mini|Verbreitung der Chronic Wasting Disease 2024

Die Chronic Wasting Disease (CWD; deutsch wörtlich Chronische Auszehrungskrankheit), umgangssprachlich auch als „Zombie-Hirsch-Krankheit“ bezeichnet, ist eine ansteckende Erkrankung des zentralen Nervensystems bei Hirschen, die zu den Prionkrankheiten gerechnet wird. Sie ähnelt der Bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE) des Rindes und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen. Sie verläuft in allen Fällen tödlich.

Die ersten Fälle wurden in den 1960er-Jahren im US-Bundesstaat Colorado beschrieben. Die Erkrankung ist in weiten Teilen Nordamerikas bei verschiedenen Arten endemisch. Die Erkrankung wurde auch in heimischen Tieren in Nordeuropa nachgewiesen. In Südkorea wurde die Erkrankung bei importierten Tieren nachgewiesen. Bei gefangenen Populationen werden Ausbrüche mit einer sehr hohen Durchseuchungsrate beobachtet.

Eine Übertragung auf den Menschen ist nicht nachgewiesen. In Endemiegebieten sind dennoch Hygienemaßnahmen im Umgang mit Tieren empfohlen.

Geschichte

CWD wurde erstmals in den 60er-Jahren bei in Gefangenschaft lebenden Tieren einer Forschungseinrichtung im US-Bundesstaat Colorado festgestellt. Der erste Nachweis in wild lebenden Tieren erfolgte 1981. In den 1990ern waren erkrankte Tiere aus dem nördlichen Colorado und dem südlichen Teil des US-Bundesstaats Wyoming gemeldet worden.Chronic Wasting Disease (CWD) - Where CWD Occurs, CDC, Stand 13. Mai 2024. Abgerufen am 21. Dezember 2024.

Zum Stand April 2024 sind in 33 US-Bundesstaaten und fünf Provinzen Kanadas Tiere mit CWD gemeldet worden.Expanding Distribution of Chronic Wasting Disease, National Wildlife Health Center des United States Geological Survey, 19. April 2024. Abgerufen am 21. Dezember 2024.

Verbreitung Chronic Wasting Disease kommt im westlichen Teil Nordamerikas natürlich vor. Sie befällt wild lebende Maultierhirsche, Weißwedelhirsche, Elche, Rentiere und Wapitis in Wyoming, Colorado, Nebraska, South Dakota und Wisconsin. Bei in Gefangenschaft lebenden Hirschherden wurde die Krankheit auch in anderen westlichen Staaten der USA sowie im westlichen Kanada festgestellt.

Der erste bekannte europäische Fall war ein Rentier aus der Nordfjella-Population in Südnorwegen, bei dem der Erreger 2016 nachgewiesen wurde. In der Herde wurden noch weitere 19 infizierte Tiere nachgewiesen. 2020 zeigte sich ein Ausbruch im von Nordfjella weit entfernten Nationalpark Hardangervidda. Durch Überwachungsmaßnahmen in Teilen der EU konnten in Schweden und Finnland einzelne Elche und ein Rothirsch mit einer Prionerkrankung nachgewiesen werden. Diese entsprechen jedoch nicht der CWD aus Nordamerika, sondern sporadischen Fällen.Steckbrief: Chronic Wasting Disease (Chronische Auszehrungskrankheit, CWD), Friedrich-Loeffler-Institut, Stand: 18. Januar 2022; abgerufen am 28. April 2024

2001 wurden in Südkorea aus den USA eingeführte, infizierte Wapitis festgestellt.

In befallenen Herden in Gefangenschaft werden Ausbrüche mit über 90 % kranker Tiere beobachtet, in freier Wildbahn werden in Endemiegebieten Prävalenzen von über 10 % gefunden.Thomas Passler, Paul H. Walz: Disease of the Neurologic System. in David G. Pugh, A.N. Baird, Misty A. Edmondson, Thomas Passler: Sheep Goat and Cervid Medicine. 3. Auflage, Edinburgh, 2021, S. 330f

Krankheitsentstehung Wie bei den anderen übertragbaren, schwammartigen Gehirnerkrankungen handelt es sich beim Erreger um ein abnorm gefaltetes Prion. Das pathologische Prion PrPSc führt dabei zur Fehlfaltung des normalerweise vorkommenden zellulären Prionproteins (PrPSc) in die krankhafte Version und lagert sich massiv im Nervengewebe ab.

Die CWD ist eine hoch ansteckende Tierseuche. Das auslösende Prion wird durch Blut, Urin, Kot, Lymphe, Speichel sowie Samen übertragen. Noch krankheitsfreie Tiere scheiden das Prion bereits in der Inkubationszeit bis zu 34 Monate aus. Durch seine hohe Umweltstabilität kann das Prion außerhalb des Tierkörpers jahrzehntelang infektiös bleiben.

Die Aufnahme des Prions erfolgt durch Einatmen oder Schlucken. Die Prionen überwinden dann die Schleimhautbarriere und gehen in die regionalen Lymphknoten über. Über mehrere Wochen erfolgt dann eine Anreicherung der Prionen in systemischen lymphatischen Geweben. Danach erfolgt der Übergang des Erregers in periphere Nervenfasern und von dort schließlich in das zentrale Nervensystem. Die Inkubationszeit beträgt typischerweise rund 1–2 Jahre und variiert mit der genetischen Empfindlichkeit für die Erkrankung durch Polymorphismen des Gens für das zelluläre Prionprotein.

Krankheitszeichen

Die Tiere erkranken meist im Alter von zwei bis sieben Jahren. Männliche Tiere sind häufiger betroffen. Die Symptome der Erkrankung ähneln anderen übertragbaren, schwammartigen Gehirnerkrankungen. Sie führt zu Auffälligkeiten des Nervensystems, Verhaltensstörungen und einem gestörten Gangbild.FAQ - Chronic Wasting Disease (CWD) bei Hirscharten, Friedrich-Loeffler-Institut, Stand 18. Januar 2022, abgerufen am 28. April 2024

Die erkrankten Tiere werden apathisch, sondern sich von der Herde ab und verlieren die Scheu vor dem Menschen. Oft ist das Gangbild verändert und es zeigt sich eine Ataxie und Störungen des Muskeltonus. Weitere Symptome sind übermäßiger Speichelfluss, erhöhte Trinkmenge und vermehrtes Harnlassen. Die namensgebende Erscheinung der Erkrankung ist die rapide Gewichtsabnahme bei erhaltenem Hunger der Tiere.

Sekundär kann es aufgrund der Schäden am Nervensystem auch zu einer Aspirationspneumonie kommen, da die Krankheit den Schluckvorgang stört. Der Verlauf der Erkrankung bis zum Tod des Tieres dauert rund vier Monate.

Diagnose mini|Histopathologische Veränderungen bei CWD. A: Spongiforme Veränderung der Wurzel des N. vagus im verlängerten Mark. B: Immunologische Färbung von PrP, umgeben von Vakuolen. C: Abnormale PrP-Ablagerungen. D: Abnormales PrP in den Mandeln eines Maultierhirsches Die Diagnose erfolgt durch eine mikroskopische Untersuchung von Gewebeproben aus dem Gehirn, in denen die charakteristischen schwammartigen Veränderungen des Nervengewebes nachgewiesen werden können. Es existieren auch Routinetests auf der Basis eines ELISA, der auf Nerven- und Lymphgewebe basieren kann.T. Blasche, E. V. Schenck, A. Balachandran, M. W. Miller, J. Langenberg, K. Frölich, F. Steinbach: Rapid detection of CWD PrP: comparison of tests designed for the detection of BSE or scrapie. In: Transbound Emerg Dis. 59(5), Okt 2012, S. 405–415. PMID 22212828 Bei Maultier- und Weißwedelhirschen akkumuliert das Agens in den Retropharyngeallymphknoten, noch bevor es das Gehirn erreicht, so dass dieses Gewebe für einen Test am wichtigsten ist. Im Hirn eignet sich das hintere Ende des vierten Hirnventrikels am besten für den Erregernachweis. Neuere diagnostische Entwicklungen verwenden auch Speichelproben für Tests ante mortem.D. M. Henderson, M. Manca, N. J. Haley, N. D. Denkers, A. V. Nalls, C. K. Mathiason, B. Caughey, E. A. Hoover: Rapid antemortem detection of CWD prions in deer saliva. In: PLoS One. 8(9), 11. Sep 2013, S. e74377. PMID 24040235

Immunoassays sind bei erkrankten Tieren ausreichend sensitiv, um eine sichere Diagnose zu ermöglichen. Bei Fragestellungen mit höherer notwendiger Testsensitivität stehen Labormethoden zur Verfügung, die kleinere Prionmengen vervielfältigen.

Differentialdiagnostisch sollten Tollwut, Hirnabszesse, Meningitis, Enzephalitis, Mangelernährung, Peritonitis und Zahnprobleme in Betracht gezogen werden.

CWD ist sowohl in Nordamerika als auch in Europa eine meldepflichtige Tierseuche.

Behandlung und Vorbeugung Es existiert keine wirksame Behandlung der Chronic Wasting Disease. Betroffene Tiere müssen gekeult werden.

Die Vorbeugung geschieht in Gefangenschaft über entsprechendes Herdenmanagement, das vom kanadischen und US-amerikanischen Veterinäramt koordiniert wird, die für Hirschherden auch entsprechende Zertifikate vergeben.

Hierzu dürfen in den USA nur Tiere aus zertifizierten Herden eingebracht werden und alle Tiere, welche natürlich verstorben oder getötet worden sind, müssen auf CWD getestet werden. Zum Erreichen der höchsten Zertifikation benötigt eine Herde mindestens fünf Jahre. Nur zertifizierte Herden dürfen über die Grenzen von US-Bundesstaaten verbracht werden. Manche Staaten nehmen an dem Bundesprogramm nicht teil, während andere noch schärfere Regelungen anwenden.

In freier Wildbahn werden Strategien der Überwachung, des selektiven und nicht-selektiven Abschusses in Endemiegebieten, der Vermeidung der Ansammlung von Tieren an Köder- oder Futterstellen und der Unterbindung von Einbringung fremder Tiere in den Lebensraum praktiziert. Erfolgreiche Kontrollmaßnahmen sind möglich, jedoch nicht in allen Lebensräumen umsetzbar.

Dekontamination Das Agens ist in der Umwelt sehr stabil. Es wird auch durch die meisten ansonsten zur Desinfektion eingesetzten Mittel – einschließlich Alkohol, Formalin, Wasserstoffperoxid, Ethylenoxid, Chlordioxid, Kaliumpermanganat und phenolische Desinfektionsmittel – nicht unter allen Umständen inaktiviert. Überaus beständig zeigt es sich ebenso gegenüber Hitze wie UV- und ionisierender Strahlung; selbst nach 8 Stunden in kochendem Wasser kann es noch infektiös sein. Zu den wirksamen Dekontaminationstechniken für Oberflächen zählt die mehrstündige Einwirkung stark basischer Lösungen (NaOH in einer Konzentration von 1-2 mol/l) und solcher mit mindestens 2 % aktivem Chlor (z. B. Javelwasser).Chronic Wasting Disease (PDF; 560 kB) der Canadian Food Inspection Agency.vergleiche Literaturberichte zu bzw. .

Sichere Verfahren für die Dekontamination von Räumen, Gebäuden oder Freiflächen sind bisher nicht bekannt. Infizierte Kadaver sollten in einer dazu eingerichteten Anlage verbrannt werden.

In freier Wildbahn gestaltet sich die Kontrolle der CWD daher extrem schwierig. Entsprechende Programme benutzen ein ausgeprägtes Monitoring-und-Surveillance-System, Jagdverbote, Populationsverkleinerungen sowie Einfangen betroffener Tiere.

Gefahr für den Menschen Das Risiko für den Menschen scheint minimal zu sein. CWD ist seit mindestens 30 Jahren in Hirschpopulationen verbreitet, die regelmäßig bejagt werden. Trotzdem wurde bisher kein einziger Fall der Erkrankung beim Menschen diagnostiziert. Als Vorsichtsmaßnahmen werden empfohlen, in den Enzootiegebieten keine offensichtlich kranken Tiere zum Verzehr zu schießen, beim Ausweiden Latexhandschuhe zu tragen, Kontakt mit Nerven- und Lymphgewebe zu vermeiden, alle zum Zerlegen der Beute verwendeten Messer und anderen Geräte in 50 % Javelwasser zu desinfizieren und das Tier auf CWD testen zu lassen. Aus den Ergebnissen epidemiologischer Studien werden diese Sicherheitsmaßnahmen bestätigt.L. Waddell, J. Greig, M. Mascarenhas, A. Otten, T. Corrin, K. Hierlihy: Current evidence on the transmissibility of chronic wasting disease prions to humans-A systematic review. Review. In: Transbound Emerg Dis. 30. Jan 2017. PMID 28139079