mini|hochkant=1.1|Grabmal des Poblicius
Das Grabmal des Poblicius ist ein römisches Grabmonument, das für den pensionierten italischen Legionär und gesellschaftlichen Aufsteiger Lucius Poblicius sowie für dessen Familie während der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. an einer Ausfallstraße der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) errichtet wurde. Es steht heute im Römisch-Germanischen Museum in Köln. Aufgrund seines außergewöhnlich guten Erhaltungszustandes ist das Bauwerk heute ein Musterbeispiel für die Grabarchitektur gutsituierter römischer Familien in einer Frühphase der städtischen Entwicklung im Rheinland.
Forschungsgeschichte Im Jahr 1884 wurde auf dem heutigen Grundstück Chlodwigplatz 24 in der südlichen Kölner Altstadt eine größere Zahl monumentaler, behauener und skulptierter Quader entdeckt. Bereits damals wurde vermutet, dass sie von einem oder mehreren römischen Grabbauten stammen könnten. Im April 1965 stießen die Jugendlichen Josef und Heinz Gens, Söhne des Textilkaufmanns Heinrich Gens, während einer Sondierungsgrabung für die Erweiterung des Elternhauses am Chlodwigplatz auf eine Vielzahl von Quadern mit Reliefschmuck und Figurenteilen. Die Brüder meldeten den Fund und boten der Stadt Köln an, eine offizielle Grabung durchzuführen, doch hatten die zuständigen Stellen nur wenig Zeit für die Entdeckung.Rudolf Pörtner: Als Rhein und Mosel römisch waren. Neue Grabungen in der Germania Romana. In: Alte Kulturen ans Licht gebracht. Neue Erkenntnisse der modernen Archäologie. Econ Verlag, Düsseldorf und Wien 1975, ISBN 3-430-17527-5, S. 405. Ohne amtliche GenehmigungJohannes Helmrath: Quellen zur Geschichte der Stadt Köln. Band I. Antike und Mittelalter. J. P. Bachem Verlag, Köln 1999, S. 17. – nach anderen Darstellungen mit einer GrabungserlaubnisHelmut Signon: Die Römer in Köln. Altertümer zwischen Eifel und Rhein. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1977, S. 131. – gruben die Brüder mit Freunden bis 1967 ca. 17.000 Stunden langHelmut Signon: Die Römer in Köln. Altertümer zwischen Eifel und Rhein. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1977, S. 139. aus bis zu neun Metern Tiefe Steine aus und präsentierten anschließend über 70 Quader, darunter bereits zu Rekonstruktionen zusammengefügt: die fast komplette Inschrift des Grabmals und die Pandarstellungen, die sich heute auf den Seitenwänden des Obergeschosses befinden, in ihren Kellerräumen. Dieses „Privatmuseum“ wurde von der Öffentlichkeit mit großem Interesse wahrgenommen.Greta Wolff: Das Römisch-Germanische Köln. 6., überarbeitete Auflage, Bachem, Köln 2005, ISBN 3-7616-1370-9, S. 25. Die Archäologen Otto Doppelfeld und Heinz Kähler erkannten die Bedeutung des Fundes, und Doppelfeld versuchte, die Quader für das von ihm mitinitiierte Römisch-Germanische Museum (RGM) zu gewinnen. In der Ausstellung Römer am Rhein wurden 1967 die vier erstgefundenen Quader, zwei Gebälkstücke, ein Gesims und ein Panrelief der Öffentlichkeit vorgestellt.Rudolf Pörtner: Als Rhein und Mosel römisch waren. Neue Grabungen in der Germania Romana. In: Alte Kulturen ans Licht gebracht. Neue Erkenntnisse der modernen Archäologie. Econ Verlag, Düsseldorf und Wien 1975, ISBN 3-430-17527-5, S. 406. Für 510.000 DM erwarb die Stadt im Mai 1970 alle ausgegrabenen Steine von den beiden Findern.Peter Fuchs (Hrsg.), Chronik zur Geschichte der Stadt Köln, Band 2, 1991, S. 306 Mit ca. 25 schon 1884 gefundenen Quadern und den 70 von den Brüdern Gens zwischen 1965 und 1967 gefundenen Quadern standen fast 100 Quader für den Wiederaufbau des Grabmals im neuen Römisch-Germanischen Museum zur Verfügung. Der Architekt und Bauforscher Gundolf Precht wurde mit dem Wiederaufbau des Grabmals im RGM betraut. Seine Rekonstruktion von 1974 orientierte sich an Rekonstruktionen von Josef Gens aus den Jahren 1968 bis 1971 und der von Heinz Kähler veröffentlichten RekonstruktionAntike Welt 1. Jahrgang, Heft 4, 1970, S. 16.. Von Precht vorgenommene Quaderzuordnungen werden heute kritisch gesehen, wie z. B. die erst im zweiten Jahrhundert n. Chr. entstandene Aeneas Gruppe auf der Grabmalspitze und die frei aufgestellten Statuen, die in Nischen an einer Wand gestanden haben müssen, wie die flache Bearbeitung ihrer Rückseiten zeigt. Otto Doppelfeld und Heinz Kähler entzifferten die Grabinschaft.Gundolf Precht: Das Grabmal des Lucius Poblicius. Rekonstruktion und Aufbau. Römisch-Germanisches Museum der Stadt Köln, 1975, S. 46. Später beschäftigte sich Tilmann Bechert erneut mit der Inschrift. Die Versuche, den nur unvollständig erhaltenen Text zu ergänzen, wurden jedoch kritisiert.Hugo Börger, Helga Schmidt-Glassner: Das Römisch-Germanische Museum Köln. Callwey, München 1977, S. 31. Im Jahr 2017 wurden von Hermann Krüssel und Josef Gens im Buch Das Poblicius-Denkmal – Köln in augusteischer Zeit neue umfangreiche Forschungen zum Poblicius-Grabmal vorgelegt, darunter auch eine Ergänzung der vierten Inschriftzeile.
Josef Gens wurde am 1. September 2012 mit dem Severins-Bürgerpreis für Verdienste um kölnische Sprache, Kultur, Kunst und Brauchtum geehrt, den der Kölner Verein Severins-Bürgerpreis seit 1984 vergibt. Die Laudatio hielt der Direktor des Römisch-Germanischen Museums, Marcus Trier.Carl Dietmar: Poblicius-Grabmal. Geschichte eines Sensationsfundes. In: Kölner Stadtanzeiger, 1./2. September 2012, S. 35.
Aufbau mini|hochkant=0.9|Poblicius in einer Toga und mit einer Urkunde Das Grabmal des Poblicius ist in seiner Art nicht einzigartig, sondern gehörte zu seiner Zeit in den Kanon ähnlicher Großbauten vermögender Römer. Der um 40 n. Chr. erbaute, 14,70 Meter hoch rekonstruierte Grabturm ist in Form einer Ädikula errichtet worden. Die Basis der Anlage bildet ein monumentaler, über fünf Meter hoher, rechteckiger Sockel, der an allen Seiten eine Scheinarchitektur mit kannelierten Eckpilastern kompositer Ordnung, ionischem Architrav und einem Fries aus akanthisierten Wellenranken aufweist. An seiner Schauseite, zur Straße hin, befand sich eine fünfzeilige Inschrift, die über den Erbauer und seine Familienverhältnisse Auskunft gab. Darüber wurde sowohl an der Vorder- als auch an der Rückseite eine an vier Ringen aufgehängte Blattgirlande aus dem Stein gemeißelt. Über dem Sockel befindet sich ein als prostyles Tempelchen gestalteter Aufbau korinthischer Ordnung. Zwischen den vier Säulen der Front wurden die Bildnisse der drei, in der Inschrift genannten Personen, aufgestellt: Lucius Poblicius, als Erbauer des Grabmals, seine Tochter Paulla und sein freigelassener Sklave Lucius Poblicius Modestus. Bei der Rekonstruktion 1974 wurde aus Gründen der Präsentation die am vollständigsten erhaltene Statue in der Mitte positioniert. Diese stellt allerdings nicht Lucius Poblicius, sondern dessen freigelassenen Sklaven Lucius Poblicius Modestus dar. Dieser betont mit seiner Kleidung, der Toga, sowie der in seiner Hand befindlichen Urkunde seinen Status als römischer Bürger. Das zu seiner rechten Seite stehende Scrinium, ein zylinderförmiger Behälter zum Aufbewahren von Schriftrollen, soll auf die Bildung des Toten hinweisen. Links neben Lucius Poblicius Modestus wurden die Reste einer weiblichen Gewandstatue aufgestellt, rechts von ihm die Reste der Staue des Grabmalerbauers Lucius Poblicius. Die weibliche Statue wird mal als die Ehefrau des Poblicius, mal als die Tochter des Poblicius gedeutet. Die an der rechten Schmalseite aufgestellte weibliche Figur wird mal als die Tochter, mal als freigelassene Sklavin gedeutet, offensichtlich gehört sie aber aufgrund ihrer republikanischen Toga, die sie als junges Mädchen ausweist, gar nicht zum Poblicius Grabmal, sondern zu dessen Nachbarbau. Wie bei den Statuen an der Schauseite ist auch bei dieser die Rückseite nicht bearbeitet worden.Greta Wolff: Das Römisch-Germanische Köln. 6., überarbeitete Auflage. J. P. Bachem Verlag, Köln 2005, ISBN 3-7616-1370-9, S. 24. Dies spricht dafür, dass alle Statuen zu römischer Zeit nicht frei aufgestellt waren, sondern in Nischen direkt an einer Wand gestanden haben. Dem Archäologen Henner von Hesberg zufolge war es Aufgabe der Ädikulaform, die dem Vorübergehenden zugewandten Verstorbenen „in Szene zu setzen“.Henner von Hesberg: Römische Grabbauten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992, ISBN 3-534-02446-X, S. 203. Löcher in einem der Wandpfeiler und an Säulentrommeln legen nahe, dass die Vorhalle der Ädikula mit Gittern geschlossen war.
Die Rückseite des Grabbaus wird durch eine rechteckige, cellaartige Apsis begrenzt, die den Eindruck eines kulissenartigen Tempelbaus erhöht. Der umlaufende Architrav zeigt einen Waffenfries und erinnert an den militärischen Beruf des Verstorbenen. Nach neueren Erkenntnissen handelt es sich allerdings um Gladiatorenwaffen, die darauf hinweisen könnten, dass der Grabmalerbauer Spieleveranstalter war. Den erhaltenen Spuren nach befanden sich zwei antithetisch konzipierte Tritonen als Eckakrotere über dem Gebälk.Jeanne-Nora Andrikopoulou-Strack: Grabbauten des 1. Jahrhunderts n. Chr. im Rheingebiet. Untersuchungen zu Chronologie und Typologie. Rheinland-Verlag, Köln 1986, ISBN 3-7927-0870-1, S. 124. Neben ihren Fischschwänzen haben die Tritonen je ein Steuerruder geschultert. Den Abschluss des Grabmals bildet ein pagodenförmiges Dach, dessen schuppenartige Oberfläche Dachziegel andeuten soll. Es läuft zu einem 0,75 Meter hohen korinthischen Pfeilerkapitell zusammen. Auf diesem steht als bekrönender Abschluss eine 1884 gefundene Gruppe mit Aeneas, dem Stammvater der Römer. Die Szene zeigt den Helden, wie er seinen alten Vater aus dem brennenden Troja trägt, den kleinen Sohn an der Hand. Dieser Grababschluss ist typisch für das Rheinland in der frühen Kaiserzeit. Das Grabbau des Poblicius kann er nicht bekrönt haben, da er erst 200 Jahre später entstanden ist. Diese Figurengruppe gehört zu einem anderen Grabmonument. Als Abschluss des Pobliciusdenkmals ist alternativ ein Pinienzapfen vorstellbar.Greta Wolff: Das Römisch-Germanische Köln. 6., überarbeitete Auflage. J. P. Bachem Verlag, Köln 2005, ISBN 3-7616-1370-9, S. 22.
mini|hochkant=0.6|Mänade mit einem durch ein Schwert halbierten Reh Das Motiv an der rechten Schmalseite des Sockels, von dem lediglich tanzende Füße und eine Tierpfote erhalten geblieben sind, könnte möglicherweise den Gott Dionysos mit einem Satyrn und einem Panther gezeigt haben. Auf der linken Seite wurde ein Motivblock in der Rekonstruktion eingebaut, der zunächst nicht in das symmetrische Konzept der Anlage zu passen scheint. Er befindet sich direkt unterhalb des hinteren Pilasterkapitells und zeigt eine Mänade, die in der linken Hand den hinteren Teil eines Rehes hält, das sie mittendurch geteilt hat. Die nicht mehr erhaltene rechte Hand führte einst das Schwert, mit dem sie das Tier getötet hat. Der über Eck behauene Reliefblock wurde bei der Rekonstruktion an dieser Stelle eingefügt, weil seine Rückseite ein flaches Pilaster mit dem Ansatz der von der Grabvorderseite her bekannten Blattgirlande zeigte. Auf dieser Seite des Sockels ist noch ein weiteres Relieffragment zu sehen, das einen Fuß zeigt. An den Flanken der darüberliegenden Cella befindet sich je ein Fries mit dem Hirtengott Pan, der seit dem Späthellenismus verstärkt in das Umfeld des Gottes Dionysos gesetzt wurde.Nathalie Marquardt: Pan in der hellenistischen und kaiserzeitlichen Plastik. Verlag Rudolf Habelt, Bonn 1995, ISBN 3-7749-2704-9, S. 370. Das Motiv der rechten Schmalseite der Ädikula zeigt Pan mit einem Pedum; einem oben gebogenen Fangholz. In der linken Hand trägt er einen erlegten Hasen. Über dieser Szene befindet sich eine Theatermaske, wie sie häufiger an Grabmälern zu finden ist. Auf der linken Seite der Ädikula wird der Gott Pan mit einer Hirtenflöte (Syrinx) dargestellt, statt der Maske fliegt hier Amor über die Szene. In beiden Darstellungen wendet sich der zur Frontseite des Grabmals schreitende Gott zu einem Lorbeerbaum um, an dem sich eine Schlange hinaufwindet.
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