Der Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn ist ein Fachverlag in Bonn. Das Verlagsprogramm umfasst sozialhistorische und politikwissenschaftliche Titel. Der Verlag steht politisch und juristisch in der Tradition des 1881 von Johann Heinrich Wilhelm Dietz in Stuttgart gegründeten Verlags J.H.W. Dietz.
Entstehungsgeschichte mini|Beispiel aus der Frühgeschichte: Schrift von August Bebel von 1898, 80 Seiten Umfang
Am 31. Dezember 1881 gründete der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Johann Heinrich Wilhelm Dietz in Stuttgart den Verlag J.H.W. Dietz. Er leitete seit 1875 die sozialdemokratische „Genossenschafts-Druckerei“ in Hamburg. Mit dem Sozialistengesetz wurde die Verbreitung sozialdemokratischer Druckschriften mit hohen Strafen bedroht, dennoch wurde 1879 im Verlag in Hamburg die erste Nummer der illustrierten humoristisch-satirischen Zeitschrift Der Wahre Jacob herausgegeben. Nach nur zehn Nummern musste das Erscheinen eingestellt werden, weil die Zensurbehörde zuschlug.Hamburger Erinnerungsorte der Sozialdemokratie, SPD Landesorganisation Hamburg, Hamburg 2013, S. 36 Dietz, gelernter Buchdrucker, wurde im selben Jahre während des Sozialistengesetzes aus Hamburg ausgewiesen. Im liberaleren Stuttgart übernahm er die Reste der sozialdemokratischen Leipziger Buchdruckerei, die in Sachsen aus politischen Gründen nicht mehr aktiv sein konnte. Dietz führte Verlag und Druckerei als Privatunternehmer. Mit diesem Treuhändermodell suchte sich die Sozialdemokratie vor staatlicher Repression zu schützen.
In den folgenden Jahren baute Dietz den Verlag zu einem führenden Unternehmen der deutschen Arbeiterbewegung aus, das mit seinen Verlagsprodukten weit über die nationalen Grenzen ausstrahlte. Es waren vor allem die Theoriezeitschrift Die Neue Zeit und die renommierten Reihen Internationale Bibliothek und Kleine Bibliothek, die Dietz’ Ruf als großen Verleger begründeten.
Bereits Ende der 1890er Jahre firmierte der Verlag als J. H. W. Dietz Nachf. (G. m. b. H.).siehe z. B. das Buch von August Bebel: Nicht stehendes Heer, sondern Volkswehr. Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart 1898 Auch als 1906 die SPD den Verlag juristisch als parteieigenes Unternehmen übernahm, blieb der dominierende Einfluss des Firmengründers auf die Wahl der Autoren und das Verlagsprogramm noch lange ungebrochen.
Dietz, der innerparteilich zum revisionistischen Flügel neigte, hielt den Verlag für alle innerparteilichen Strömungen offen, wenngleich orthodoxe marxistische Stimmen dominierten. Diese Ausrichtung war vor allem Karl Kautsky geschuldet, der vor dem Ersten Weltkrieg jahrelang Die Neue Zeit redigierte und auch die Funktion eines Verlagslektors innehatte.
Von 1882 bis 1933 veröffentlichte der Verlag ca. 1200 Titel. Etwa die Hälfte der Titel fiel in die Ära des Verlagsgründers. In der Frühzeit publizierte der Verlag alle wichtigen Theoretiker des Sozialismus: Friedrich Engels, Karl Marx, August Bebel, Eduard Bernstein, Franz Mehring etc. Während der Weimarer Republik diversifizierte sich das Verlagsspektrum erheblich.
Verlagsprogramm nach Dietz’ Tod Nach Dietz’ Tod am 28. August 1922 geriet der Verlag in ökonomische Schwierigkeiten, die sich durch die rasante Geldentwertung verschärften. Die Stuttgarter Druckerei musste verkauft werden, der Verlag zog nach Berlin um und fusionierte dort mit dem zweiten großen sozialdemokratischen Parteiverlag, dem „Verlag der Buchhandlung Vorwärts“ (nicht zu verwechseln mit der Vorwärts-Druckerei). Der „Verlag der Buchhandlung Vorwärts“ publizierte von 1890 bis 1921 (zählt man alle Ausgaben und Auflagen zusammen) über 1300 Titel und war auf Broschürenliteratur spezialisiert. Allerdings erschien in diesem Verlag 1913 auch Rosa Luxemburgs zentrales Werk Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Alle Verlagsrechte der Buchhandlung Vorwärts gingen auf den Dietz-Verlag über.
Arbeiterkultur Nach Überwindung der Inflation änderte der Verlag radikal sein Erscheinungsbild. Neue Autoren konnten gewonnen werden, der Kontakt zu jungen Buchkünstlern wurde intensiviert. Das Verlagsprogramm spiegelte neue kulturelle soziale Bewegungen der Weimarer Republik wider. Die publizistische Neuorientierung war eng mit dem Namen Paul Kampffmeyer verknüpft. Kampffmeyer leitete ab 1921 das Parteiarchiv der SPD und übernahm nach Dietz’ Tod die Rolle des zentralen Lektors innerhalb des Verlages. Kampffmeyer hatte sich 1890 der Oppositionsbewegung „Die Jungen“ in der SPD angeschlossen. Den Weg dieser Gruppe in den Anarchismus machte er allerdings nicht mit und schloss sich erneut der SPD an. Als gutbürgerliches Mitglied des „Friedrichshagener Dichterkreises“ und aktiver Unterstützer der Gartenstadtbewegung hatte der ehemalige Parteioppositionelle eine atypische politische Sozialisation durchlaufen. Kampffmeyer selbst gehörte zu den produktivsten Autoren im Dietz-Verlag und gehörte zu den frühen Warnern vor der faschistischen Gefahr (Der Fascismus in Deutschland, 1923). Der neue Lektor ging darüber hinaus eine enge Symbiose mit jungen expressionistischen Künstlern ein, die mit Buchumschlägen und Buchillustrationen dem Verlag ein neues Gesicht gaben. mini|238x238px|Der Wasserspeier am Friso-Brunnen vor dem Grafenschloss Diez ist eine sich aufrollende Schlange. Sie ist das Vorbild für das Verlagslogo. Als typisch für den neuen „Verlagsgeist“ kann die Kooperation mit dem Graphiker Hans Windisch angesehen werden. Windisch hatte den dreifarbig bedruckten Leineneinband für Friedrich Wendels Standardwerk Das 19. Jahrhundert in der Karikatur entworfen, das graphisch neue Akzente setzte. Der Graphiker schuf 1924 das Verlagssignet mit der Schlange, das künftig einprägsam für die Verlagsprodukte des Dietz-Verlages stand. Die Wasser speiende Schlange bildet mit ihrem Körper den Buchstaben D. Die Inspiration kommt von dem Johann-Friso-Brunnen in der Stadt Diez an der Lahn; der Wasserspeier am Brunnen ist genau diese sich halb aufrollende Schlange.Rüdiger Zimmermann: Wie Dietz zur Schlange kam. Die Erfindung des Verlagssignet (PDF-Datei; 123 kB). In: Empor zum Licht. Bonn 2006.
Weiterhin standen Wanderbücher, Reisebücher, Jugend- und Kinderbücher für die neue Verlagsausrichtung, die an neue Masseninteressen im Alltag (Sport, Erziehung, Freizeit etc.) anknüpften. Hilde Krügers kubistische Bilderbücher im Dietz-Verlag (Der Widiwondelwald und Der Wünschebold) beeinflussten mehrere Generationen von Kinderbuchgestaltern.
Während der Weimarer Republik übernahm der sozialdemokratische Dietz-Verlag die Verlagsprodukte (und die Verlagsrechte) diverser kleiner Verlage. Hierzu zählte vor allem die Verlagsgenossenschaft Freiheit, die bis 1922 Literatur für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) verlegte. In der Verlagsgenossenschaft publizierten Autoren wie Georg Engelbert Graf, Hans Hackmack, Karl Kautsky, Karl Korsch und Ernst Toller. Zu den bedeutenden Zuwächsen muss auch das Werk des Lyrikers Karl Henckell gezählt werden, das 1924 vom Verlag J.M. Müller übernommen wurde.
Trotz aller Nähe zur Kulturbewegung: Der Dietz-Verlag blieb auch in der Weimarer Republik ein politischer Verlag im engen Umfeld der deutschen Sozialdemokratie. Für diese Ausrichtung standen die ab 1924 erscheinende Theoriezeitschrift Die Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik, die von dem marxistischen Wirtschaftstheoretiker und späteren SPD-Finanzminister Rudolf Hilferding redigiert wurde, sowie die Zeitschrift für kommunalpolitische Praktiker Die Gemeinde. Halbmonatsschrift für sozialistische Arbeit in Stadt und Land (1924–1933).
Der Verlag J.H.W. Dietz Nachf. im antinationalsozialistischen Abwehrkampf Eine besondere Rolle spielte der Dietz-Verlag im Abwehrkampf gegen die nationalsozialistische Gefahr. Dieser Abwehrkampf wurde mit Hilfe von Karikaturen, Symbolen und Texten geführt. Als Medium dienten die Satirezeitschrift Der Wahre Jacob, die Illustrierte republikanische Zeitung und illustrativ gestaltete Massenbroschüren in hoher Auflage.
Führender Kopf im Kampf gegen die Nazis war Friedrich Wendel, wie Paul Kampffmeyer ehedem dissidenter Sozialist, der seit 1924 als Redakteur am Satireblatt des Verlages Lachen Links und Der Wahre Jacob mitarbeitete. Von Wendel selbst stammte 1932 eine kurzgefasste Analyse von Hitlers Mein Kampf unter dem Titel Hitler gegen die Lebensinteressen Deutschlands. Der beabsichtigte Krieg gegen Frankreich, Russland und die Randstaaten.
Zu den Künstlern, mit denen Wendel im Kampf gegen die NSDAP zusammenarbeitete gehörten Karl Holtz (1889–1978), Willibald Krain (1866–1945), Jacobus Belsen (1870–1937) und Willi Steinert (geb. 1886). Die antifaschistischen Broschüren verbreitete der Verlag in hoher Auflage. Wilhelm Hoegners Der Volksbetrug der Nationalsozialisten erreichte eine Auflage von 90.000 Exemplaren. Von der Schrift Kampf dem Hakenkreuz des Reichstagsabgeordneten Carlo Mierendorff (unter dem Pseudonym Adolf Schlucks) wurden 70.000 Exemplaren verbreitet.
Verbot und Unterdrückung während der Zeit des Nationalsozialismus 1933 konnte der Verlag noch neun Titel produzieren, ehe er politisch unterdrückt wurde. Am 10. Mai 1933 wurde das gesamte Vermögen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands beschlagnahmt, die Partei selbst wurde am 22. Juni 1933 als volks- und staatsfeindlich verboten. Nach dem Verbot der SPD nutzten die Nationalsozialisten die Konzentration AG, die Holdinggesellschaft sämtlicher Wirtschaftsunternehmen der SPD, für ihre Zwecke aus. Auf Grund des „Gesetzes zur Einziehung volks- und staatsfeindlicher Unternehmungen“ diente die Konzentration AG als Sammelbecken für das eingezogene sozialdemokratische Betriebskapital, das durchweg liquidiert wurde. Die Firma J.H.W. Dietz Nachf. wurde bereits am 28. August 1934 wegen Vermögenslosigkeit aus dem Handelsregister gelöscht.
Neugründung nach 1945 mini|hochkant|Franz Osterroth: Biographisches Lexikon des Sozialismus, 1960 Die Neugründung des Verlages nach 1945 geriet massiv in den Ost-West-Systemkonflikt. In der sowjetischen Besatzungszone gründete die SED den Verlag J.H.W. Dietz Nachf. notariell neu. Eine handelsgerichtliche Eintragung lehnte im Dezember 1946 das Amtsgericht Berlin mit Hinweis auf das GmbH-Gesetz ab (keine Person mit dem Namen J.H.W. Dietz unter den Gründern). Problemlos akzeptierte das Amtsgericht Berlin im April 1948 die Gründung der Dietz Verlag GmbH, Berlin. Als Namensgeber fungierte der Geschäftsführer des Greifenverlages Karl Dietz in Rudolstadt. Eine Übernahme alter Verlagsrechte war mit der Neugründung nicht verbunden.
Beim Parteivorstand der SPD in den westlichen Besatzungszonen in Hannover ging man von der politischen Auffassung aus, dass eine Verlagsneugründung nicht in Frage komme, da nach Beseitigung des nationalsozialistischen Unrechtsstaates der Verlag weiter bestehe. Zunächst erhielt August Albrecht (1890–1982), der in der Weimarer Republik den Arbeiterjugend-Verlag geleitet hatte, den Auftrag, den Verlag wieder zu etablieren. Albrecht gelang es nicht, die Löschung aus dem Handelsregister rückgängig zu machen und die Firma neu einzutragen. Er scheiterte daran, die vom Handelsregister angeforderten Unterlagen zur Rekonstruktion der durch Kriegseinwirkung nicht mehr vorhandenen Handelsregisterakten zu beschaffen. Wichtige Termine wurden überschritten.
Der Parteivorstand der SPD, der einen rechtlich einwandfrei abgesicherten Verlag benötigte, gründete 1950 den „Neuen Vorwärts-Verlag“ als sozialdemokratischen Zentralverlag.