miniatur|Palais des Expositions (Spielort)
Die 21. Schacholympiade fand vom 6. bis 30. Juni 1974 im Palais des Expositions in Nizza statt.Die Quelle für diesen Artikel, soweit nicht anders angegeben, ist der Bericht auf Olimpbase, abgerufen am 29. Juni 2010
Das Mannschaftsschachturnier war die erste Schacholympiade ohne Beteiligung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) seit Gründung der DDR im Oktober 1949 (außer 1950 und 1954).MEN'S CHESS OLYMPIADS – East Germany (GDR) auf Olimpbase (englisch)WOMEN'S CHESS OLYMPIADS – East Germany auf Olimpbase (englisch) Die DDR nahm später nur noch an den Schacholympiaden in Thessaloniki 1988 und Novi Sad 1990 teil. Letztmals fanden Schacholympiaden für Frauen und Männer an getrennten Orten statt. Die 6. Schacholympiade für Frauen wurde 1974 in der kolumbianischen Stadt Medellín ausgetragen. Auch hier gewann das sowjetische Team.
Vorgeschichte Nichtantritt der DDR Der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) beschloss zunächst 1969 unter Präsident Manfred Ewald in Absprache mit dem Politbüro, dass der DDR-Sport im Hinblick auf die Erfolge bei den vorangegangenen Olympischen Sommerspielen zur Vorbereitung auf künftige Olympische Spiele umstrukturiert werden sollte.
Am 29. März 1973 beschloss der DTSB zur „Rolle der Sportverbände der DDR im internationalen Sport“, dass 25 nichtolympischen Sportarten der sogenannte Leistungsauftrag entzogen wird, wodurch die entsprechenden Sportverbände nicht mehr an „internationalen Meisterschaften und an Sportwettkämpfen mit nichtsozialistischen Ländern“ teilnehmen durften, wobei „[p]olitische und sportpolitische Gründe […] zu Ausnahmeregelungen führen“ können. Als Begründung dazu wurde angegeben, dass „den Sportlerinnen und Sportlern die Aufgabe gestellt [wird], […] die DDR auf der Grundlage von festgelegten Leistungszielen und Leistungsaufträgen durch hohe sportliche Leistungen würdig zu repräsentieren. Diese Konzentration auf eine bestimmte Anzahl von Sportarten macht sich notwendig infolge unserer begrenzten materiellen, ökonomischen und finanziellen Möglichkeiten, der relativ geringen Einwohnerzahl unseres Landes sowie aus kadermäßigen Erwägungen.“ Unter den genannten Sportarten war auch Schach. Die Ausnahmeklausel wurde 1988 von Ewalds frisch angetretenem Nachfolger Klaus Eichler verwendet, um die DDR wieder an Schacholympiaden teilnehmen zu lassen. Die DDR erreichte 1988 bei Punktgleichheit mit der Bundesrepublik Deutschland (BRD) durch die Feinwertung einen höheren Platz als die BRD.
Es gibt verschiedene Ansichten über die Ursachen des Beschlusses. Mario Tal spekuliert, dass die schlechten Platzierungen der DDR bei den Schacholympiaden 1968 bis 1972 ebenfalls zum Entzug des Leistungsauftrags beigetragen haben könnte. Rainer Knaak berichtete später, dass bereits seit den 1960ern die finanziellen Mittel für Schach gekürzt worden waren. Paul Werner Wagner, Vorsitzender der Emanuel-Lasker-Gesellschaft, vermutete, dass sich der Präsident des DDR-Schachverbands, Armin Heintze, aufgrund seiner Position als Staatsanwalt der Generalstaatsanwaltschaft der DDR nicht öffentlich gegen den Leistungssportbeschluss stellen wollte. Günter Reinemann vermutete, dass Ewald mit dem verfügbaren Geld möglichst das Renommee der DDR verbessern wollte, wofür Schach „im Abseits“ gestanden habe.
Heute wird der Leistungssportbeschluss einhellig kritisiert.Quelle des Abschnitts: Mario Tal: Brüderküsse und Freudentränen. PapyRossa. Köln 2008. S. 277–279.
Organisation Vorsitzender des Organisationskomitees war Raoul Bartolo. Als Hauptschiedsrichter war Alexander Kotow tätig.
Als Bedenkzeit wurden zweieinhalb Stunden für 40 Züge und anschließend jeweils eine weitere Stunde für 16 Züge festgelegt.
75 Mannschaften mit insgesamt 445 Spielern traten an. In jeder Mannschaft durften sechs Spieler teilnehmen, wovon vier pro Runde antraten.
Das Turnier wurde als zweistufiges Rundenturnier ausgespielt, wobei zunächst acht Vorgruppen zu je neun bis zehn Mannschaften gebildet wurden. Die zwei Bestplatzierten kamen in die Finalgruppe A, während die Mannschaften auf den jeweils weiteren beiden Plätzen in die Finalgruppen B, C, D und E kamen. Für die Platzierung entschieden zunächst die Brettpunkte, anschließend die Mannschaftspunkte und bei Gleichstand das Ergebnis des direkten Aufeinandertreffens.
Als Preis für die beste Partie wurden eintausend US-Dollar ausgelobt. Aus neun Kandidaten wurde die Partie zwischen Michael Stean (England) und Walter Browne (Vereinigte Staaten), die der Engländer nach einem Damenopfer für sich entschieden hatte, ausgewählt.
Erstmals wurden die neu eingeführten Elo-Zahlen als Grundlage für die Paarungen der Mannschaften herangezogen. Dies brachte Kritik ein, da es technische Fehler bei der Umsetzung gab.
Es wurden 3085 der angesetzten 3156 Partien gespielt. Südafrika und Nicaragua beendeten die Teilnahme an der Meisterschaft vorzeitig. Aus politischen Gründen wurden mehrere Begegnungen, namentlich Irak gegen Rhodesien und Algerien gegen Rhodesien in der Finalgruppe E sowie Tunesien gegen Israel in der Finalgruppe B, nicht ausgetragen, weshalb jeweils nach Elozahlen gewertet wurde. Nicaragua reiste nach der ersten Runde der Vorgruppen ab, Südafrika nach dem Ausschluss aus der FIDE.
Ergebnisse der bereits gegeneinander angetretenen Kontrahenten in den Finalgruppen A bis D wurden kampflos als virtuelle erste Runde aus der Vorrunde übernommen. Die einzige entsprechende Begegnung zweier Mannschaften in der Finalgruppe E wurde dort in der fünften Runde ebenfalls aus der Vorrunde übernommen.
Algerien hatte die Vorrundenspiele durch eine späte Anreise verpasst und wurde deshalb in Finalgruppe E eingeteilt.
Der Palais des Expositions (Spielort der Schacholympiade) verfügte neben einer fehlenden Klimatisierung nur über eine schlechte Beleuchtung, weshalb die Begegnungen, die stets um 15 Uhr begonnen wurden, oftmals in schlechten Lichtverhältnissen beendet wurden.
Durch den Tod des französischen Präsidenten Georges Pompidou wurde in Frankreich nur wenige Wochen vor der Schacholympiade eine neue Regierung gebildet, die die von Pompidou gemachte Personalzusage nicht erfüllen wollte. Durch den Personalmangel mussten Schachspieler, die eigentlich in Nizza ihren Urlaub verbrachten, für die Organisation gewonnen werden.
Auch das Hotel, in dem die Spieler residierten, bot schlechte Bedingungen. So wurde die Qualität des Essens bemängelt und die Spieler wurden um sieben Uhr von Arbeitern aufgeweckt, die mit Presslufthämmern hantierten.
Nichtteilnahmen Neben der oben erwähnten Nichtteilnahme der DDR verweigerte sich Bent Larsen (Dänemark) aus finanziellen Gründen der Teilnahme. Schachweltmeister Bobby Fischer (Vereinigte Staaten) verlangte ein separates Gebäude, wo er von Zuschauern und der Presse abgeschirmt wäre. Als sich die Organisatoren weigerten, die Sonderbedingungen Fischers zu akzeptieren, weigerte sich dieser ebenfalls, an der Schacholympiade teilzunehmen.
Während der Schacholympiade reiste der brasilianische Spieler Henrique da Costa Mecking nach Zerwürfnissen mit seinem Mannschaftskapitän Hélder Câmara ab. Mecking hatte zunächst nicht an den ersten drei Runden teilnehmen können, da es technische Probleme mit seinem Flugticket gab. Nach der Teilnahme in den Runden vier bis sechs fühlte er sich am Morgen der siebten Runde unwohl. Câmara stellte Mecking entgegen dessen Willen dennoch am ersten Brett auf, doch dieser erschien nicht. Anschließend gab es Zerwürfnisse zwischen Mecking und Câmara, in deren Folge Mecking die weitere Teilnahme verweigerte und nur noch als Zuschauer anwesend war. Als Mecking vom Turnierareal ausgeschlossen wurde, reiste er ab.
FIDE-Ausschluss Südafrikas und Rhodesiens Der Weltschachbund FIDE wurde mit einem Skandal konfrontiert, der als der größte der Schachwelt seit dem Nichtantritt Howard Stauntons gegen Paul Morphy 1858 galt.Anmerkung: Siehe hierzu den Artikel Staunton–Morphy controversy in der englischsprachigen Wikipedia
Beim jährlich stattfindenden FIDE-Kongress zu Helsinki 1973 wurde entschieden, der Frage nachzugehen, ob die Behandlung schwarzer Spieler in Rhodesien (dem heutigen Simbabwe) und Südafrika im Widerspruch zu den FIDE-Statuten steht. FIDE-Präsident Max Euwe reiste aus diesem Grund in beide Staaten. In seinem Bericht machte Euwe keine Angaben zur Diskriminierung schwarzer Spieler. Der Bericht ging in Nizza um.
Die marokkanische Schachföderation stellte bei der während der Schacholympiade stattfindenden FIDE-Tagung 1974 den Antrag, Südafrika und Rhodesien von der FIDE auszuschließen. Dreizehn Staaten, darunter die Sowjetunion, schlossen sich dem Antrag an.
Bei der bevorstehenden Wiederwahl des FIDE-Präsidenten wurde spekuliert, dass Euwe vermutlich knapp gegen seinen Konkurrenten Mendez verlieren würde. Die Sowjetunion bot Euwe an, für ihn zu stimmen, falls dieser dem Ausschluss Südafrikas und Rhodesiens zustimmen würde.
Nach dem Ausschluss der beiden Staaten von der FIDE widerrief Südafrika seine Teilnahme. Euwe versuchte, auch ein Ende der Teilnahme Rhodesiens zu erreichen, scheiterte jedoch. Der Skandal weitete sich später so weit aus, dass sich mehrere Staaten gegen die Schacholympiade 1976 in Israel wandten und eine eigene Gegenolympiade organisierten.
Ergebnisse Vorrunde Vorrunde Gruppe 1 RgMannschaft123456789BPMP+=-1Sowjetunion●43½333½44429168002Wales0●2½2½1½343½421126023Schottland½1½●22½33½4421115124Polen11½2●2½2½2½4420115125Brasilien12½1½1½●2½2½3½419105036Mongolei½111½1½●333½1563057Puerto Rico00½1½1½1●33½1142068Jordanien0½00½11●2510179Niederländische Antillen00000½½2●31017
Vorrunde Gruppe 2 RgMannschaft123456789BPMP+=-1USA●34223½44426½146202England1●2½3343½43½24½147013Dänemark01½●3½33½32½3½20½126024Kanada21½●1½3½44420½94135Australien2112½●2½43½319½115126Ecuador½0½½1½●2331152157Luxemburg0½1002●33½831168Panama001½0½12½●27½31169Rhodesien0½½01112●61017
Vorrunde Gruppe 3 RgMannschaft123456789BPMP+=-1Jugoslawien●22½33½2½44425½157102Finnland2●1½2442½4323125213Kuba1½2½●1243½4422½115124Italien123●132½3½319115125Iran½023●2½23316104226Venezuela1½0011½●2½2412½52157Pakistan01½½1½21½●321241258Uruguay000½121●37½31169Irak01011021●61017
Vorrunde Gruppe 4 RgMannschaft123456789BPMP+=-1Ungarn●2½33½443½4428½168002Spanien1½●22333½3½422½125213Belgien12●2½2½2½3½2½2½19136114Tunesien½21½●22½33½2½17½104225Chile011½2●2433½1783236Syrien011½1½2●13½313½52157Malta½½½103●2½31163058Malaysia0½1½½1½1½●2½821079Japan001½1½½111½●70008 Zu dieser Gruppe gehörte noch das Team aus Nikaragua. Es trat zur ersten Runde gegen Chile mit nur zwei Spielern an, die ihre Partien verloren. Danach wurde die Mannschaft zurückgezogen und fiel aus der Wertung.
Vorrunde Gruppe 5 RgMannschaft123456789BPMP+=-1BR Deutschland●2343344427157102Schweden2●1½323½44424125213Island12½●31½33½42½21126024Portugal011●3½2½44420105035Südafrika122½½●234419104226Irland1½11½2●3331573147Hongkong00½011●338½42068Guernsey0000011●3521079Trinidad & Tobago001½00111●4½0008
Vorrunde Gruppe 6 RgMannschaft123456789BPMP+=-1Tschechoslowakei●23½34444428½157102Rumänien2●2½33343½425157103Norwegen½1½●2½3½433½422½126024Kolumbien111½●22½3½4419½94135Neuseeland01½2●123413½62246Singapur0101½3●1½13½11½42067Libanon001½22½●231162248Monaco0½½0132●2941259Andorra00000½12●3½1017
Vorrunde Gruppe 7 RgMannschaft12345678910BPMP+=-1Bulgarien●321½233½44427146212Philippinen1●22½2½3½3½3½4426½157113Israel22●32½2½23½4324½156304Frankreich2½1½1●2½3½3½333½24147025Indonesien21½1½1½●332½3½422½115136Türkei1½1½½1●1½4431763067Dominikanische Republik½½2½12½●3241683248Färöer0½½11½01●2½2½9½42079Zypern0001½021½●3½8½311710Britische Jungferninseln001½0101½½●4½0009
Vorrunde Gruppe 8 RgMannschaft123456789BPMP+=-1Niederlande●3134344426147012Argentinien1●333½3½44426147013Österreich31●233½34423½136114Schweiz112●2½33½3420115125Griechenland0½11½●2½44316½84046Mexiko1½½11½●34415½63057Marokko001½01●4410½42068Amerikanische Jungferninseln0001000●2310179Bahamas00001002●31017
Endrunde Finalrunde A