mini|Jürgen Zimmerer im Mai 2019 bei einer Diskussion im ZEIT Forum Wissenschaft über das Humboldt Forum. Jürgen Zimmerer (* 14. April 1965 in Wörth an der Donau) ist ein deutscher Historiker und Afrikawissenschaftler. Er ist seit 2010 Professor für Globalgeschichte (Schwerpunkt Afrika) an der Universität Hamburg und leitete von 2014 bis 2025 die Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe. Zimmerer ist einer der führenden Vertreter der sogenannten Kontinuitätsthese, nach der es eine Kontinuität von den kolonialen Verbrechen des Deutschen Reiches in Südwestafrika zum Holocaust gegeben habe.
Leben
Jürgen Zimmerer studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik an den Universitäten Regensburg, Oxford und Freiburg im Breisgau. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten vor allem Leslie Mitchell, Hartmut Pogge von Strandmann, Judith M. Brown und Terence Osborn Ranger.Jürgen Zimmerer: Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia. Hamburg 2001, S. VII. Im Jahr 1991 erwarb er einen M.A. in Modern History an der Universität Oxford, im Jahr 2000 die Promotion in Freiburg i. Br. mit einer von Wolfgang Reinhard und Christoph Marx betreuten Arbeit zur deutschen Kolonialherrschaft in Namibia.
Zimmerer war von 2001 bis 2002 Lehrbeauftragter für Afrikanische Geschichte an der Universität Kiel und von 2002 bis 2004 als Postdoktorand an der Universität Coimbra in Portugal tätig. Von 2004 bis 2005 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg-Essen, von 2005 bis 2010 zunächst Lecturer, dann Reader in Globalgeschichte an der Universität Sheffield. 2008 gründete er dort das Sheffield Centre for Genocide Studies, das erste seiner Art in Großbritannien.Sheffield to open new centre for the study of genocide, Mitteilung der University of Sheffield, 8. Oktober 2007. 2010 lehnte er einen Ruf auf eine Stiftungsprofessur an die University of Minnesota/Minneapolis, verbunden mit dem Direktorenposten des dortigen Centre for Holocaust and Genocide Studies ab und nahm einen Ruf auf die Professur für Globalgeschichte (Schwerpunkt Afrika) an die Universität Hamburg an. Seit Wintersemester 2010/11 lehrt Zimmerer dort als Nachfolger von Andreas Eckert.
Im Jahr 2014 wurde Zimmerer Gründungsdirektor der Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe, die 2025 eingestellt werden musste. Er ist Mitglied im Rat für Migration,Mitgliedsseite Rat für Migration im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, in der American Historical Association, im Verein von Afrikanisten in Deutschland, im Arbeitskreis Militärgeschichte und in der Forschungsstiftung für Vergleichende Europäische Überseegeschichte. Zimmerer ist Mitbegründer des Forschungsnetzwerks International Network of Genocide Scholars und amtierte von 2005 bis 2017 als dessen Gründungspräsident. Von 2005 bis 2011 war er Herausgeber des Journal of Genocide Research.
Zimmerer ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Forschungsschwerpunkte Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Kolonialismus, Postkolonialismus, die Vergleichende Genozidforschung, die Geschichte des Holocaust, des Kalten Krieges sowie die Geschichte Portugals und der portugiesischsprachigen Welt. Zimmerer zählt neben Dirk Moses zu den Hauptvertretern der postkolonialen Kontinuitätsthese, die vielfältige Bedingungsverhältnisse, Kraftlinien und Kontinuitäten von Kolonialismus und Nationalsozialismus annimmt.Jürgen Zimmerer: Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und dem Holocaust. Münster 2011. Vgl. dazu: Stephan Malinowski, Robert Gerwarth: Der Holocaust als „kolonialer Genozid“? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg. In: Geschichte und Gesellschaft 33 (2007), S. 439–466, hier: S. 440 (online) Auf mögliche Bezugs- und Verbindungslinien zwischen Kolonialismus, Imperialismus und Holocaust hatten bereits Hannah Arendt oder Aimé Césaire in den 1950er Jahren hingewiesen.Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. Berlin 2019, S. 223. Zimmerer veröffentlichte 2003 seinen ersten Aufsatz zum Verhältnis von Kolonialismus und Nationalsozialismus.Jürgen Zimmerer: Holocaust und Kolonialismus. Beitrag zur Archäologie des genozidalen Gedankens. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 51 (2003), S. 1098–1119. Ziel des Artikels ist der „systematische Versuch [...], die nationalsozialistische Expansions- und Besatzungspolitik als kolonial darzustellen“.Jürgen Zimmerer: Holocaust und Kolonialismus. Beitrag zur Archäologie des genozidalen Gedankens. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 51 (2003), S. 1098–1119, hier: S. 1099. Ihm kommt das Verdienst zu, eine Reihe von Ähnlichkeiten zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus aufgezeigt zu habenVgl. dazu die Besprechung von Thomas Morlang in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 71 (2012), S. 408–410, hier: S. 409. und die koloniale Vergangenheit Deutschlands verstärkt in das akademische und politische Gespräch gebracht zu haben.Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. Berlin 2019, S. 132. Zudem lieferte er für die Diskussion über den Zusammenhang von Kolonialismus, Gewalt und Vernichtung neue Impulse und hat die Frage nach den Wirkungen der in der Kolonialzeit ausgeübten Massaker neu formuliert und empirisch untermauert.Vgl. dazu Stephan Malinowski, Robert Gerwarth: Der Holocaust als „kolonialer Genozid“? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg. In: Geschichte und Gesellschaft 33 (2007), S. 439–466, hier: S. 440 (online) Nach Zimmerer wurden die von den Kolonialherren praktizierten Verhaltensweisen von den Nationalsozialisten zum Vorbild genommen und perfektioniert. Nach Zimmerers These ließen sich die „Verbrechen der Nationalsozialisten nicht monokausal auf die Tradition des europäischen Kolonialismus“ zurückführen, dieser sei jedoch ein „wichtiger Ideengeber“.Jürgen Zimmerer: Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. Münster 2011, S. 171. Nach Zimmerer war die Niederschlagung des Hereroaufstandes „der erste deutsche Genozid“ des 20. Jahrhunderts.Jürgen Zimmerer: Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid. In: Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin 2003, S. 45–63. Er zog eine Linie der genozidalen Gewalt von „Windhuk nach Auschwitz“.Jürgen Zimmerer: Die Geburt des „Ostlandes“ aus dem Geiste des Kolonialismus. Ein postkolonialer Blick auf die NS-Eroberungs- und Vernichtungspolitik. In: Sozial.Geschichte. Zeitschrift für die historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004, S. 10–43; Jürgen Zimmerer: Holocaust und Kolonialismus. Beitrag zur Archäologie des genozidalen Gedankens. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 51 (2003), S. 1098–1119; Jürgen Zimmerer: Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid. In: Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin 2003, S. 45–63. Der Feldzug gegen die Herero und später die Nama sei in vieler Hinsicht „paradigmatisch für den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg“ und „selbst die Ermordung der Juden“ sei ohne die kolonialen Vorstufen „wohl nicht möglich“ gewesen.Jürgen Zimmerer: Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid. In: Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin 2003, S. 45–63, hier: S. 62 f.; Jürgen Zimmerer: Die Geburt des „Ostlandes“ aus dem Geiste des Kolonialismus. Ein postkolonialer Blick auf die NS-Eroberungs- und Vernichtungspolitik. In: Sozial.Geschichte. Zeitschrift für die historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004, S. 10–43, hier: S. 29. Nach Zimmerers Ansicht zeigt das koloniale Beispiel „das destruktive und menschenverachtende Potential in Teilen des bürokratischen und militärischen Establishments, das bereits genozidale Züge aufwies“.Jürgen Zimmerer: Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. Münster 2011, S. 42. Auch für Michael Brumlik gewinnt die „Vorbildfunktion der deutschen Kolonialkriege“ für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik „immer stärker an Plausibilität“.Michael Brumlik: Das Jahrhundert der Extreme. In: Irmtrud Wojak, Susanne Meinl (Hrsg.): Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt 2004, S. 19–36, hier S. 28.
Auf strukturelle Mängel der Kontinuitätsthese haben hingegen Pascal Grosse, Gesine Krüger, Birthe Kundrus und Steffen Klävers hingewiesen.Pascal Grosse: What Does German Colonialism Have to Do with National Socialism? A Conceptual Framework. In: Eric Ames, Marcia Klotz, Lora Wildenthal (Hrsg.): Germany’s Colonial Pasts. Lincoln 2005, S. 115–134; Birthe Kundrus: Kontinuitäten, Parallelen, Rezeptionen. Überlegungen zur „Kolonialisierung“ des Nationalsozialismus. In: Werkstattgeschichte 43. 2006, S. 45–62; Brithe Kundrus: Von den Herero zum Holocaust? Einige Bemerkungen zur aktuellen Debatte. In: Mittelweg 2005, S. 82–91; Birthe Kundrus: Von Windhoek nach Nürnberg? Koloniale „Mischehenverbote“ und die nationalsozialistische Rassengesetzgebung. In: Dies. (Hrsg.): „Phantasiereiche“. Der deutsche Kolonialismus aus kulturgeschichtlicher Perspektive. Frankfurt 2003, S. 110–131; Gesine Krüger: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewusstsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkrieges in Namibia 1904 bis 1907. Göttingen 1999, S. 62–69; Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. Berlin 2019. So habe der Genozidbegriff die historischen Spezifika des Holocausts ignoriert, strukturelle Ähnlichkeiten von kolonialen Mischehenverboten und Nürnberger Gesetzen haben sich als zu unterschiedlich erwiesen oder die Unterscheidung zwischen kolonialem Rassismus und Antisemitismus sei nicht hinreichend adäquat berücksichtigt worden.Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. Berlin 2019, S. 131. Birthe Kundrus betonte vielmehr die strukturellen Differenzen zwischen deutschem Kolonialismus und Holocaust. Es gebe deutliche „Differenzen der zugrundeliegenden rassistischen Feindbilder und der aus ihnen resultierenden Praxis der Verfolgung“.Birthe Kundrus: Von Windhoek nach Nürnberg? Koloniale „Mischehenverbote“ und die nationalsozialistische Rassengesetzgebung. In: Birthe Kundrus (Hrsg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt am Main: Campus, S. 110–131, hier: S. 111. In neueren Aufsätzen räumte Zimmerer ein, dass auch andere Traditionsstränge wie Antisemitismus, Antibolschewismus und Antislawismus auf dem „Weg von Windhuk nach Auschwitz“ eine Rolle spielen. Zwölf Aufsätze zu dieser Thematik von 2001 bis 2009 hat Zimmerer 2011 in einem Sammelband herausgegeben.Vgl. dazu die Besprechungen von Thomas Morlang in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 71 (2012), S. 408–410; Hartmut Pogge von Strandmann in: Francia-Recensio 2013/1 (online); Stephan Malinowski in: The English Historical Review 128 (2013), S. 722–724; Karsten Linne in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 60 (2012), S. 458–459. Die Herausgabe des Sammelbandes begründete Zimmerer im Vorwort vor allem damit, seine Argumentationen gebündelt vorlegen zu wollen.