Hans Joachim Morgenthau (* 17. Februar 1904 in Coburg, Oberfranken; † 19. Juli 1980 in New York) war ein deutschamerikanischer Politikwissenschaftler und Jurist jüdischer Abstammung.
Bekannt ist Morgenthau als Begründer und wesentlicher Vertreter des Klassischen Realismus im politikwissenschaftlichen Teilbereich Internationale Beziehungen. Sein 1948 erschienenes Buch Politics Among Nations: The Struggle for Power and Peace ()ucsd.edu: Volltext (pdf, 201 S.) ist eines der einflussreichsten theoretischen Werke der Internationalen Beziehungen.
Morgenthau studierte ab 1923 Rechts- und StaatswissenschaftenMorgenthau, Hans J.: Krieg und Frieden, Beiträge zu Grundproblemen der internationalen Politik. Herausgegeben von Uwe Nerlich; C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 1963, S. 45 in Frankfurt a. M. sowie später in München und Berlin Jura und Philosophie. Er promovierte 1929 an der Universität Frankfurt über das Völkerrecht und war dort anschließend Richter am Arbeitsgericht. Ab 1932 lehrte Morgenthau Öffentliches Recht an der Universität Genf.
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten kehrte er nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern emigrierte in die Vereinigten Staaten. Dort war er an zahlreichen renommierten Universitäten tätig, u. a. der University of Chicago und der New School for Social Research.
Er setzte sich unter anderem gegen den Vietnamkrieg und für die Emigration sowjetischer Juden nach Israel ein.
Leben Jugend (1904–1923) miniatur|hochkant|Wohnhaus Spitalgasse 3 in Coburg miniatur|hochkant|Bekränzter Herzog Casimir am Casimirianum Hans Joachim Morgenthau wurde am 17. Februar 1904 in einer bürgerlichen, jüdischen Familie in Coburg geboren. Seine Eltern waren der Arzt Ludwig Morgenthau und Frieda Bachmann, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns aus Bamberg. Er blieb das einzige Kind seiner Eltern. Morgenthaus Umfeld war schon in seiner Jugend von antisemitischen Diskriminierungen geprägt. Er besuchte in Coburg das Gymnasium Casimirianum. Als zweitbester Schüler seiner Klasse durfte er traditionsgemäß im Rahmen des jährlichen „Stiftungsfestes“ am 3. Juli 1922 die Lobrede auf das Gymnasium und den Schulgründer Herzog Johann Casimir halten. Gegen Morgenthaus Podiumsrede als Secundus der UnterprimaStolperstein Dr. Hans Joachim Morgenthau: Wachsender Antisemitismus waren antisemitische Flugblätter verteilt worden, während des Vortrags verließ eine größere Anzahl von Personen zeitweise die Veranstaltung und beim Abmarsch wurde er beschimpft.Anneliese Hübner: Brauchtum am Casimirianum - Die Geschichte der Bekränzung. In: Musarum Sedes 1605 - 2005. Coburg 2005, ISBN 3-9810350-0-3, S. 68–69
Deutschland (1923–1932) Von 1923 bis 1927 studierte Morgenthau in Frankfurt am Main, München und Berlin zuerst Philosophie sowie anschließend Jura an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin (Staatsrecht bei Rudolf Smend und Heinrich Triepel, Völkerrecht bei Viktor Bruns und Edwin Borchard). In München besuchte er Völkerrechtsseminare bei Karl Neumeyer und Hans Nawiasky. Die Referendarjahre verbrachte er in Frankfurt (1928–1931) bei Hugo Sinzheimer. 1929 promovierte er schließlich in Frankfurt am Main über das Völkerrecht. Danach war er dort am Arbeitsgericht als Richter tätig. Seit 1923/24 war er Mitglied der Münchener Thuringia im Burschenbunds-Convent.Kurt Naumann: Verzeichnis der Mitglieder des Altherrenverbandes des BC München e. V. und aller anderen ehemaligen BCer sowie der Alten Herren des Wiener SC. Saarbrücken, Weihnachten 1962, S. 44.
Europa (1932–1937) Am 17. Februar 1932 verließ Morgenthau Deutschland und lehrte als Privatdozent Öffentliches Recht an der Universität Genf. Dort fertigte er seine Habilitationsschrift an und reichte diese im Jahre 1934 ein. Er verlor aufgrund des antisemitischen Berufsverbots im Herbst 1933 seine Stellung am Frankfurter Arbeitsgericht. Ab 1935 arbeitete er an der Universität Madrid und heiratete dort seine langjährige Freundin Irma Thormann. Wegen der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten kehrte er nicht mehr nach Deutschland zurück. Nachdem er mit seiner Frau von Spanien nach Italien, dann nach Paris und wieder zurück nach Genf gezogen war, emigrierten beide im Jahr 1937 in die USA.
Amerika (1937–1980) Zuerst war Morgenthau ein Jahr lang an verschiedenen New Yorker Universitäten für Vergleichende Regierungslehre, Politisches System der Vereinigten Staaten und Politische Theorie tätig. Im Januar 1939 zog er von New York nach Kansas City und fing an gleichzeitig an zwei Fakultäten zu lehren: am Liberal Arts College und an der Law School. Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg 1941 der Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg bewarb Morgenthau sich erfolglos bei der US Army und der US Navy. 1943 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1944 wechselte er von Kansas City nach Chicago, wo er von 1946 bis 1951 sechs Bücher und 34 Artikel sowie zahlreiche Kommentare und Buchbesprechungen in Tageszeitungen veröffentlichte. 1949 wurde Morgenthau Ordinarius für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte an der University of Chicago. 1971 zog er wieder nach New York. Im Rahmen von 20 Gastprofessuren lehrte er zwischen 1949 und 1977 an zehn amerikanischen Universitäten, darunter Harvard (1959–1961), Yale (1956/57), Columbia (1956/57), Princeton (1958/59) und der University of California (Berkeley 1947, Santa Barbara 1961, 1977). 1958 wurde Morgenthau in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Seit 1961 war er Mitglied der American Philosophical Society.
Zum weiteren Kreis seiner Bekannten gehörten in- und ausländische Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur, darunter Hannah Arendt, John F. Kennedy, Dean Acheson, Dean Rusk und Henry Kissinger. 1975 wurde ihm das große Verdienstkreuz verliehen.Hubert Fromm: Die Coburger Juden – Geschichte und Schicksal. Evangelisches Bildungswerk Coburg e. V. und Initiative Stadtmuseum Coburg e. V., 2. Auflage Coburg 2001, ISBN 3-9808006-0-1, S. 289
Morgenthau starb am 19. Juli 1980 in einem Krankenhaus in New York an einem perforierten Geschwür.Associated Press: Hans Morgenthau dies; noted political scientist
Kernaussagen Zu den „6 Punkten des klassischen Realismus“ von Hans Morgenthau siehe Politischer Realismus.
Morgenthau nahm an, dass Macht von Natur aus die zentrale Antriebskraft menschlichen Handelns ist und dies somit auch für staatliches Handeln und das internationale System gilt. Er unterschied aber ausdrücklich zwischen Macht- und Gewaltpolitik.
Sein Hauptwerk Politics among Nations (zu deutsch „Macht und Frieden“) sieht die internationale Umwelt nicht als Welt der Harmonie, die von Individuen vorübergehend gestört wird, sondern als den Schauplatz von ständig währenden Macht- und Interessenkonflikten, die sich immer wieder gewaltsam äußern, wenn die Macht ungehalten im internationalen System kursieren kann.
Gründe dafür erkennt Morgenthau in der sozialethisch unvollkommenen Natur des Menschen und in der Anarchie (das Fehlen einer über den Staaten stehenden, selbstständigen Ordnungsinstanz), welche das internationale System prägt.
Diese Ansicht gründet auf Morgenthaus Menschenbild, welches den Menschen einerseits zu den schöpferischen Taten der Liebe, zum anderen aber auch zum destruktiven Verhalten einer ungehemmten imperialistischen Politik (im morgenthauschen Sinn: Überwindung des Status quo, z. B. in der Gewinnung lokaler Vorherrschaft bis hin zur Erreichung der Weltherrschaft) befähigt sieht.
Der Mensch wird durch die strukturellen Bedingungen, denen er ausgesetzt ist, einer ungerechten Machtausübung zugeleitet. Der Mensch handelt nicht auf der unsichereren Basis des Vertrauens, sondern baut auf die sichere Basis der Kontrolle. Morgenthau erweitert hier Lenins Prophezeiung an die marxistischen Arbeiter „Nicht aufs Wort glauben, aufs strengste prüfen.“ (W. I. Lenin: Werke, Band 20. Dietz-Verlag Berlin 1971, S. 358) auf die gesamte Menschheit und macht für diese Verhaltensweise strukturelle Bedingungen verantwortlich.
Die Internationale Politik ist also ein ewig währender Kampf um Macht, an dem jedoch nicht alle Staaten gleichermaßen intensiv beteiligt sind, die Fähigkeit die Weltpolitik zu beeinflussen, sowie geopolitische Bedingungen spielen eine große Rolle. Die Akteure haben folgende Ziele:
Politik der Zustandsbewahrung, bzw. der Machtbewahrung Politik der Veränderung der Machtverhältnisse bzw. der Machtsteigerung Politik des Prestiges bzw. der Machtdemonstration
Der klassische Realismus gilt als Ausgangspunkt des systematischen Studiums der Internationalen Beziehungen.
Aus dem Klassischen Realismus ist der Neorealismus oder Strukturelle Realismus nach Kenneth Waltz mit seinen beiden Hauptausprägungen, nämlich dem Offensiven (Neo-)Realismus nach John Mearsheimer und dem Defensiven (Neo-)Realismus, den Kenneth Waltz selbst vertrat, hervorgegangen. Zudem sind auf Morgenthau der Neoklassische Realismus und der Neorealismus der Münchner Schule (NRMS) zurückzuführen.
Morgenthau nutzte die Methodik des dialektischen historischen Rationalismus, eine doppelseitige Methode zur Analyse langfristiger Prozesse in der internationalen Politik durch eine Verbindung positivistischer und hermeneutischer Methodik. Diese wurde aus dem kantschen Dualismus abgeleitet.
Der klassische Realismus ist eine politische Theorie mit universalem Geltungsanspruch. Die Theorie beansprucht die Fähigkeit, Aussagen über das Verhalten politischer Akteure machen zu können, die unabhängig von kulturellen, zeitlichen, technischen oder anderen Grenzen Halt machen müssen. Der Ansatz verbindet politische Theorie mit Praxis.
Mächtegleichgewichtstheorie Das Mächtegleichgewicht ist für Morgenthau ein effektiver Mechanismus, den Machtkampf im Internationalen System zu regeln. Es vermindert den Anreiz zu offener imperialistischer Politik. Morgenthau erkennt aber auch, dass das Mächtegleichgewicht nur begrenzt wirksam ist: es kann Konflikte begrenzen, aber nicht verhindern. Morgenthau betrachtet das Mächtegleichgewicht des 19. Jahrhunderts, als das „Ideale“. Dieses jedoch ist von der Bildfläche verschwunden. Die Handlungen der Akteure im Internationalen System werden laut Morgenthau im Sinne von Machtinteressen verfolgt. Eine logische Konsequenz daraus ist das Mächtegleichgewicht, das aus dem Streben verschiedener Nationen nach Macht entsteht, die teils um Erhaltung, teils um die Veränderung des Status quo bemüht sind. Mit der Politik des Gleichgewichts ist eine flexible Allianzpolitik verbunden. Das Mächtegleichgewicht geht vom Primat der Außenpolitik aus, was bedeutet, dass die Handlungen des Internationalen Systems das Verhalten eines außenpolitischen Akteurs mehr bestimmen als innenpolitische Faktoren. Jedoch beeinflusst die Stellung einer Nation im Internationalen System die Innenpolitik in großem Maße. Morgenthau beschreibt in einer historischen Analyse, die Interessen der USA folgend:
Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre Verteidigung eines Mächtegleichgewichts in Europa Verteidigung eines Mächtegleichgewichts in Asien
Aus diesem Grundinteresse leitet er Strategien für die amerikanische Außenpolitik ab. Morgenthau spricht sich gegen einen aggressive Feinde ermutigenden Pazifismus und gegen den völligen Ausschluss von Gewalt aus; er hält diese Haltung für kontraproduktiv, da sie das aggressive Verhalten von Despoten ermutigt. Staaten schaffen vielmehr bewusst ein Mächtegleichgewicht, um aggressives Verhalten gegen den eigenen Staat zu minimieren. Das Mächtegleichgewicht hat also eine präventive Funktion.
Morgenthau kritisiert einen arroganten Isolationismus genauso wie naive wissenschaftliche Weltverbesserungskonzepte und den amerikanischen Exzeptionalismus. Er plädiert für die Beurteilung verschiedener Außenpolitiken anderer Nationen aus der Perspektive des nationalen Interesses. Dies soll zu einer realistischen und rationalen Politikstrategie führen.