Der Braunwürger (Lanius cristatus) ist ein Singvogel aus der Gattung Lanius in der Familie der Würger (Laniidae). Der eher kleine Würger von recht einheitlich rötlichbraunem oder graubraunem Aussehen bewohnt ein sehr großes Verbreitungsgebiet, das sich vom Wendekreis des Krebses im Süden bis über den Polarkreis im Norden erstreckt. Nach Westen hin erreicht die Art die Vorgebirge des Altai in Kasachstan, im Osten die japanischen Inseln.
Die meisten Braunwürger sind Zugvögel, jene des Hohen Nordens extreme Langstreckenzieher. Nur einige Populationen im Südosten Chinas verbleiben das gesamte Jahr im Brutgebiet. Die Überwinterungsgebiete liegen auf dem indischen Subkontinent, in Indochina, auf den Philippinen und auf den meisten der indonesischen Inseln.
Braunwürger ernähren sich vor allem von Insekten und anderen Wirbellosen, erbeuten aber auch kleine Wirbeltiere, wie Mäuse, Eidechsen und Vögel. Sie bewohnen unterschiedliche Lebensräume, mehrheitlich jedoch offene, locker busch- oder baumbestandene Landschaften.
Die verwandtschaftliche Stellung des Braunwürgers innerhalb der Gattung ist nicht ausreichend geklärt. Üblicherweise wird er gemeinsam mit dem Isabellwürger und dem Neuntöter in eine Superspezies gestellt. Mit diesen beiden Arten hybridisiert er auch im äußersten Westen seines Verbreitungsgebietes. Auch mit dem Tigerwürger, mit dem ebenfalls Mischbruten festgestellt wurden, steht er in naher Verwandtschaft.
Die Art, von der zurzeit vier Unterarten anerkannt sind, wird – trotz zum Teil dramatischer Bestandseinbußen vor allem in Japan – in keiner Gefährdungsstufe gelistet.
Aussehen mini|Adultes Männchen – Überwinterer auf Taiwan mini|Braunwürger, Weibchen mini|Braunwürger im ersten Winterkleid Mit einer Größe von etwa 18 Zentimetern und einem Gewicht um die 33 Gramm ist der Braunwürger ebenso groß und ungefähr so schwer wie der Neuntöter, dem er auch im Aussehen ähnlich ist. Die Geschlechter weisen keinen Größen- oder Gewichtsdimorphismus auf, ein Färbungsdimorphismus ist vorhanden, jedoch nicht sehr deutlich. Es werden vier Unterarten beschrieben, von denen sich drei nicht sehr auffällig voneinander unterscheiden, die Unterart L. c. lucionensis jedoch deutliche Färbungsunterschiede aufweist. Braunwürger wirken groß- und rundköpfig. Sie sind von relativ einheitlich brauner Oberseitenfärbung und heller, zum Teil gelblich oder orange behauchter Unterseite. Auffallend ist neben der würgertypischen schwarzen Gesichtsmaske ein rein weißer Überaugenstreif, der bei der Unterart L. c. superciliosus besonders deutlich ausgeprägt ist.
Scheitel, Nacken, Mantel, Schultern und Bürzel sind rot- oder kastanienbraun, die Oberseite des gestuften Schwanzes ist geringfügig heller, stärker rötlichbraun mit einer, vor allem bei Männchen, etwas dunkleren Endregion. Vom oberen Schnabelansatz verläuft ein an der Stirn sehr schmales, sich aber rasch verbreiterndes schwarzes Band über die Augen bis hinter die Ohrdecken, das die würgertypische Maske bildet. Es ist fast im gesamten oberen Bereich von einem rein weißen Streifen begrenzt, der die Kontrastwirkung der Gesichtsmaske zusätzlich betont. Bei der Unterart L. c. superciliosus ist dieses Band besonders breit und bedeckt auch fast die gesamte Stirn. Die Schwingen sind dunkelbraun, die großen Flügeldecken sowie die Schirmfedern sind hellbraun gerandet. Eine Weißfärbung im basalen Bereich der Handschwingen fehlt meist oder ist nur sehr undeutlich ausgeprägt, sodass der Braunwürger zu den wenigen Würgerarten zählt, die im Flugbild keine weißen Flügelabzeichen aufweisen. Die gesamte Unterseite ist matt weiß gefärbt und unterschiedlich stark, besonders an den Flanken und in der unteren Bauchregion, gelblich oder orange-gelblich getönt. Der mächtige Hakenschnabel ist bei den Männchen schwarz, bei den Weibchen eher horngrau, der Unterschnabel ist heller, oft leicht rosa getönt. Beine und Zehen sind blaugrau, die Iris ist dunkelbraun.
Weibchen sind sehr ähnlich gefärbt. Im Allgemeinen ist das Braun der Oberseite matter, die Gesichtsmaske ist schmaler oder überhaupt nur hinter den Augen deutlich gezeichnet, der Überaugenstreif ebenfalls schmaler und oft nicht rein weiß, sondern cremefarben. Häufig ist eine feine Bänderung im Brustbereich und an den Flanken erkennbar.
Juvenile Braunwürger weisen auf der matt braungrauen Oberseite eine dichte zimtbraune Bänderung auf, die Gesichtsmaske ist braun und erst hinter den Augen erkennbar, der Überaugenstreif verwischt und unterbrochen. Die verwaschen hell bräunliche Unterseite ist mit Ausnahme des untersten Bauchabschnittes intensiv dunkel gebändert und gesperbert.
Der Braunwürger kommt im westlichen und südwestlichen Teil seines Verbreitungsgebietes sowie in manchen Überwinterungsgebieten sympatrisch mit dem Neuntöter und dem Isabellwürger vor. Mischbruten mit beiden Arten sind dokumentiert. Eine sichere Bestimmung von Jungvögeln und immaturen Weibchen ist feldornithologisch sehr schwierig. mini| Braunwürger Wahrscheinlich ein ins erste Adultkleid mausernder Vogel der Unterart L. c. cristatus
Mauser Die Mauser des Braunwürgers ähnelt der des Tigerwürgers, unterscheidet sich jedoch in der Abfolge des Großgefiederwechsels. Wie der Tigerwürger vermausern auch Braunwürger zweimal im Jahr ihr gesamtes Federkleid. Die nachbrutzeitliche Mauser beginnt noch im Brutgebiet, unmittelbar nach – teilweise auch schon gegen Ende – der letzten Brut. Bei Vögeln in den südlichen Brutgebieten, also bei allen residenten Populationen und jenen, die nur Kurzstrecken ins Winterquartier zurücklegen, ist dies eine Vollmauser, die noch im Brutgebiet abgeschlossen wird. Bei in nördlicheren Breiten brütenden Vögeln, oder bei sehr späten Bruten, wird die Mauser nach dem Wechsel des Kleingefieders und einiger (individuell unterschiedlicher) Großfedern unterbrochen und entweder während ausgedehnter Rastpausen oder erst in den Überwinterungsgebieten fortgesetzt und vollendet. Eine zweite Komplettmauser beginnt recht bald danach, meist Ende Dezember/Anfang Januar, und ist mit Beginn des Heimzuges Anfang April/Anfang Mai abgeschlossen. Die Juvenilmauser beginnt im Alter von 40–55 Tagen und betrifft vor allem das Kleingefieder und nur wenige Großfedern. Auch sie wird bei Zwischenaufenthalten während des Zuges oder mit Erreichen der Winterquartiere abgeschlossen. Ob alle diesjährigen Vögel vor dem ersten Heimzug ihr Gefieder noch einmal komplett vermausern ist unklar.
Lautäußerungen Wie die meisten Würger sind auch Braunwürger nur in aggressionsgestimmten Situationen sowie in der Phase der Territoriumsetablierung und der Paarbildung akustisch auffällig. Der Gesang ist fast ausschließlich in der Vorbrutzeit zu hören. Am häufigsten ist ein mehrfach gereihter, heiserer Ruf zu hören, der dem Alarmruf des Neuntöters ähnlich ist. Er ist individuell unterschiedlich und schwer – am ehesten mit zcha…zcha… – zu transkribieren. In sehr hoher Aggressionsstimmung wird in die Rufreihen ein recht deutlich hörbares Schnabelknappen eingeflochten. Daneben dienen stakkatoartig gereihte ckack- oder avokale tck-Laute als weitere akustische Alarmsignale. In der Paarungszeit bettelt das Weibchen mit jiih…jiih…- Rufen, den Bettellauten der Nestlinge. Der Gesang ist ein recht lautes, trällerndes Zwitschern. Melodiöse und strukturierte Phasen werden von Pfiffen und Elementen aus dem Alarmrepertoire unterbrochen. Wie viele andere Würgerarten verwendet auch der Braunwürger Phrasen aus anderen Vogelgesängen und imitiert Geräusche verschiedenster Art.
Verbreitung mini|hochkant=1.3|Verbreitung des Braunwürgers braun: Sommervorkommen grün: Jahresvögel gelb: Überwinterungsgebiete Der Braunwürger besiedelt ein sehr großes Areal, das sich in Nord-Süd-Richtung von Gebieten jenseits des Polarkreises bei ungefähr 70° Nord südwärts bis an die fast die Tropen berührenden südostchinesischen Brutgebiete am Wendekreis des Krebses erstreckt. Er gehört damit neben dem Nördlichen Raubwürger zu den Würgerarten, denen es gelungen ist, sich sehr unterschiedliche Klimazonen zu erschließen und sehr weit nach Norden vorzudringen. Die Westgrenze der Verbreitung ist unklar, möglicherweise auch gewissen Fluktuationen unterworfen. Allgemein wird sie um 80° Ost angesetzt; im Südwesten erreicht sie im Vierländergrenzgebiet von Russland, Kasachstan, der Mongolei und China den russischen und den mongolischen Altai und den nördlichen Nan Shan. In diesem Großraum liegen die Berührungszonen mit dem Neuntöter (vor allem im Dsungarischen Alatau) und dem Isabellwürger (in Daurien und im Mongolischen Altai). Im Osten sind die Westhälfte Kamtschatkas, Sachalin, einige Inseln der südlichen Kurilen sowie in stark abnehmender Dichte Hokkaidō, Honshū und Kyūshū – sowie einige der kleineren japanischen Inseln – von dieser Art besiedelt.
Die Überwinterungsgebiete liegen südlich davon in Südostchina, Indochina, auf der Malaiischen Halbinsel, den Philippinen, vielen der großen und kleinen Inseln Indonesiens, sowie auf dem indischen Subkontinent und auf Sri Lanka.
Lebensraum mini|links|In offenen, wärmeexponierten Lagen wie hier an der Angara erreicht der Braunwürger hohe Bestandsdichten. Der Braunwürger kann in sehr unterschiedlichen Habitaten erfolgreich brüten. Er gehört insgesamt zu den Würgerarten mit einer sehr großen Habitatstoleranz. Dennoch sind in diesem ausgedehnten Verbreitungsgebiet regionale Populationen eng an bestimmte Habitate gebunden, was die Art im Zusammenspiel mit der recht großen Brutplatztreue sehr anfällig für Lebensraumveränderungen macht.
Immer ist eine Bevorzugung von aufgelockert busch- oder baumbestandenen Lebensräumen mit möglichst geringem, oder nur kurzem Bodenbewuchs festzustellen. Geschlossene, zusammenhängende Waldgebiete besiedelt die Art nicht, kommt jedoch in ausgedehnten natürlichen oder durch Holzgewinnung entstandenen Lichtungen, in früher Sukzessionsvegetation nach Waldbränden und an Waldrändern vor, sofern diese an Gebiete grenzen, die für den Beuteerwerb günstig sind. In der Taiga/Tundra-Übergangszone brütet die Art vor allem in lockeren Birkenbeständen, südlicher – in den zentralsibirischen Regionen – in Weiden entlang kleiner Flussläufe. Flussbegleitende Galerievegetation bietet in den Trockengebieten West- und Südwestchinas sowie der Mongolei geeignete Brutmöglichkeiten. Im Altaigebiet bilden oft mit einzelnen Lärchen und Wacholderbüschen bestandene Regionen günstige Habitate. Häufig besiedelt die Art auch Windschutzbepflanzungen am Rande von Kulturland, Baumreihen entlang von Straßen, gelegentlich auch Parks und sehr große Gärten. Die Unterart L. c. superciliosus bevorzugt in Japan lichte Eichenwälder in Küstennähe oder mit Deutzien bestandenes Weide- und Grasland. Die am südlichsten verbreitete Unterart L. c. lucionensis brütet häufig in den Grenzzonen subtropischer und tropischer immergrüner Wälder sowie in Sekundärvegetation nach Holzeinschlägen. Diese Unterart erscheint auch am häufigsten in von Menschen stark gestalteten Landschaften, vor allem in landwirtschaftlich genutzten Gebieten.
Vertikal ist die Art vor allem in den Niederungen und im Hügelland unter 1000 Metern vertreten, im Südwesten des Verbreitungsgebietes kommt sie bis in Höhen von 1800 Metern vor, in den Überwinterungsgebieten auch noch in etwas höheren Lagen.
Siedlungsdichten