miniatur|hochkant|August Macke: Bildnisstudie Elisabeth Epstein, 1912. Bleistift. 17 × 10,8 cm, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg Elisabeth Iwanowna Epstein, geborene Hefter, (* 11. März 1879 in Schytomyr/Ukraine; † 22. Januar 1956 in Genf) war eine russische Malerin der Moderne, die in Russland, Deutschland, Frankreich und in der Schweiz lebte und arbeitete.
Leben und Werk Bis 1989 war Epstein, wie viele andere Frauen in der Kunst, nur durch wenige Erwähnungen in der einschlägigen kunsthistorischen Literatur bekannt. Die Situation hat sich inzwischen gebessert, so dass man zumindest einen lückenhaften Lebenslauf rekonstruieren kann.
Geboren wurde sie als vermutlich drittes Kind des Arztes Doktor Johann (Iwan) Naumovich Hefter. Vom Vater stammte der zweite Vorname Iwanowna (Elisabeth, die Tochter von Iwan). Die Mutter hieß Maria Vilents. Nach den Geburtsdokumenten ist Elisabeth Hefter in Schytomyr, Soborna-Platz, im Vilents-Haus, also im Haus der Mutter, geboren worden. In den 1890er-Jahren siedelte die Familie nach Moskau um. Die Moskauer Adressbücher der Jahre 1894 und 1900 vermerken einen Johann Naumovich Hefter, Arzt für Geschlechtskrankheiten, der auf der Kusnezki-Brücke in Juncker Haus wohnte und praktizierte. Elisabeth Hefter hatte noch mindestens zwei weitere Schwestern. Die im Jahr 1900 in Moskau geborene Fanny Hefter wurde ebenfalls Malerin, lebte zeitweise in Paris und Lyon, ab 1957 in Israel.Information Center for Israeli Art, museum.imj.org, abgerufen am 29. Dezember 2022
Über das Aussehen der Malerin ist man durch eine Fotografie,Gisela Kleine: Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, Biographie eines Paares, Frankfurt/M. 1990, S. 258 die sie in Begleitung von Wassily Kandinsky in Paris zeigt, unterrichtet. Sie stimmt auffallend mit einer Porträtskizze von August Macke von 1912Klaus Lankheit: Karikaturen von der Hand August Mackes aus dem Nachlaß Franz Marc. In Ausst. Kat.: August Macke, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster 1986, S. 136, Abb. 9 überein. Beide Darstellungen lassen sich durch zwei späte Selbstporträts ergänzen.Bernd Fäthke: Elisabeth Ivanowna Epstein. Eine Künstlerfreundschaft mit Kandinsky und Jawlensky. 1989, Nr. 43 und Nr. 51 Mittlerweile kennt man von Epstein über 70 Gemälde, jedoch keine Zeichnungen oder Druckgraphiken.
Die künstlerischen Anfänge in Russland Ihre erste künstlerische Ausbildung erhielt Elisabeth Hefter 1895 bis 1897 bei Leonid Pasternak, der an der Moskauer „Schule für Malerei, Bildhauerei und Baukunst“ lehrte. Er gehörte zur Gruppe der „Wanderaussteller“ – den Peredwischniki – die dafür eintraten, das Niveau der Moskauer Lokalausstellungen zu heben.Grigori J. Sternin, Das Kunstleben Rußlands an der Jahrhundertwende, Dresden 1976, S. 09 Pasternak wurde der Beiname, der „Russische Impressionist“ verliehenNatalia Alexandrowa: Russische und Sowjetische Zeichnungen und Aquarelle von 1900 bis 1930 aus dem Puschkin-Museum Moskau, Städtische Kunsthalle Mannheim, Mannheim 1990, S. 53, was für Epsteins Entwicklung so viel bedeutete, dass sie sich an einem für Modernität aufgeschlossenen Maler orientieren konnte.
Weiterbildung in Deutschland Ab 1896 bildete sich Hefter im Atelier des Slowenen Anton Ažbe in München bis 1904 weiter, wo sie die Nass-in-Nass-Technik kennen lernte. Dort traf sie auch auf Kandinsky und Alexej Jawlensky. Zusammen mit diesen und weiteren russischen Künstlern verkehrte sie im „rosafarbenen Salon“Valentine Macardé: Le renouveau de l’art picturale russe 1863-1914, Lausanne 1971, S. 135 f. der Baronin Marianne von Werefkin.
1898 heiratete Hefter am 21. April in Warschau den seit 1894 in München ansässigen Arzt und Stadtrat Dr. Mieszyslaw Epstein (1868–1931). Am 28. März 1899 wurde ihr Sohn Alexander in München geboren. Zwischen 1900 und 1902 entstand Thomas Manns Erzählung „Tonio Kröger“, für deren Figur der geistreichen Malerin Lisaweta Iwanowna Epstein als Vorlage diente. Damals unterhielt Epstein auch Kontakte zu der russischen Malerin Olga Markowa Meerson, die in München in der Giselastraße wohnte und in Kandinskys Phalanxschule „Obmännin“ war.Vgl. Annegret Hoberg: Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau und Kochel 1902-1914, Briefe und Erinnerungen, München 1994, S. 31
Aus dieser Zeit – etwa 1903 zu datieren – stammt Epsteins frühestes bislang nachweisbares Gemälde, ein Porträt ihres Sohnes AlexanderBernd Fäthke: Elisabeth Ivanowna Epstein, Eine Künstlerfreundschaft mit Kandinsky und Jawlensky. 1989, Nr. 33, in dem sie sich der Malerei Ažbes in breiten Pinselbahnen bediente. Das Bild veranschaulicht, dass Epstein damals ganz im Sinne ihres Lehrers Ažbe und auf der Höhe der Zeit in München eine impressionistische Malerei „Nass-in-Nass“ à la Lovis CorinthBernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. 2004, S. 60 ff. beherrschte, nahezu ebenbürtig ihrem Kollegen Jawlensky. 1904 ging sie für einige Monate nach Frankreich und besuchte die Académie de la Palette in Paris, wo sie Freundschaft mit der ebenfalls aus der Ukraine stammenden Sonia Terk schloss. 1905 hielt sich Epstein in der Schweiz auf und kehrte anschließend nach München zurück. Ein 1905 von Epstein im Bild datiertes StilllebenBernd Fäthke: Elisabeth Ivanowna Epstein, Eine Künstlerfreundschaft mit Kandinsky und Jawlensky. 1989, Nr. 29 – durch die Art der Pinselführung in schmalen Strichen und breiten, länglichen Flecken, ableitbar aus dem Neoimpressionismus – ist der gleichzeitigen Malerei Jawlenskys derart verwandt, dass man davon ausgehen kann, dass es unter seiner Anleitung in seiner MalschuleBernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. 2004, S. 73 f. entstand, in der damals beispielsweise auch Franziska Gräfin zu Reventlow, Rudolf Czapek und Gabriele Münter zu finden waren.
Weiterbildung in Frankreich 1906 wohnte Epstein zunächst für einige Zeit in Westerham bei Rosenheim, um noch im selben Jahr wieder nach Paris zurückzukehren. Dort lebte sie mit Sonia Terk und weiteren Künstlerinnen in einer Wohngemeinschaft. Künstlerisch arbeitete sie gemeinsam mit Sonia Terk und dem aus Prag stammenden Maler Eugen von Kahler (1882–1911) zusammen. Letzteren lernte Epstein „vermutlich“Franziska Uhlig: Biographien. In Ausst. Kat.: Der Blaue Reiter und das Neue Bild Von der ›Neuen Künstlervereinigung München‹ zum Blauen Reiter, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1999, S. 383 im Café du Dôme kennen. In Sèvres besuchte sie zusammen mit Olga Meerson Kandinsky und Gabriele Münter.Annegret Hoberg: Gabriele Münter, Biographie. In Ausst. Kat.: Gabriele Münter 1877-1962, Retrospektive, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1992, S. 12 – Ein besonderes Ereignis dürfte für sie 1906 ihre Teilnahme an der von Sergei Djagilew im Grand PalaisCamilla Gray, Das große Experiment, Die russische Kunst 1863-1922, Köln 1974, S. 51 mit großem Pomp in zwölf Räumen organisierten Abteilung russischer Kunst des Salon d’Automne gewesen sein. Diese zeigte die junge russische Künstlergeneration mit Werken u. a. von Epsteins Kollegen wie Léon Bakst, Alexander Benois, Natalija Gontscharowa, Igor Grabar, Jawlensky, Kandinsky, Michail Larionow, Konstantin Somow oder Michail Wrubel. – 1907 nahm sie am Pariser Salon d’Automne teil. 1908 hielt sich Epstein zeitweise wieder in München auf, um ihre Scheidung von ihrem Ehemann einzuleiten. Zusammen mit Kandinsky war sie damals Schülerin von Jawlensky, was aus Kandinskys Briefen aus den 1930er-Jahren hervorgeht.Bernd Fäthke: Elisabeth Ivanowna Epstein, Eine Künstlerfreundschaft mit Kandinsky und Jawlensky. 1989, S. 7 ff. Am 1. Oktober erfolgte der endgültige Umzug nach Paris. Wiederum stellte sie im Pariser Salon d’Automne aus. 1910 traf sie in Paris auf Robert Delaunay, der zwischenzeitlich mit ihrer Freundin Sonja Terk verheiratet war, des Weiteren Fernand Léger, Amédée Ozenfant, Juan Gris und Henri Le Fauconnier, der im selben Jahr Mitglied der Neuen Künstlervereinigung München wurde und an deren Ausstellungen teilnahm.
Vermittlerin zwischen der Pariser Avantgarde und der Redaktion Blauer Reiter 1911 stellte Epstein erneut im Pariser Salon d’Automne aus. Sie wurde damals zur wichtigsten Kontaktperson für Kandinsky und Franz Marc zur Pariser Kunstszene. Sie war es, die den bedeutungsvollen Kontakt von Delaunay zu Kandinsky vermittelte. Eines ihrer Porträts und eines ihrer StilllebenRosel Gollek: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. In: Katalog der Sammlung in der Städtischen Galerie, München 1974, S. 274 f. aus jener Zeit wurden von Kandinsky und Marc in der ersten Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter präsentiert. Das Porträt soll Kandinsky gekauft haben. Sicher ist, dass sie das Stillleben mit dem Titel „Disteln“ Kandinsky schenkte. Marc vermittelte Verkäufe ihrer Arbeiten an die Galerie „Neue Kunst“ von Hans Goltz. Kandinsky soll ihr damals auch die Übersetzung seines Werkes „Über das Geistige in der Kunst“Wassily Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst, insbesondere in der Malerei, München 1912, (1. Auflage), (Die Erstauflage erschien Ende 1911 bei Piper in München mit Impressum 1912) ins Französische angetragen haben. 1912 erfolgte ihre Scheidung von Mieszyslaw Epstein. – Franz und Maria Marc sowie August Macke besuchten Epstein in Montmorency bei Paris. Marc war damals besonders von ihrer Porträtmalerei angetan.Wassily Kandinsky, Franz Marc: Briefwechsel, Hrsg. Klaus Lankheit, München 1983, S. 193 Sie nahm an der ersten Ausstellungsserie der Redaktion des Blauen Reiters im Gereonsklub in Köln teil.Mario-Andreas von Lüttichau: Die Stationen der Tournai. In Ausst. Kat.: Der Blaue Reiter, Kunsthalle Bremen, Bremen 2000, S. 59 In Herwarth Waldens Kunstzeitschrift „Der Sturm“ erschien 1912 ihre theoretische Abhandlung „Einige Gedanken über Bildentstehung“, in der sie sich unter anderem auch mit dem Kubismus auseinandersetzte.Epstein: Einige Gedanken über Bildentstehung. 1912, S. 236. 1913 publizierte sie einen weiteren Aufsatz in der Kunstzeitschrift „Der Sturm“ mit dem Titel „Das Lächerlichsein“. Darin äußerte sie sich positiv zur Abstrakten Kunst: „Der Drang nach Abstraktion wird immer größer; dies echte Bedürfnis dringt immer und immer weiter und Abstraktion wird erste Forderung.“ Sie sprach von „der wahren Abstraktion“ und bezweifelte, dass jedermann fähig ist, mit ihr umzugehen: „Wie viele aber können abstrahieren ohne allen Sinn zu verlieren, wie viele können ihren Boden lassen, um auf sichereren zu gehen in Abstraktion? So entstehen Werke, die abstrakt aussehen, die nichts sind und von nichts sagen.“Epstein: Das Lächerlichsein. 1913, S. 13. – Die Galerie „Der Sturm“ stellte damals auch zwei ihrer Porträts auf dem Ersten Deutschen Herbstsalon ausIm Katalog abgebildet ist das „Porträt eines jungen Mädchens“, Katalog-Nummer 127, Erster Deutscher Herbstsalon: Berlin 1913, Nachdr. [d. Ausg.], Galerie Der Sturm, Berlin 1913, ISBN 3-88375-082-4. Am Ende des Jahres nahm sie wieder am Salon d’Automne in Paris teil. 1914 traf sie in Bordighera an der ligurischen Küste mit Jawlensky zusammen, der in der „Villa Constantia“ logierte. Epstein wohnte in der nahgelegenen „Pension Richemont“.Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. 2004, S. 168 f.
Die 1920er-Jahre in Genf und Paris Ab 1914 klafft nach heutiger Kenntnis eine große Lücke in Epsteins künstlerischem Œuvre bis 1928. Über ihre Lebensumstände finden sich einige Hinweise im Archiv des Christian Schad Museums, Aschaffenburg.