hochkant|mini|Albert Gallatin (Gilbert Stuart, 1803) Abraham Alfonse Albert de Gallatin (* 29. Januar 1761 in Genf, Republik Genf; † 12. August 1849 in Astoria, heute Teil von Queens, Bundesstaat New York) war ein US-amerikanischer Politiker (Demokratisch-Republikanische Partei), Ethnologe, Linguist und Diplomat. Er war Abgeordneter und Senator von Pennsylvania und der am längsten amtierende Finanzminister in der Geschichte der USA – von 1801 bis 1814. In dieser Funktion führte er, das Zurückzahlen von Staatsanleihen ausgenommen, größtenteils die Politik seines föderalistischen Vorgängers Alexander Hamilton weiter. Danach betätigte er sich einige Jahre als Botschafter in Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Auch an den Verhandlungen über den Frieden von Gent, der den Krieg von 1812 beendete, war er beteiligt.
Leben Frühe Jahre mini|hochkant|Hauswappen Gallatin Gallatin entstammte einer savoyischen Adelsfamilie, die erstmals 1258 in den Aufzeichnungen der Abtei Bella Comba erwähnt wird und die Abstammung von einem römischen Konsul beansprucht.Markus Claudius Cachia-Riedl: Albert Gallatin and the Politics of the New Nation S. XVIII 1510 wurde ein Familienangehöriger Bürger von Genf und die Gallatins in der Folge dort eine bedeutende Patrizierfamilie. Albert Gallatin wurde hier 1761 als Sohn des wohlhabenden Uhrenhändlers Jean Gallatin und seiner Frau Sophie Albertine Rolaz geboren. Durch den frühen Tod seines Vaters 1765 und der Mutter vier Jahre später verwaisten er und seine fünf Jahre ältere Schwester. Trotzdem erlebte er die Kindheit in der Obhut von Catherine Pictet, einer Tante zweiten Grades, als überaus glücklich. Nach einem erfolgreichen Studium an der Universität Genf von 1773 bis 1779 – er war Klassenbester in Mathematik, Latein und Naturwissenschaften –, entschied er sich wie viele Genfer zu emigrieren. Anders als Zeitgenossen wie Jean-Jacques Rousseau und Jacques Necker, die ins benachbarte Frankreich übersiedelten, wählte er die Vereinigten Staaten, die zu dieser Zeit noch im Unabhängigkeitskrieg gegen das Mutterland Großbritannien kämpften. Begleitet vom Kommilitonen Henri Serre verließ er am 1. April 1780 ohne Wissen seiner Familie Genf in Richtung Nantes, von wo aus er in sieben Wochen auf der Katty nach Gloucester segelte. Von Gloucester reiste die Gruppe nach Boston weiter. Nach einem erfolglosen Geschäftsversuch in Fort Gates bei Machias unterrichtete er zwischen 1782 und 1784 70 Studenten an der Harvard University in Französisch. 1785 wurde er Bürger der USA, doch deutet seine Korrespondenz schon vorher ein Heimatgefühl für die USA an.Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 7, 11–19, 21–22, 27–30, 32–33Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 181–185
Zunächst versuchte Gallatin, mit dem Erwerb von Land in den Appalachen zu Wohlstand zu gelangen. Oft bereiste er zu diesem Zweck den Nordwesten Virginias und den Westen Pennsylvanias. Er konnte jedoch erst 1786, als er mit 25 seine Erbschaft erhielt, im Fayette County in Pennsylvania nahe Pittsburgh 400 Acres (etwa 160 Hektar) Land kaufen. Dort errichtete er ein repräsentatives Anwesen im georgianischen Stil, das er „Friendship Hill“ () nannte. Es ist heute als National Historic Site ausgewiesen. Das Gebiet um Friendship Hill versuchte er unter dem Namen „New Geneva“ zu einer Genfer Gemeinschaft in dem „freiesten Land der Welt“ zu machen, wie er die USA nannte, wofür er mit zwei ehemaligen Kommilitonen das Unternehmen „Albert Gallatin & Co.“ gründete. Obwohl die Napoleonischen Kriege Europa verwüsteten, blieben die erhofften Immigranten aus. Einzig der Bau von Glashütten erwies sich – wenn auch nur kurzzeitig – als profitabel. Heute wird „New Geneva“ als Historic District markiert.Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 186, 190–192Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 37–38
Gallatin heiratete am 14. Mai 1789 Sophie Allegre, die noch im gleichen Jahr verstarb. Im November 1793 heiratete er die Tochter des New Yorker Händlers James Nicholson, Hannah Nicholson. Durch sie konnte sich Gallatin politisch in New York vernetzen. Das Paar hatte sechs Kinder.Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 40–41, 51, 62Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 193–194, 198–200
Verfassungsdebatte Gallatins politische Anfänge lagen in der Debatte um die neu geschriebene, zentralisierende Verfassung der Vereinigten Staaten. Der Westen Pennsylvanias galt als eine Hochburg der sogenannten „Constitutionalists“ (auch „Anti-Federalists“). Diese radikaldemokratischen, egalitären Kräfte bestanden überwiegend aus einfachen Bauern und Handwerkern, den „common men“. Ihnen gegenüber standen die „Republicans“ (auch „Federalists“) um Politiker wie James Wilson, denen eine Tendenz zur aristokratischen Gentry vorgeworfen wurde. Die Bestrebung der Ersteren, sich gegen eine Übernahme durch die Gentry zu verteidigen, werden in der Verfassung von Pennsylvania reflektiert – der Historiker Gordon S. Wood bezeichnet sie als „radikalste Verfassung der Revolutionsära“.Gordon S. Wood: The Creation of the American Republic 1776–1787 University of North Carolina Press, Chapel Hill; London 1998, S. 227. zit. nach: Juri Auderset: Transatlantischer Föderalismus: Zur politischen Sprache des Föderalismus im Zeitalter der Revolutionen, 1787-1848 Ordnungssysteme: Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Band 48, De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2016, ISBN 978-3-11-045266-2, S. 161–190, hier: S. 164 In den Augen der Constitutionalists, denen sich Gallatin bald anschloss, galt es, diese Verfassung vor aristokratischen Übergriffen in Form der neu geschriebenen Verfassung zu verteidigen.Juri Auderset: Transatlantischer Föderalismus: Zur politischen Sprache des Föderalismus im Zeitalter der Revolutionen, 1787-1848 Ordnungssysteme: Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Band 48, De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2016, ISBN 978-3-11-045266-2, S. 161–190, hier: S. 163–165 mini|Die Lage Fayette Countys in Pennsylvania In diese politische Atmosphäre trat Gallatin zusammen mit seinem politischen Ziehvater John Smilie im August 1788 als Repräsentant seines Heimatscountys Fayette County anlässlich eines Konvents zur Diskussion möglicher Zusatzartikel (Amendments) in Harrisburg ein. Die Amendments waren als Bedingung für die Adoption der Verfassung in Westpennsylvania populär. Gallatin, dessen Unterstützung von Zusatzartikeln in seinen Notizen zum Konvent klar werden, prägte mit seinen Entwürfen die Diskussion und die finale Resolution, die von der State Legislature Pennsylvanias erfolglos die Unterstützung von Zusatzartikeln auf Bundesebene forderte.Juri Auderset: Transatlantischer Föderalismus: Zur politischen Sprache des Föderalismus im Zeitalter der Revolutionen, 1787-1848 Ordnungssysteme: Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Band 48, De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2016, ISBN 978-3-11-045266-2, S. 161–190, hier: S. 169–171Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 38–39Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 192–193 1789 wurde er erneut mit John Smilie zum Delegierten Fayette Countys im Verfassungskonvent für Pennsylvania gewählt. Gallatin beteiligte sich zwar nicht aktiv an der Versammlung, doch sammelte er positive Erfahrungen in einer kompromissbereiten Umgebung. Dieses Erlebnis führte neben dem Tod seiner ersten Frau dazu, dass Gallatin sich mehr und mehr politisch engagierte.Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 41–42
Abgeordneter Repräsentantenhaus von Pennsylvania mini|hochkant|Siegel des Repräsentantenhauses von Pennsylvania Im Oktober 1790 zog er mit einem Erdrutschsieg in das Repräsentantenhaus von Pennsylvania ein, wo er schnell ein einflussreicher Politiker wurde. Hier fokussierte er sich schon früh auf seine späteren Themen Wirtschaft und Bildung: Einer seiner Gesetzesvorschläge betraf das pennsylvanische Schulsystem, scheiterte jedoch aufgrund des Widerstands von Deutschamerikanern und Quakern. Die Sklaverei griff er im Haus offen an; später trat er der Pennsylvania Society for Promoting the Abolition of Slavery („Gesellschaft Pennsylvanias zur Abschaffung der Sklaverei“) bei. Am bedeutsamsten war sein Finanzprogramm, zu dem die Gründung der Bank of Pennsylvania und ein Plan zur Rückzahlung der Staatsschulden gehörten. Die Reformen des Finanzministers Alexander Hamilton, besonders die Whiskey-Steuer, welche die kulturell bedeutsamen Brennereien Westpennsylvanias traf, lehnte Gallatin ab. Später führte diese Steuer zur Whiskey-Rebellion, in deren Verlauf Gallatin die Bürger zur Gesetzestreue aufforderte. Während seiner Amtszeit entwickelten sich aus den Anti-Federalists die Democratic Republicans, welche zusammen mit den Federalists das First Party System bildeten.Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 43–45Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 195–198
Senat der Vereinigten Staaten 1793 wählte ihn die State Legislature Pennsylvanias trotz seiner Proteste in den Senat.Vor dem 17. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten wurden nur Repräsentanten direkt gewählt. Hamilton gegenüber zeigte er sich sehr kritisch und forderte von diesem eine detaillierte Aufstellung der Transaktionen in seiner Amtszeit. Jedoch kamen schnell Zweifel über die Dauer der Staatsbürgerschaft Gallatins auf. Er war nämlich noch nicht seit mindestens neun Jahren eingebürgert, was für die Wahl in den Kongress verpflichtend war. Ende Februar 1794 musste er deshalb den Senat verlassen.Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 49–50, 53–58Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 198, 201–202
Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten Nachdem Gallatin neun Jahre US-amerikanischer Bürger war, wurde er 1794 in das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten gewählt. Er nahm seinen Sitz im 4. Kongress am 7. Dezember 1795 ein. Auch hier nahm er schnell eine Führungsrolle ein: Schon am 17. Dezember regte er die Gründung des Committee on Ways and Means als ständigen Ausschuss an, dessen Gründungsmitglied er wurde. In der Opposition gegen die föderalistische Finanzpolitik war er eine Führungsfigur. Beispielsweise versuchte er im Frühjahr 1796 erfolglos, den unter Republikanern und dem Volk extrem unpopulären Jay-Vertrag durch die Entziehung der nötigen Finanzierung zu verhindern.Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism. Oxford University Press, New York 1993, S. 444–445 Im November 1796 veröffentlichte Gallatin eine detaillierte Studie zur US-amerikanischen Wirtschaft, die er A Sketch of the Finances of the United States betitelte. Zweck dieses Werks, das seine Bedeutung als Wirtschaftsexperte etablierte, war die Schulung der Demokratisch-Republikanischen Partei und die Diskreditierung eines der Kernstücke von Hamiltons Finanzsystem: die „Etablierung der Schulden“ mit dem Ziel der „Monetarisierung der Schulden“, also die Umwandlung von Staatsanleihen zu Geldmitteln für die Bevölkerung. Gallatin zufolge müsse man Staatsschulden so schnell wie möglich zurückzahlen – sie würden den Wohlstand einer Nation nämlich nicht aufs Mindeste vergrößern. Eine der kontroversesten Institutionen Hamiltons, die First Bank of the United States, unterstützte er hingegen energisch.Thomas K. McCraw: The Founders and Finance: How Hamilton, Gallatin, and Other Immigrants Forged a New Economy S. 203–214Nicholas Dungan: Gallatin: America’s Swiss Founding Father S. 60–62, 78
mini|hochkant|Die Alien and Sedition Acts von 1798