mini|Zwei Wildschweine im Schnee

Das Wildschwein (Sus scrofa), jägersprachlich Schwarzwild (salopp auch Schwarzkittel) genannt, ist ein Paarhufer in der Familie der Echten Schweine und die Stammform des Hausschweins.W. Oliver, K. Leus: Sus scrofa. The IUCN Red List of Threatened Species 2008: e.T41775A10559847. doi:10.2305/IUCN.UK.2008.RLTS.T41775A10559847.en Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet reicht von Westeuropa bis Südostasien. Durch Aussetzen in Nord- und Südamerika, Australien sowie auf zahlreichen Inseln ist es heute nahezu weltweit verbreitet.

Wildschweine sind Allesfresser und sehr anpassungsfähig. In Mitteleuropa nimmt die Population vor allem durch den vermehrten Anbau von Mais stark zu und die Tiere wandern verstärkt in besiedelte Bereiche ein.

Terminologie und Etymologie Die Bezeichnung Schweine für die Säugetierfamilie ist altgermanischen Ursprungs. Entsprechend der Bezeichnung bei allen Schweinen heißen männliche erwachsene Tiere (Wild-)Eber und weibliche (Wild-)Sauen oder Säue. Sowohl Eber als auch Sau sind nur leichte Abwandlungen germanischer Wörter. Ähnliche Wortstämme gibt es auch in anderen indogermanischen Sprachen, z. B. im Lateinischen aper und sus, so dass ein vorgermanischer Ursprung wahrscheinlich erscheint. Das Wort Sau könnte von einer Lautmalerei des für die Tiere typischen Grunzlautes abgeleitet sein oder aber sich im Sinne der indogermanischen Wurzel *su- auf die Gebärfähigkeit der Tiere beziehen. Die Bezeichnung Ferkel für die noch von der Muttermilch abhängigen Jungtiere leitet sich aus einer Verkleinerungsform einer anderen germanischen Bezeichnung für Schwein ab, *farha-, die ebenfalls vorgermanischen Ursprungs und z. B. mit dem englischen pork verwandt ist; dieses Wort bezieht sich ursprünglich auf die Gewohnheit der Tiere, die Erde aufzuwühlen.

Für Wildschweine haben sich bereits in alter Zeit weitere Begriffe eingebürgert, welche die allgemeinen, für die gesamte Tierfamilie geltenden Bezeichnungen teilweise verdrängt haben. Dies gilt in besonderer Weise für die weidmännische Sprache. So heißt das erwachsene männliche Wildschwein Keiler, nach seinen mächtigen Eckzähnen, den Hauern (vgl. die aus dem Rotwelschen kommenden Begriffe keilen bzw. Keilerei). Ein starker Keiler ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr wird in der Jägersprache als Basse oder Hauptschwein bezeichnet.

Die Bezeichnung Bache für das weibliche erwachsene Wildschwein ist hingegen erst seit dem 16. Jahrhundert in dieser Bedeutung belegt. Ursprünglich war mit dem althochdeutschen Wort *bah- der Rücken eines Tieres bzw. die hieraus entnommene Speckseite gemeint (vgl. engl. back oder das französische, aus dem Deutschen entlehnte Wort bacon, „Speck“). Junge Wildschweine werden bis zum Alter von einem Jahr Frischlinge genannt, im zweiten Lebensjahr heißen sie in der Jägersprache Überläufer (Überläuferbache bzw. Überläuferkeiler).

Eine Gruppe von mehreren Wildschweinen heißt Rotte, ein Begriff, dessen Wurzeln im Mittellateinischen liegen (rupta, „Schar“) und der über das Altfranzösische ins Mittelhochdeutsche übernommen wurde.

Der Artzusatz scrofa im wissenschaftlichen Namen ist das lateinische Wort für „Sau“.

Merkmale Körperbau mini|Schädel eines Wildschweines mini|Skelett eines Wildschweins

Der Körper des Wildschweins wirkt, von der Seite betrachtet, gedrungen und massiv. Dieser Eindruck wird durch die im Vergleich zur großen Körpermasse kurzen und nicht sehr kräftig wirkenden Beine verstärkt. Im Verhältnis zum Körper wirkt auch der Kopf fast überdimensioniert. Er läuft nach vorne keilförmig aus. Die Augen liegen weit oben im Kopf und sind nach schräg-vorne gerichtet. Die Ohren sind klein und von einem Rand zottiger Borsten umgeben. Der kurze, gedrungene und wenig bewegliche Hals ist nur erkennbar, wenn Wildschweine ihr Sommerfell tragen. Im Winterfell scheint der Kopf direkt in den Rumpf überzugehen. Von der Stirn bis über den Rücken verläuft ein Kamm langer Borsten, die aufgestellt werden können.

Die Körperhöhe nimmt zu den Hinterbeinen ab. Der Körper endet in einem bis zu den Fersengelenken hinabreichenden Schwanz, der sehr beweglich ist. Mit ihm signalisiert das Wildschwein durch Pendelbewegungen oder durch Anheben seine Stimmung. Von vorne betrachtet wirkt der Körper schmal.

Das erwachsene männliche Tier lässt sich vom weiblichen von der Seite an der Form der Schnauze unterscheiden. Während sie bei der Bache lang und gerade verläuft, wirkt sie beim Keiler gedrungener und kürzer.

Gebiss links mini|Gebiss eines männlichen Wildschweins mit deutlich erkennbaren Eckzähnen

Das Wildschwein hat ein kräftiges Gebiss mit 44 Zähnen, in jeder Kieferhälfte drei Schneidezähne (Incisivi, Abk. „I“), einen Eckzahn (Caninus, Abk. „C“), vier Prämolaren (Abk. „P“) und drei Molaren (Abk. „M“).

Die oberen und unteren Eckzähne des Keilers krümmen sich aufwärts; bei Bachen tritt dies nur in geringem Umfang bei älteren Tieren auf. Die Eckzähne dienen als Waffen bei Brunftkämpfen, die schwere Wunden verursachen können.

Die unteren Eckzähne des Keilers können in Ausnahmefällen eine Länge von bis zu 30 cm erreichen. Bei normalen ausgewachsenen Keilern haben sie in der Regel eine Länge von 20 cm, von denen aber selten mehr als 10 cm aus dem Kiefer ragen. Die beim Keiler nach oben gekrümmten Eckzähne des Oberkiefers sind wesentlich kürzer. Die Eckzähne haben keine Wurzeln, stecken zu 2/3 im Kiefer und wachsen lebenslang.Haseder S. 738 mini|hochkant|Die auch als Jagdtrophäe geltenden Eckzähne eines männlichen Wildschweins

Fell Fell von ausgewachsenen und einjährigen Tieren Das Fell des Wildschweins ist im Winter dunkelgrau bis braun-schwarz mit langen borstigen Deckhaaren und kurzen feinen Wollhaaren. Es dient vor allem der Wärmeregulation, da der zwischen den Haaren eingeschlossene Luftraum eine zu starke Abgabe der Körperwärme verhindert. Die glatten Deckhaare verhindern, dass die Haut beim Durchstreifen von Gestrüpp verletzt wird. Das Wollhaar bedeckt den gesamten Körper mit Ausnahme einiger Kopfpartien und des unteren Teils der Beine. Bei älteren Keilern finden sich beidseitig im Bereich der Schultern verdickte, verfilzte Stellen, Schild genannt.Julia Numßen, S. 147

Im Frühjahr verliert das Wildschwein das lange, dichte Winterfell und hat ein kurzes, wollhaarfreies Sommerfell mit hell gefärbten Haarspitzen. Der Fellwechsel findet in einem Zeitraum von etwa drei Monaten statt und beginnt in Mitteleuropa in den Monaten April bis Mai. Wildschweine wirken im Sommerfell wesentlich schlanker. Vorjährige Wildschweine beginnen bereits ab Ende Juli oder Anfang August mit dem Wechsel zum Winterfell. Bei ausgewachsenen Wildschweinen beginnt der Wechsel zum Winterfell erst im September. Im November ist der Fellwechsel abgeschlossen.

Allerdings bestehen in der Fellfärbung sowohl regional als auch im selben Gebiet große Unterschiede. So sind Wildschweine der Balchaschsee-Region hell sandfarben oder sogar weißlich, in Belarus findet man rötlichbraune, hellere oder sogar tiefschwarze Tiere. Am Ussuri trifft man auf hellbraune und schwarze Wildschweine.

Gefleckte Wildschweine In freilebenden Wildschweinpopulationen treten immer wieder Individuen auf, die schwarzbraune bis schwarze Flecken unterschiedlicher Größe auf hellerem Grund aufweisen. Gelegentlich werden sogar schwarz-weiß und schwarz-braun-weiß gefleckte Wildschweine beobachtet. Bei Untersuchungen von Heinz Meynhardt in der DDR in den 1970er Jahren traten Fleckungen bei etwa drei von hundert Wildschweinen auf. Die Fleckung wird rezessiv vererbt. Diese Färbungen werden darauf zurückgeführt, dass Hausschweine lange Zeit als Weideschweine gehalten wurden und es dabei zu Kreuzungen zwischen Wild- und Hausschweinen kam.

Polnische Untersuchungen aus demselben Zeitraum haben gezeigt, dass stark schwarzweiß gefärbte Wildschweine im Vergleich zu ihren normal gefärbten Artgenossen eine höhere Sterblichkeitsrate haben, da bei ihnen die Wärmeregulation weniger gut funktioniert.

Fell der Jungtiere mini|Muttertier mit Jungen

Neugeborene Wildschweine, in der Jägersprache Frischlinge genannt, haben ein mittelbraunes Fell, das in der Regel vier bis fünf gelbliche, von den Schulterblättern bis zu den Hinterbeinen reichende Längsstreifen aufweist. Die Streifenform ist so individuell, dass Jungtiere eindeutig identifiziert werden können. Ihr Deckhaar ist noch wesentlich weicher und wolliger als bei älteren Tieren und schützt die Tiere gegenüber Feuchtigkeit weniger gut, so dass bei feuchter Witterung eine hohe Sterblichkeit vorkommen kann. Dieses Jungtierfell wird etwa drei bis vier Monate getragen, bevor die Tiere allmählich das einfarbig bräunliche Jugendfell bekommen. Es ist grobhaariger als das Jungtierfell, jedoch immer noch weicher als jenes ausgewachsener Tiere und hat auch weniger gut entwickelte Wollhaare. In Mitteleuropa entwickeln die Jungtiere im Oktober und November ihr erstes Winterkleid, das dann auch vermehrt die graue bis schwarze Färbung ausgewachsener Tiere zeigt.

Körpergewicht und Körpergröße Gewicht und Größe sind je nach geographischer Verbreitung sehr unterschiedlich, das Gewicht variiert außerdem je nach Jahreszeit. Als grobe Regel kann gelten, dass Körpermasse und Körpergröße von Südwesten nach Nordosten zunehmen. Vollkommen ausgewachsen sind Wildschweine ab ihrem fünften Lebensjahr; in Mitteleuropa haben Bachen (weibliche Tiere) dann eine Kopf-Rumpf-Länge von 130 bis 170 cm, Keiler erreichen eine Länge von 140 bis 180 cm.Ilse Haseder, Gerhard Stinglwagner, S. 732. Das maximale Lebendgewicht von ausgewachsenen Bachen in Mitteleuropa liegt bei rund 150 kg und das von ausgewachsenen Keilern (männlichen Tieren) bei rund 200 kg.Edgar Böhm: Jagdpraxis im Schwarzwildrevier. Leopold Stocker Verlag, Graz 1997, S. 29 ff. Mindestens fünf Jahre alte Bachen im Osten Deutschlands wogen ohne innere Organe zwischen 43 und 95 kg, männliche Individuen ohne innere Organe zwischen 54 und 157 kg. Die höchsten Gewichte erreichten Bachen dort von Oktober bis März, Keiler von August bis Dezember.Hans Stubbe (Hrsg.): Buch der Hege. Band 1: Haarwild. Verlag Harri Deutsch, Thun / Frankfurt am Main 1988, S. 254–255. Ein Schlachtgewicht oder Schlachtalter kann nicht definiert werden, da die Jagd auf wilde Tiere dem Zufallsprinzip unterliegt.

Wildschweine in Astrachan, im Biosphärenreservat Bjaresinskij und im Kaukasus werden deutlich größer und schwerer. Keiler können hier eine Körperlänge bis zu 200 cm und ein Gewicht bis zu 200 kg erreichen. In den 1930er Jahren wurden im Wolgadelta und am Syrdarja Wildschweine von bis zu 260 kg erlegt, und einige Jahre vorher sind sogar Tiere von 270 kg und 320 kg Gesamtgewicht belegt. Auch aus dem fernen Osten Russlands sind Keiler mit über 300 kg Körpergewicht bekannt. Im gesamten Verbreitungsgebiet verringerte sich die Körpergröße des Wildschweins durch Bejagung und heute gelten Tiere mit 200 kg Körpergewicht als sehr groß.

Verbreitung und Lebensraum mini|Ursprüngliches Verbreitungsgebiet (grün) und Gebiete mit eingeführten Populationen (blau)