mini|Kreidezeichnung Frédéric de Lafresnaye (1783–1861) vom Muséum d'histoire naturelle de Nantes Baron Noël Frédéric Armand André de La Fresnaye (kurz: Frédéric de Lafresnaye; * 24. Juli 1783 Falaise im Château de La Fresnaye; † 14. Juli 1861 ebenda) war ein französischer Ornithologe, Entomologe und Besitzer einer der größten Vogelsammlungen seiner Zeit.
Leben und Wirken mini|Château de la Fresnaye in Falaise Frédéric de Lafresnaye, wie er sich selbst nannte, gehörte zu einer der angesehensten Familien Frankreichs, zu denen Historiker und Richter der Normandie bzw. hohe französische Militärs und Poeten zählten. Er war ein Nachfahre des Dichters Jean Vauquelin de La Fresnaye und Nicolas Vauquelin Des Yveteaux (1567–1649). Sein Vater war Noël Charles Antoine André de La Fresnaye (1758–1824) ein Ritter des königlichen und militärischen Sankt Louis Ordens, berühmter Hippologe und Autor historischer Werke über die Normandie und Falaise. Seine Mutter Armande des Brosses de Goulet starb am 20. Juni 1844.GeneaNet Noël Frédéric Armand André de La Fresnaye Lafresnaye war zwei Mal verheiratet. Die erste Frau Maximilienne Caroline geb. Labbé de Bazoches (1786–1818) verstarb einige Tage nach der Geburt von Louise Alexinne Emmanuelle Hermanne (1818–1841). Aus der zweiten Ehe mit Élisabeth Isaure Guéneau de Montbeillard (1802–1893) gingen die Kinder Noël François Henri (1829–1916), Marie Nathalie Alix Rosalie (1830–1897), Fernand Noël Aimé Georges (1833–1875), Noël Adel Léon (1839–1907) und Emmanuel Hermann Christian (1844–1921) hervor. Seine zweite Frau war eine Cousine von Georges-Louis Leclerc de Buffon. Die Unterart Chalybura urochrysia isaurae (, 1861) des Bronzeschwanz-Buffonkolibris wurde ihr gewidmet.John Gould, S. 199.
Schon in frühen Jahren verfolgte er eigene Ziele und folgte nicht dem Vorbild seines Vaters und anderer Vorfahren. Schnell wurde klar, dass seine Leidenschaft der Natur in all seinen Facetten galt. Am Beginn seiner Karriere lag das Augenmerk weniger auf der Ornithologie, sondern auf der Entomologie, der Conchologie und der Geologie. In unmittelbarer Nähe von Falaise fand er mit den Herren Gabriel Philippe Charles Alexandre Labbé de Bazoches (1760–1841) und Jean Baptiste Gilles de Brébisson (1760–1832) zwei ausgezeichnete Mentoren, die sein naturwissenschaftliches Interesse förderten. Brébisson war der Vater des bekannten Botanikers Louis Alphonse de Brébisson (1798–1872). Später lernte er weitere junge Naturwissenschaftler wie Léon Dufour kennen, mit denen er erfolgreiche Expeditionen in die Pyrenäen machte. Das Material, das er damals sammelte, bildete die Grundlage für seine außergewöhnliche Sammlung. Später lernte er den Entomologen Pierre François Marie Auguste Dejean kennen, mit dem er in reger Korrespondenz stand und der ihm half, seine Sammlung um seltene Stücke zu erweitern. So wurde die Entomologie sein erster Interessenschwerpunkt. Er heiratete die Tochter seines Förderers de Brébisson, die aber bereits 1825 verstarb und ihm eine Tochter namens Louise hinterließ. In seiner Trauer widmete Lafresnaye noch mehr Zeit der Wissenschaft und begab sich auf einige Expeditionen in die Alpen. Bei einem seiner Ausflüge bekam er am Ufer des Lac du Bourget die Gelegenheit, eine Sammlung europäischer Vögel zu kaufen. So reifte im Alter von 42 Jahren sein Entschluss, von nun an all seine Energie in die Vogelkunde zu stecken und eine ornithologische Karriere zu starten. Die bescheidene Sammlung war der Startschuss für eine der bedeutendsten Vogelsammlungen Europas. Schon bald schrieb er wertvolle Artikel für zahlreiche ornithologische Zeitschriften. Er heiratete zum zweiten Mal. Seine Erwählte war Tsaure de Montbeillard, eine Enkelin des Schriftstellers und Naturforschers Philippe Guéneau de Montbeillard, eines Freundes des berühmten Georges-Louis Leclerc de Buffon.
Da er seiner Heimat sehr verbunden war, verließ er sein Anwesen höchstens für kürzere Reisen, in die Pyrenäen, in die Alpen, nach Holland und nach England. Trotz seines Interesses für fremde Vögel reiste er nie nach Übersee. Er stütze sich lieber auf die Berichte von Abenteurern, die er analysierte und in beachtlichen Schriften dokumentierte. Seine Heimatliebe führte dazu, dass er sich sehr stark in kommunalen, agrarwirtschaftlichen und akademischen Fragen engagierte.
Lafresnaye als Wissenschaftler Als Wissenschaftler galt Lafresnaye als einer der bedeutendsten Ornithologen seiner Zeit. Er wurde regelmäßig von seinen Zeitgenossen konsultiert und um Rat gefragt. Seine ornithologischen Beiträge waren von großer Bedeutung. Die meisten wichtigen Veröffentlichungen erschienen in Revue de Zoologie (1838–1848), Magasin de Zoologie (1832–1845), Revue et Magasin de Zoologie (1849–1856), Echo du Monde Savant (1834–1837), Séances Publiques (1832–1836), Mémoires de la Société Académique (1836–?) und Dictionnaire Universelle d’Histoire Naturelle (1841–1844). Kleiner Publikationen erschienen auch in Mémoires de la Société Linneénne, Ferussac Bulletin, Congrès Scientifique de France, Annuaires des cinq départements de l’ancienne Normandie, Annales de la Société Entomologique, Proceedings of the Zoological Society of London, Contributions to Ornithology (of Wm. Jardine) und wahrscheinlich anderen unbekannteren Zeitschriften. Viel Zeit verbrachte er mit dem Studium der Arten, die Louis Pierre Vieillot in Nouveau Dictionnaire d’Histoire Naturelle (1816–1819) beschrieben hatte. Auf der Grundlage der Werke Félix de Azaras eruierte er Fehler in der Nomenklatur Vieillots. Zusätzlich lud in Alcide Dessalines d’Orbigny zur Zusammenarbeit bei der Identifikation und Klassifizierung einer großen Anzahl von Vögeln, die d’Orbigny sowie andere Sammler und Naturforscher aus Südamerika geschickt hatten, ein. Diese Erfahrung weckte sein Interesse an Vögeln aus Amerika. Deshalb kaufte er regelmäßig von Vogelhändlern wie Auguste Boissonneau, Richard Henry Puech dit Dupont (1798–1873), Charles Parzudaki (1806–1889) und François Charles Émile Fauqueux-Parzudaki (1829–1899)Es ist nicht klar ersichtlich von welchem Paduzaki Lafresnaye seine Bälge erhalten hatte. Beide Personen kommen deshalb in Frage, da sie beide wohl gemeinsam in rue du Bouloi, 2 in Paris einen Naturalienhandel führten. und der Maison Verreaux der Brüder Jules und Édouard Verreaux (1810–1868).
Sein Hauptinteresse waren die Schreivögel und hier speziell die Baumsteiger. Zu dieser schwierigen Familie publizierte er 1861 eine beachtliche Monographie du genre Dendrocolaptes. Bei seinen Publikationen legte er sehr viel Wert auf Analogie und korrekte Klassifikation. Hierzu versuchte er typischen Charakteristika (z. B. Schnabelform) und Habitat herauszuarbeiten.
Er assistierte und arbeitete mit vielen bekannten Ornithologen seiner Zeit zusammen. Mit Félix Édouard Guérin-Méneville (1799–1874) arbeitete er an Oiseaux nouveaux d'Abyssinie, mit Marc Athanase Parfait Œillet Des Murs (1804–1894) kooperierte er an Iconographie Ornithologique, in vielen Artikeln findet man die Autorenkürzel Lafr. et Dubus (1808–1874) oder Lafr. et Pucheran (1817–1895). In manchen Artikeln referenzierte er auf Boissonneau unter dem Kürzel Boiss. et Lafresnaye. In den ersten vier Bänden von Dictionnaire universel d’histoire naturelle von Charles Henry Dessalines d’Orbigny (1806–1876) hat er mindestens 384 Artikel beigetragen. Komischerweise hat er bei den folgenden Bänden nicht mehr mitgearbeitet.
Neben seiner eigenen Sammlung beschrieb er auch viele Bälge von anderen Sammlern. So beschrieb er viele Bälge des Muséum national d’histoire naturelle, 1839 in Revue zoologique eine Sammlung von Charles Brelay aus BordeauxArtikel : Quelques oiseaux nouveaux de la collection de M. Charles Brelay, à Bordeaux, par F. de La Fresnaye Quelques oiseaux nouveaux de la collection de M. Charles Brelay, à Bordeaux, par F. de La Fresnaye (franz.) sowie die Sammlung von Adolphe Delattre (1805–1854), die jener Thomas Bellerby Wilson (1807–1865) verkauft hatte. Wilson überließ Lafresnaye diese freundlicherweise zur Beschreibung.Revue zoologique par la Société cuviérienne, 1847 S. 67f Quelques oiseaux nouveaux ou rares rapportés par M. Delatre, de Bolivie, de la Nouvelle-Grenade, et de Panama, par M. De Lafresnaye (franz.)
Soziales Engagement Lafresnaye war Mitglied in vielen Gelehrtengesellschaften. Er war Mitbegründer der La Société académique d’Agriculture, des Sciences, Arts et Belles-lettres de Falaise, der Société CuviérienneRevue Zoologique par La Société Cuvierienne (1838), S. 190 und des Journal de conchyliologie. Bei der La Société académique… wurde er, als Pièrre David, der damalige Präsident verstarb, der Präsident der Gesellschaft. Außerdem war er Mitglied in L’Association pour les progrès de l’Agriculture de l’Industrie et de l’Instruction dans l’Arrondissement de Falaise, L’Association normande, verschiedener Société Linnéennes (u. a. Département Calvados, Paris, Antiquaires de Normandie) und des L’Institut des provinces. In allen spielte er eine aktive Rolle, indem er Vorträge hielt oder publizierte. Oft repräsentierte er diese wissenschaftlichen Gesellschaften auf Kongressen. Seine Ratschläge wurden gerne angenommen. Beim Congrès Scientifique de France, einer wichtigen Institution, einem Forum für Traditionen von Minderheiten und Positionen, die von der Pariser Professoren missbilligt wurden, agierte er als Präsident der Sektion Naturgeschichte. So gehörte er zu einem kleinen exklusiven Gremium von bedeutenden französischen Wissenschaftlern, die Berichte, Verbesserungs- und Reformvorschläge für das Muséum national d’histoire naturelle erarbeiteten. Zwangsläufig erweiterte sich sein Bekannten- und Freundeskreis unter namhaften Wissenschaftlern erheblich. Neben den bereits genannten Persönlichkeiten hatte er auch Briefkontakte mit Charles Lucien Jules Laurent Bonaparte, Johann Natterer, Hermann Schlegel, Philip Lutley Sclater, George Robert Gray, John Gould, Thomas Campbell Eyton, Maximilian zu Wied-Neuwied, René Primevère Lesson, Ferdinand Joseph L’Herminier und Antoine Léotaud. Viele von ihnen besuchten Lafresnaye auf seinem Schloss, um seine Sammlung zu analysieren bzw. zu vergleichen. Für sein Wirken verlieh ihm die französische Regierung den Orden der Ehrenlegion.
1856 wird er zum Ehrenmitglied der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft gewählt.Naumania, Jahrg. 6, 1856, S. 351 Protokoll zur zehnten Versammlung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft Er war Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.Mitglieder der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte 1857
Die Sammlungen Alle Ausstellungsstücke seiner naturhistorische Sammlung verwahrte Lafresnaye im rechten Trakt des ersten Stocks seines Schlosses.
Vier Jahre nach dem Tod des Barons wurde seine Sammlung om 4. September 1865 in einer öffentlichen Versteigerung verkauft. In einem Ankündigung von Achille Deyrolle in Revue et Magasin de Zoologie pure et appliquée aus dem Jahre 1865 wird die Vogelsammlung auf mehr als 9000 Bälge beziffert. Zusätzlich standen 700 Publikationen u. a. über die Reisen d’Orbignys und weitere Themen, die Lafresnaye verfasst hatte, zum Verkauf. Neben den Vögeln waren ca. 25000 Muscheln im Angebot.Revue et Magasin de Zoologie pure et appliquée 1865 S. 192 Vente aux enchères de la magnifique collection d’oiseaux, d’insectes, de coquilles, de minéraux et de la bibliothèque de feu le baron de la Fresnaye, à Falaise (Calvados) (franz.) Zusätzlich beinhaltete die Sammlung Insekten, Mineralien, Vogeleier und Vogelnester.