mini|hochkant=1.5|Hauptgebäude am Brebacher Weg

Das Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus war ein Klinikkomplex, der Ende des 19. Jahrhunderts östlich vor der Berliner Stadtgrenze zur Behandlung von Epilepsiekranken erbaut und eröffnet worden war. Zuerst wurde die Einrichtung als Anstalt für Epileptische Wuhlgarten bei Biesdorf geführt. Den Namen nach dem Neurologen Wilhelm Griesinger erhielt die Klinik im Jahr 1968 und behielt ihn bis um 1992. Ab diesem Zeitpunkt ging das gesamte Krankenhausgelände in die Verantwortung des Vivantes-Konzerns über und firmierte als Vivantes Klinikum Hellersdorf. Seit 2011 erfolgte eine schrittweise Übernahme der verbliebenen Gebäude durch die Leitung des Unfallkrankenhauses Berlin bei gleichzeitiger Verlagerung der medizinischen Abteilungen von Vivantes an den neuen Hauptstandort in Kaulsdorf, der wiederum Vivantes Klinikum Kaulsdorf heißt. Seit 1989 stehen alle Bauten auf dem Wuhlgarten-Gelände unter Denkmalschutz.

Lage

Das Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus belegte eine Fläche von 960.000 Quadratmetern (96 Hektar), die in Nord-Süd-Richtung mittig durch den bereits vorher vorhandenen Straßenzug Kirsch-/Eichenallee geteilt wird. Die gesamte Allee wird auf Stadtplänen mit Brebacher Weg bezeichnet.

In West-Ost-Richtung bilden der Blumberger Damm (bzw. die Warener Straße) und der Graben der Wuhle die Grenze des Krankenhausgeländes. Ein Großteil der Freiflächen zwischen den Gebäuden wurde mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt. Die Krankenhausbauten befinden sich in der Nähe des U- und S-Bahn-Bahnhofs Wuhletal. Ein kleinteilig angelegtes Wegesystem geht von der neun Meter breiten und befestigten Nord-Süd-Hauptachse ab und erschließt das Gelände.

Geschichte

Zwischen 1893 und 1945

Das Krankenhaus mit seinem Hauptstandort Brebacher Weg wurde am 18. November 1893 als „Anstalt für Epileptische Wuhlgarten bei Biesdorf“ mit einer Kapazität von 1.000 Betten eröffnet. Der Bauherr, die Stadt Berlin, entschied sich bewusst für eine damals weit außerhalb der Berliner Stadtgrenze angelegte Psychiatrische Klinik, die über einen Eisenbahnanschluss zur Ostbahn verfügte.

Nach den medizinischen Erkenntnissen, vor allem Wilhelm Griesingers, dass neben der Behandlung auch Arbeitstherapie und Erholungsmöglichkeiten in Parkanlagen und auf landwirtschaftlichen Flächen zur Genesung der Kranken beitragen können, wurde hier im Bereich Wuhletal eine großzügige Bebauung realisiert. Die Weitläufigkeit, die natürlichen landschaftlichen Gegebenheiten und die Begrenzung durch die Eisenbahntrasse führten dazu, dass das Gelände weder eine Mauer noch Zäune erhielt. Die Bebauung in lockerer Villenform (Pavillonstil) war vom Baustadtrat und Architekten Hermann Blankenstein im Stil der Neorenaissance entworfen worden. Er hatte sich an den damals gültigen Empfehlungen orientiert, außer getrennten Unterbringungsmöglichkeiten für Frauen und Männer auch Werkstätten, landwirtschaftliche Einrichtungen mit Nutzflächen und Tierhaltung sowie ein autarkes Versorgungssystem (Trinkwasser mit Wasserturm, Abwasser, Energieversorgung, Heizung mit eigenem Kesselhaus) vorzusehen.

Wie bei der Anlage ähnlicher Krankenhäuser Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein vollständiges unterirdisches Tunnelsystem ausgeführt, durch welches sowohl alle Versorgungsleitungen als auch begehbare Bereiche führten. Dieses System wird nur noch zu Wartungszwecken genutzt; es ist durch das kleine zugewachsene Eingangshäuschen des früheren Eiskellers (auf der Rückseite des Haupthauses) sowie einige (abgesperrte) Treppen zu erkennen.

Als schmückende architektonische Elemente diente für die meist zweigeschossigen Bauten vor allem das Wechselspiel zwischen gelben und roten Klinkersteinen mit dem sparsamen Einsatz von gesondertem Fassadenschmuck. Da Blankenstein zur gleichen Zeit auch für den Bau des Krankenhauses Herzberge zuständig war, bestehen zahlreiche architektonische Ähnlichkeiten zwischen den realisierten Gebäuden. Auf dem Gelände wurden darüber hinaus die Wohnhäuser für die Klinikärzte (als Landhäuser bezeichnet) im gleichen Baustil errichtet, die meisten von ihnen stehen inzwischen in der Denkmalliste.

Nach der Erstbebauung von 1890 bis 1893 entstanden bis zum Jahre 1905 Erweiterungsbauten vor allem für den medizinischen Bereich. Schließlich gab es auf dem Gelände 44 Einzelgebäude, darunter fünf größere mehrflügelige Bauten mit dem zentral angelegten Verwaltungsgebäude. Vis-à-vis zum Hauptgebäude, getrennt durch ein mit Büschen und Pyramidenpappeln bepflanztes Eingangsrondell, entstand eine kleine Kirche, die einer frühchristlichen Basilika nachempfunden wurde. Durch die Kriegseinwirkungen bis 1945 war die Kirche nur noch eine Ruine.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 2011

Die Rote Armee beschlagnahmte nach Kriegsende 1945 die Landhäuser (ehemalige Wohnkolonie) inklusive des Anstaltsfriedhofs im nördlichen Bereich des Krankenhauses und nutzte diese für ihre Zwecke. Bereits ab 1946 wurde die Unterbringung kranker Personen in den erhaltenen oder reparierten Stationsgebäuden wieder zugelassen, ein nördlicher Bereich samt dem Anstaltsfriedhof blieb jedoch zunächst tabu.

Mit dem Mauerbau im August 1961 fiel etwa die Hälfte aller im Krankenhaus tätigen Ärzte aus, weil sie ihren Wohnsitz in West-Berlin hatten. In der DDR ausgebildete Mediziner besetzten bald die offenen Stellen. Ab 1963 erfolgte eine Profilierung der Einrichtung auf die Behandlung von Suchtkranken, unter anderem wiederum durch Arbeitstherapie oder durch offene Diskussionsrunden unter Anleitung von Psychotherapeuten. Eine Quelle berichtet, dass in den 1970er Jahren in einigen Stationen des Krankenhauses im Auftrag westdeutscher Pharmafirmen Versuche an Patienten ohne deren Wissen durchgeführt wurden.W.-Griesinger-Krankenhaus auf www.berliner-stadtplan.com; abgerufen am 8. November 2015.

mini|Krankenhauskirche Die zerstörte Krankenhauskirche konnte nach der Wende 1994 bis 1997 auf Basis der alten Pläne wieder aufgebaut werden. Die Berliner Glaswerkstatt von Helge Warem fertigte neue moderne Kirchenfenster an.Informationen über die Wiederherstellung der Kirchenfunktion wuhletal.de; abgerufen am 21. Januar 2016. Ein eigener Förderverein organisiert die Nutzung der Kapelle, sie gehört also nicht den Krankenhausbetreibern. In den 2010er Jahren hat sich die kleine Kirche als Galerie und als Konzertsaal etabliert. Im Juni 2018 erhielt der Turm eine neue Glocke.Eine neue Glocke für die Krankenhauskirche Wuhlgarten. Pressemitteilung des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf, 5. Juni 2018.

Zeittafel: Zusammenfassung und Details

1890–1893: Erstanlage der Krankenhausbauten und der Park- und Nutzflächen (Inschrift am Haupthaus), Eröffnung mit einer Behandlungskapazität für 1000 Kranke 1905: erste Erweiterungsbauten (zweite Bauphase), wodurch u. a. eine Kapazität für 100 Kinder hinzu kam 1926: Einrichtung einer Infektionsbaracke zur Behandlung von Geisteskranken mit Tuberkulose; abgerufen am 9. November 2015. 1928: Umbenennung in Städtische Heil- und Pflegeanstalt (für Epileptische) Wuhlgarten 1933: Kapazität auf 1.450 Patienten erhöht, darunter 1.000 Epileptiker, 200 Geisteskranke und 250 Hospitaliten Im Rahmen der NS-Aktionen „zur Gesunderhaltung des Volkskörpers“ begannen Abtransporte, Zwangssterilisationen und 1940/41 auch die Ermordung von Patienten im Rahmen der Ideologie „lebensunwerten Lebens“ (Euthanasie). 1936: eine „Erbbiologische Bestandsaufnahme“ in der Anstalt wurde Pflicht 1944: Bombenschäden an Gebäuden und im Gelände mit dreißig Toten 1945: dauerhafte Beschlagnahme der Landhäuser (ehemalige Wohnkolonie) inklusive des Anstaltsfriedhofs im nördlichen Bereich des Krankenhauses durch die Rote Armee Zwischen 1946 und 1950: sechs geschlossene und zwei offene Abteilungen wurden mit 350 Geisteskranken belegt. Ab der Gründung der DDR wurden der stationäre und der ambulante Sektor weiter ausgebaut. Mai 1950: Herrichtung eines unbeschädigten Flügels des Hauses 2 für die Unterbringung forensisch eingewiesener Geisteskranker; sonstige Kranke wurden nach Herzberge verlegt. Neueinrichtung einer Neurologischen Abteilung 1951/52: Wiederaufbau von Haus 3 zur Nutzung durch die Geriatrie und Neurologie Neubau eines verputzten zweigeschossigen Hauses für die Aufnahme von Akutsuchtkranken 1960: Kapazität des Krankenhauses auf 1.600 Betten erhöht; vorläufig keine weiteren Neuaufnahmen 1961: Ausfall aller hier beschäftigten West-Berliner Ärzte einschließlich des Ärztlichen Direktors ab dem 13. August (Berliner Mauer), wodurch statt 13 nur noch 7.Ärzte für die Betreuung der Kranken zur Verfügung standen Das Gesundheitsministerium der DDR verfügt eine Neuprofilierung als „Städtisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Wuhlgarten“. In dessen Folge entstehen die Neurologische Abteilung und die Psychiatrischen Abteilungen für akut und subakut Erkrankte, für chronisch Kranke und für Pflegepatienten. 1963: Intensivierung der Betreuung von Suchtkranken (Alkohol, Tabletten) durch Einführung moderner Methoden wie Gruppentherapie und -Training; eine nachgelagerte Alkoholikerfürsorge wird etabliert 1966: Eröffnung der Abteilung für Klinische Psychotherapie Die Gruppentherapie wird durch psychotherapeutisch orientierte Heilgymnastik und Musiktherapie weiter verbessert. Die meisten Stationen werden nun offen geführt, wodurch die anfänglich vorhandenen Fenstergitter abgebaut werden können. 1968: Zum 100. Todestag Wilhelm Griesingers und dem 75. Gründungsjahr wird die Einrichtung in Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus Berlin (WGK) umbenannt. 1969/70: Räumung der bisher von der Roten Armee benutzten Gebäude im nördlichen Bereich und Unterstellung an den Ministerrat der DDR. Dieser richtete hier dann unter der Verantwortung des Franz-Mehring-Instituts der Karl-Marx-Universität Leipzig eine Parteischule für westdeutsche DKP-Funktionäre ein. Ein Zaun trennte diesen Bereich vom übrigen Krankenhausgelände. 1979/80: Haus 5 wurde innerhalb von 30 Monaten vollständig rekonstruiert. 1984: Erweiterung der Physiotherapie im Haus 18 1986: Rekonstruktion des Hauses 19 für die 1. und 2. Psychiatrische Klinik 1987 (dritte Bauphase): Errichtung einer Fachambulanz im Haus 41 für die Suchtklinik und Umbaumaßnahmen für die Aufhebung der Geschlechtertrennung, eine niedrige Mauer und ein schmiedeeiserner Zaun wurden zur Altentreptower Straße hin gebaut 1988: Schaffung zweier Kliniken für Rehabilitation und psychiatrische Langzeittherapie 1990: vollständige Rückgabe der durch die ehemalige Parteischule genutzten Landhäuser an das Krankenhaus infolge der Wiedervereinigung DeutschlandsHier entstanden Appartements, die den Patienten der Abteilung für psychiatrische Langzeittherapie und der Abteilung für Suchtkrankheiten zur Verfügung gestellt wurden oder wieder als Wohngebäude vergeben sind. 1992: Eröffnung der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und nachfolgender Umzug zum Vivantes Klinikum Friedrichshain 1993 bis 1998: Enthospitalisierungsprojekt und nachfolgende Auflösung der 4. Psychiatrischen Abteilung (Langzeit-fehlplatzierte Patienten/Patientinnen) 1997 (1. Januar): Fusion mit dem Krankenhaus Kaulsdorf zum Krankenhaus Hellersdorf und Beginn schrittweiser Auslagerung von Abteilungen zum Ortsteil Berlin-Kaulsdorf Zwischen 1998 und 2005: Unter Hinzuziehung zahlreicher Einrichtungen wie der Hochschule Ostwestfalen-Lippe und renommierter Ingenieurbüros wurden einige Gebäude und der Grünbereich in einer ersten Phase renoviert und modernisiert.Homepage der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Weitere Teilsanierungen erfolgten in einem zweiten Bauabschnitt zwischen April 2008 und März 2009.

mini|Lageplan der Häuser auf dem Gelände Wuhlgarten; Situation im Jahr 2015. Zu den Ziffern siehe Tabelle

Gebäudenutzungen

Die im Laufe der Nutzung als Krankenhaus errichteten Gebäude auf dem Gelände erhielten fortlaufende Nummern, die von 1 bis 50 reichten.