mini|Bernhard von Bülow (1895) klasse="notpageimage skin-invert-image"|rahmenlos|hochkant|zentriert Bernhard Heinrich Martin Karl von Bülow, ab 1899 Graf, ab 1905 Fürst von BülowA. Freiherr von Houwald: Brandenburg-Preußische Standeserhebungen und Gnadenakte für die Zeit 1873-1918. Görlitz 1939, S. 110 und 146. (* 3. Mai 1849 in Klein Flottbek; † 28. Oktober 1929 in Rom), war ein deutscher Politiker und Staatsmann. Seit 1897 war er Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und von Oktober 1900 bis Juli 1909 Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs.
Bülow machte eine Karriere als Diplomat. Als Staatssekretär hatte er im Kaiserreich ein Amt inne, das in etwa einem heutigen Minister entsprach. Schon in dieser Zeit entwickelte er sich zur führenden Person in der Reichsleitung. Dem Reichskanzler Bülow gelang es, sowohl mit dem Kaiser als auch mit den verschiedenen Parteien des Reichstags zusammenzuarbeiten. Außenpolitisch vermied er wohl den Ausbruch eines Krieges, trug aber Mitschuld an der Verschlechterung des Verhältnisses vor allem zu Großbritannien.
Sein Vater Bernhard Ernst von Bülow war 1876–1879 ebenfalls Staatssekretär des Äußeren, sein Neffe Bernhard Wilhelm von Bülow (1885–1936) war von 1930 bis 1936 Staatssekretär und Vertreter des Außenministers.
Leben
Herkunft Bernhard von Bülow wurde geboren als Sohn von Bernhard Ernst von Bülow (1815–1879) und dessen Frau Luise Victorine geb. Rücker. Sein Vater war Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter Otto von Bismarck. Der Bruder seiner Mutter war der Hamburger Senator Alfred Rücker, sein Urgroßvater der Hamburger Senator Martin Johann Jenisch der Ältere. Sein Vetter ersten Grades war Wilhelm von Godeffroy, Teilhaber das Bankhauses Jenisch & Godeffroy, in dessen Berliner Stadtpalais in der Wilhelmstraße 59 Bülow lange gewohnt hatte.Bogdan Graf von Hutten-Czapski: Sechzig Jahre Politik und Gesellschaft. Berlin 1935, 1. Band, S. 328 Godeffroy starb am 29. November 1904 und ermöglichte dem Vetter seiner Frau Bülow mit einem Extra-Vermächtnis von fünf Millionen Goldmark die Annahme des ersehnten Fürstentitels. Aus den Erträgnissen der Dr. jur. Wilhelm Martin v. Godeffroy Familien-Fideikommiss-Stiftung hat das Ehepaar Bülow dann lebenslang große Zuwendungen erhalten,Verschiedenes. In: Berliner-Börsen-Zeitung. 10. Juni 1905, Morgen-Ausgabe, III. Beilage, S. , Digitalisat. „zur Aufrechterhaltung eines standesgemäßen Lebensstils“.Birgit Scheps: Das verkaufte Museum – Die Südsee-Unternehmungen des Handelshauses Joh. Ces. Godeffroy & Sohn, Hamburg und die Sammlungen „Museum Godeffroy“. Naturwissenschaftlicher Verein in Hamburg, Hamburg 2005, ISBN 3-937783-11-3, S. 218–219.
Die Familie von Bülow ist ein altes mecklenburgisches Adelsgeschlecht mit gleichnamigem Stammhaus im Dorf Bülow bei Rehna. Der Name Bülow wird erstmals bei der Grundsteinlegung des Ratzeburger Doms (1154) urkundlich erwähnt. Die Stammreihe beginnt mit Godofridus de Bulowe (1229).P. von Bülow: Familienbuch der von Bülows. Berlin 1858/59 (2 Teile), Ergänzungsband 1873. Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Biographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich 1972, Band 5, S. 59. Viele Mitglieder der Familie brachten es im Staatswesen, beim Militär und in der Kirche zu hohen Ämtern oder machten sich um das Kulturleben verdient.
Ausbildung und diplomatische Karriere mini|hochkant|Maria von Bülow geb. Beccadelli di Bologna, Principessa di Camporeale, Jugendporträt gemalt von Franz von Lenbach, 1873. Bernhard von Bülow besuchte Gymnasien in Frankfurt am Main und Neustrelitz und wechselte als Fünfzehnjähriger zum Pädagogium in Halle, wo er 1867 die Reifeprüfung bestand. An der Universität Lausanne, in Berlin und an der Universität Leipzig studierte er Jura, nahm als Freiwilliger im Husaren-Regiment „König Wilhelm I.“ Nr. 7 am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teil.
Sein Regimentskommandeur Oberst Walter von Loë legte ihm eine Offizierslaufbahn nahe, wozu der Vater Anfang 1871 die Einwilligung erteilte. Am 15. November 1870 wurde Bülow zum Gefreiten befördert, am 18. Januar 1871 zum Fähnrich und schließlich am 8. März 1871 zum Leutnant. Nach Beendigung des Krieges und Rückkehr an den Regimentsstandort Bonn legte Bülow auf Druck seines Vaters im März 1872 an der Universität Greifswald das Referendarsexamen ab und schied am 11. Juni 1872 aus dem aktiven Militärdienst aus.
Am Landgericht und Bezirkspräsidium in Metz – Elsaß-Lothringen gehörte seit Ende des Deutsch-Französischen Krieges zum Deutschen Reich – bereitete er sich bis 1874 auf den Justiz- und Verwaltungsdienst vor. Danach trat er in den Auswärtigen Dienst ein. Auf Bülows diplomatische Karriere wirkte sich der Umstand begünstigend aus, dass sein Vater seit der gemeinsamen Tätigkeit im Bundestag in Frankfurt am Main mit Otto von Bismarck befreundet war. Als Legations- und Botschaftssekretär kam Bernhard von Bülow nach St. Petersburg und Wien, 1876 wurde er Attaché an der deutschen Botschaft in Rom, 1877 Geschäftsträger in Athen. Ab März 1878 war er an der deutschen Botschaft in Paris tätig, wo er im November zum Zweiten Sekretär ernannt wurde. Zwischenzeitlich war Bülow im Sommer 1878 dem Sekretariat des Berliner Kongresses zugeteilt. In Paris hatte er im Auftrag des Berliner Hofes die Familie des Bankiers Adolf Wilhelm von Kessler zu bespitzeln. Dort kam es zu einem Skandal, als Bülow vergeblich versuchte, dessen attraktive Frau Alice, die Mutter von Harry Kessler, in Abwesenheit ihres vielverreisten Ehemannes zu verführen. In seinen späteren Erinnerungen unterstellte er Adolf von Kessler, dieser habe die Schönheit seiner Frau gewinnbringend für seine geschäftlichen Interessen benutzt.Laird M. Easton: Der rote Graf. Harry Kessler und seine Zeit. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann. 2. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-93694-0, S. 28 f. Im August 1883 wurde er nach einer hausinternen Intrige Erster Sekretär an der Botschaft in Paris und wechselte im Juli 1884 als Botschaftsrat nach St. Petersburg. 1888 wurde er Gesandter in Bukarest und ging 1893 als Botschafter nach Rom.
1886 heiratete er Maria Beccadelli di Bologna, Prinzessin di Camporeale, eine italienische Adlige, die in vorheriger Ehe mit einem Grafen von Dönhoff-Friedrichstein verheiratet gewesen war. Die Ehe blieb kinderlos.
Staatssekretär des Äußeren mini|hochkant|Reichskanzler Bernhard von Bülow mit Ehefrau Maria im Jahre 1905 auf Norderney 1897 kehrte er nach Berlin zurück, wurde im Oktober 1897 unter Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst zum Staatssekretär des Äußeren ernannt und arbeitete in dieser Position drei Jahre lang im Auswärtigen Amt. Im ersten Amtsjahr leitete er die Verhandlungen mit China über die Pachtung von Kiautschou mit der später schnell emporblühenden Hafenstadt Tsingtau. In einer Reichstagsdebatte am 6. Dezember 1897 rechtfertigte er diese Erweiterung der Kolonialinteressen mit den Worten: „wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne. In Ostasien wie in Westindien werden wir bestrebt sein […], ohne unnötige Schärfe, aber auch ohne Schwäche unsere Rechte und unsere Interessen zu wahren.“ Mit dieser Aussage vor dem Parlament verkündete er indirekt eine Abkehr von der Bismarckschen Ausgleichspolitik hin zu einem expansiven Kolonialismus.Deutschlands Platz an der Sonne. Wikisource
In Berlin führte er die Verhandlungen mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten, die zum Samoa-Abkommen von 1899 führten, das vorsah, dass das Deutsche Reich Westsamoa mit den beiden Hauptinseln Savaiʻi und Upolu mit dem Hafen Apia als Schutzgebiet zugeteilt erhielt. Außerdem leitete er 1899 die Verhandlungen, die zum Ankauf der seit 1565 zu Spanien gehörenden Inselgruppe der Marianen (mit Ausnahme von Guam, das an die Vereinigten Staaten von Amerika ging) und der ebenfalls spanischen Inselgruppe der Karolinen führten. Er förderte die Erschließung der Kolonien und den Handel mit Kolonialerzeugnissen. In seine Amtszeit als Staatssekretär des Äußeren fällt auch der Boxeraufstand in China im Jahr 1900.
Er hielt persönlichen Kontakt zu Philipp zu Eulenburg, einem Freund des Kaisers, der wesentlich dazu beitrug, Bülow als Kanzlerkandidaten aufzubauen. Bülow war ein Menschenkenner und stand in dem Ruf, auch auf Schmeicheleien zurückzugreifen, wenn dies Erfolg versprach. So schrieb er einmal an Eulenburg: „Er (der Kaiser) ist so bedeutend. Nach Friedrich dem Großen der bedeutendste Hohenzoller“, offenbar in der Erwartung, dass dieses Lob Kaiser Wilhelm II. – der für byzantinistische Schmeicheleien sehr zugänglich war – mitgeteilt würde.
Reichskanzler
Ernennung
Am 17. Oktober 1900, nach dem Rücktritt Hohenlohes aus Altersgründen und weil Wilhelm II. gerade mit der Durchsetzung der Zuchthausvorlage im Reichstag gescheitert war, wurde Bülow Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Kaiser Wilhelm II. setzte große Hoffnungen in ihn:
Als Kanzler verhielt sich Bülow gegenüber dem Kaiser loyal, kritisierte jedoch dessen „persönliche Politik“; allerdings ohne Erfolg.
Bülow war wie sein Berater Friedrich August von Holstein (1837–1909) überzeugt, dass das Deutsche Reich sich eine seiner Wirtschaftskraft entsprechende Außenpolitik der „freien Hand“ erarbeiten sollte, und unterstützte die von Alfred von Tirpitz vorgelegten Flottengesetze. Das Deutsche Reich war gegen Ende des 19. Jahrhunderts hinter Großbritannien und vor den Vereinigten Staaten die zweitgrößte Exportnation geworden, doch waren die deutschen Handelsschiffe, auf denen jährlich Waren im Wert von mehreren Dutzend Milliarden Mark transportiert wurden, im Gegensatz zu den britischen und amerikanischen Handelsschiffen weitgehend ungeschützt. Eine der politischen Hauptaufgaben Bülows war es, dafür Sorge zu tragen, dass der von Wilhelm II. forcierte Bau von Kriegsschiffen reibungslos vorangetrieben werden konnte und nicht von den im Handel konkurrierenden Imperialmächten behindert oder unterbunden wurde. Durch den Erwerb überseeischer Besitzungen sollten der Flotte Stützpunkte mit geschützten Häfen an den Weltmeeren gesichert werden. Ein wichtiges Ziel von Bülows war der Bau von Eisenbahnen wie der Bagdadbahn und die Realisierung von Eisenbahn-Projekten in den afrikanischen Kolonien (siehe Liste der deutschen Kolonialbahnen).
Außenpolitik mini|Bernhard Fürst von Bülow (links) im Berliner Tiergarten. mini|Bernhard von Bülow, Kaiser Wilhelm II. und Rudolf von Valentini (von links nach rechts) an Bord der Hohenzollern in Kiel, 1908 Die von Großbritannien eingeleiteten deutsch-britischen Bündnisgespräche führte er nur zögerlich fort, bis sie 1901 scheiterten. Am 8. Januar 1902 hielt von Bülow im Reichstag seine sogenannte „Granitbeißerrede“ gegen den britischen Kolonialminister Joseph Chamberlain, der das Vorgehen der Briten im Burenkrieg gerechtfertigt hatte, indem er es mit dem Vorgehen der Deutschen im Deutsch-Französischen Krieg verglich. Von da an waren die deutsch-britischen Beziehungen nachhaltig getrübt.
Im Jahr 1904 ereignete sich der Doggerbank-Zwischenfall, bei dem russische Kriegsschiffe versehentlich ein britisches Fischerboot in der Nordsee versenkten. Im Zuge dieses Konfliktes suchte von Bülow die Annäherung an Russland. Tatsächlich erzielte er nur eine Verschärfung des bereits bestehenden Konflikts mit Großbritannien.
Im selben Jahr kam es zur Bildung der Entente zwischen Frankreich und Großbritannien, und 1905/06 erwies sich das Deutsche Reich in der ersten Marokkokrise als isoliert. Obwohl von Bülow diese Entwicklung wesentlich durch seine unkooperative Politik mitverschuldet hatte, bezichtigte er in seiner Reichstagsrede vom 14. November 1906 die Gegner Deutschlands der „Einkreisung“. Dieser Begriff wurde fortan zum oft verwendeten Schlagwort.