mini|Blick auf Ober-Bessingen
Ober-Bessingen ist einer von neun Stadtteilen der Stadt Lich im mittelhessischen Landkreis Gießen und ist rund 7 km östlich der Kernstadt an der Wetter gelegen.
Ortsgeschichte
Vor- und Frühgeschichte Auf dem Hässels gelegene Hügelgräber legen eine Besiedlung schon in der Bronzezeit nahe. Mittelalter Bis zum 1260 finden sich keine Unterscheidungen zwischen den Ortsnamen Ober- und Nieder-Bessingen. In dem fuldischen Kopiar, dem sogenannten Codex Eberhardi, wird Bessingen erstmals um 1056 erwähnt.Ernst Friedrich Johann Dronke: Codex dipolomaticus Fuldensis. Kassel 1850. Nr. 754, S. 363. Es schenkten Hecil und seine Frau Ota dem Kloster „... in Bezcingen XV huba et nemus et molendina.“ (15 Hufen und Wald und Mühlen.) Im gleichen Kopiar, das um 1160 entstanden ist, heißt es: „... bona sua in bezzingestat“. (Seine Güter in Bessingen).Ernst Friedrich Johann Dronke: Traditiones et antquitates Fuldenses. Fulda 1844. Kap. 42, Nr. 181. S. 110. Eine weitere Schenkung stammt von Biricho und seiner Frau Ruda und wird ins 9. Jahrhundert datiert.Der Codex Eberhardi des Klosters Fulda. Hrsg. von Heinrich Meyer zu Ermgassen. Band 1. Marburg 1995. = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. 58, 1. S. 212. 1226 wird ebenfalls in einem Kopiareintrag der Ort genannt: „... apud Bessingen“, (bei Bessingen).Ludwig Baur: Hessische Urkunden aus dem Großherzoglich Hessischen Haus- und Staatsarchive. Band 1–5. Band 1. Darmstadt 1860–1873. Nr. 1276, S. 857.
Die älteste Erwähnung Ober-Bessingens stammt aus dem Jahr 1260, niedergeschrieben in einem Kopiar aus dem 16. Jahrhundert: „... curiam sitam apud Bessingen superiorem.“Heinrich Reimer: Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau. Band 1 – 4. Leipzig 1891 – 1897. Bd. 1. Nr. 356, S. 261. (Der zentrale Hof gelegen bei Ober-Bessingen.) In ihm gestatten die Lehnsherren Reinhard I. von Hanau und seine Ehefrau Adelheid von Münzenberg den Verkauf eines zentralen Hofes (curia) an das Zisterzienserkloster Haina. Eine Urkunde aus dem Jahre 1327 belegt „Konrad den Pudeler“ von „Abirnbeßingen“.Archiv Lich, Urkunden Solms, Kasten 35. Man kann von dem Ortsnamen Ober-Bessingen darauf schließen, dass es auch ein zweites Bessingen, nämlich ein Unter- oder Nieder-Bessingen gibt. Eine Urkunde von 1374 spricht „zusschin den zweyn Beßingen“.Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau. Darmstadt 1851. Nr. 1013, S. 616. Aber noch im 15. Jahrhundert reicht es aus, in Urkunden nur Bessingen als Herkunftsort anzugeben. So heißt es 1438: „Henne von Bessungen“.Meinhard Sponheimer (Bearbeiter): Urkundenbuch der Stadt Wetzlar. Band 3. Nr. 864, S. 479. Ebenfalls im 15. Jahrhundert gibt es auch den urkundlichen Beleg für „Nydern Bessungen“.Universitätsbibliothek Gießen, Handschrift 556/60. S. 22.
Der Ortsname Bessingen ist eine Ableitung des Rufnamens „Bazzo“ mit dem Suffix „-inga“. Die Siedlung ist also benannt nach ihrem Ortsgründer oder der dort wohnenden Sippe. Also ist Bessingen die „Siedlung der Leute, die in der von Bazzo gegründeten Siedlung wohnen“.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 52–54, besonders S. 53.
Der oben als „curia“ bezeichnete Hof ging in den Besitz des Hauses Solms-Lich über, und die Vogtei wurde zu einem gelegentlichen Spielball bei Erbauseinandersetzungen. Aus der Flurbezeichnung Schloßgärten kann das Vorhandensein einer kleinen Burg bzw. eines Schlösschens vermutet werden, es könnte sich dabei um den in Urkunden erwähnten Münzenbergischen Hof gehandelt haben, was aber spekulativ ist.
Neuzeit Im Dreißigjährigen Krieg wurde Ober-Bessingen mit Kontributionen und Abgaben gepresst, Vieh wurde beschlagnahmt. Weiteres Leid brachte das Pestjahr 1635. 1675 kam es zu einem verheerenden Brand, dem 63 Häuser zum Opfer fielen, darunter auch das Torhaus. Nach den Schrecken der Napoleonischen Kriege erfolgte ab 1815 eine Ablösung von den landesherrlichen Lasten. Außer der Landwirtschaft gab in den Wintermonaten die Leineweberei vielen Höfen ein zusätzliches Einkommen. Bis 1877 gab es im Ort eine Papiermühle, lange Zeit auch Basaltsteinbrüche.
Im Jahr 1907 ging die Wasserversorgung in Betrieb, 1921 erfolgte die Elektrifizierung, und seit 1973 ist Ober-Bessingen kanalisiert. Durch einen großen Zuzug von Flüchtlingen, vor allem aus dem Sudetenland, erhöhte sich nach 1945 die Einwohnerzahl von Ober-Bessingen beachtlich.
Hessische Gebietsreform (1970–1977) Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Ober-Bessingen zum 31. Dezember 1970 auf freiwilliger Basis in die Stadt Lich eingegliedert. Für Ober-Bessingen wurde, wie für alle Stadtteile von Lich, ein Ortsbezirk eingerichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Ober-Bessingen angehört(e):
vor 1718: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Solms-Lich, Amt Lich ab 1718: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Solms-Hohensolms-Lich, Amt Lich ab 1792: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Solms-Hohensolms-Lich, Amt Lich ab 1806: Großherzogtum Hessen, Fürstentum Oberhessen, Amt Lich (des Fürsten Solms-Hohensolms-Lich) ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Lich (des Fürsten Solms-Hohensolms-Lich) ab 1820: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt LichPatrimonialgericht: Standesherrliches Amt Lich des Fürsten Solms-Hohensolms-Lich. ab 1822: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk HungenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Lich; 1822 gingen die Rechte des „standesherrlichen Amts Lich“ an das Landgericht über, wo sie im Namen der Standesherren ausgeübt wurden) und Verwaltung. ab 1837: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Grünberg ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Gießen ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Kreis Gießen ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis Gießen ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1971: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen, Stadt Lich ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Lahn-Dill-Kreis, Stadt Lich ab 1979: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen, Stadt Lich ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Gießen, Stadt Lich
Gerichte seit 1803 In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für das Fürstentum Oberhessen (ab 1815 Provinz Oberhessen) wurde das „Hofgericht Gießen“ eingerichtet. Es war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Ober-Bessingen ab 1806 das „Patrimonialgericht der Fürsten Solms-Hohensolms-Lich“ in Lich zuständig. Nach der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurden die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übertragen. Ab 1822 ließen die Fürsten Solms-Hohensolms-Lich ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Lich“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Ober-Bessingen zuständig war. Auch auf sein Recht auf die zweite Instanz, die durch die Justizkanzlei in Hungen ausgeübt wurde, verzichtete der Fürst 1823. Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.
Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolge derer die bisherigen großherzoglichen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Lich“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen. Am 1. Juni 1934 wurde das Amtsgericht Lich aufgelöst und Ober-Bessingen dem Amtsgericht Gießen zugeteilt.
Schulgeschichte mini|Das ev. Gemeindehaus mini|Das Dorfgemeinschaftshaus mini|Die freiwillige Feuerwehr
Am 7. Februar 1703 gestattete Moritz von Solms dem Ort eine eigene Schule. Das bis 1971 genutzte Schulhaus stammt von 1881, es konnte mittlerweile als Dorfgemeinschaftshaus umgebaut und 1985 eingeweiht werden, da ab der Eingemeindung nach Lich auch die Beschulung der Kinder in den Licher Schulen erfolgte. Im Jahr 2002 wurde das Dorfgemeinschaftshaus um eine Bühne erweitert.
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag, dem 9. Mai 2011 in Ober-Bessingen 564 Einwohner. Darunter waren 15 (2,7 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 78 Einwohner unter 18 Jahren, 243 zwischen 18 und 49, 138 zwischen 50 und 64 und 105 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 240 Haushalten. Davon waren 63 Singlehaushalte, 78 Paare ohne Kinder und 48 Paare mit Kindern, sowie 18 Alleinerziehende und 3 Wohngemeinschaften. In 45 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 145 Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung
Historische Religionszugehörigkeit 1830: 405 evangelische (= 100 %) Einwohner 1961: 397 evangelische (= 86,5 %), 62 katholische (= 13,5 %) Einwohner
Historische Erwerbstätigkeit Im Jahr 1961 wurden die folgenden Erwerbspersonen gezählt: 132 in Land- und Forstwirtschaft; 92 im produzierenden Gewerbe; 12 in Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung; 19 im Dienstleistungsbereich oder sonstigen Gewerbe. mini|Engel in der evangelischen Kirche
Politik Für den Stadtteil Ober-Bessingen besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Ober-Bessingen) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus fünf Mitgliedern. Bei den Kommunalwahlen in Hessen 2021 betrug die Wahlbeteiligung bei der Wahl zum Ortsbeirat 68,68 %, 2026 waren es 64,4 %. 2021 und 2026 wurden gewählt: drei Mitglieder der CDU und zwei Mitglieder der „Freien Wähler“ (FW). Dem aktuellen Ortsbeirat gehören an: Silja Römer (CDU), René Schäfer (CDU), Andreas Abert (CDU), Timo Gruhn (FWG) und Sebastian Nachtigall (FWG). Der Ortsbeirat wählte Silja Römer (CDU) zur Ortsvorsteherin.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Die „Pforte“ mini|Evangelische Kirche mini|Der Eichbaum
Bauwerke