mini|Avers eines „Dandolo-Grossos“, einer Silbermünze Venedigs aus der Regierungszeit Enrico Dandolos, die auch als Matapan bekannt ist. Der links dargestellte Doge, mit Bart und langen Haaren, stehend in Frontalansicht, trägt einen fußlangen Mantel. Er hält in seiner linken Hand eine Schriftrolle, die Prommissio ducale, deren Machtbeschränkungen und Aufgaben er zu beschwören hatte. Der Doge ist mit „H. DANDOL“ und dem Wort „DUX“ bezeichnet. Der rechts dargestellte Evangelist Markus, der Schutzpatron Venedigs, präsentiert Dandolo mit dem gonfalone, dem Banner, in seiner rechten Hand; dessen Wimpel mit dem Kreuz weht über dem Kopf des Dogen, der gleichfalls seine rechte Hand am gonfalone hat. Die drei Buchstaben des Wortes „DUX“, das unmittelbar unterhalb des Wimpels mit dem Kreuz beginnt, folgen von oben nach unten geschrieben dem Banner und verbinden so das Kreuz mit der Schriftrolle. Markus, als Venedigs Schutzpatron, mit „S. M. VENETI“ bezeichnet, ist als Heiliger am Nimbus zu erkennen, bekleidet mit einem faltenreichen Gewand. Er hält in der linken Hand sein Evangelium, wie der Doge seine Promissio.„S. Marco a destra ritto in piedi, cinto il capo di aureola, col libro dei Vangeli nella mano sinistra, consegna colla destra al Doge un vessillo con asta lunghissima, che divide la moneta in due parti pressoché uguali. A sinistra il Doge, vestito di ricco manto ornato di gemme, tiene colla sinistra un volume, rotolo, che rappresenta la promissione ducale, e colla destra regge il vessillo, la cui banderuola colla croce è volta a sinistra. Entrambe le figure sono di faccia, le teste colla barba sono scoperte; quella del Doge ha i capelli lunghi che si arricciano al basso“ (Nicolò Papadopoli: Enrico Dandolo e le sue monete, in: Rivista Italiana di Numismatica e Scienze Affini 3 (1890) 507–519, hier: S. 515 (Digitalisat).) Enrico Dandolo (* um 1107 in Venedig; † 1. Juni 1205 in Konstantinopel) ist wohl der bekannteste und umstrittenste Doge Venedigs. Er war vom 1. Juni 1192 bis zu seinem Tod im Amt. Folgt man der „venezianischen Tradition“, wie meist die staatlich gesteuerte Geschichtsschreibung Venedigs umschrieben wird, war er der 41. der insgesamt 120 Dogen. Umstritten ist er wegen seiner Rolle bei der Umlenkung des Vierten Kreuzzugs (1202–1204) gegen die christlichen Städte Zara und Konstantinopel.

Dabei kam es zur Plünderung der Metropole und zur Errichtung des Lateinischen Kaiserreichs, von dem den Venezianern unter Führung Dandolos „drei Achtel“ zugesprochen wurden. Diese Eroberung gilt als Ausgangspunkt der Großmachtstellung Venedigs, aber auch als Anfang vom Ende des Byzantinerreiches. Die Ablenkung des Kreuzzugs, dessen Schiffe Venedig vorfinanziert hatte, erfolgte in drei Stufen: Um ihre Schulden zu reduzieren, eroberten die Kreuzfahrer zunächst für Venedig das christliche Zara. Gegen päpstlichen Widerstand und nach Tumulten innerhalb des Heeres fuhren die verbliebenen Kreuzfahrer von dort nach Konstantinopel, um einem zu ihnen geflohenen byzantinischen Thronprätendenten zur Herrschaft zu verhelfen. Als dieser seine großzügigen Zusagen nicht einhielt, eroberten die Kreuzfahrer schließlich die bei weitem größte christliche Stadt, ein Teil der Stadt ging in Flammen auf. Geraubte Schätze und Reliquien schmücken heute zahlreiche Kirchen Europas.

Enrico Dandolo entstammte einer der einflussreichsten Familien der Republik Venedig. Doch ist über sein Leben vor etwa 1170 fast nichts bekannt, selbst seine unmittelbaren Verwandtschaftsverhältnisse sind nur partiell geklärt. Er war mit einer Contessa verheiratet, mit der er mindestens einen Sohn hatte. Er war als Fernhändler, nach der Vertreibung der Venezianer aus der byzantinischen Hauptstadt im Jahr 1171 zudem in diplomatischen Diensten tätig.

mini|Gemälde von Domenico Tintoretto (um 1600), das Enrico Dandolo darstellt, obwohl es vom Aussehen des Dogen keinerlei Vorstellung mehr gab. Selbst der Vollbart auf dem vier Jahrhunderte zuvor geprägten Grosso fehlt. Das Textband bezeichnet seine in dieser Darstellung allein im Vordergrund stehende Rolle, nämlich die eines Beherrschers eines Viertels und der Hälfte „Imperii Romaniæ“, des „Römerreichs“, von späteren Historikern als Byzantinisches Reich bezeichnet, sowie eines genauso großen Teiles seiner Hauptstadt Konstantinopel: „HENRICO DUCI EST TITULUS QUARTÆ PARTIS ET DIMIDIÆ, TOTIUS IMPERII ROMANIÆ DOMINATORIS“. Die Darstellung befindet sich im Saal des Großen Rates im Dogenpalast und stand, wie insgesamt 38 Doppel-Porträts, den dort tagenden Angehörigen des Rates dauerhaft vor Augen. Die Geschichtsschreibung überhöhte Dandolos Rolle als allgegenwärtiger Gesetzgeber, Organisator, Flotten- und Heerführer. Sie vereinnahmte ihn als Idealbild für Patriotismus, kriegerischen Expansionsgeist und zugleich der Selbstbescheidung durch Verzicht auf die Kaiserkrone. Oder sie verdammte ihn als rachsüchtigen oder zynischen, in jedem Falle berechnenden und heuchlerischen Verräter an der christlichen Sache, der die Umlenkung gegen Konstantinopel von Anfang an als Racheakt ersonnen hatte, obwohl der Papst die Kreuzfahrer exkommunizierte. Die Interpretationen reichen dabei von der Gelegenheit, sich für seine in Konstantinopel erlittene Blendung oder für die schlechte Behandlung der Venezianer durch die „Griechen“ zu rächen, bis zu einer Verkettung von Einzelentscheidungen, bei denen der Doge sich nur im Rahmen der venezianischen Verfassungswirklichkeit verhielt, die ihm wenig Spielraum ließ. Nach Giorgio Cracco vertrat Dandolo erst im Verlauf des Kreuzzugs immer stärker die Interessen seiner zahlreichen im Osten tätigen Landsleute und der zunehmend autonomen Eroberer eines neuen Reiches – wenn opportun, auch gegen die Mutterstadt Venedig. Jahre später erst konnte Venedig gegenüber den Eroberern seine Autorität durchsetzen.

Während Dandolo für koloniale Ambitionen gleichsam als Vorläufer vereinnahmt und die Eroberung Konstantinopels durch kulturelle und moralische Überlegenheit über die Byzantiner gerechtfertigt wurde, gelang es der Historiographie erst in der nachkolonialen und nachfaschistischen Zeit, auf Rückprojektionen soweit möglich zu verzichten. Dandolo wurde demnach erst in jüngster Zeit stärker in den Rahmen der sich verengenden Handlungsmöglichkeiten der Dogen innerhalb ihrer Gesellschaft gestellt.

Aber auch die Erzählweisen der drei Hauptquellen, die stark von französischen und byzantinischen Traditionen beherrscht sind, wurden kritisch einbezogen. Diese sind die französischsprachigen Chroniken des Geoffroi de Villehardouin – wiederentdeckt im Jahr 1541 – und des Robert de Clari sowie die griechischsprachige Chronik des Niketas Choniates. Eine Reihe von Einzeldokumenten gestattet es zudem, die ansonsten kaum belegten Taten Dandolos vor dem Kreuzzug besser einzuordnen. Dennoch ist die Integration bedeutender und zeitlich näher an den Kämpfen entstandener Dokumente bisher nur partiell gelungen. Dies gilt vor allem für Briefe, die auf scharfe Konflikte innerhalb des Kreuzfahrerheeres, aber auch auf solche zwischen den Führern des Kreuzzugs und den einfachen „Pilgern“ hinweisen. Diese Konflikte wurden durch die vier Hauptstränge der Überlieferung, die sich aus der politischen Konfliktsituation ergaben – also des byzantinischen, des venezianischen, des päpstlichen und desjenigen der Kreuzfahrer aus dem mittleren und gehobenen Adel vor allem Frankreichs –, weitgehend überdeckt. Dazu trug aber vor allem die staatlich gesteuerte, das Vorgehen Dandolos legitimierende Geschichtsschreibung Venedigs bei, die seit der Chronik des Dogen Andrea Dandolo (1343–1354) fast ein halbes Jahrtausend lang kaum noch davon abweichende Deutungen zuließ.

Schriftkultureller Hintergrund, geringe pragmatische Schriftlichkeit Erst die enorme gesellschaftliche und politische Reichweite des Vierten Kreuzzugs mit seiner chronikalischen Überlieferung wirft, neben den wenigen älteren Urkunden verschiedener Provenienz, ein wenig Licht auf diesen zentralen Protagonisten des Kriegszugs, über dessen Motive und Haltungen äußerst wenig als gesichert gelten kann.Thomas F. Madden: Venice and Constantinople in 1171 and 1172: Enrico Dandolo’s attitudes towards Byzantium, in: Mediterranean Historical Review 8,2 (1993) 166–185. Dieser frappierende Quellenmangel bei einer derartig zentralen Person hängt damit zusammen, dass Dandolo in einer Epoche lebte, in der die Schrift in Italien, wo die römische Tradition nie ganz abriss, zwar bereits in wachsendem Umfang in Gebrauch war, doch die pragmatische Schriftlichkeit – sie hatte einen vorwiegend handlungsorientierten Charakter – war noch in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung. Dies gilt erst recht für die Techniken der Aufbewahrung und Erschließung, wie generell des Verfügbarmachens von schriftlicher Erinnerung in den Bereichen von Verwaltung, Recht und Wirtschaft. Zwar bewahrten zahlreiche kirchliche Einrichtungen, insbesondere Klöster, ihre Bestände auf, doch andere Einrichtungen von geringerer Kontinuität waren hierin weniger erfahren, und ihre Bestände, vor allem Urkunden, wurden vielfach verstreut und vernichtet, gingen verloren oder wurden vergessen.

Die italienische Kommune befand sich erst am Beginn einer geregelten Schriftlichkeit der kleinen und äußerst rudimentären, diskontinuierlichen staatlichen Organe und Gremien, die ganz überwiegend nur deshalb ad hoc zusammengestellt wurden, um bestimmte Aufgaben zu lösen. Eine wenige Jahrzehnte später etablierte Schriftlichkeit aus Protokollen und Abstimmungsergebnissen, Berichten und Korrespondenzen, war zwischen und innerhalb der noch geringen Zahl an Instanzen und Gremien zur Zeit Dandolos noch kaum vonnöten. Dennoch ballten die beiden wichtigsten Gremien, der Kleine und der Große Rat, die Macht der einflussreichsten Familien der Stadt, und sie dienten dem Ausgleich von Konflikten und Interessen in einer noch weitgehend mündlich organisierten Gesellschaft. Ihre Entwicklung setzte mit der ersten Einsetzung einer rudimentären Magistratur, dem consilium sapientium zur Zeit des Dogen Pietro Polani ein, als Dandolo vielleicht in den Dreißigern war.

Vor diesem schriftkulturellen Hintergrund sind auch die Unsicherheiten einzuordnen, die bis heute hinsichtlich der Persönlichkeit, der Herkunft und selbst bei der Rekonstruktion der verwandtschaftlichen Einbindung in die von wenigen Dutzend Familien beherrschten Strukturen Venedigs bestehen.

Herkunft, Familienzusammenhang Über die ersten sechs Lebensjahrzehnte Enrico Dandolos, der als bekanntester Doge gilt,Thomas F. Madden: „Dandolo became Venice’ most prominent doge, not for his various reforms, his diplomatic initiatives, or even his great age, but for his involvement in the Fourth Crusade.“ (Enrico Dandolo and the Rise of Venice, The Johns Hopkins University Press, 2003, S. 117): ist kaum etwas überliefert. Sein errechnetes Geburtsjahr – die zeitlich näheren Quellen bezeichnen ihn nur als „senex“ (‚alt‘) – geht darauf zurück, dass Marin Sanudo der Jüngere (1466–1536), ein Chronist, der rund drei Jahrhunderte nach Dandolo schrieb, anmerkt, dieser sei zum Zeitpunkt seiner Wahl zum Dogen, also im Jahr 1192, bereits 85 Jahre alt gewesen.Donald E. Queller, Thomas F. Madden: The Fourth Crusade, 2. Aufl., University of Pennsylvania Press, 1999, S. 9. mini|Von der Ca’ Farsetti, seit 1826 das Rathaus Venedigs, auch Palazzo Dandolo Farsetti genannt, wurde lange angenommen, sie sei die „Domus magna“ Enrico Dandolos gewesen, doch wurde mit ihrer Errichtung erst kurz nach seinem Tod begonnen. Die „kurz vor 1208/09“ entstandene Casa Renier DandoloAndrea Lermer: Der gotische «Dogenpalast» in Venedig, Deutscher Kunstverlag, 2005, S. 67. wurde nach einem Brand im Jahr 1524 wieder aufgebaut. 1664 erwarb sie die toskanische, gerade in den Großen Rat aufgenommene Familie Farsetti.