mini|Logo des Unternehmens mini|Logo von 2001–2015

Die Geschichte der Merck KGaA, des ältesten pharmazeutisch-chemischen Unternehmens der Welt,M. Richter und I. Gomez: In: Financial Time Deutschland vom 21. Januar 2010 beginnt im Jahr 1668 mit dem Kauf einer Darmstädter Apotheke durch Friedrich Jacob Merck. Diese Apotheke wurde der Grundstein für die beiden Unternehmen Merck KGaA und Merck & Co.

Die Engelapotheke – Keimzelle zweier Weltunternehmen mini|Die Mercksche Engelapotheke in Darmstadt gegen Ende des 18. Jahrhunderts, am alten Standort am Schlossgraben mini|Die Mercksche Engelapotheke circa 1915, am neuen Standort am Luisenplatz mini|Heinrich Emanuel Merck mini|links|Wilhelm, Georg und Carl Merck (v. l. n. r.)

Der Schweinfurter Apotheker Friedrich Jakob Merck kam in seiner Heimatstadt beruflich nicht voran. Er und seine Brüder versuchten vergeblich eine Stelle als Provisor in einer Apotheke der Stadt zu bekommen. 1651 – drei Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs – verließ er im Alter von 20 Jahren Schweinfurt. Über die folgenden 17 Jahre seines Lebens ist nur wenig bekannt. 1668 erwarb er in Darmstadt die Zweite Stadtapotheke, die spätere Engel-Apotheke, mit Haus und Hof. Am 26. August 1668 wurde Friedrich Jakob Merck das Apothekenprivileg ausgestellt. In der Urkunde heißt es:

Die Engel-Apotheke ging von Friedrich Jakob Merck an seinen Neffen Georg Friedrich Merck über. 1715 wurden dann Johann Franz Merck, anschließend Johann Justus Merck und danach dessen Sohn Johann Anton Merck Eigentümer der Engel-Apotheke. Letztgenannter war nicht nur Apotheker, sondern auch Sammler und Forscher, der über die Grenzen der kleinstädtischen Residenz hinaus bekannt war. Sein Sohn Heinrich Emanuel Merck, ein Enkel des Autors und Herausgebers Johann Heinrich Merck, übernahm 1816 von seinem Vater die Engel-Apotheke. Heinrich Emanuel Merck war mit dem Chemiker Justus Liebig gut befreundet und forschte im Labor seiner Apotheke intensiv mit pflanzlichen Naturstoffen. Er konnte eine Reihe von Alkaloiden, wie beispielsweise Morphin, in reiner Form isolieren. 1827 bot er anderen Apothekern, Chemikern und Ärzten diese Wirkstoffe über sein Pharmaceutisch-chemisches Novitäten-Cabinet zum Kauf an. Dabei teilte er dem „ärztlichen und pharmaceutischen Publikum“ mit, dass er sich entschlossen habe, „diese Klasse von Arzneykörpern […] im Großen herzustellen“. Mit dieser, über den Bedarf seiner eigenen Apotheke hinausgehenden Produktion, legte Heinrich Emanuel Merck den Grundstein für die pharmazeutisch-chemische Fabrik.Sabine Bernschneider-Reif, Walter T. Huber, Ingunn Possehl: „Was der Mensch thun kann...“ – Ein Streifzug durch die Geschichte des pharmazeutisch-chemischen Unternehmens Merck. September 2003, ISBN 3-000-10846-7 Die Engel-Apotheke wurde so die Keimzelle für zwei Weltunternehmen.

Die im Zentrum von Darmstadt gelegene Apotheke befindet sich noch heute im Besitz der Familie Merck.

Die industrielle Ära bis zum Ersten Weltkrieg mini|Erster Index von Merck aus dem Jahre 1889 mini|links|Produktion in der Fabrik von 1886

Das erste überlieferte Markenzeichen des Unternehmens wurde die Abbildung eines Engels, dem Namensgeber der Apotheke. Mit seinen Söhnen Carl, Georg und Wilhelm gründete Heinrich Emanuel Merck 1850 eine Geschäftssocietät. Nach seinem Tod 1855 übernahmen die Söhne das Unternehmen, das zum damaligen Zeitpunkt etwa 50 Mitarbeiter hatte. 1860 umfasste das Produktportfolio über 800 verschiedene Artikel, die nach verbindlich formulierten Reinheitsstandards hergestellt wurden. Dies galt zur damaligen Zeit als bahnbrechend.

Mit Thyreoidinum siccatum (getrockneter Schilddrüse von Schlachttieren) entwickelte Merck 1894 das weltweit erste Schilddrüsenpräparat. Bis heute ist Merck auf diesem Therapiegebiet mit mehreren Arzneimitteln das führende Unternehmen außerhalb der Vereinigten Staaten.merckserono.de: Abgerufen am 30. Juni 2010.

Bis 1884 war Merck das vermutlich umsatzstärkste deutsche Pharmaunternehmen. Durch innovative neuentwickelte Wirkstoffe, wie beispielsweise Phenacetin und Aspirin beziehungsweise Antipyrin und Pyramidon, konnten die damals noch jungen Konkurrenzunternehmen Bayer beziehungsweise Hoechst Merck überflügeln. Die Konkurrenz setzte konsequent auf die Entwicklung neuer synthetischer Fertigarzneimittel (Markenartikel), während Merck mit seinem breit gefächerten Sortiment an Naturstoffen mehr einer „Großapotheke“ glich. Das Portfolio der Wettbewerber war kleiner und die Gewinnspannen der kostengünstiger zu produzierenden Synthetika deutlich größer.W. Bartmann: Zwischen Tradition und Fortschritt. Franz Steiner Verlag, 2003, S. 102. ISBN 3-515-08125-9 Der Trend der Zeit wurde nach den Erfolgen der Konkurrenz auch bei Merck erkannt und die Entwicklung in Richtung neuer synthetischer Wirkstoffe vorangetrieben. Erste Erfolge stellten sich in den folgenden Jahren ein. So brachte Merck 1903 mit dem Schlafmittel Veronal weltweit das erste Barbiturat auf den Markt.

Durch das Wachstum des Unternehmens wurde das Firmengelände in der Darmstädter Innenstadt bald zu klein und Erweiterungsmöglichkeiten auf Nachbargrundstücke gab es nicht. Deshalb wurden Pläne entwickelt die gesamte Fabrik zu verlegen. Dabei wurde auch die Verlagerung in eine andere Stadt, beispielsweise Gernsheim, Aschaffenburg oder Hamburg diskutiert, da diese Orte eine Anbindung an eine Wasserstraße ermöglicht hätten. Letztlich fiel die Entscheidung für einen Verbleib in Darmstadt. Dort verfügte man über 1000 gut ausgebildete Mitarbeiter und außerdem wollte man die etablierte Firmenbezeichnung E. Merck Darmstadt nicht aufgeben. Das Unternehmen erwarb im Norden von Darmstadt ein geeignetes großes Grundstück und 1901 wurde nach der Erteilung der Baugenehmigungen mit dem Aufbau der neuen Fabrik begonnen. 1903 und 1904 zogen die einzelnen Produktionsbetriebe nach und nach um. Die alte Fabrik wurde nach Abschluss der Umzugsarbeiten gesprengt. Die nachfolgenden Jahre waren durch ein starkes Wachstum geprägt. Lag die Mitarbeiterzahl nach dem Umzug bei 1200, so stieg sie in den folgenden zehn Jahren auf 2100 an. Der jährliche Umsatz stieg von 12 auf 26 Millionen Mark.

1906 bildete Merck zusammen mit Boehringer Mannheim (heute Roche Diagnostics), Knoll (heute Abbott Laboratories) und Gehe & Co. (heute Celesio) eine Interessengemeinschaft (IG). Das Berliner Unternehmen J. D. Riedel trat ein Jahr später der Interessengemeinschaft bei. Die IG sollte ein Gegengewicht zu den Teerfarbenfabriken bilden, die sich bereits 1904 zu dem Dreibund (Bayer, BASF und Agfa) beziehungsweise dem Dreiverband (Hoechst, Cassella und Kalle) zusammengeschlossen hatten. Innerhalb der Interessengemeinschaften wurden die Geschäftsfelder aufgeteilt und – damals erlaubte – Preisabsprachen getätigt. Merck gab beispielsweise die Produktion von Codein zugunsten von Knoll auf, begann dafür aber mit der Produktion von Atropin, Scopolamin und Spartein für die anderen Unternehmen der IG. Durch die Bündelung der Kapazitäten konnte die Interessengemeinschaft die Einkaufspreise für Rohstoffe reduzieren. Allerdings gab es immer wieder Streit bei der Festlegung der Produktions- und Gewinnquoten, sowie über die Buchführung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Interessengemeinschaft aufgelöst. 1914 gründete Merck zusammen mit Boehringer Mannheim und Knoll das Unternehmen MBK (Merck, Boehringer und Knoll). Unter den Markennamen und Compretten und Amphiolen wurden verschiedene neue Arzneimittel vertrieben. Die Kohle-Compretten wurden erstmals 1924 unter dieser Bezeichnung in den Handel gebracht.Merck KGaA (Herausgeber): (PDF), September 2004. Das Gemeinschaftsunternehmen MBK bestand bis 1971.

Der Merck-Chemiker Anton Köllisch synthetisierte 1912 erstmals MDMA. Die psychoaktive Wirkung dieser, ab den 1980er Jahren unter dem Namen Ecstasy weltweit bekannt gewordenen und missbrauchten Substanz, wurde erst Jahrzehnte später entdeckt. Merck hat MDMA nie als Medikament vermarktet.S. Bernschneider-Reif, F. Oxler, R. W. Freudenmann: The origin of MDMA ("ecstasy")–separating the facts from the myth. In: Die Pharmazie. Band 61, Nummer 11, November 2006, S. 966–972, PMID 17152992 (Review).R. W. Freudenmann u. a.: The origin of MDMA (ecstasy) revisited: the true story reconstructed from the original documents. (PDF; 186 kB) In: Addiction 101, 2006, S. 1241–1245. PMID 16911722

Die US-Niederlassung – Grundstein für ein anderes Weltunternehmen mini|Georg(e) Merck um 1900

Die Darmstädter Geschäftssocietät E. Merck entsandte 1887 mit dem Chemiker Theodor Weicker einen Repräsentanten in die Vereinigten Staaten, um dort ein Verkaufsbüro („Agentur für den Verkauf von Drogen und chemischen Produkten“) zu eröffnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Merck bereits ein erfolgreiches Exportgeschäft in die Vereinigten Staaten. Allerdings mehrten sich die Berichte über gefälschte Etiketten und den Verkauf minderwertiger Ware unter Marke Merck (Produktpiraterie). Zwei Jahre später entschloss sich die Darmstädter Unternehmensleitung dazu, einen Vertreter der Familie zu entsenden und ständig vor Ort zu haben. Dies sollte der kaufmännisch ausgebildete und in London lebende Georg Merck (ab 1902 George Merck) sein, ein 22-jähriger Enkel von Heinrich Emanuel Merck und jüngster Sohn von Wilhelm Merck. Im August 1889 vereinbarten Georg Merck und Weicker, eine Handelsgesellschaft in New York zu gründen. 1890 gründeten beide das Unternehmen Merck & Co. mit dem Sitz in New York City. Die Beteiligung ermöglichte ein Darlehen von 200.000 US-Dollar (PDF; 994 kB) S. 112. aus Darmstadt, wobei Georg Merck seinen Pflichten als Teilhaber der Geschäftssocietät E. Merck weiterhin „gewissenhaft nachkommen“ sollte. Das neugegründete Unternehmen sollte sich nach außen selbstständiges Unternehmen, als new branch, etablieren, die Verbindungen zum Darmstädter Mutterhaus aber trotzdem eng bleiben. Die Unternehmensgewinne, die Georg auf Grund der Anteile an der neuen Gesellschaft zustanden, musste er ohne Abzüge an die Muttergesellschaft abführen. Georg hatte zudem „von Zeit zu Zeit über den Gang und Stand der Angelegenheiten der New Yorker Gesellschaft Kenntnis zu geben“ und „Abschriften der Inventare und Bilanzen“ zur Verfügung zu stellen. Den Gesellschaftsvertrag der Merck & Co. durfte er „bei Vermeidung der Fälligkeit der Darlehensschuld nicht ändern“. Im Gegenzug verpflichteten sich die Darmstädter, Georg Merck eine feste jährliche Vergütung zu zahlen und mögliche Verluste zu übernehmen.

Der Unternehmenszweck war zunächst auf Einfuhr und Vertrieb von in Darmstadt hergestellten Waren beschränkt. 1897 wurde erstmals ein Umsatz von über einer Million US-Dollar erzielt und das Unternehmen bezog ein eigenes sechsstöckiges Bürohaus am University Place in New York.msd.de: Abgerufen am 30. Juni 2010. Im gleichen Jahr schrieb Georg Merck an seinen Darmstädter Cousin Louis Merck:

Nach dem Umzug stieg Merck & Co. in den Direktvertrieb ein. Dazu wurde im ersten Stock des Bürohauses eine eigene Apotheke eingerichtet. Die bestens ausgestattete und sehr elegant eingerichtete Apotheke provozierte allerdings den Widerstand einiger der bisher besten Kunden, die Merck belieferte: andere Apothekenbetreiber. Aus Furcht vor der aggressiven Konkurrenz kam es durch zwei pharmazeutische Gesellschaften zu Protesten direkt in Darmstadt. Das neue Geschäftsmodell „Merck Pharmacy“ gab Merck & Co. nach zwei Jahren auf und verfolgte eine neue Strategie. Auf die aus Deutschland importierten Produkte musste Merck & Co. hohe Schutzzölle zahlen. Theodor Weicker und Georg Merck erwarben daher 1899 ein 150 Acre (≈ 60 ha) großes Gelände in Rahway/New Jersey, auf dem sie 1903 dann selbst mit der Produktion verschiedener Chemikalien und Arzneistoffe begannen. Das Geld für das Fabrikgelände kam, wie auch die wissenschaftliche und technische Expertise, von der Darmstädter Muttergesellschaft.