mini|Regionale Verteilung der afghanischen Staatsbürger 2022 Unter Afghanistanstämmige oder Afghanischstämmige in Deutschland versteht man Menschen, die in Deutschland leben und ursprünglich aus Afghanistan kommen bzw. deren Nachkommen. Die afghanische Diaspora in Deutschland ist eine sehr heterogene Gruppe, da Afghanistan ein multiethnisches Land mit zahlreichen Volksgruppen ist. Afghanische Flüchtlinge kamen in verschiedenen Wellen nach Deutschland.
Einwanderung und Rechtsstatus Die Zahl der in Deutschland lebenden Personen mit afghanischem Migrationshintergrund betrug laut dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts im Jahr 2019 297.000, darunter 233.000 mit eigener Migrationserfahrung.Bevölkerung in Privathaushalten nach Migrationshintergrund im weiteren Sinn nach ausgewählten Geburtsstaaten, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 2. September 2021. Allerdings waren im Ausländerzentralregister im selben Jahr nur 263.420 afghanische Staatsbürger verzeichnet (2020: 271.805).Ausländische Bevölkerung nach ausgewählten Staatsangehörigkeiten, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 2. September 2021. Vgl. die graphische Aufbereitung unter dem Titel Anzahl der Ausländer aus Afghanistan in Deutschland bis 2020, Statista Research Department, 1. April 2021. Laut Ausländerzentralregister ergibt sich damit seit 2015 (131.454 afghanische Staatsangehörige) eine Zunahme von knapp 140.000 Menschen.
Hinsichtlich des Bevölkerungsanteils von Afghanistanstämmigen lagen unter den Landkreisen und kreisfreien Städten in der Bundesrepublik beim Zensus 2011 die Städte Offenbach am Main und Hamburg vorn, gefolgt von Darmstadt und Frankfurt am Main.Afghanen in Deutschland – Landkreise, Kartenseite, abgerufen am 9. September 2017. In Hamburg lebten am 31. Dezember 2017 35.805 Personen mit afghanischem MigrationshintergrundBevölkerung mit Migrationshintergrund in den Hamburger Stadtteilen Ende 2017, Seite 3, Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, abgerufen am 15. Mai 2020., die größte Anzahl in einer deutschen Großstadt. Außerdem bilden sie die größte Gemeinschaft von Afghanistanstämmigen in ganz Europa. Zeitweise gab es in Hamburg ein afghanisches Museum.
Von den im Laufe des Jahres 2015 zugezogenen Afghanen stellten rund 31.000 erstmals einen Antrag auf Asyl.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: , Seite 2. Von den afghanischen Antragstellern, über deren Asylantrag im Laufe des Jahres 2015 entschieden wurde, erhielten 47 % einen Schutzstatus, überwiegend aufgrund ihrer Flüchtlingseigenschaft. Die Anerkennungsquote als Asylberechtigte lag bei unter 1 Prozent.
Zum Jahreswechsel 2016/2017 befanden sich laut Innenministerium etwa 12.000 ausreisepflichtige Afghanen in Deutschland.Issio Ehrich: „Mustafa ist ein schwerer Fall für de Maizière“ ntv.de, 13. Dezember 2016.
Ein Jahr nach NATO-Abzug im August 2021 waren bis Ende Juli 2022 17.556 ehemalige Ortskräfte und Familienangehörige aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Insgesamt hat Deutschland 23.614 Ortskräften und Familienangehörigen die Aufnahme zugesichert. Dies war mehr als vergleichbare Länder. So nahm Großbritannien 10.100 Personen aus Afghanistan auf. Am 31. Dezember 2022 lebten 425.000 Afghanen bzw. Deutsche afghanischer Abstammung in Deutschland.„Bevölkerung in Privathaushalten 2022 nach Migrationshintergrund“ Statistisches Bundesamt, 20. April 2023.
Der Europäische Gerichtshof hat 2024 entschieden, dass afghanischen Frauen in der EU Asyl zusteht, da eine Gruppenverfolgungssituation vorliegt.
Integrationsstand Afghanen stellten nach Einschätzung des Journalisten David Schah in einem Bericht von 2004 in Deutschland eine der am besten integrierten Minderheiten dar und hätten oft geringe Bindungen an ihr Heimatland.David Schah: Integrationswunder aus Mittelasien, Deutsche Welle, 15. September 2004. Nach Aussage des Entwicklungshelfers Reinhard Erös vom Oktober 2015 hätten sie von allen Einwanderergruppen den geringsten Anteil an der Ausländerkriminalität. Diese Aussage bezog sich auf Afghanen, „die bereits seit etlichen Jahren oder Jahrzehnten in Deutschland lebten.“Reinhard Erös im Gespräch mit Dieter Kassel: Warum ausgerechnet die Afghanen nach Hause schicken?, Deutschlandfunk Kultur, 27. Oktober 2015 2022 waren nach Angaben des Bundeskriminalamts Menschen mit afghanischer Staatsangehörigkeit überproportional häufig in der polizeilichen Kriminalstatistik vertreten.
Im September 2017 waren 37.700 Afghanen in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt; 94.400 bezogen Regelleistungen der Grundsicherung (ALG II). Die Beschäftigungsquote der Afghanen beträgt damit 20,5 Prozent (zum Vergleich: Ausländer insgesamt 41 Prozent, Asylbewerber aus nichteuropäischen Herkunftsstaaten 17,8 Prozent), unter Einschluss der nur geringfügig Beschäftigten 25,1 Prozent., Arbeitsmarkt kompakt, November 2017, Hrsg. Bundesagentur für Arbeit
Nach dem Messerangriff in Mannheim am 31. Mai 2024, der von einem 25-jährigen Afghanen begangen wurde, der 2013 als 14-jähriger Flüchtling nach Deutschland kam, gab es eine intensive Diskussion über Abschiebungen nach Afghanistan, obwohl die Bundesregierung keinen Kontakt zur Taliban-Regierung hat. In einer Regierungserklärung im Bundestag erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz, dass die Regierung die Abschiebung von Schwerstkriminellen nach Afghanistan und Syrien wieder ermöglichen wolle. Nach dem Messeranschlag in Solingen wurden im August 28 Straftäter nach Afghanistan ausgeflogen.
Bekannte Afghanen und Afghanistanstämmige in Deutschland
Kabir Stori (1942–2006), paschtunischer Dichter S.M. Hosseini (1929–2023), Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät Universität Kabul, Atom- und Kernphysiker (Schwerpunkt Supraleiter CERN) Ghulam-D. Totakhyl (* 1944), Politiker Ahmad Morid (* 1956), Sänger Karim Popal (* 1957), Rechtsanwalt Abdul Ahad Momand (1959–2026), Kosmonaut Sultan Masood Dakik (* 1967), Unternehmer, Mitglied des afghanischen Königshauses, erster afghanischstämmiger Träger des Bundesverdienstkreuzes Walid Nakschbandi (* 1968), Journalist, Fernsehproduzent und Manager in der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck Sayed Ahmad Shah Sadaat (* 1971), Politiker Fereshta Ludin (* 1972), Lehrerin Nina Tenge (* 1974), Rap-Künstlerin und Schauspielerin aus Hamburg Mina Tander (* 1978), Schauspielerin Ahmad Milad Karimi (* 1979), Religionsphilosoph, Islamwissenschaftler, Übersetzer des Koran, Dichter und Verleger Sulaiman Masomi (* 1979), Poetry-Slammer und Schriftsteller Burhan Qurbani (* 1980), Filmregisseur und Drehbuchautor Simin Tander (* 1980), Jazzmusikerin Seeta Qasemie (* 1982), Sängerin und Komponistin Hamid Rahimi (* 1983), Boxer Graziella Schazad (* 1983), Singer-Songwriterin Djelaludin Sharityar (* 1983), Fußballspieler Zohre Esmaeli (* 1985), Model und Sozialunternehmerin Ali Hakim (* 1985), Filmregisseur und Drehbuchautor Valy Hedjasi (* 1986), Popmusiker Zallascht Sadat (* 1986), Model Khesrau Behroz (* 1987), Podcaster SadiQ (* 1988), Rapper SSIO (* 1989), Rapper Diba Hakimi (* 1990), Sängerin und Unternehmerin Fayaz Hamid (* 1990), Sänger Wana Limar (* 1990), MTV-Moderatorin und Modejournalistin Hassan Amin (* 1991), Fußballspieler Faisal Kawusi (* 1991), Komiker Rebecca Mir (* 1991), Model Shabnam Ruhin (* 1991), Fußballspielerin Kalim (* 1992), Rapper Shokran Parwani (* 1992), Profiboxer Mariam Ruhin (* 1993), Fußballspielerin ApoRed (* 1994), Rapper und YouTuber Nasrat Haqparast (* 1995), Kampfsportler Nadiem Amiri (* 1996), Fußballspieler Mena Ahmadi (* 1997), Fußballspielerin Manija Mir (* 1997), Fußballspielerin Dorranai Hassan (* 2000), Fußballspielerin
Einzelnachweise
Kategorie:Asiatische Diaspora in Deutschland Kategorie:Afghanisch-deutsche Beziehungen