mini|Turm der Stiftskirche Das adelige Damenstift Heerse oder Neuenheerse war ein Frauenstift im Gebiet der heutigen Stadt Bad Driburg. Es wurde um 868 in Neuenheerse gegründet und 1810 aufgehoben. Die ehemalige Stiftskirche St. Saturnina dient heute als Pfarrkirche. Wegen ihrer teils auf das 10.–12. Jahrhundert zurückgehenden Bausubstanz, ihrer Ausstattung und ihres Reliquien- und Urkundenbestands wird sie auch als Eggedom bezeichnet.Patronatsbauten. Dokumentation der Baudenkmäler in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf, 1991 S. 68
Geschichte Gründung Die Einrichtung des Stifts an der Nethequelle geht auf den Bischof von Paderborn Luithard und seine Schwester Walburga zurück. Von dieser, die auch erste Äbtissin war, existiert noch eine aus dem 9. Jahrhundert stammende Grabplatte.Hedwig Röckelein, Gelehrte Frauen. Aneignung der Antike in sächsischen Frauenstiften und -klöstern, in: Holger Kempkens/Christiane Ruhmann (Hrsg.): Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog), Petersberg 2024, S. 515 ff. (515 f.). Im Jahr 868 erteilte Liutbert, Erzbischof von Mainz, auf einer Provinzialsynode in Worms die Genehmigung zur Gründung. König Ludwig der Deutsche bestätigte die Stiftung 871 und stellte sie unter königlichen Schutz. Gleichzeitig verlieh er dem Stift das Recht der freien Wahl der Äbtissin unter Vorbehalt der bischöflichen Bestätigung. Die Bestellung des Vogts blieb königliches Recht.
Eine erste Stiftskirche wurde wohl um 887 von Bischof Biso der Gottesmutter Maria und der Heiligen Saturnina geweiht. Seit dieser Zeit befinden sich die Reliquien der Heiligen in Neuenheerse. Papst Stephan V. bestätigte alle Rechte und Besitzungen des Frauenstifts, die seit seiner Gründung verbrieft worden waren, am 23. Mai 891 in einer Urkunde. Diese ist die einzige noch erhaltene, im 9. Jh. für das Gebiet des heutigen Deutschland ausgestellte päpstliche Urkunde aus Papyrus. Der lange Zeit verschollene Schluss der Urkunde mit der exakten Datierung wurde 2022 in einer Sammlung der Universität Göttingen aufgefunden und dem im Landesarchiv Münster verwahrten Hauptteil zugeordnet.Hedwig Röckelein, Art. V.23a und b Papyrusurkunde für das Frauenstift Neuenheerse von 891 (JL 3468), in: Holger Kempkens/Christiane Ruhmann (Hrsg.): Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog), Petersberg 2024, S. 530 ff.
Weitere Entwicklung mini|hochkant|Äbtissin Ottilia von Fürstenberg Otto I. gewährte dem Stift 941 die freie Vogtwahl. Unter Heinrich III. wurde auch das bischöfliche Mitwirkungsrecht bei der Wahl der Äbtissin aufgehoben. Die Vogtei hatten im 12. Jahrhundert die Edelherren von Eberschütz-Schönberg als Lehen des Stifts inne. Nach dem Aussterben der Edelherren fiel die Vogtei 1429 an den Herzog von Braunschweig-Lüneburg und 1438 an den Landgrafen von Hessen. Die letzte Belehnung erfolgte 1778.
Die Äbtissinnen kamen bis 1495 aus hochadeligen gräflichen Familien. Erst im Jahr 1589 wurde eine Dame aus dem landsässigen Ritteradel Äbtissin. Die Stiftsstellen waren bis etwa 1450 dem hohen Adel und danach bis zur Aufhebung dem ritterbürtigen Adel vorbehalten. Im Jahr 1352 gab es noch 20 Stiftsdamen. Im Jahr 1526 wurde ihre Zahl auf zehn festgelegt.Irene Crusius: Studien zum Kanonissenstift. Göttingen 2001 S. 325 Am Ende gab es zwölf Stiftsdamen. Zum Stift gehörten zwei Kanonikerstellen, deren Inhaber auch als Pfarrseelsorger der Stiftsdörfer dienten. Weitere Stiftsämter waren die Pröpstin und die Dechantin.
Die Versuche der Paderborner Bischöfe, die Stiftsdamen zur Übernahme einer Klosterregel, etwa der der Benediktinerinnen, zu bewegen, scheiterten. Die Damen hielten an der Form eines Kanonissinnenstifts fest. Bis in das 14. Jahrhundert hinein gab es wahrscheinlich eine gemeinsame Lebensweise. Danach lebten die Damen in eigenen Stiftskurien.
Bis ins 14. Jahrhundert spielte das Stift auch eine weltlich bedeutende Rolle im Raum Brakel und Driburg. Die Herren von Brakel trugen dem Stift die Stadt Brakel zu Lehen auf und wurden als Vögte mit der Stadt belehnt. Die beherrschende Stellung ging durch die Abtretung von Brakel und der Hinnenburg an das Hochstift Paderborn verloren. Über Schwaney hatte das Stift Miteigentum. Noch bei der Aufhebung verfügte das Stift über ausgedehnte Besitzungen. Dazu gehörten Lehnsbesitz und Meierhöfe. In den zum Kloster gehörenden Dörfern Neuenheerse, Altenheerse und Kühlsen besaß die Äbtissin die Gerichtsrechte. Auch die Archidiakonatsrechte wurden beansprucht.
Die Reformation erlangte nur einen geringen Einfluss. Bedeutende Äbtissinnen in der frühen Neuzeit waren Magareta von Columna (1534–1589) und Ottilia von Fürstenberg (1589–1621). Der Dreißigjährige Krieg führte zu einer Verarmung des Stifts. Zu dieser Zeit war u. a. Claudia Seraphica von Wolkenstein-Rodeneck (1625–1688) Äbtissin. Erst unter der Äbtissin Agatha von Niehausen konnte es sich davon zu Beginn des 18. Jahrhunderts wieder erholen.
Nach dem Übergang des Hochstifts Paderborn an Preußen wurde das Stift 1803 in eine gemischtkonfessionelle Einrichtung zur Versorgung „bedürftiger Fräuleins“ umgewandelt. Zur Zeit des Königreichs Westphalen wurde das Stift aufgehoben.
Baulichkeiten mini|Äbtissinnenhaus, später Wasserschloss Heerse Von den Baulichkeiten des Damenstifts erhalten sind die Stiftskirche mit der Lambertuskapelle, das Abteigebäude und mehrere Kurien der Stiftsdamen. Die barocke Asseburger Kurie von 1777 ist das einzige Stiftshaus in massiver Kalk-Sandstein-Bauweise in Neuenheerse. Sie diente als Familienpräbende der gräflichen Familie von der Asseburg. Hier hielt sich 1819 über einen längeren Zeitraum die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff bei ihrer Großtante Felicitas von Westphalen zu Heidelbeck auf und ließ Inspirationen davon in ihrem berühmtesten Werk Die Judenbuche einfließen. Weitere erhaltene Stiftsgebäude sind: Das sogenannte Kalandshaus erbaut 1610, seit 1777 von Benefiziaten bewohnt. Der Saal des Gebäudes wurde bis 1829 auch von der örtlichen Kalandsbruderschaft genutzt. Auch das Alte Dechanei genannte Gebäude war früher ein Kuriengebäude. Es handelt sich um einen aufwendigen zweiflügeligen Bau direkt gegenüber der Kirche erbaut im 17. und erweitert im 18. Jahrhundert. Hinzu kommt die Kurie St. Johannes Evangelist von 1768. Das erste Pastorat wurde um 1780 errichtet. Zu den erhaltenen Baulichkeiten gehören auch Torhaus und Wagenremise aus dem 17. Jahrhundert mit Umbauten aus dem 18. Jahrhundert.Georg Dehio (Begr.): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Band: Nordrhein-Westfalen II: Westfalen. Berlin / München 2011, S. 63 mini|Asseburger Kurie von 1777 Als Sitz der Äbtissin ließ Ottilia von Fürstenberg ein neues Gebäude errichten, das heute auch als Wasserschloss Heerse bezeichnet wird.Wasserschloss Heerse Das Gebäude ist von drei Seiten von einer Gräfte umgeben. Nach dem Bau Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts wurde es im 18. Jahrhundert umgebaut. Im 20. Jahrhundert wurde das ursprünglich verputzte Obergeschoss in Fachwerk erneuert.
Stiftskirche mini|Nordseite der Stiftskirche mini|Seitenschiff der Stiftskirche Baugeschichte Der erste archäologisch sicher nachweisbare Kirchenbau war eine spätkarolingische Basilika. Diese ist die einzig sicher nachweisbare karolingische Pfeilerbasilika in Westfalen. Ein Vorgängerbau ist aber aufgrund des baulichen Befundes möglich.
Nach den Einfällen der Ungarn wurde offenbar ein Neubau nötig. Bischof Unwan hat in den ersten Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts eine Kirche geweiht. Dabei handelte es sich um eine ottonische Basilika, deren Ausmaße weitgehend der heutigen Kirche entsprachen. Aus dieser Bauphase könnten die nördliche Seitenschiffwand und ein Teil der Krypta stammen. Um 1030 wurde ein reduziertes Westwerk errichtet.
An das Westwerk wurde zwischen 1107 und 1131 eine Säulenbasilika im romanischen Stil mit einem geraden Chorabschluss anstelle des ottonischen Baus angebaut. Große Teile dieses Baus sind noch erhalten. Die neue Kirche war deutlich höher als der Vorgängerbau. Es handelt sich um die einzige Säulenbasilika in Westfalen. Sie war flach gedeckt und etwa aus dieser Zeit stammt auch die heute noch vorhandene Krypta.
Nach einem Brand 1165 wurde die Kirche in Teilen verändert wieder aufgebaut. So erhielten Vierung, Chor und wahrscheinlich auch das Querhaus eine Gewölbedecke. Auch das Westwerk wurde umgebaut, es wurde zu einem Westturm umgestaltet. In der Folge wurden auch die Seitenschiffe eingewölbt. An der Ostseite der Kirche befindet sich das Tütelsche Kreuz, ein barockes Epitaphkreuz von 1732 welches von der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff in Die Judenbuche beschrieben wird. mini|Tütelsches Kreuz von 1732 Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde die Kirche teilweise zu einer Hallenkirche im gotischen Stil umgebaut. Das nördliche Seitenschiff wurde dabei nicht mit einbezogen. Weitere bauliche Veränderungen erfolgten im Stil des Barocks zur Zeit der Äbtissin Agatha von Niehausen (1690–1713). Auch die heutige Innenausstattung stammt im Wesentlichen aus dem Barock. Die Orgel stammt aus dem Jahr 1713. Kleinere bauliche Veränderungen folgten Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert. So wurde nach einem Brand 1797 eine barocke Turmhaube aufgesetzt. Im 20. Jahrhundert wurde die Kirche mehrfach renoviert.Baugeschichte der Stiftskirche
Baubeschreibung Die Kirche ist unverputzt. Gut sichtbar ist das aus Muschelkalk und Eggekalkstein unterschiedlich strukturierte und geschichtete Mauerwerk. Der quadratische Turm ist ungegliedert, schmucklos und wirkt massiv. An der freistehenden Westseite gibt es keine Öffnungen. Auch an den drei übrigen Seiten existierten in den oberen Geschossen Schallfenster aus der Romanik, die heute teilweise zugemauert sind. Der Hauptturm wird durch niedrigere Treppentürme flankiert und hat nur wenige Sichtschlitze. Die Turmdächer sind mit Schiefer eingedeckt.
Die Fassaden von Lang- und Querhaus weisen schlanke Maßwerkfenster mit jeweils einem stumpfen Bogenschluss auf. Der Chor ist rechteckig. Er schließt etwa in der Breite des Mittelschiffs an das Querhaus an. Im Osten wird der Chor von einer geraden Wand abgeschlossen. Ungewöhnlich ist, dass das Giebelfeld in Fachwerk ausgebildet ist. Die Satteldächer von Langhaus, Querhaus und Chor verfügen über zahlreiche Dachluken. Diese verweisen auf die Funktion des Dachbodens als Getreidespeicher. Die Öffnungen dienten zur Belüftung.
Im Osten wurde ein niedriger Raum an den Chor angebaut. Dieser Bauteil wird als Lambertikapelle bezeichnet. Er war ursprünglich Grabkapelle der ersten Äbtissin. Deren Gebeine wurden 1823 im Hochaltar beigesetzt. Die Kapelle wurde zunächst als Lager genutzt, ehe sie seit 1941 als Leichenhalle diente.
Ein im Südosten zwischen Chor und Querhaus eingeschobener Bau aus dem 12. Jahrhundert wird als Sakristei genutzt. Auf beiden Seiten des Westturms existieren Anbauten. Der Bau auf der nördlichen Seite dient als Taufkapelle.
Am nördlichen Seitenschiff befindet sich ein Vorbau, der als Leichenhaus bezeichnet wird und als Eingangshalle dient. Das Portal ist barock.
Im Osten existiert eine Krypta aus dem 12. Jahrhundert. Diese ist als dreischiffige und sechsjochige Halle gebaut. An der Nordwand wurde ein alter Brunnen wiederhergestellt. Im Westen befindet sich eine schmale, gewölbte Kultgrabkammer.
Unter dem südlichen Querhaus befindet sich ein quadratischer Raum. Dieser war der ehemalige Kapitelsaal des Stifts. Er wird heute als Sakristei genutzt. Östlich davon befindet sich die Marienkapelle. Sie wurde im 16. Jahrhundert neu ausgestattet.
Im Inneren der eigentlichen Kirche sind die verschiedenen Bauphasen noch gut sichtbar. Das nördliche Seitenschiff, das im 14. Jahrhundert nicht umgebaut wurde, weist sechs mit Kreuzgratgewölben versehenen Joche und schwere Würfelkapitelle auf romanischen Säulen auf.