mini|hochkant|Ernst Stiller Ernst Wilhelm August Stiller (* 10. September 1844 in Rostock; † 15. Januar 1907 in Lübeck; ermordet) war Kaufmann, stellvertretender Direktor einer Privatbank, Mitglied des Deutschen Reichstags und der Lübecker Bürgerschaft.

Leben Herkunft Ernst Stiller, ein Nachkomme Carl Christoph Stillers, wurde als Sohn eines geachteten Rostocker Kaufmanns geboren und war das älteste von mehreren Geschwistern.

Laufbahn Stiller besuchte die Große Stadtschule Rostock, wurde dem Kaufmannstand zugeführt und arbeitete bis 1865 in Rostock. Wie andere junge Kaufleute verbrachte er nach dem Ende seiner Ausbildung einen längeren Aufenthalt im Ausland. So war er in Le Havre (Frankreich) und London (England) tätig, um seinen Blick zu erweitern und fremde Verhältnisse kennen zu lernen. Von dort ging er nach Amoy an die chinesische Küste. Nach dem Ersten Opiumkrieg, der durch den Vertrag von Nanjing beendet wurde, entwickelte sich dieser zu einem für Großbritannien geöffneten Vertragshafen und wurde sein Hauptexporthafen für Tee.

Auf der Rückfahrt acht Jahre später nach Rostock kam er 1875 nach Lübeck. Als sich ihm hier die Möglichkeit bot, eine Getreidehandlung zu eröffnen, beschloss er, sich als Kaufmann niederzulassen und etablierte in der Beckergrube die Firma Ernst Stiller.

Als Direktor Wilhelm Spiegeler, der als leitender Direktor zusammen mit dem Mitdirektor Hermann Otte den verantwortlichen Vorstand der Commerz-BankDie Bank wurde 1856 als Credit- und Versicherungsbank gegründet und am 1. Juni 1859 in Commerz-Bank in Lübeck umbenannt. Aufgrund der Namensähnlichkeit mit der Commerzbank erhielt sie 1940 den Namen Handelsbank in Lübeck. Wenige Jahre bevor die Bank Teil der Deutschen Bank wurde, änderte sich ihr Name in Deutsche Bank Lübeck. bildete, am 10. Mai 1893 plötzlich starb, wurde dem bisherigen zweiten Direktor interimistisch die Leitung der Bank im Wesentlichen allein übertragen. Der Aufsichtsrat wählte Stiller ab 1. Januar 1894 für den zum Geschäftsjahresende aus dem Vorstand abtretenden Krafft TesdorpfNach dem Tode des Senatoren Mann am 13. Oktober 1891 wurde Konsul Fehling und der Weinhändler Tesdorpf zum Vormund einer fünf hinterlassenen Kinder bestellt. Thomas Mann war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. In seinem Roman Die Buddenbrooks, wofür er später den Nobelpreis erhalten sollte, begegnen wir dem Krafft Tesdorpf als Stephan Kistenmaker. Siehe Buddenbrooks - Klarnamenverzeichnis. als zweiten Direktor in den Vorstand der Bank.Local- und vermischte Notizen. In : Blätter, 35. Jg., Nummer 71, Ausgabe vom 3. September 1893, S. 416.Local- und vermischte Notizen. In Lübeckische Blätter, 36. Jahrgang, Nr. 1, Ausgabe vom 3. Januar 1894, S. 4. Das Handelsrecht, namentlich des Bankwesens, waren fortan seine stetige Lektüre.

Kaufmannschaft zu Lübeck Seit 1877 gehörte Stiller der Kaufmannschaft zu Lübeck an. Auf ihrer Versammlung am 23. Juni 1882 wählte sie an Stelle der ausscheidenden Mitglieder August Heinrich Peter Wohlert, Hermann Lange und Friedrich Heinrich Bertling Carl Alfred Brattström mit 43, Heinrich Gaedertz mit 52 und ihn mit 58 Stimmen in die ihren Vorstand bildende Handelskammer.Versammlung der Kaufmannschaft. In: Lübeckische Blätter, 24. Jg., Nummer 51, Ausgabe vom 25. Juni 1882, S. 301–302. In der Kammer wurde er an Stelle des dort ausscheidenden Georg Wilhelm Stange (Stange & Lüders) in den Ausschuss für Schifffahrtsangelegenheiten gewählt.Handelskammer. In: Lübeckische Blätter, 25. Jg., Nummer 51, Ausgabe vom 27. Juni 1883, S. 299–300. Turnusmäßig schied er zum Juli 1887 aus.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 29. Jg., Nummer 44, Ausgabe vom 1. Juni 1887, S. 236. 1890 wurde er wieder in die Handelskammer gewählt. An Stelle des ausgeschiedenen Bertling erwählte ihn die Kammer im Juni 1892 zu ihrem zweiten stellvertretenden Präses.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 34. Jg., Nummer 51, Ausgabe vom 26. Juni 1892, S. 304. Wegen einer „Überhäufung mit Berufsgeschäften“ legte er jedoch am 29. Mai 1894 sein Amt nieder. Georg Eduard Tegtmeyer wurde als sein Nachfolger gewählt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 36. Jg., Nummer 43, Ausgabe vom 30. Mai 1894, S. 300. In Hamburg fand am 14. November 1895 eine Besprechung zwischen Vertretern der hamburgischen, bremischen und lübeckischen Handelskammern über den Entwurf eines neuen Handelsgesetzbuches statt. Auf das Schreiben aus Hamburg vom 9. November hin entsandte die hiesige Handelskammer ihren Präses Lange sowie seinen Mitglieder Petit und Stiller zu der Besprechung.Auszug aus dem Protokoll der Versammlung der Handelskammer. In: Lübeckische Blätter, 37. Jg., Nummer 98, Ausgabe vom 11. Dezember 1895, S. 618–619. Für das am 26. Juni 1896 ordnungsgemäß aus der Handelskammer ausscheidende Mitglied wurden auf der Versammlung am 17. Juni Hans Carl Wilhelm Eschenburg, Eduard Friedrich Ewers und Rudolf Thiel vorgeschlagen.Auszug aus dem Protokoll der Versammlung der Handelskammer. In: Lübeckische Blätter, 38. Jg., Nummer 38, Ausgabe vom 28. Juni 1896, S. 284–285. August Pape stellte am 16. Juli 1897 auf der Versammlung der Kaufmannschaft den Antrag auf Einsetzung einer Kommission zur Vorberatung einer Umgestaltung der Kaufmanns- sowie der Geschäftsordnung ein. Sie sollte aus je sechs Mitgliedern der Handelskammer und der Kaufmannschaft bestehen. Der Antrag wurde angenommen und John Suckau, Emil Possehl, Heinrich Thiel, Pape, Stiller und Friedrich Wilhelm Mangels als Kaufmannschaftsmitglieder in die Kommission gewählt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 39. Jg., Nummer 29, Ausgabe vom 18. Juli 1897, S. 358.

Um die dortigen Hafeneinrichtungen in Bezug auf ihre Zweckmäßigkeit und Kosten für den Verkehr vor Ort in Augenschein zu nehmen, begaben sich der Vorsitzende der Senatskommission, Heinrich Mann, der Präses der Handelskammer, Hermann Lange, und Stiller als Vorsitzender des Vereins der Getreidehändler in die Hansestädte Hamburg und Bremen.Neue Hafenanlagen. In: Lübeckische Blätter, 32. Jg., Nummer 52, Ausgabe vom 20. April 1890, S. 199.

Am 7. November 1890 regte die Handelskammer bei anderen Handelsstädten die Berufung einer Delegierten-Konferenz der Seestädte an. Da die Berufung auf Schwierigkeiten stoßen werde, ordnete die Kammer ihre Mitglieder Fehling und Stiller nach Berlin ab. An maßgeblicher Stelle sollten sie die Nachteile, die aus den DifferentialzöllenDer Differentialzoll ist ein je nach dem Herkunftsland unterschiedlich hoher Zoll für Waren gleicher Art. für Lübecks Handel und Verkehr erwüchsen, darlegen. Am 11. November 1890 wurden sie und die Delegierten aus Danzig, Stettin und Königsberg dort vom Minister Karl Heinrich von Boetticher empfangen.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 32. Jg., Nummer 91, Ausgabe vom 12. November 1890, S. 590.

In der Versammlung des Landwirtschaftlichen Vereins in der Hansestadt regte Stiller 1889 die dortige Errichtung einer amtlichen Versuchsstation für Feldsämereien an.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 31. Jg., Nummer 100, Ausgabe vom 15. Dezember 1889, S. 586.

Die Handelskammer schlug für die neuen Bauten am Kai die Gründung einer gemeinsamen Kommission von Kaufmannschaft und Handelskammer vor. Sie sollte zu gleichen Teilen aus Mitgliedern der Kammer und der Kaufmannschaft besetzt sein. Auf der Versammlung der Kaufmannschaft am 23. Juni 1904 wurde der Vorschlag angenommen und unter anderen Mitgliedern Pape James Bertling jr., Carl Samuel Wilhelm Lüth, Konsul Suckau, Bankdirektor Stiller und Dimpker in die Kommission gewählt.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 46. Jg., Nummer 26, Ausgabe vom 26. Juni 1904, S. 395.

Stiller war Vorsitzender des Aufsichtsrates der Lübecker Konserven-Fabrik vorm. D. H. Carstens AG.

Als Ratgeber dieser Fabrik gehörte Stiller der Leitung der Koch’schen Schiffswerft an. Henry Koch, Gründer der Werft, setzte ihn und Peter Rehder als seine Testamentsvollstrecker und Vermögensverwalter ein.Heinz Haker: Die Testamentsvollstrecker Ernst Stiller (1844–1907) und Peter Rehder (1843–1920). In: Die "Schiffswert von Henry Koch AG". Ein Kapitel Lübecker Schiffsbau- und Industriegeschichte. Deutsches Schifffahrtsmuseum, Bremerhaven 1994, Ernst-Kabel-Verlag, ISBN 3-8225-0299-5, S. 36–37 Nach dessen Tode wurde Stiller in den Aufsichtsrat der einst von dem Verstorbenen gegründeten und 1902 von der Argo Reederei erworbenen Hanseatischen Dampfschifffahrtsgesellschaft an Stelle dessen gewählt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 31. Jg., Nummer 29, Ausgabe vom 10. April 1889, S. 168.

Öffentliches Leben In der Fremde hatte Stiller die Vorteile des Freihandels kennen und schätzen gelernt. Er hatte ein reges Interesse am kommunalpolitischen Leben der Stadt und niemand bekämpfte schärfer und unerbittlicher die Anhänger des Schutzzolls. Eine glänzende Rhetorik half ihm hierbei, seine Mitbürger zu fesseln. Im Juli 1880 wählte man ihn in den Vorstand des Lübecker Fortschrittlichen Vereins.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 22. Jg., Nummer 57, Ausgabe vom 18. Juli 1880, S. 336.

Im Jahr darauf wurde Stiller unter Anderen von Seiten der Deutschen Fortschrittspartei als Kandidat für die Bürgerschaftswahl aufgestellt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 23. Jg., Nummer 42, Ausgabe vom 25. Mai 1881, S. 288. Als am 28. Juni im II. Wahlbezirk (Marien-Magdalenen Quartier) gewählt wurde, hatten von 837 Wahlberechtigten 480 (57 %) gewählt. Er wurde mit 233 Stimmen davon in die Lübecker Bürgerschaft gewählt.Bürgerschaftswahl. In: Lübeckische Blätter, 23. Jg., Nummer 52, Ausgabe vom 29. Juni 1881, S. 300.

Der Senat wählte am 2. Dezember 1882 Joh. Christ. Reinboth (Couleur-Fabrik) und Stiller an Stelle der ausscheidenden Christ. Heinr. Wilh. Bohl (Gardereiter a. D.) und Reinboth als Bürgerliche Deputierte bei der Einquartierungs-Kommission der Stadt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 24. Jg., Nummer 98, Ausgabe vom 6. Dezember 1882, S. 586. Als Stiller 1888 ausschied, wurde Ad. Ernst Friedrich Böhl von Faber (Gutsbesitzer auf Neuhof) in das Amt gewählt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 30. Jg., Nummer 102, Ausgabe vom 19. Dezember 1888, S. 614.

Zur Beschaffung der Mittel für den Elbe-Trave-Kanal gehörte Stiller der 1892 eingesetzten Kommission an. Die Bürgerschaft beschloss 1893 eine Geheimkommission zur Beratung und Mitgenehmigung eines mit Preußen abzuschließenden Vertrages für die Herstellung eines Elbe-Trave-Kanals. Als eines von seinen 15 Mitgliedern war Stiller gewählt worden.Bürgerausschuss. In: Lübeckische Blätter, 35. Jg., Nummer 6, Ausgabe vom 18. Januar 1893, S. 34–35. Bei der Generalversammlung des Canal-Vereins am 23. Mai 1894 führte Stiller als erster Stellvertreter für den seinerzeit abwesenden Vorsitzenden Fehling den Vorsitz.General-Versammlung des Canal-Vereins. In: Lübeckische Blätter, 36. Jg., Nummer 42, Ausgabe vom 27. Mai 1894, S. 295–296.

Bei der Ergänzungswahl im I. Wahlbezirk (Jakobi Quartier und der Vorstadt St. Gertrud) am 16. Juni 1893 hatten von 919 Wahlberechtigten 617 (68 %) gewählt. Mit nur einer Stimme wurde Stiller nicht erwählt.Bürgerschaftswahl. In: Lübeckische Blätter, 35. Jg., Nummer 49, Ausgabe vom 18. Juni 1893, S. 286–287.