Karel Trinkewitz (* 23. August 1931 in Mečeříž bei Jungbunzlau, Tschechoslowakei; † 14. März 2014 in Hamburg) war ein deutsch-tschechischer Collagist, Zeichner, Maler und Schriftsteller, der für seine Haikus bekannt wurde. Ende der 70er Jahre emigrierte er aus der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik Deutschland, lebte kurz in Essen und von 1980 bis 2005 in Hamburg.Matthias Gretzschel: Der Künstler Karel Trinkewitz ist tot. Der Tscheche starb mit 82 Jahren in Hamburg, Die Welt, 17. März 2014

Leben Die Familie seiner Mutter kam Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre aus Ostpreußen in die ČSR, die Familie seines Vaters stammte aus Südböhmen.

Als Siebenjährigen, nach der Besetzung der Reste der ČSR im März 1939, hat ihn der Rassenwahn (erklärt in den „Nürnberger Gesetzen“) der Nazis und ihrer einheimischen Kollaborateure erreicht, doch entgeht die „halbjüdische“ Familie den Deportationen.

Die, diesmal „halbdeutsche“, Familie entgeht zwar der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 (erklärt in den Beneš-Dekreten). Doch auch ihn, einen Vierzehnjährigen, trifft seine „Andersartigkeit“, wie viele andere auch.

In den Jahren 1949 bis 1951 besuchte Karel Trinkewitz zwei Jahre die keramische technische Fachschule in Teplice-Šanov, wo er im Jahre 1952 das Abitur ablegte und an derselben Schule den Beruf des Porzellandrehers erlernte. Im selben Jahr begann er sein Studium an der juristischen Fakultät der Prager Karlsuniversität, auch wenn er ursprünglich Philosophie studieren wollte.

1954 wurde er aufgrund seiner Gegnerschaft zur kommunistischen Ideologie vom Studium ausgeschlossen. Danach übte er die verschiedensten Berufe aus – Bauarbeiter, Buchhalter, Texter, Graphiker.

Ende der 1950er Jahre – das politische Tauwetter der frühen 50er hat aus Moskau auch die ČSR erreicht (war in Moskau dann aber schon am Abklingen) – bewirbt er sich bei der Zeitschrift V srdci Evropy („Im Herzen Europas“), deren Chefredakteur ein jüdischer KZ-Überlebender war. Seine Stellvertreterin war eine mit einem Serben verheiratete Jüdin.

Ein Jahrzehnt lang arbeitet Karel Trinkewitz in der Redaktion als Autor, Grafiker und Karikaturist, ab 1961 auch als Redakteur für verschiedene Kulturzeitschriften. Bald nach dem Ende des Prager Frühlings verliert er, wie viele andere auch, seine Arbeit. Als bildender Künstler darf er nicht mehr ausstellen.

Wegen seiner aktiven Beteiligung am Prager Frühling erhielt auch er als Journalist Berufsverbot. Zwei Jahre nach der Unterzeichnung der Charta 77 wurde er zur Emigration gezwungen.

Bis 2005 lebte er in Hamburg, zeitweise auch im schweizerischen Tessin und nach der Wende im November 1989 auch wieder in Prag. 1989 ernannte ihn sein Freund und erster Außenminister der ČSFR nach der Wende, Jiří Dienstbier, zum Konsul in Hamburg.

Er lehnte die wilde Privatisierung symbolisiert durch Václav Klaus entschieden ab und engagierte sich bei den Sozialdemokraten seines Freundes Miloš Zeman, doch auch dort traf er auf Korruption und Vetternwirtschaft und trat aus.

Seit 2005 richtete er sich ein Refugium in dem kleinen Ort Rabí im Vorböhmerwald ein, um sich ungestört seinem künstlerischen Schaffen widmen zu können.

Künstler Künstlerisch ging er zunächst dem Surrealismus nach, später begann er, sich mit Schrift und Kalligraphie zu befassen. Seit Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelte er Zeichnungen, in denen sich der Einfluss der Kalligraphie mit bildenden Darstellungen dichterischer Bildern verbindet (Literarismus).

Seit dem Jahre 1965 wirkte er in der Gruppe der um Jiří Kolář vereinigten Experimentalkünstler mit. Er wurde zum Gründungsmitglied der Gruppe „Klub der Konkretisten“ (tsch. „Klub konkretistů“). Seit dem Ende der sechziger Jahre arbeitete er an einer Theorie des Romans und der Collage.

Sein künstlerisches Schaffen hat ein mannigfaltiges und umfangreiches literarisches Werk hervorgebracht: so schrieb er Prosa, Essays und Gedichte, illustrierte, zeichnete und widmete sich der politischen Karikatur.

In Deutschland stand er in engem Kontakt mit dem Kreis um Max Bense. Karel Trinkewitz war Teilnehmer der documenta 11 und schuf für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover die „Emder Kuh“.

In Tschechien mischte er sich ein, immer wieder, auch als Künstler.

Auszeichnungen Unter vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 1994 die Hamburger Biermann-Ratjen-Medaille.

Literatur Haiku o Praze: sto haiku a sto kreseb Karla Trinkewitze, Rozmluvy / A. Tomský, London 1984, ISBN 0-946352-11-9Lob des Haiku = Chvála haiku, Akropolis, Prag 2004 (dt., tsch./jap.), ISBN 80-903417-2-1, ISBN 80-903417-3-X Praha v sedmnácti slabikách = Prag in siebzehn Silben, Battert, Baden-Baden 1994, ISBN 3-87989-233-4 Karel Trinkewitz: život je koláž – das Leben ist eine Collage. Texte Jan Kasl et al., Gallery, Prag 1999, ISBN 80-86010-18-X Slavomír Ravik: Velká kniha o Praze, Illustrationen Karel Trinkewitz. Regia / Euromedia Group – Knižní klub, Prag 2000, ISBN 80-86367-05-3, ISBN 80-242-0429-0 Jitřenka, ale i řemdih, Pro libris, Pilsen 2009, ISBN 978-80-86446-47-9 Das Leben ist eine Collage: Karel Trinkewitz Ausstellungskatalog 1999, Tristium Rabí, Pilsen 2009 Tristium Rabí, Imago et verbum – Bd. 7, Galerie města Plzně, Pilsen 2009, ISBN 978-80-87289-05-1 Karel Trinkewitz, Harald Bäumler, Manfred G. Dinnes: Trivium auf Abwegen Ausstellungskatalog, 20. September – 1. Oktober 2010, Atelier & Galerie St. Johann, Amberg 2010. Jak jsem potkal básníky, Imago et verbum – Bd. 14, Galerie města Plzně, Pilsen 2011, ISBN 978-80-87289-16-7 Alfrun Kliems (Hrsg.), Christine Gölz (Hrsg.), Birgit Krehl (Hrsg.): „Die unerträgliche Leichtigkeit des Haiku“. Der Künstler Karel Trinkewitz. Verlag Janos Stekovics, Dößel 2016, ISBN 978-3-89923-368-1.

Weblinks

Kapitalismus mit Fratze: Karel Trinkewitz: Zum 80. Geburtstag des Künstlers und Charta-77-Unterzeichners, von Jürgen Herda, europeonline-magazine.eu, 17. Oktober 2011 Wortspieler trinkt Witze: Literarismus-Künstler Karel Trinkewitz versöhnt Wort und Bild, von Jürgen Herda, europeonline-magazine.eu, 18. Oktober 2011 Tscheche in Haburg: Karel Trinkewitz, Julius Eschka, radio.cz, 17. Juli 2003 Ausstellung im Prager Mánes: Karel Trinkewitz „Das Leben ist eine Collage“, Markéta Maurová, archiv.radio.cz, 15. August 1999 Im Alter von 82 Jahren ist Zeichner und Dichter Karel Trinkewitz gestorben, Radio CZ, 16. März 2014 „Die unerträgliche Leichtigkeit des Haiku“ – Der Künstler Karel Trinkewitz, Online-Ausstellung des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)

Einzelnachweise

Kategorie:Künstler (Tschechien) Kategorie:Unterzeichner der Charta 77 Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Tscheche Kategorie:Tschechoslowake Kategorie:Geboren 1931 Kategorie:Gestorben 2014 Kategorie:Mann Kategorie:Träger der Biermann-Ratjen-Medaille Kategorie:Tschechoslowakischer Emigrant in Deutschland Kategorie:Künstler (documenta) Kategorie:Deutscher