Die Bettwanze (Cimex lectularius), auch Hauswanze, ist eine Wanze aus der Familie der Plattwanzen (Cimicidae). Diese sind darauf spezialisiert, in den Schlafplätzen von endothermen (warmblütigen) Lebewesen – vor allem Menschen – zu leben und sich von deren Blut zu ernähren. Bettwanzen sind Zivilisationsfolger und gelten als klassische Parasiten. Das mit typischen Hauterscheinungen und Symptomen einhergehende Krankheitsbild, das durch den Biss von Bettwanzen hervorgerufen wird, bezeichnet man als Cimikose.
Die Gattung Cimex enthält 16 Arten. Als zweite Art ernährt sich Cimex hemipterus, welche vorwiegend in den Tropen vorkommt, ebenfalls von menschlichem Blut.
Merkmale Die erwachsenen Tiere sind anfänglich papierdünn und erreichen Körperlängen zwischen 3,8 und 5,5 Millimeter, im vollgesogenen Zustand bis zu 9 Millimeter. Die Wanzen sind behaart und von rotbrauner Farbe. Die Hinterflügel fehlen völlig; die Vorderflügel sind zu kleinen Schuppen zurückgebildet. Der Halsschild ist vorne halbkreisförmig ausgeschnitten. Die Facettenaugen sind sehr klein, Punktaugen (Ocellen) fehlen. Durch ihren flachen Körperbau gelangen sie besonders gut in enge Zwischenräume, wo sie sich vor Lichteinstrahlungen zurückziehen.
Bettwanzen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 6 bis 12 Monaten.Jerome Goddard, Richard deShazo: Bed Bugs (Cimex lectularius) and Clinical Consequences of Their Bites. In: Journal of the American Medical Association. (JAMA) 2009, Band 301, Nr. 13, S. 1358–1366, doi:10.1001/jama.2009.405.
Verbreitung und Lebensräume Die Bettwanze ist ein Kosmopolit. Sie ist im Norden bis etwas über den 65. Breitengrad beheimatet. In den Alpen kann sie bis auf fast vorkommen. Da Cimex hemipterus inzwischen auch in Moskau und Sankt Petersburg nachgewiesen worden istD. A. Gapon: First records of the tropical bed bug Cimex hemipterus (Heteroptera: Cimicidae) from Russia. In: Zoosystematica Rossica. 2016, Band 25, Nr. 2, S. 239–242., erscheint ein Vorkommen auch dieser Art in Mitteleuropa inzwischen denkbar.
Bettwanzen sind weitgehend an den Menschen und die ihn umgebenden Tiere gebunden. Sie leben in menschlichen Ansiedlungen, vor allem in Ferienunterkünften, Wohnungen, seltener auch in Ställen. Daneben kommen sie, an Fledermäusen als Wirt, in Höhlen vor.
Lebensweise Ernährung Bettwanzen sind Blutsauger. Sie sind nachtaktiv. Sie halten sich tagsüber in trockenen, spaltenförmigen Verstecken auf. Mittels Geruchsstoffen (Aggregationspheromone), die den Wehrdrüsen entstammen, locken sie sich gegenseitig an und bilden größere Ansammlungen. Erwachsene Tiere sind unempfindlich gegen Kälte und können bis zu 40 Wochen ohne Nahrung auskommen. Sie erzeugen bei Beunruhigung einen süßen Geruch, der als Alarm-Pheromon ein fluchtartiges Zerstreuen der Wanzenansammlungen bewirkt. Die Wanze benötigt bis zu zehn Minuten, um ihre Nahrung aufzunehmen, deren Menge das Siebenfache des Ausgangsgewichts des Insekts erreichen kann.
Da alle Arten der Gattung Cimex an Fledermäusen vorkommen können und die meisten auf diese spezialisiert sind, gelten Fledermäuse als der primäre Wirt der Bettwanze. Es wird vermutet, dass sie schon in der Steinzeit auf den Menschen als neuen Wirt übergegangen sind. Während Bettwanzen an menschlichen Wirten weltweit auftreten, sind sie bei Fledermauswirten auf die Alte Welt beschränkt. Experimentell, im Labor, lassen sich Bettwanzen mit Blut zahlreicher Säugetier- und Vogelarten züchten, darunter etwa auch Labormäuse, Kaninchen und Meerschweinchen.C. G. Johnson: The Ecology of the Bed-Bug Cimex lectularius L in Britain. In: Journal of Hygiene. 1941, Band 41, Nr. 4, S. 345–461. An diesen treten sie aber im Freiland nicht auf. Heute treten Bettwanzen außer bei Menschen und Fledermäusen an verschiedenen Vogelarten auf, die entweder in Gebäuden nisten oder vom Menschen gehalten werden; darunter verbreitet in Geflügelhaltungsbetrieben, von wo aus sie sekundär wieder auf den Menschen übergehen können.C. Dayton Steelman, Allen L. Szalanski, Rebecca Trout, Jackie A. McKern, Cesar Solorzano, James W. Austin: Susceptibility of the Bed Bug Cimex lectularius L. (Heteroptera: Cimicidae) Collected in Poultry Production Facilities to Selected Insecticides. In: Journal of Agricultural and Urban Entomology. 2008, Band 25, Nr. 1, S. 41–51, doi:10.3954/1523-5475-25.1.41. Wildlebende Vögel mit nachgewiesenen Bettwanzen-Vorkommen sind etwa Haussperlinge. An Tauben und verwilderten Stadttauben, die oft in Häusern nisten, kommt die nahe verwandte und morphologisch sehr ähnliche Taubenwanze (Cimex columbarius) vor, aber, soweit bekannt, keine Bettwanzen. Bettwanze und Taubenwanze lassen sich vor allem anhand des Verhältnisses von Kopfbreite zur Länge des ersten Antennensegments, meist nur von Spezialisten, voneinander unterscheiden.Robert L. Usinge: Monograph of the Cimicidae. In: Bulletin of the Entomological Society of America. 1966, Band 12, Nr. 3, S. 1–572.
Fortpflanzung Wie bei allen Arten der Familie Plattwanzen erfolgt die Paarung der Bettwanzen in außergewöhnlicher Weise. Das Weibchen wird gewissermaßen vom Männchen überfallen, wobei dieses von rechts hinten an das Weibchen herankriecht und es sofort begattet, indem es einfach die Körperwand durchbohrt. Ein vorheriges Werbeverhalten wurde bislang nicht beobachtet.
mini|Traumatische Insemination bei Cimex lectularius
Die Weibchen der Bettwanzen verfügen wie alle Plattwanzen auf der Bauchseite unter der Haut über ein spezielles Organ ohne Öffnung nach außen, das Ribagasche Organ (). Dieses taschenförmige, von außen als kleine Schwellung sichtbare Organ liegt zwischen dem 4. und 5. Sternit und dient während der Begattung allein der Spermienaufnahme und nicht als eine Geschlechtsöffnung. Die Männchen, in der Regel zielgeführt durch dieses weibliche Organ, stechen mit einem nadelförmigen Kopulationsorgan, einem umgebildeten Paramer, die Körperwand des Weibchens an dieser Stelle durch, sie führen dann über den Aedeagus die Spermien in die Tasche ein.M. T. Siva-Jothy: Trauma, disease and collateral damage: conflict in cimicids. In: Philosophical Transactions of The Royal Society Biological Sciences. 2006, Band 361, Nr. 1466, S. 269–275, doi:10.1098/rstb.2005.1789.E. H. Morrow, G. Arnqvist: Costly traumatic insemination and a female counter-adaptation in bed bugs. In: Proceedings. Biological sciences / The Royal Society. 2003, Band 270, Nr. 1531, S. 2377–2381, PMID 14667354, doi:10.1098/rspb.2003.2514. Ein derartiger Begattungsablauf, der bei anderen Tierarten auch mit einem Durchstechen der Weibchenhaut an beliebiger Stelle des Abdomens verbunden ist, wird als „traumatische Insemination“ bezeichnet.
Anschließend gelangen die Spermien über die Hämolymphe der Leibeshöhle zunächst in das Spermienspeicherorgan, das – anders als bei anderen Insekten – kein Receptaculum seminis ist. Dieses Organ befindet sich nahe der Ovarien. Die Spermien befruchten – auch ungewöhnlich für Insekten – die Eier im Ovar. Jedes Weibchen legt durch eine Geschlechtsöffnung, die allein für die Eiablage benutzt wird, etwa ein bis zwölf Eier täglich und während seiner Lebenszeit etwa 200, die höchste bisher festgestellte Zahl war 541. Die Eier werden auf raue Oberflächen an Raststellen der Tiere, also an versteckten Orten wie beispielsweise in Möbelritzen, hinter Bildern, Tapeten, in Steckdosen, an Kleidung oder Gardinen, in Bettgestellen, Matratzen oder deren Nähten, geklebtWHO - Vector Biology and Control Division, 1982, VI: Bed Bugs. Document WHO/VBC/82.857. und enthalten bei der Ablage bereits mehr oder weniger weit entwickelte Embryonen. Aus den Eiern schlüpfen innerhalb von 7 Tagen (bei 25 °C) die Larven, die sich in etwa fünf Wochen über fünf Stadien zum adulten Insekt entwickeln. Die Larve der Bettwanze ist dem erwachsenen Tier sehr ähnlich, jedoch etwas gelblicher. Die Larven müssen in jedem der fünf Entwicklungsstadien mindestens einmal Blut saugen. Das Wärmebedürfnis ist vergleichsweise hoch, unter 13 bis 15 °C findet keine Entwicklung mehr statt.
Geschichte Man vermutet, dass die Bettwanze ursprünglich aus Asien stammt, oder auch aus Höhlen des Nahen Ostens, in denen sich damals zugleich sowohl Menschen wie auch Fledertiere aufhielten.Gary R. Mullen, Lance A Durden (Hrsg.): Medical and Veterinary Entomology. Third Edition, Academic Press, Boston 2019, ISBN 978-0-12-814043-7, S. 119. Zusammen mit den Menschen hat sie von dort aus die Welt besiedelt. Die Bettwanze ist seit dem Altertum im Mittelmeerraum bekannt.Zur Bettwanze in der Antike siehe Henry Heitmann-Gordon: Im Bettgestell der Episteme. Die Bettwanze als Ungeziefer und Wissensgegenstand in der Antike. In: Charlotte Köckert, Hans-Ulrich Wiemer (Hrsg.): Imperium und Oikumene. Universale Horizonte und partikulare Kontexte in der hellenistisch-römischen Welt (= Millennium-Studien. Band 120). De Gruyter, Berlin 2026, ISBN 978-3-11-224974-1, S. 277–310 (Open Access). Ins Innere Europas gelangte sie erst, als die Menschen sich Wohnungen zu bauen begannen, in denen Temperatur und Luftfeuchtigkeit wanzengerecht waren. Dies geschah erst im 17. Jahrhundert. Seitdem hat sich die Bettwanze stark verbreitet. Als der angesehene schottische Historiker und Essayist Thomas Carlyle und seine Ehefrau Jane Welsh Carlyle 1834 in London ein neues Haus bezogen, hielt Jane Carlyle fest, dass ihr Haus unter all ihren Bekannten das einzige sei, das frei von Bettwanzen sei.Judith Flanders: The Victorian House: Domestic Life from Childbirth to Deathbed. Harper Perennial, London 2003, ISBN 0-00-713189-5, S. 13. Dutzende weiterer derartiger historischer Anekdoten finden sich in den Übersichten von Boynton (1963)Boynton: The Bed-bug and the “Age of Elegance”. In: Furniture History. 1963, Band 1, S. 1–25., Reinhardt (2014)Buchbeschreibung → Klaus Reinhardt: Literarische Wanzen: Eine Anthologie; nebst einer kleinen Natur- und Kulturgeschichte. Neofilis-Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-943414-65-3. Auf: neofelis-verlag.de, abgerufen am 18. Oktober 2019. und Reinhardt (2018). Reaktion Books, London 2018, ISBN 978-1-78023-973-6. Auf: reaktionbooks.co.uk, abgerufen am 18. Oktober 2019.
Interaktion mit Menschen Bettwanzen nähern sich Menschen suchend mit ausgestreckten Antennen. Zum Stich wird der Stechrüssel vorgeklappt, so dass er im 90-Grad-Winkel vom Körper absteht. Die Wanze hält sich mit den Vorderbeinen an der Haut fest und bohrt den Rüssel ein. Die Stechborsten werden aus Mandibeln und Maxillen gebildet, das Labium, das sie in Ruhestellung einhüllt, wird beim Stechakt weggeklappt. Die Spitzen der Mandibeln sind gezähnt, sie verankern die Stechborsten und ziehen diese durch alternierende (abwechselnde) Bewegung in die Haut, bis ein Blutgefäß erreicht ist. Die Maxillen werden in den Stichkanal nachgezogen, nur diese werden in das Blutgefäß eingeführt. Die Stechborsten bilden ein Rohr mit zwei Kanälen, einem Nahrungsrohr für das Blut und einem Speichelrohr, durch das Speichel abgegeben wird, der gerinnungshemmend und betäubend wirkt. Der Stich der Bettwanzen ist schmerzlos und wird vom Wirt in der Regel nicht bemerkt. Werden die Wanzen beim Saugakt gestört, ziehen sie sich schnell zurück, solange der Stechrüssel noch nicht fest in der Haut verankert ist. Bei mehreren Stichen sind diese oft in geraden Reihen angeordnet.