Der Begriff Nordisches Modell (auch als Gleichstellungsmodell bezeichnet) steht für eine erstmals im Jahr 1999 in Schweden eingeführte Form des Verbots von Prostitution und hat keinen Bezug zum Nordischen Modell im Bereich der Sozialpolitik. Es handelt sich um eine „asymmetrische Kriminalisierung“ bei der die Person, die sexuelle Dienstleistungen anbietet, dafür nicht bestraft wird. Das bekannteste Element des Nordischen Modells ist die Kriminalisierung der Kunden von Prostituierten durch ein sog. Sexkaufverbot. Außerdem sieht das Modell Ausstiegshilfen für Menschen in der Prostitution sowie verstärkte gesellschaftliche Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen vor, um vor dem Einstieg in die Prostitution zu warnen und Käufer von der Inanspruchnahme von Prostituierten abzuhalten.

Das Nordische Modell wird hauptsächlich von religiösen Organisationen und kleineren Bündnissen und Vereinen unterstützt. Menschenrechts- und Hilfsorganisationen, Sozialverbände und Prostituierte selbst lehnen das Modell überwiegend ab. Weltweit haben nur 7 von 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen das Nordische Modell eingeführt. Auch von den Nordischen Ländern haben nur 3 von 5 Staaten dieses Modell eingeführt.

Konzept und Verbreitung des Nordischen Modells

Die konkrete Gestaltung des Verbotes unterscheidet sich stark zwischen den skandinavischen Ländern, die es eingeführt haben, und der Begriff wurde daher von einigen Wissenschaftlern als irreführend eingestuft.

Aufbau und Konzept Der Modellcharakter des Nordischen Modells entspringt aus der Kombination strafrechtlicher und sozialpolitischer Maßnahmen, wobei die Kriminalisierung von Kunden, also der einvernehmlichen entgeltlichen Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen (Sexkaufverbot), als unentbehrliches Kernstück gilt. Unterstützer des Modells zeichnen es oftmals als Vier-Säulen-ModellBundesverband Nordisches Modell: Das Nordische Modell, abgerufen am 15. Juni 2026.:

umfassende Kriminalisierung auch einvernehmlicher Prostitution, darunter insbesondere: Inanspruchnahme entgeltlicher sexueller Dienstleistungen (in den Debatten auch Sexkaufverbot genannt), Vermietung von Arbeits- und Wohnräumen an Prostituierte, Vermittlung von sexuellen Dienstleistungen, gemeinsames Arbeiten von Prostituierten, Nicht-Bestrafung des Anbietens sexueller Dienstleistungen, Angebote zum Ausstieg aus der Prostitution, unter der Bedingung, dass die Sexarbeit sofort eingestellt wird, Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen in der Bevölkerung gegen Prostitution

Insgesamt versucht das Modell, Prostitution durch Reduzierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen weitgehend einzudämmen.

Verbreitung In chronologischer Reihenfolge haben folgende Länder, davon drei nordische, das Nordische Modell in verschiedenen Varianten eingeführt: Schweden (1999)Schweden: Prostitution verboten, die Freier bleiben Zeit Online, abgerufen am 26. Juni 2021. Norwegen (2009)New Norway law bans buying of sex (engl) BBC, abgerufen am 26. Juni 2021. Island (2009)Sexarbeit Die Erotikbranche fürchtet das Total-Verbot Handelsblatt, abgerufen am 26. Juni 2021. Kanada (2014)Canada. Judge rules parts of Canada’s prostitution laws unconstitutional in London, Ont. case (engl) Global News, abgerufen am 26. Juni 2021. Frankreich (2016)[The Swedish Law that Prohibits the Purchase of Sexual Services: Best Practices for Prevention of Prostitution and Trafficking in Human Beings (engl)] Sage Perspectives, abgerufen am 26. Juni 2021. Irland (2017)The Irish Times View on Prostitution in Ireland: Signs of a cultural Shift (engl) The Irish Times, abgerufen am 26. Juni 2021. Israel (2020)Seeking prostitution services is now illegal in Israel (engl) The Times of Israel, abgerufen am 26. Juni 2021.

Außerdem haben NordirlandNorthern Ireland prostitution ban divides opinion (engl) Sage Perspectives, abgerufen am 26. Juni 2021. und der U.S.-Bundesstaat Maine das Nordische Modell eingeführt.

Folgende Länder haben das Modell bisher nach einer parlamentarischen Debatte abgelehnt:

Finnland (2006) Dänemark (2012) Großbritannien (außer Nordirland) Spanien (2018 und 2024) Schweiz (2022)

Nordische Länder ohne „Nordisches Modell“

Mit Dänemark und Finnland haben zwei der fünf nordischen Staaten das Modell nicht eingeführt. Die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen gegen Entgelt ist dort erlaubt.

Geschichte und Umsetzung

mini|Länder, die das Nordische Modell implementiert haben (2019) Das Modell wurde 1999 in Schweden entwickelt und im Zuge eines Gesetzespakets gegen Gewalt an Frauen eingeführt (Kvinnofrid-Gesetz). Diesem Beispiel folgten 2009 Norwegen (Sexkjøpsloven – Sex-Käufer-Gesetz) und Island. Umfragen zufolge befürworteten dort 70 % der Bevölkerung die Kriminalisierung der Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen. Kanada führte 2014 als Teil des Protection of Communities and Exploited Persons Act (Beschluss zum Schutz von Gemeinden und ausgebeuteten Personen) ein Sexkaufverbot ein. In Nordirland trat eine ähnliche Regelung 2015 in Kraft. Frankreich folgte 2016. In Irland wurde die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen 2017 als Teil des Sexual Offenses Act (Gesetz zu Sexualstraftaten) kriminalisiert. In Israel trat am 10. Juli 2020 ein Sexkaufverbot in Kraft.

Schweden

Im Jahr 1999 führte Schweden als erstes Land das Nordische Modell ein, weshalb in der darauf folgenden Zeit oft von einem schwedischen Modell die Rede war. Im Jahre 2008 berief die schwedische Regierung ein Komitee ein, das die Wirkung des Modells zwischen 1999 und 2008 evaluieren sollte. Diesem Komitee stand Anna Skarhed, ehemalige Richterin des obersten Gerichtshofes, vor. Es kam zum Ergebnis, dass ein Rückgang der Straßenprostitution um 50 % auf die Einführung des Sexkaufverbots zurückführbar sei. Im Vergleich der Städte Oslo, Kopenhagen und Stockholm zeigte sich, dass während des Jahres 1999 die Straßenprostitution in allen drei Städten einen vergleichbaren Umfang hatte, er sich in Stockholm 2008 auf etwa 30 % des Umfangs in den beiden anderen Städten reduziert hatte. Laut dem Bericht hätten zum damaligen Zeitpunkt keine Informationen vorgelegen, die darauf hindeuten, dass frühere Straßen-Prostituierte nach dem Sexkaufverbot vermehrt in der In-Haus-Prostitution tätig sind. Der Regierungsbericht bestätigte die eigene Vorgehensweise und stellte erwartungsgemäß fest, dass Frauen, die sich weiterhin prostituierten, das Sexkaufverbot kritisch sahen, Aussteigerinnen dagegen positiv. Der Bericht betonte auch, dass die negativen Folgen des Gesetzes für Sexarbeitende aus der Perspektive der Prostitutionsbekämpfung positiv zu betrachten sind.

Weitere Ergebnisse legte das Komitee für Frauenrechte und Gleichstellung der Europäischen Union 2013 vor. Demnach sei die Anzahl von Prostituierten in Dänemark trotz der kleineren Gesamtbevölkerung ungefähr zehnmal so hoch wie in Schweden. Das Komitee führte auch einen Wandel in der öffentlichen Meinung auf das neue Gesetz zurück. So hätten sich 1995 noch 45 % der Frauen und 20 % der Männer dafür ausgesprochen, die Inanspruchnahme von Sexdienstleistungen zu kriminalisieren. Demgegenüber hätten sich 2008 rund 79 % der Frauen und 60 % der Männer dafür ausgesprochen. Unter Verweis auf Angaben schwedischer Polizeibehörden stellte das Komitee ferner fest, dass das neue Gesetz vor Menschenhandel und sexueller Ausbeutung abschrecke.

Auswirkung des Sexkaufverbots auf sich weiterhin prostituierende sowie auf ausstiegswillige Frauen: Die Bereitschaft der Kunden, sich in der Öffentlichkeit zu nähern, hat aus Angst vor Bestrafung stark abgenommen. Missstände werden der Polizei seltener gemeldet im Fall von Prostituierten, die entweder keine Aufenthaltserlaubnis vorweisen können, oder eigenen Wohnraum gesetzeswidrig für ihre Tätigkeit nutzen. Von Zwangsprostituierten, die zum Ausstieg bereit sind, kann jedoch eine größere Bereitwilligkeit zur Kooperation mit den Behörden erwartet werden, da sie vom Staat soziale und juristische Unterstützung erhalten. Von den mit der Polizei eng zusammenarbeitenden Sozialarbeitern wird den Frauen konkrete Unterstützung und Beratung angeboten. Bei der Anfrage nach Haus- und Hotelbesuchen nehmen Anrufe mit unterdrückter Nummer zu.

In einer Studie der schwedischen Gleichstellungsbehörde aus dem Jahr 2021 wurde zwar eine Abnahme der Straßenprostitution, jedoch auch eine Zunahme der Prostitutionsangebote über Escort- und Sugardatingwebseiten festgestellt. Auch die Anzahl der Kinder in der Prostitution habe sich erhöht. Einer Erhebung der schwedischen Gesundheitsbehörde aus dem Jahr 2017 zufolge hatten trotz der Einführung des Nordischen Modells 10 % der Männer und 0,5 % der Frauen mindestens einmal sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt in Anspruch genommen und 1,5 % aller Frauen sowie 1 % aller Männer für sexuelle Handlungen Geld erhalten.

Seit 2025 sind in Schweden auch bestimmte Online-Sexdienstleistungen wie Webcam-Übertragungen und bestimmte Formen von Pornographie illegal.European Digital Rights: Sweden further cracks down on sex workers: What it means for digital rights, 28. Mai 2025, abgerufen am 21. Juni 2025.

Norwegen Zehn Jahre nach Schweden führte Norwegen 2009 als zweites Land Gesetzesänderungen ein, die den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellten.

Fünf Jahre nach der Einführung des Nordischen Modells in Norwegen ergab eine Studie, dass es dort Prostitution und Menschenhandel dämpfe. Schätzungsweise habe sich die Straßenprostitution seit Einführung des Gesetzes um 45–60 % reduziert. p. 7. Außerdem habe sich die Kundenzusammensetzung von Prostituierten verändert: Junge Männer und Männer gehobener sozialer Herkunft nahmen seltener, Ausländer anteilig hingegen öfter Sexdienstleistungen in Anspruch. Umfragen zufolge neigten vor allem junge Männer stärker dazu, Prostitution abzulehnen. p. 9.

Der Evaluationsbericht der norwegischen Regierung von 2014 sieht keine Erhöhung von Gewalt gegen Prostituierte nach Einführung des Sexkaufverbots. Allerdings zeigen sich bei solchen Prostituierten, die über keine Aufenthaltserlaubnis verfügen, oder diese aufgrund ihrer Tätigkeit zu verlieren fürchten sowie bei Beteiligten, die ihre Wohnung zur Prostitutionsausübung nutzen, oder vermieten, eine höhere Hemmschwelle, erlittene Gewalt anzuzeigen.

Island Zeitgleich mit der Einführung in Norwegen wurde das Nordische Modell 2009 in Island etabliert. Nach Angaben der dortigen Polizei im Jahr 2017 habe das Gesetz sein Ziel nicht erfüllt. In den 18 Monaten bis zur Veröffentlichung des Berichts sei es zu einer „Explosion“ der Prostitution gekommen. Dabei stamme die Mehrzahl der Prostituierten aus Osteuropa, den baltischen Staaten und Südamerika, die nach Angaben der Polizei Opfer organisierter Kriminalität und Menschenhandel seien. Auf diesem Wege sei Island zu einem beliebten Ziel von Sextouristen geworden.

Für diese Entwicklung werden mehrere Faktoren benannt. Insbesondere Opfer des Menschenhandels hätten nicht mit der Polizei kooperiert und daher nicht gegen die Täter ausgesagt. Außerdem habe Island an touristischer Bedeutung gewonnen, was zu einer erhöhten Nachfrage nach Sexdienstleistungen führen könne. Ein weiterer wichtiger Faktor sei die Zugehörigkeit Islands zum Schengenraum, sodass fehlende Grenzkontrollen auch den Menschenhandel aus ärmeren EU-Staaten nach Island begünstigten. Insbesondere sei bei einem dreimonatigen Aufenthalt kein Visum und keine behördliche Registrierung nötig. Einzelne Autoren werfen der Justiz vor, Prozesse wegen der Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen und dort nur relativ geringe Geldstrafen zu verhängen, was nicht genügend abschrecke.

Von der für die Bekämpfung von Menschenhandel zuständigen US-Behörde Office to Monitor and Combat Trafficking in Persons wurde Island im Jahre 2017 von einem Tier 1 (erfüllt alle Minimum-Standards) zu einem Tier 2 (erfüllt nicht alle Minimum-Standards) herabgestuft.

Frankreich