mini|„Heart of Darkness“ in Youth: A Narrative, 1902. Herz der FinsternisAus einer Vielzahl von Ausgaben wurde eine verbreitete, die Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung aus der „SZ Bibliothek“, hier den Seitenangaben zugrunde gelegt und zitiert als: Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe. (Originaltitel: Heart of Darkness) ist eine erstmals 1899 im Blackwood’s Magazine in drei Teilausgaben abgedruckte Erzählung von Joseph Conrad, die im November 1902 auch in Buchform veröffentlicht wurde.Vgl. die Angaben in der von Owen Knowles und Allan H. Simmons hrsg. Ausgabe von Heart of Darkness, Cambridge University Press 2018, Introduction S. XXV sowie S. XXXII und A Note on the Text, S. xli f. Die Erstveröffentlichung erfolgte in drei monatlichen Teilausgaben von Februar bis April 1899 in der Annahme, dass eine einzige Gesamtausgabe in einem literarischen Magazin wie Blackwood’s für die Leserschaft nicht zumutbar sei. In nachfolgenden Buchveröffentlichungen wurde diese Dreiteilung im Druck bis in die Gegenwart beibehalten; erst in aktuelleren Editionen wie der CUP-Ausgabe wird der Text wie im ursprünglichen Manuskript im Druckbild zusammenhängend ohne Aufteilung wiedergegeben. Stapleton gibt in The Cambridge Guide to English Literature, CUP 1983 (S. 391) als Datum der Erstveröffentlichung 1902 an, meint damit aber die erste Buchausgabe der Erzählung. In dieser Erzählung berichtet der Seemann Charlie Marlow Freunden von seiner Reise in Zentralafrika als Kapitän eines Flussdampfers. Er wurde dort Augenzeuge einer beispiellosen Grausamkeit gegenüber den Einheimischen und zweifelte zunehmend an den Rechtfertigungen der Ausbeutung, aber seine einflussreichen, in die Ausbeutung von Kolonien verwickelten Londoner Freunde zeigen sich wenig beeindruckt von Marlows Erschütterung.
Conrads Erzählung ist ein Beitrag zur Diskussion über den englischen Kolonialismus und Rassismus am Ende der Herrschaft Queen Victorias. Die Erzählung, zu kurz für einen Roman„Herz der Finsternis, vielleicht der schönste Kurz-Roman in englischer Sprache, basiert auf seinen Erfahrungen als Kapitän eines Flussdampfers in Belgisch-Kongo im Jahre 1890.“ (“Heart of Darkness, perhaps the finest short novel in the language, is drawn from his experiences as a captain of a river steamer in the Belgian Congo in 1890.”) George Sampson: The Concise Cambridge History of English Literature, Cambridge University Press, Third Edition Reprinted 1975, S. 868. und zu lang für eine Novelle,In deutschen Ausgaben hat die Erzählung in der Regel um die 100 Druckseiten, die Novellen des Decameron haben in der Regel weniger als 10. (Vergleiche etwa Giovanni di Boccaccio: Das Dekamaron. Deutsch von Albert Wesselski. Erster Band, Insel Verlag: 1978 Frankfurt a. Main) gilt heute als eines der wichtigsten Prosawerke in englischer Sprache.2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler den Roman zu einem der bedeutendsten britischen Romane.
Übersicht mini|links|Die Roi des Belges ("König der Belgier"), der Flussdampfer, den Conrad als Kapitän 1889 geführt hat.Ein anonymer Erzähler schildert den Ablauf eines langen Spätnachmittags auf der in der Themse ankernden großen Segelyacht Nellie, auf der der Seemann MarlowGöske (siehe Literatur), S. 157: „Marlow tritt als Erzähler bereits in der 1898 (…) veröffentlichten Geschichte ’Youth’ (Jugend) und in den späteren Romanen Lord Jim (1900) und Chance (1913; Spiel des Zufalls) in Erscheinung.“ von einer früheren Reise nach Afrika erzählt. Dort sollte er als Kapitän einen kleinen Flussdampfer übernehmen, der als wichtigste Verbindung zwischen den Handelsstationen Menschen und Güter transportiert. Auf seiner ersten und einzigen Reise auf dem Oberlauf des großen StromsAufgrund der bekannten Reisen Conrads und seiner Aufzeichnungen ist davon auszugehen, dass der Kongo gemeint ist, den er 1889 bereist hat: „Der Hintergrund aller seiner Romane ist authentisch und kann auf die Geschichte seines Lebens zurückgeführt werden.“ („The backgrounds of all his novels are authentic and can be traced in the story of his life.“) Stapleton, siehe Literatur, S. 192. Ebenso in Sampson, siehe Literatur, S. 868. wird Marlow Zeuge einer extremen Brutalität gegenüber den Indigenen, von denen vor allem Kurtz, charismatischer Leiter einer entfernten Station am Oberlauf des Flusses, die Ablieferung unglaublicher Mengen an Elfenbein erzwingt. Marlow durchschaut nun die Maskerade einer vorgeblichen Zivilisierung und Missionierung, deren einziger Zweck in Wahrheit die Ausplünderung der eroberten Gebiete ist. Desillusioniert und schwer erkrankt kehrt Marlow nach Europa zurück.
In der Rahmenhandlung der Stunden auf der Segelyacht wendet sich Marlow immer wieder an seine hochrangigen Freunde, die typische Berufe in kolonialen Handelsorganisationen ausüben: Einer ist Direktor von Handelsgesellschaften, einer Rechtsanwalt, einer Bücherrevisor (Buchhalter) – Schlüsselfunktionen, denen Marlow auch in seiner neuen Anstellung bei einer der Kongo-Gesellschaften begegnet.Marlow wendet sich vierzehn Mal an seine Begleiter: Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe, S. 5 f., 9, 10, 11, 20, 44, 56, 80, 93 f., 97, 106 f., 120. Die historische Yacht Nellie gehörte beispielsweise George Frederick Hope, Hochkommissar (High Commissioner) von Zypern, der von 1889 bis 1898 als oberster Vertreter der britischen Krone auf der Insel amtierte, die seit 1878 unter britischer Verwaltung (formal weiterhin osmanisches Gebiet bis 1914) stand; als Hochkommissar war Hope der ranghöchste zivile Verwaltungsbeamte der Kolonie und zugleich Oberbefehlshaber der dort stationierten britischen Streitkräfte. Marlows Zuhörer repräsentieren somit die koloniale Bourgeoisie Englands – sie sind es, die über die Strategien der Kolonialverwaltungen entscheiden und die Marlow zu beeinflussen versucht. Seine „Freunde“ sind damit nicht nur die ersten, sondern die eigentlichen Adressaten seiner „Predigt“,An diesem Nachmittag saß er wieder „predigend“ in der „Haltung eines Buddhas“ neben seinen Freunden (Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe, S. 10, 12), ein Symbol der „Erleuchtung“ (Göske, siehe Literatur, S. 156 f.) – oder, in modernerer Formulierung, wie ein kritischer „organischer Intellektueller“ der kolonialen Hegemonie. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Marlow versucht, seinen Freunden „die Zivilisation“ nahezubringen. (Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe, S. 12.) auch wenn einzelne von ihnen gelegentlich Ablehnung äußern oder beim Zuhören sogar einschlafen.
Der anonyme Erzähler der Rahmenhandlung ist der einzige Zuhörer Marlows, der schließlich eine gewisse Beunruhigung erkennen lässt.Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe, S. 44. Er erwähnt, dass für Marlow „der Sinn einer Begebenheit nicht in dieser eingeschlossen (ist) wie der Nusskern, sondern draußen, rings um die Geschichte (liegt), die ihn lediglich sichtbar macht.“Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe, S. 8 f. Marlow reflektiert mehrfach über das Verhältnis von Oberfläche und wirklicher Bedeutung. (ebenda, S. 47, 59, 80.) Der Sinn von Marlows Erzählung ergibt sich aus dem Kontext, in dem sie vorgetragen wird, und an deren Ende sieht der anonyme Erzähler „die Welt mit anderen Augen“Göske (siehe Literatur), S. 166. – und ein Menetekel an der Wand.„Marlows tatsächliche Reise von London zum Kongo wird sowohl eine moralische Reise, in der er die Arbeitsweise des Kolonialismus offenbart, als auch eine psychologische Reise – für Marlow selbst, seine Zuhörer und seine Leser.“ („Marlow’s physical journey from London to the Congo becomes a moral journey in which he confronts the workings of colonialism and a psychological journey undertaken by Marlow, his audience and the reader.“) Hampson, siehe Literatur, S. 24.
Marlow, anfangs als Anhänger des Kolonialismus maskiert, spricht über die langfristige Destabilisierung des Kolonialismus, jene Strategien der Ausbeutung, die zur Gefahr für die Fortsetzung der Herrschaft der Kolonialverwaltungen werden könnten: Er wendet sich mit nationalistischer und imperialistischer Rhetorik an seine Zuhörer, was nicht Conrads Überzeugung, sondern seine Erzählstrategie ist, eine „Leserfalle“ für die von ihm angenommenen Leser, die „konservativen, weißen, männlichen Leser von Blackwood’s Magazine (…), um sie am Anfang durch einen falschen Ton des Gewohnten zu beruhigen“.„ (…) ein Beispiel für eine ´Leserfalle´.“ (… an „implied reader, the conservative, white, male reader of Blackwood’s Magazine. (…) in order to lull them into a false sense of security at the outset (… an) example of a ’reader trap’.“) Hampson, siehe Literatur, S. 29. Er wirbt mit seiner Erzählung für eine Mäßigung des Kolonialismus, weiß allerdings, dass er sich in der Zeit der größten Machtentfaltung des englischen Imperialismus in der Minderheit befindet.Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe, S. 5 f., 8, 19, 44, 56, 77 f. „Conrad zeigt sein Verständnis der Bedingungen seines Schreibens, indem er sie in der Beziehung Marlows zu seinen Zuhörern spiegelt. Marlows männliche Zuhörer gehören, wie die Leserschaft von Blackwoods Magazine, zur Klasse der Kolonialbeamten.“ (Conrad shows his understanding of the parameters within he was writing by mirroring them in Marlow’s relation with his audience. Marlow’s audience, like the readership of Blackwood’s Magazine, is made up of males of the colonial service class. In: Hampson, siehe Literatur, S. 33.) Watts besteht darauf, Conrads Position in der Umgebung einer damaligen Hype des viktorianischen Imperialismus als eine relativ progressive zu sehen. (Watts, Introduction, siehe Literatur, S. XII, XXII.) Indem Conrad Marlow dieses Wissen zuschreibt, war Conrad sich demnach seiner politischen Minderheitsposition sehr wohl bewusst. Ohne Beachtung dieses Rahmens von Marlows Erzählung kann ihre anti-koloniale Stoßrichtung nicht verstanden werden.Dagegen meint der Autor der Buchvorstellung (siehe Weblinks), die Marlow-Erzählung sei in eine weitgehend nebensächliche Rahmenhandlung eingebunden. mini|Karte des Britischen Weltreichs um um 1910. Das Vereinigte Königreich und seine Kolonien hatten ein Größenverhältnis von etwa 1:145, nach der Bevölkerungszahl ein Verhältnis von etwa 1:9. Kurtz, Leiter der wichtigsten Station im Elfenbeinland, ist mit seinem „hohen Platz unter den Landesteufeln“Conrad (Diogenes-SZ-Ausgabe), S. 78. zwar Marlows Gegenspieler in Afrika, aber er ist ein europäisches, damit auch ein englisches Produkt.„Der ursprüngliche Herr Kurtz war teils in England erzogen worden (…) Ganz Europa war am Zustandekommen des Herrn Kurtz beteiligt gewesen.“ (Conrad, Diogenes-SZ-Ausgabe, S. 80 f.) Wie viel von Kurtz’ Methoden stecken dann im englischen Kolonialismus? An bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten zählte auch England eine kurtzsche Barbarei unter seine Methoden, wie u. a. das Massaker von Amritsar später bewies. Marlow stellt daher seinen Zuhörern indirekt die Frage, wie dauerhaft das Empire gegen einen vom Dschungel auf die Bevölkerungen der Kolonien übergreifenden Widerstand durchhalten könnte.Vgl. exemplarisch die Darlegungen von Patrick Brantlinger: ‘Heart of Darkness’: “Anti-Imperialism, Racism, or Impressionism?”. In: Criticism, Vol. 27, No. 4, Wayne State University Press, Herbst 1985, S. 363–385, und Martine Hennard Dutheil de La Rochère: Body Politics: Conrad’s Anatomy of Empire in Heart of Darkness. In: Conradiana, Vol. 36, No. 3, Texas Tech University Press, Herbst 2004, S. 185–205. Siehe auch die Diskussion der Intentionen Conrads in Frances B. Singh: The Colonialistic Bias of “Heart of Darkness”. In: Conradiana, Vol. 10, No. 1, Texas Tech University Press 1978, S. 41–54.