Stand der Alphabetisierung ausgewählter Länder Im Human Development Report 2007/2008 veröffentlichte das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen folgende Daten:UNDP:
Hochentwickelte Länder:
Island > 99 %, Rang 1 in der HDI-Liste Schweiz > 99 %, Rang 7 in der HDI-Liste Österreich > 99 %, Rang 15 in der HDI-Liste Deutschland > 99 %, Rang 22 in der HDI-Liste
Länder mittleren Entwicklungsstandes:
Rumänien 97,3 %, Rang 60 in der HDI-Liste China 90,1 % Rang 81 in der HDI-Liste Bangladesch 47,4 %, Rang 140 in der HDI-Liste
Gering entwickelte Länder:
Ruanda 43,4 %, Rang 161 in der HDI-Liste Niger 28,7 %, Rang 174 in der HDI-Liste
Anmerkung: In den Index der menschlichen Entwicklung (HDI) fließen weitere Faktoren ein, so dass der oben ausgewiesene Rang nicht mit dem Rang nach Alphabetisierungsgrad übereinstimmt.
Alphabetisierung und Entwicklung