mini|hochkant|Arthur Läwen, 1930er Jahre Arthur Georg Läwen (* 6. Februar 1876 in Waldheim, Sachsen; † 30. Januar 1958 in Lüneburg) war ein deutscher Chirurg und Wegbereiter der Anästhesiologie.M. Goerig, J. Schulte am Esch: Arthur Läwen – ein Wegbereiter moderner Anästhesieverfahren. In: Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie. Band 28, 1993, S. 315–325.Grit Groth: Arthur Läwen – ein Pionier der deutschen Anästhesie. Medizinische Dissertation, Rostock 1996.Internetpräsentation der Universität Leipzig
Leben Arthur Läwens Eltern waren der königlich sächsische Verwaltungsbeamte Gustav Adolf Läwen und dessen Frau Ernestine Clara geborene Guth. Arthur Läwen studierte ab 1895 Humanmedizin an der Universität Rostock, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Leipzig. Im Jahr 1900 wurde er als Arzt approbiert und mit einer bakteriologischen Dissertation in Leipzig zum Dr. med. promoviert.Dissertation Über den Einfluß der Reaction des Nährbodens auf die Vermehrung des Choleravibrio.
Anschließend begann er die chirurgische Ausbildung bei Heinrich Braun, dessen Assistent Läwen von 1900 bis 1911 war,Albert Faulconer, Thomas Edward Keys: Arthur Läwen. In: Foundations of Anesthesiology. 2 Bände. Charles C Thomas, Springfield (Illinois) 1965, Band 2, S. 1183. im Diakonissenkrankenhaus Leipzig. Im Jahr 1904 ging er zu Friedrich Trendelenburg an die Chirurgische Universitätsklinik Leipzig, an der er sich 1908 habilitierte.Habilitationsschrift: Experimentelle Untersuchungen über das Verhalten röntgenisierter Tiere gegen bakterielle Infektionen. 1912 wurde er Chefarzt im neu erbauten Krankenhaus Sankt Georg Leipzig. 1911 heiratete er Kathrine Hubert. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. 1913 wurde Läwen in Leipzig zum außerordentlicher Professor für Chirurgie ernannt. Im Ersten Weltkrieg Sanitätsoffizier, kehrte er 1918 an das Krankenhaus Sankt Georg zurück. 1920 folgte er dem 1919 ergangenen Ruf der Philipps-Universität Marburg auf ihren Lehrstuhl für Chirurgie als Nachfolger von Nicolai Guleke.
Im Jahr 1928 wechselte Läwen als Nachfolger von Martin Kirschner auf den Lehrstuhl der Albertus-Universität Königsberg. Im Zweiten Weltkrieg war er mit Siegfried Hoffheinz beratender Chirurg der (ostpreußischen) 2. Armee; er war auf vielen Kriegsschauplätzen und operierte in vielen Lazaretten. Im Jahr 1939 erlitt er einen Durchschuss der rechten Hand.
Von 1941 bis 1943 war Arthur Läwen Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie; 1943 leitete er ihren letzten Kriegskongress in Dresden. Von 1927 bis 1945 war er Beratender Chirurg der Reichswehr und der Wehrmacht.
Im November 1944 war seine Ehefrau auf das Gut Severloh im Landkreis Celle gezogen. Noch immer Lehrstuhlinhaber, flüchtete er in der Schlacht um Königsberg am 31. Januar 1945 mit einem Lazarettschiff nach Westdeutschland. Er arbeitete in Lazaretten, bis er Anfang 1946 ebenfalls nach Severloh gelangte. 1948 zog die Familie nach Hermannsburg im Landkreis Celle. Anfang der 1950er Jahre wurde der Beginn von Demenz deutlich. 1954 brachte ihn die Familie in der Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt unter, in der er kurz vor seinem 82. Geburtstag starb.
Werk mini|hochkant|Läwen (am Fußende mit verschränkten Armen) und Friedrich Trendelenburg (links vor Läwen) bei einer Operation um 1909 Läwen hat etwa 200 wissenschaftliche Arbeiten – Aufsätze oder Bücher – publiziert. Gemäß seinen Erfahrungen in den beiden Weltkriegen sind darunter Titel wie Erfahrungen über Bauchschußverletzungen und ihre Frühoperation im Feldlazarett (1915), Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltkrieg (1922), Frühoperation bei schweren Verbrennungen (1936), Grundsätzliches in der Kriegschirurgie (1940), Über die Offenhaltung von Kriegsschußwunden durch behelfsmäßig hergestellte Wundspreizen (1943) und Über die Teilresektion des Hüftgelenkes bei Eiterungen nach Kriegsschußverletzungen (1943). Darunter sind außerdem allgemein-chirurgische Titel wie Über Lungenkomplikationen nach Bauchoperationen (1906), Zur praktischen Anwendung der instrumentellen künstlichen Respiration (1910), Über die periarterielle Sympathektomie bei der Extremitätentuberkulose (1924) und Chirurgie bei Störungen des vegetativen Nervensystems (1927). Herausragend sind seine Beiträge zur Lokalanästhesie und sein Vorschlag zum Gebrauch von Curare, dem Prototyp der Muskelrelaxantien, bei Operationen (Mit Curare konnte der Leipziger Chirurg bereits 1908 sowohl in Lokalanästhesie als auch in Allgemeinanästhesie eine Muskelentspannung bewirkenH. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 23.).
Lokalanästhesie und Regionalanästhesie Nach der Einführung des Kokains als Lokalanästhetikum 1884 gab es viele Versuche, ein weniger toxisches Mittel zu finden. Zum Erfolg führte schließlich die Synthese des Procains durch Alfred Einhorn, seine medizinische Prüfung durch Heinrich Braun und Läwen in Leipzig sowie Brauns fundamentale Erkenntnis, dass Zusatz des damals eben entdeckten Adrenalins (= Suprarenins) zur Lösung des Procains erstens dessen Wirkung am Injektionsort verstärkte und verlängerte und zweitens seine „systemische“ Wirkung, also die Wirkung außerhalb der Injektionsstelle, abschwächte.Heinrich Braun: Ueber den Einfluss der Vitalität der Gewebe auf die örtlichen und allgemeinen Giftwirkungen localanästhesirender Mittel und über die Bedeutung des Adrenalins für die Localanästhesie. In: Archiv für klinische Chirurgie. Band 69, 1903, S. 541–591.H. Braun: Ueber einige neue örtliche Anaesthetica (Stovain, Alypin, Novocain). In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 31, 1905, S. 1667–1671. Die Farbwerke Hoechst AG brachten 1905 das Procain als Novocain in den Handel. Es ist viele Jahrzehnte das Standard-Lokalanästhetikum geblieben.
Im Jahr 1899 hatte Heinrich Braun die Leitung der Chirurgie des Leipziger Diakonissenhauses übernommen, 1900 stieß Läwen zu ihm. Für beide wurde die Lokalanästhesie ein lebenslanges Thema. Aus demselben Jahr 1905 wie Brauns erste Mitteilung über Novocain stammt eine erste ausführliche Untersuchung von Heineke und Läwen.H. Heineke, Arthur Läwen: Experimentelle Untersuchungen und klinische Erfahrungen über die Verwertbarkeit von Novokain für die örtliche Anästhesie. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Band 80, 1905, S. 180–198.
Nicht nur an der Einführung des Standard-Lokalanästhetikums, sondern auch an der Entwicklung der vielen Techniken der Lokalanästhesie und der Regionalanästhesie, etwa der Spinalanästhesie und der Periduralanästhesie, hat Läwen mitgewirkt. So führte er um 1910 die Sakralanästhesie ein.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 59.
Brauns Buch Die Lokalanästhesie – ihre wissenschaftlichen Grundlagen und praktische Anwendung,. 1. Auflage. 1905, von der 5. Auflage an umbenannt in Die örtliche Betäubung – ihre wissenschaftlichen Grundlagen und praktische Anwendung, hat Läwen in der 8. Auflage 1933 und der 9. Auflage 1951 mit herausgegeben.
Pharmakologische Ergänzungen Sowohl Braun als auch Heineke und Läwen berichteten 1905 im Wesentlichen über Beobachtungen an Menschen, darunter viele Selbstversuche.
Läwen besuchte aber in seiner Leipziger Zeit bei Heinrich Braun und Friedrich Trendelenburg oft das von Rudolf Boehm geleitete Pharmakologische Institut Leipzig. Hier entstand parallel zu den klinischen Arbeiten tierexperimentelle Grundlagenforschung. 1907 hat Laewen zum ersten Mal Procain, Cocain und andere Lokalanästhetika an einem isolierten Nerven, dem Nervus ischiadicus des Frosches, verglichen.A. Läwen: Vergleichende Untersuchungen über die örtliche Wirkung von Kokain, Novokain, Alypin und Stovain auf motorische Nervenstämme. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 56, 1907, S. 138–160.
Adrenalin verstärkt die örtliche und vermindert die „systemische“ Wirkung von Procain durch Kontraktion der Blutgefäße am Injektionsort, also Vasokonstriktion und damit Verzögerung des Abtransports des Procains durch den Blutstrom. Läwen dehnte seine Grundlagenforschung auf die Vasokonstriktion durch Adrenalin aus. Er verwendete Blutgefäße von Fröschen und führte dazu eine Methode ein, die später von dem Pharmakologen Paul Trendelenburg weiterentwickelt und als Laewen-Trendelenburgsches Froschpräparat bekannt wurde.Leopold Ther: Pharmakologische Methoden. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1949, S. 191.
Läwen beobachtete, dass die Blutgefäße Adrenalin aus der umgebenden Flüssigkeit beseitigten, und sprach von einer „starken selektiven Aufnahmefähigkeit“ der Blutgefäßzellen für Adrenalin – eine Beobachtung, die ein halbes Jahrhundert später durch die Identifizierung der Transportproteine bestätigt wurde.Arthur Läwen: Quantitative Untersuchungen über die Gefässwirkung von Suprarenin. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 51, 1904, S. 415–441.Klaus Starke: A history of Naunyn-Schmiedeberg’s Archives of Pharmacology. Band 358, 1998, S. 1–109, hier: S. 36.
Curare Rudolf Boehm und sein Pharmakologisches Institut in Leipzig waren führend in der Erforschung des Curare und seiner Inhaltsstoffe. Schon wiederholt hatte man versucht, Wundstarrkrampf-Patienten mit Curare zu behandeln, ohne viel Erfolg. Trotzdem griff Läwen, ermutigt durch Friedrich Trendelenburg, das Thema 1906 zunächst tierexperimentell auf. Später in Marburg behandelte er die Patienten kombiniert mit einem Sedativum, einem Curarepräparat und künstlicher Beatmung – auch heute noch Grundlage der Behandlung.
Muskelrelaxation bei Operationen – Idee, Verwirklichung, Vergessen und Erinnerung Im Jahr 1912 veröffentlichte Läwen einen Aufsatz Ueber die Verbindung der Lokalanästhesie mit der Narkose, über hohe Extraduralanästhesie und epidurale Injektionen anästhesierender Lösungen bei tabischen Magenkrisen. Die Formulierung zeigt die Breite von Läwens chirurgischem Denken, versteckt aber geradezu die geniale Idee und ihre Verwirklichung, die erst gegen Ende auf gut einer der 22 Seiten eher beiläufig beschrieben werden:A. Läwen: Ueber die Verbindung der Lokalanästhesie mit der Narkose, über hohe Extraduralanästhesie und epidurale Injektionen anästhesierender Lösungen bei tabischen Magenkrisen. In: Beiträge zur klinischen Chirurgie. Band 80, 1912, S. 168–189; mit kleinen Kürzungen zitiert.
In Problemstellung, Lösungsidee, wissenschaftlicher Korrektheit und Verständlichkeit der Sprache ist dies ein vorbildlicher Text, dem dennoch Vergessen beschieden war, wohl aus dem von Läwen angegebenen Grund. Weltweit aufgegriffen wurde erst 30 Jahre später der Bericht The use of curare in general anesthesia der kanadischen Ärzte Harold Randall Griffith und G. Enid Johnson.Harold R. Griffith und G. Enid Johnson: The use of curare in general anesthesia. In: Anesthesiology. 3, 1942, S. 418–420. Curarepräparate waren jetzt beliebig verfügbar, andere Muskelrelaxantien folgten, Milliarden von Menschen haben seither von diesen Hilfsstoffen bei Operationen profitiert, aber Griffith und Johnson wussten anscheinend nichts mehr von Läwens Pioniertat.
Wiederentdeckt wurde die Tat von dem britischen Anästhesisten Cyril F. Scurr, der im Jahr 1951 schrieb:
Scurr wiederum fand 1969 Eingang in das populärwissenschaftliche Curare-Buch von Philipp Smith Arrows of Mercy, in dem Läwen als Beispiel dient: